Freitag, 07.02.2020
Die Debatte um Verpackungen

Zum Mitnehmen

In Nachhaltigkeitsdebatten rückt vor allem die Verpackung von Lebensmitteln in den Mittelpunkt. Inwieweit beeinflusst der Zeitgeist Familienunternehmen, die Produkte für Endverbraucher herstellen? Was kann die Verpackung leisten? Wo stößt hier die Unternehmensstrategie an ihre Grenzen?
Verpackung, Nachhaltigkeit, Plastikfrei, Perry Soldan, Oliver Freidler, em-eukal, Alb Gold, Werner Mertz, Reinhard Schneider, Johannes Sill, Familienunternehmen, Familienunternehmen nachhaltig, Verpackungspreis, Upcycling

Dahinter steckt immer ein hungriger Kopf: Vor allem Verpackungen von Lebensmitteln werden immer nachhaltiger.

 

Foto: Gam1983 / iStock/ Getty Images Plus

Wir sind Weltmarktführer für Bonbons mit Fahnen“, sagt Perry Soldan humorvoll. Die markante Erscheinungsform ihres bekanntesten Produkts hat sich die SOLDAN Holding + Bonbonspezialitäten GmbH schützen lassen. Nicht als Patent, sondern als Marke. Früher hatte die Em-eukal-Fahne nämlich eine praktische Funktion als Verzehrhilfe für die Kumpels aus dem Untertagebau, erläutert Soldan, der das Familienunternehmen seit 2005 in vierter Generation als Geschäftsführender Gesellschafter leitet. „Die Bonbons wurden von den Knappschaftsärzten gegen Staublunge als Medikament verschrieben.“ Die Zielgruppe hatte standesgemäß immer dreckige Hände. Durch die Fahne wurde ein kohlefreier Verzehr des Bonbons möglich gemacht. Heute ist die Fahne aus Umweltgründen kleiner, weil sie nur noch als Wiedererkennungs- und Qualitätsmerkmal dient. Die Hände der Konsumenten sind eben sauberer geworden.

So viel Wiedererkennungswert durch die Verpackung wünscht sich so manches Unternehmen. „Wir waren bei unserer Verbraucheranalyse heilfroh, dass die potentiellen Kunden erkannten, um welches Produkt es sich handelt, als wir ein neues Verpackungsdesign entworfen haben“, berichtet Oliver Freidler. Er führt zusammen mit seiner Mutter Irmgard und seinem Bruder André die ALB-GOLD Teigwaren GmbH, die mit Sitz im schwäbischen Trochtelfingen mit einem Umsatz von 88 Millionen Euro und 420 Mitarbeitern einer der größten Nudelhersteller Deutschlands ist.

Grenzen der Kommunikation

Bei einigen Nudelsorten haben die Schwaben die Verpackung im vergangenen Jahr von Plastik auf Papier umgestellt. Komplett plastikfrei bedeutet, dass das Sichtfenster verschwinden musste. Die Gestaltung der Verpackung anzutasten sei eine heikle Sache und bedürfe viel Fingerspitzengefühl, sagt Freidler. „Die Verpackung ist der Kommunikationsweg zum Endverbraucher. Sie muss das Produkt bestmöglich in Szene setzen.“ Ein Glück für Familie Freidler also, dass die Verbraucher trotz neuem Auftritt weiterhin das Attribut „Premium-Nudeln“ erkannten.

Für Perry Soldans Bonbons ist die Verkaufssituation eine andere. „Unser Produkt ist ein Impulskauf. Heißt, ich habe Halsschmerzen, gehe in die Apotheke, den Drogerie- oder den Supermarkt und suche ein Produkt, das hilft.“ Die Verpackung als Kommunikationsmittel habe ihre Grenzen, sagt der Unternehmer. So hatte ein Produkt der Franken in der Rezeptur einen Zuckerersatzstoff. Die gesellschaftliche Kritik an dem Stoff brachte Soldan dazu, die Rezeptur zu ändern und vollends darauf zu verzichten. Ohne spürbaren Effekt für das Unternehmen, das rund 78 Millionen Umsatz erwirtschaftet und 220 Mitarbeiter beschäftigt: „Wir haben groß auf der Verpackung darauf hingewiesen. An den Verkaufszahlen hat sich aber nichts geändert.“

Verpackung, Nachhaltigkeit, Plastikfrei, Perry Soldan, Oliver Freidler, em-eukal, Alb Gold, Werner Mertz, Reinhard Schneider, Johannes Sill, Familienunternehmen, Familienunternehmen nachhaltig, Verpackungspreis, Upcycling

Einheitliche Transportverpackungen würden großes Sparpotential freisetzen, sagt Perry Soldan.

 

Foto: SOLDAN Holding

Die nachhaltige Verpackung von ALB-GOLD bekam indes positives Feedback, versichert Freidler und verweist auf leicht gestiegene Verkaufserlöse. Doch nicht bei jedem Produkt wolle der Nudelhersteller auf Papierverpackungen setzen. „Wir setzen Beiboote ins Wasser und schauen, ob sie schwimmen können.“ Soldan weist darauf hin, dass die Verpackung des Produkts im Markt natürlich eine Rolle spielt, aber bei weitem nicht der Ort für die größte Einsparung von Material sei. Über die ökologische Produktion oder den Transport würden sich nur wenige informieren. Doch das Thema Nachhaltigkeit und Verpackung fange ja nicht erst im Handel an.

 

Freidler gibt ihm Recht: „Beim Verkauf spielt die Qualität des Produkts für den Kunden die wichtigste Rolle. Dann folgt die Verpackung. Der Rest ist für Verbraucher eher irrelevant.“ Hinzu kommt, dass die Produkte von ALB-GOLD lediglich zu 60 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel landen. Die restlichen 40 Prozent der Abnehmer sind Großkunden wie Restaurants. „Deren Anforderungen an die Verpackung der Nudeln haben sich über die vergangenen Jahre ebenfalls geändert. Ein Karton, in dem unsere Produkte früher verpackt wurden, tut es für manche Großkunden nicht mehr.“ Inlays aus Plastik seien gefordert und die Wickelfolie um Kartonagen ebenfalls.

Die Freidlers arbeiten eng mit den Großkunden zusammen, predigen ihnen Nachhaltigkeit und verweisen auf das Selbstverständnis des Familienunternehmens. „Den Versuch, so wenig Verpackung wie möglich zu verwenden, sind wir nicht dem Endverbraucher im Supermarkt oder Marktentwicklungen schuldig, sondern unserer Herkunft als regionalverbundenes Agrarunternehmen.“ Die Nudelproduktion entwickelte sich in Trochtelfingen aus einem 1968 gegründeten Geflügelhof.

Dann ist da noch die Frage nach der Haltbarkeit. Perry Soldan erklärt, dass sein Unternehmen natürlich nach alternativen, nachhaltigen Verpackungen suche, diese jedoch aufgrund der lebensmittelrechtlichen Vorgaben aktuell an ihre Grenzen stoßen. „Ich würde die Verpackung sofort umstellen, aber der Papier-Kunststoff-Verbund garantiert, dass unser Produkt am längsten haltbar ist.“ So hätten die Hartkaramellen ein Mindesthaltbarkeitsdatum von drei Jahren, die Gummidrops von 18 Monaten. Über dieses Zeitfenster garantiere im Moment nur der Kunststoff- oder Papier-Kunststoff-Verbund, dass das Bonbon kein Wasser ziehe und eine gleichbleibend hohe Qualität gewährleistet sei.

Wenn Preisträger meckern

Verpackung, Nachhaltigkeit, Plastikfrei, Perry Soldan, Oliver Freidler, em-eukal, Alb Gold, Werner Mertz, Reinhard Schneider, Johannes Sill, Familienunternehmen, Familienunternehmen nachhaltig, Verpackungspreis, Upcycling

Eine weiße Papierverpackung symbolisiert keine Nachhaltigkeit, ist sich Oliver Freidler sicher.

 

Foto: ALB-GOLD

Dass Unternehmen in letzter Zeit an ihrer Verpackung und dem damit verbundenen Image feilen, ist kein Geheimnis. ALB-GOLD und das Unternehmen Werner & Mertz GmbH sind Preisträger des „Deutschen Verpackungspreises“ in der Kategorie Nachhaltigkeit. Reinhard Schneider, Geschäftsführender Gesellschafter der Werner & Mertz Gruppe, attackierte die deutschen Verhältnisse scharf. Er prangerte an, dass die von der Regierung beschlossene Recyclingquote bei weitem nicht erreicht werde. Bei der Plastik-Kreislaufwirtschaft sei man in Deutschland dabei, das Image zu verspielen wie bei der Automobilindustrie, warnte Schneider. Sein Unternehmen, zu dem Marken wie Erdal, Frosch und tana gehören, habe sich schon vor der Einführung des Gesetzes für die Aufbereitung von Altplastik aus dem Gelben Sack eingesetzt, heißt es in Schneiders Pressemitteilung weiter.

 

Wie weit soll ein Unternehmen gehen, um Kunden bei Nachhaltigkeit und Verpackung abzuholen? Freidler sagt, man dürfe durchaus nach außen tragen, wie man sich für die Umwelt einsetze. „Das darf sich aber nicht belehrend anhören. In das Leben und Denken der Kunden einzugreifen – auch wenn es natürlich gut gemeint ist – geht zu weit.“ Soldan hat den Eindruck, dass die Mehrheit der Kunden noch nicht so weit sei, wie es in den Debatten in Internetforen erscheine: „Ich würde mir wünschen, dass der Endkunde mehr in Nachhaltigkeit und Umwelt investiert, aber nur wenige sind im Moment leider wirklich bereit, beispielsweise fünf Cent mehr für ein Ei auszugeben.“

Apropos Internet, da zeigt ALB-GOLD seinen Kunden, was der Verbraucher mit der gebrauchten leeren Papierverpackung so alles anfangen kann. Upcycling, nennt sich das und übersetzt sich grob in Basteltipps mit der Verpackung: eine Lampe, ein Blumentopf, ein Weihnachtsstiefel – alles mit Hilfe der Verpackung gebastelt. Eine Anleitung zum Fahnebasteln vermisst man bis dato auf der Webseite. Vielleicht eignet sich die Nudelverpackung ja auch dafür. Die hat bei anderen Unternehmen so einige Wunder gewirkt.