Donnerstag, 10.01.2019
Der Unternehmer über die heutige Start-up-Welt

Theo Lieven: "Zum Weltmarkt ist es ein weiter Weg"

Theo Lieven ist Gründer, Investor, Business-Angel und Professor in St. Gallen. Wie sieht der PC-Handelsveteran und VOBIS-Gründer die heutige Start-up-Szene?
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Wachsen, wachsen, wachsen – junge Unternehmen wollen hoch hinaus und sofort angreifen. Der falsche Weg, sagt Unternehmer Theo Lieven.

 

Foto: shutterstock/Dooder

Herr Lieven, Sie haben 1975 gegründet und Ihre Firma VOBIS 1996 an die Kaufhof Holding verkauft. Finden Sie sich in der heutigen Gründerszene wieder?

Nur bedingt, die Zeiten haben sich geändert. Als ich jung war, in den Siebzigern, fing man klein an. Mein Gründungspartner Rainer Fraling und ich haben zunächst Taschenrechner an Studenten verkauft. Einige Jahre später begannen wir, Computer im Niedrigpreissektor anzubieten. In den neunziger Jahren stießen Eigenkapitalgeber, Business-Angels und VCs in den Markt. Da hat sich dann das Credo entwickelt: „Man muss im Großen denken.“ Diese Unart hat sich bis heute gehalten, so dass in allen Businessplänen als Allererstes die Größe des Weltmarkts steht. Vom dem wollen die jungen Unternehmen immer sehr schnell ein Stück haben.

Und der hat dann 30 Milliarden Potential …

(lacht) Genau, dann muss ich immer sowohl den Kopf schütteln als auch lachen. So fängt man doch nicht an. Ich hatte vor einiger Zeit einen Beteiligungsvorschlag von einem Unternehmen auf dem Tisch, das Zigarren aus Kuba mit Vanille parfümieren wollte. Der Gründer fing im ersten Gespräch an, vom Weltmarkt zu sprechen. Das ist nicht die richtige Vorgehensweise. Die ist: Man versucht etwas zu verkaufen, fängt mit einem Kunden an und steigert sich. So war das auch bei uns. Die Unternehmen, die ich kenne und die groß geworden sind, haben in ihrer Garage angefangen. Wir haben bei unserer Gründung 1975 nicht vom Weltmarkt geträumt. Zum Weltmarkt ist es ein weiter Weg.

Fehlt den Gründern heute das bodenständige Unternehmerdenken?

Die Absicht der Gründer ist immer noch unternehmerisch. Die Leute haben Ideen und wollen diese vermarkten. Klar, es gibt unterschiedliche Typen. Eine schlechte Idee mit einem guten Gründerteam ist besser als eine super Idee von weniger starken Gründern. Ich sehe ein anderes Problem: Den Leuten geht es zu gut. Wer heute einen Masterabschluss hat, der kann 30.000 bis 50.000 Euro im Jahr verdienen. Mit diesem Volumen haben sie über 30 Jahre lang ein Einkommen von insgesamt 1,5 Millionen Euro. Solche Leute gründen kein Unternehmen mehr. Bei mir war das anders. Ich war erfolgloser Mathematikstudent und hatte nichts zu verlieren. Wenn ich damals ein Diplom gehabt hätte, hätte ich schwer überlegt, ob ich den Gründerweg gegangen wäre.

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Stifter, Professor, Business-Angel, Investor, Gründer – Theo Lieven hat die Wirtschaft von vielen Seiten gesehen.

 

Foto: privat

Investoren gibt es heute wie Sand am Meer. Das klingt nach einer attraktiven Ausgangssituation für den Unternehmensstart.

Nicht unbedingt. Die Investoren heute sind am eigentlichen Zweck und den neu erfundenen Produkten des Unternehmens kaum noch interessiert. Die meisten schielen nur auf den lukrativen Tradesale oder den potentiellen Börsengang. Der Investor hat daher ein großes Interesse daran, dass eine tolle Story geschrieben, der Umsatz und der Unternehmenswert gepusht werden. Die Gründerszene ist Showbusiness geworden. Das ist nicht immer kongruent mit den Interessen der jungen Firma, und ob ihr das gut tut, das weiß kein Mensch. Das ist aus meiner Sicht ein Problem.


Sie sind auch als Investor unterwegs. Ist ein alleiniges Investment mit voller Mitsprache der Idealfall für Sie?

Leider nicht. Auch um Investments von nur 50.000 Euro muss man sich kümmern und zusehen, dass das Geld sinnvoll genutzt wird. Da braucht es hartes Controlling. Am besten geht das, wenn Sie nicht allein sind. Nur mal irgendwo ein bisschen Geld hinzulegen und zu hoffen, dass sich das durch die Gründer vermehrt, das klappt nicht mehr.

Sie haben 14 Jahre nach der Gründung die Kaufhof Holding AG mit 50 Prozent an Bord geholt. Warum?

Mir war damals klar, dass mittelständische Unternehmen bei einer halben Milliarde D-Mark Umsatz und 500 Mitarbeitern anfangen, Wachstumsschmerzen zu verspüren. Das war auch bei uns so. 1988 betrug unser Umsatz 270 Millionen D-Mark, 1989 bereits 500 Millionen D-Mark. Managementerfahrung aus großen Unternehmen war nötig. Kaufhof wurde zu jener Zeit von Jens Odewald als Vorstandsvorsitzendem geführt. Er wollte in den Technikbereich investieren. Es gab andere Interessenten, die aber alle mehr als 51 Prozent erwerben wollten. Das war nichts für uns.

Welche Prämissen musste Kaufhof erfüllen, um sich die Hälfte der Anteile zu sichern?

Eigentlich keine. Wir haben Synergien gesehen, insbesondere durch die Vertriebsmöglichkeiten. Zudem wollten wir nach 14 Jahren Firmengeschichte ein wenig Geld hinter die Brandmauer bringen. Die Finanzierung des Unternehmens und seines Wachstums zu sichern war ein weiterer Grund. Was wir als junge Inhaber nicht ahnten: Ab dem Einstieg spielte Geld keine Rolle mehr. Wir sind vom Cashpool des Konzerns verwaltet worden, Bankentermine hatten wir plötzlich nicht mehr. Das ist zwar aus Gründersicht schön, erzieht aber nicht zur Sparsamkeit.

Heute lehren Sie unter anderem als Professor an der Universität St. Gallen. Wie entwickelt man sich vom Gründer zum Professor?

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe wegen erwiesener Aussichtslosigkeit meines Mathematikstudiums die Firma gegründet. Irgendwann nach dem Dotcom-Ruhm und nach dem Platzen der Blase fragte ich mich, was ich mit dem Rest des Lebens anstellen sollte. Ich entschied mich für ein Studium in den Fächern BWL und VWL. Ich hatte ja nur die Praxis erlebt. Es bot sich dann die Gelegenheit, an der Universität St. Gallen zu promovieren und anschließend dort eine Professur am Institut für Customer Insight anzunehmen. Als Handelsveteran haben mich der Kunde und die sogenannte Kundenorientierung niemals wirklich losgelassen.

Sind Theorie und Wissenschaft nicht langweilig für einen Unternehmer und Macher?

Meine Frau meinte, wenn ich mich nur theoretisch mit Finanzierung und Ökonomie beschäftige, geht es uns finanziell viel besser. Jetzt unterrichte ich Dinge, die ich früher selbst gemacht habe. Dabei habe ich gelernt, dass sich Theorie und Praxis nicht immer vertragen. Entweder kann man das an der Uni Erlernte nicht umsetzen oder man findet die unternehmerische Erfahrung nicht in der Theorie wieder. Was ich auch feststellen musste: Es wäre hilfreich gewesen, hätten mein Mitgründer und ich uns schon damals mit Fragen der Organisation und Führung oder des Controllings beschäftigt. Wir waren totale Amateure.

Sie gründeten die Internationale Klavierstiftung Theo und Petra Lieven zu Hamburg. Was bedeutet Stiftungsarbeit für Sie?

Ich wollte eigentlich Konzertpianist werden. Aber auch dafür war ich zu schlecht. Das Geld aus dem ersten Anteilsverkauf steckte ich in die Klavierstiftung. Sie soll fortgeschrittene Pianisten unterstützen. Kein einfaches Investment, wie ich herausfinden musste. Ich weiß nicht, wer das damals gesagt hat – vielleicht Dr. Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank: „Mit Unternehmern können Sie sich wunderbar über Kunst, Kultur und Musik unterhalten. Künstler reden nur über Geld.“ Es ist schwierig, die Gelder fair zu verteilen und am Ende etwas Nachhaltiges schaffen.

Info

Theo Lieven – vom Gründer zum Professor

Nach dem Abbruch seines Mathematikstudiums an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gründete Theo Lieven mit seinem Kommilitonen Rainer Fraling 1975 die VERO GmbH, die später in VOBIS umbenannt wurde.

 

1989 beteiligte sich die Kaufhof Holding AG mit 50 Prozent an der Vobis GmbH, die drei Jahre später die Marke von einer Milliarde D-Mark Umsatz knackte. Im Rahmen der Verschmelzung der Kaufhof Holding, der Metro Cash& Carry der Deutschen SB-Kauf und der Asko Deutsche Kaufhaus verkauften Lieven und Fraling 1996 ihre restlichen Anteile an den Großkonzern. „Dass das zufällig der richtige Zeitpunkt war, um aus dem Hardwarevertrieb auszusteigen, war weniger unternehmerische Weitsicht, sondern eher Glück“, sagt Lieven rückblickend.

 

Seitdem ist Theo Lieven als Business-Angel, Stifter und Professor am Institut für Customer Insight in St. Gallen tätig. Er gründete die Internationale Klavierstiftung Theo und Petra Lieven zu Hamburg und engagierte sich zudem beim Aufbau der International Piano Academy Lake Como. Ferner setzt er sich als Geschäftsführer des NUK Neues Unternehmertum Rheinland e.V. für junge Unternehmen in seiner Heimat ein.