Donnerstag, 10.01.2019
Raus aus der Nische, raus aus der Deckung

Vision 2038

Wie könnte die Landschaft der Hidden Champions in Deutschland in 20 Jahren aussehen? Beim INTES Unternehmer-Erfolgsforum wagten Experten und Familienunternehmer einen Blick in die Zukunft. Sicher ist: Familienunternehmen müssen aus der Deckung kommen.
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Globalisierung, Urbanisierung, Digitalisierung, Individualisierung – Was bedeuten die Zukunftstrends für Familienunternehmen und deren Visionen?

 

Foto: Natali_Mis/iStock/Getty Images Plus

Familienunternehmen in Deutschland sind stark. Ob sie das aufgrund technologischer, gesellschaftlicher und globaler Umwälzungen auch noch in Zukunft sein werden – mit dieser Frage beschäftigen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Expertise unter Federführung der INTES Akademie für Familienunternehmen. Zum 20-jährigen Bestehen hat die Beratung, die seit 2013 zu PwC gehört, das Projekt „Next 20 years“ ins Leben gerufen, das über Diskussionen mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft Wege finden soll, wie Familienunternehmen auch noch im Jahr 2038 existieren können.

Egal, wie man die großen Schlagworte Globalisierung, Urbanisierung, Digitalisierung und Individualisierung in ihrer Dramatik gewichtet – in weiten Teilen Deutschlands und Europas sowie in der Öffentlichkeit werden sie eher als Bedrohung wahrgenommen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einer von ihnen ist die Unberechenbarkeit der Zukunft, die vor allem Familienunternehmen betrifft, weil sie so langfristig planen. „Früher konnten sich Unternehmer auf ihre Kompetenz und Intuition verlassen“, sagt Martina Merz. Das habe die Beurteilung der Zukunft einfacher gemacht.

Kopfkarussell üben

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Martina Merz

 

Foto: Stephanie Trenz

Mit der Disruption verändert sich nun vieles gleichzeitig. Wie kann man sich neues Urteilsvermögen aneignen? „Das funktioniert nur mit einem Perspektivwechsel“, ist Martina Merz überzeugt, die viele Jahre operativ in Führungspositionen bei Bosch, Brose und Chassis Brakes International tätig war.

 

Heute ist sie Aufsichtsrätin u.a. bei Lufthansa, Volvo und SAF Holland und wurde kürzlich in den Aufsichtsrat von ThyssenKrupp berufen. Martina Merz ruft zu mehr Beteiligung auf. „Das muss nicht immer das verrückteste oder hippe Start-up sein. Firmen, Vereine, Organisationen – es geht darum, wirklich mal die andere Seite kennenzulernen.“ Nicht nur ansehen, lesen oder sich erzählen lassen, sondern selber machen. So könne man sich das Bauchgefühl zurückerobern.

 

Sich konsequenter in sein Gegenüber hineinzuversetzen, das praktiziert auch die Goldbeck Gruppe, ein Bauunternehmen und Gebäudedienstleister mit mehr als 6.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 2,8 Milliarden Euro. „Wir sprechen heute viel intensiver und kooperieren heute ganz anders mit unseren Kunden, Lieferanten und Partnerunternehmen. Daraus entstehen viele Impulse für unsere eigene Digitalisierung und somit auch für die Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells“, erklärt Jan-Hendrik Goldbeck, Geschäftsführender Gesellschafter.

Dabei springt das Familienunternehmen in zweiter Generation nicht auf jeden Trend auf. „Wir investieren nicht wild in beliebige Start-ups“, sagt er. „Warum sollten wir in einen Online-Handel für Oberbekleidung investieren? Das hat nichts mit uns zu tun.“ Stattdessen konzentriere sich die Goldbeck Gruppe auf ihre Kernkompetenzen und das Kerngeschäft. „Die Fokussierung macht uns stark“, zeigt sich Jan-Hendrik Goldbeck überzeugt.

Raus aus der Komfortzone

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Jan-Hendrik Goldbeck

 

Foto: Christian Protte

Klar ist aber auch: Familienunternehmen müssen sich für ihre Zukunftsfähigkeit nicht nur anderen Organisationsformen öffnen, sondern auch der Öffentlichkeit. Aus zweierlei Gründen: „Familienunternehmer müssen raus aus ihren kuscheligen ökologischen Nischen der Hidden Champions und sich viel mehr in die Wertediskussion in unserer Demokratie und Gesellschaft einbringen“, fordert Prof. Dr. Stephan A. Jansen, Professor für Management, Innovation und Finanzierung an der Karlshochschule sowie Gründer der Gesellschaft für Urbane Mobilität BICICLI. Er stellt klar, dass Europa im Jahr 2038 nur noch etwa 5 Prozent Anteil an der Weltbevölkerung haben wird. „Wir erleben ein autokratisch- kontrollierendes China-Modell und ein monopolisierend- utopisches USA-Modell der Digitalisierung“, sagt er. Europa werde sein eigenes Modell entwickeln müssen, „eine neue soziale digitale Marktwirtschaft“, so seine Überzeugung.

 

Hier müssten Familienunternehmer eine neue Rolle in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Bislang mischten sie sich – wenn überhaupt – über Verbände oder andere Lobby-Organisationen nur in die Steuerdebatte ein.Stephan A. Jansen nennt einen zweiten Grund, warum Familienunternehmen aggressiver in die Öffentlichkeit dringen sollten.

„Im Jahr 2038 werden über 60 Prozent der Menschen in Städten leben. Es wird neue Mobilitätsinfrastrukturen geben“, sagt er. Moderne Arbeitsformen wie Coworking Spaces allein werden das Problem von Familienunternehmen in der Provinz nicht lösen, dass diese immer weniger Talentmagneten sind. 

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Stephan A. Jansen

 

Foto: Karlshochschule

„Familienunternehmen müssen die Urbanisierung und den ländlichen Raum gestalten und sich stärker in die Entwicklung von neuen Mobilitätskonzepten einbringen. Hier sind sie noch gar nicht sichtbar. Warum überlassen sie das Feld der PPP den Kapitalgesellschaften und Start-ups?“, fragt er.

 

Eine aggressivere Öffnung wird aber auch in anderer Hinsicht gefordert: „Eine bunte Belegschaft sollte angestrebt werden, Gleichförmigkeit wird als Lösung zukünftig nicht bestehen“, konstatiert INTES- Geschäftsführer Dr. Dominik von Au. Allein sich auf Werte zu verlassen, mit denen Familienunternehmen bislang gut punkten konnten, wird nicht mehr reichen, um auch im Jahr 2038 für Mitarbeiter attraktiv zu sein.