Montag, 26.02.2018
paragon-Chef Klaus Dieter Frers

Keine Angst vor Aktionären

Gründung, Börsengang, Insolvenz, Neustart: paragon-Chef Klaus Dieter Frers hat viel erlebt. Auf fremde Ressourcen war er immer angewiesen. Warum er dabei auf den Kapitalmarkt und nicht auf Banken oder Private Equity setzt.
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Viele Familienunternehmen sträuben sich vor dem Gang in Richtung Kapitalmarkt. Klaus Dieter Frers beweist, dass Fremdfinanzierung durchaus ohne Banken und Equity funktionieren kann.

 

Foto: gopixa/iStock/Thinkstock/Getty Images

Wer nach einem sentimentalen Firmengründer sucht, der sich an seine Firma klammert, ist bei Klaus Dieter Frers an der falschen Adresse. Frers hat in seinem Leben schon mehrfach abgegeben und losgelassen. Nicht immer freiwillig, aber dafür mit Lerneffekt: nie mehr abhängig sein von Banken oder einzelnen Investoren, dann lieber von anonymen Anteilseignern an der Börse. „Aktionäre nehmen ihre Beteiligung ernst“, sagt der Vorstandsvorsitzende der paragon AG, die 800 Mitarbeiter beschäftigt und 2017 einen Umsatz von 125 Millionen Euro erwirtschaftete. „In meinen ersten Jahren als Unternehmer hatte ich manchmal den Eindruck, für dumm verkauft zu werden.“

Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Jahr 1988 gründete der damals 35-jährige Maschinenbauingenieur Frers im ostwestfälischen Delbrück den Elektronikspezialisten paragon und belieferte die Automobilindustrie. Wochen-, monatelang war er unterwegs bei Kunden, während sich seine Frau zu Hause um die drei Söhne kümmerte. Die Firma wuchs schnell, im Jahr 2000 folgte der Börsengang. Dann schlitterte sie in eine Liquiditätskrise und ging 2009 in die Planinsolvenz. Die Restrukturierung führte Frers selbst durch, gab danach wieder Gas und fokussierte sich mit Paragon noch stärker auf die Bereiche Sensoren, Akustik, Cockpit, Elektromobilität und Karosserie-Kinematik.

Wachsen, wachsen, wachsen

Jüngster Meilenstein: Im Oktober 2017 brachte Frers 40 Prozent der Anteile der paragon-Tochter Voltabox an die Börse. Voltabox stellt Batteriesysteme für Industriefahrzeuge wie Gabelstapler, Bergbaufahrzeuge oder Elektrobusse her. „Unser größter Wachstumstreiber“, freut sich Frers. Voltabox macht bereits 20 Prozent des Gesamtumsatzes von paragon aus, Tendenz steigend. „Für 2018 erwarten wir für paragon einen Umsatzsprung um mehr als 40 Prozent.“ 

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Lässt sich von Rückschlägen nicht bremsen: paragon-Gründer Klaus Dieter Frers hegt immer noch Wachstumsphantasien.

 

Foto: paragon AG

Frers hat in seiner Unternehmerlaufbahn vor allem eines gelernt: Achtsam und vorsichtig ist er seit der Insolvenz bei der Auswahl seiner Finanzpartner geworden. Für seine Ideen, seine Nischenprodukte, „für das, was der Markt noch gar nicht kennt“, brauchte er immer Unterstützung von außen. „Da gibt es immer einen Finanzierungsbedarf, das ist das Schlimmste“, lacht er.

 

Für die Begebung einer Anleihe und für den Voltabox-IPO hat er sich umgehört im Markt. Bei Kunden, Lieferanten und „allgemein in der Region“. Nahe seinem Heimatstandort ist der Automobilzulieferer Hella zu Hause. „Der Börsengang von Hella hat mich schwer beeindruckt. Er war gut vorbereitet, alles lief nach Plan. Und die Transaktion war hochkomplex, weil Gesellschafter ausgestiegen sind.“ Das Bankhaus Lampe war ein Begleiter in diesem Prozess, es sollte auch Voltabox an die Börse führen. „In Zukunft werden wieder mehr Familienunternehmen den Kapitalmarkt anzapfen, um ihr Wachstum zu finanzieren“, glaubt Patrick Weiden, Bereichsleiter Kapitalmarktgeschäft des Bankhauses.

 

Frers ist aber nicht nur vorsichtiger geworden, sondern auch professioneller im öffentlichen Auftritt. „Der Kapitalmarkt zwingt zur Disziplin und zur Perfektion des Reportings und des Frühwarnsystems. Das hat unserem Unternehmen gutgetan“, sagt er zur Freude seiner Investoren. „Ich scheue die geforderte Transparenz nicht.“

 

Dass er nicht Alleininhaber und auch nicht Alleinentscheider ist – ihm gehören genau 50 Prozent der Aktien, der Rest befindet sich in Streubesitz –, scheint ihn nicht zu stören. „Ich muss mich noch mehr anstrengen, die Menschen zu überzeugen von dem, was ich für richtig halte“, sagt er verschmitzt. Die Voltabox-­Roadshow in Boston und New York fand er „grandios“, es hat ihm sichtlich Spaß gemacht. „Die hingen an meinen Lippen“, erinnert er sich gern: Einer, der die Bühne liebt, aber versichert, dass er sie nicht braucht. „Mein Selbstwertgefühl ziehe ich aus meinem innersten Kreis, meiner Familie und Freunden“, sagt er. Und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „Auch aus meinen Analysen über Zukunftstechnologien. Ich habe relativ oft richtig gelegen in der Entscheidung, wo genau wir forschen und entwickeln wollen.“

Haudegen bleibt Haudegen

Und dann ist es vorbei mit der geschliffenen, vernünftigen Kapitalmarktsprache. Frers poltert los. Viele Analysen und Biographien über Pioniere und Erfinder habe er gelesen, die ihm als Vorbild dienen. „Wir müssen mit unseren Produkten und Dienstleistungen eine Nische schaffen, von der die Leute heute noch nicht einmal träumen. Alternativlose Produkte, keine Me-too-Produkte.“ Oder: „Wir müssen unseren Erfolg immer in Frage stellen, dürfen nie zufrieden sein.“ Oder: „Wenn ich A sage, dann meine ich auch A. Das erwarte ich auch von meinen Leuten.“

 

Frers möchte kein Patriarch sein, wohl aber eine Gallionsfigur. Einer, der von seinen Mitarbeitern erwartet, dass sie angstfrei sagen, was sie denken. Aber auch einer, der zugibt, dass seine Frau sein stärkster Kritiker ist. „Sie erdet mich“, sagt Frers. Und ein Unternehmer, der aufs Ganze geht: „Wenn ich überzeugt bin von einer Idee, dann kriegen meine Leute alles, was sie an Platz, Geld und Leuten brauchen. Nicht nach links und rechts schauen, sondern einfach machen.“

 

Ein Vertrauter und Steuerberater ist der wichtigste Ratgeber bei der Gestaltung des Gesellschaftervertrages. Frers Ehefrau Brigitte ist seit vielen Jahren mit an Bord und seine persönliche Assistentin. Familienunternehmen und Börse? „Geht doch“, sagt er. Für ihn stehen Familienunternehmen und Börse in keinerlei Widerspruch. „Ich sehe mich als Tugendwächter und bin verantwortlich dafür, dass wir unsere Ziele in aller Einfachheit und in aller Radikalität erreichen. Auch mit anonymen Anteilseignern im Rücken fühle ich mich durch und durch als Macher.“