Donnerstag, 07.02.2019
Familie Hymer verkauft das Unternehmen komplett

Investorensuche auf Oberschwäbisch

Nach einem mehrmonatigen Anlauf hat die Familie des Firmengründers Erwin Hymer Europas größten Reisemobilhersteller komplett nach Amerika verkauft.
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Wo geht die Reise hin? Die Eigentümer haben den Reisemobilhersteller Hymer an den Konkurrenten Thor Industries verkauft.

 

Foto: cookelma/iStock/Thinkstock/Getty Images

Der 18. September 2018 markiert eine Zäsur in der rund sechzigjährigen Geschichte des oberschwäbischen Reisemobilbauers Erwin Hymer Group (EHG). Es ist der Tag, an dem das Familienunternehmen aus Bad Waldsee seine Wurzeln kappt. Der Tag, an dem die Familie Hymer loslässt und den Konzern in fremde Hände gibt – nach Elkhart im US-Bundesstaat Indiana, zu Thor Industries, dem nordamerikanischen Marktführer für Freizeitfahrzeuge.

Es ist der bislang größte Deal auf dem globalen Wohnmobil- und Caravanmarkt, und er kam für die meisten in seiner Radikalität dann doch überraschend. Dass sich in der Gesellschafterstruktur der EHG etwas tun würde, war spätestens im Frühjahr 2018 klar: Da nämlich ließen die Eigentümer von Europas größtem Wohnmobil- und Caravanhersteller, Gerda Hymer, die Witwe von Gründer Erwin Hymer, und ihre Kinder Carolin und Christian, wissen, einen bedeutenden Minderheitsanteil am Unternehmen veräußern zu wollen. Der Verkauf der Anteile sollte entweder an einen strategischen Investor oder über die Börse erfolgen. 

Eigenkapital für Wachstum

Begründet wurde das Vorhaben mit den Wachstumsambitionen des Unternehmens. Schon in den vergangenen Jahren steigerte die EHG Absatz und Umsatz jeweils deutlich zweistellig. Bis 2022, so die Prognosen, soll die Produktion allein für Europa noch einmal verdoppelt werden. Hinzu kommt das Geschäft in Übersee, das die EHG weiter vorantreiben will. In China etwa wird der Aufbau einer lokalen Produktion erwogen. Angesichts dieser Wachstumspläne brauchte es eine breitere Eigenkapitalbasis. Das konnte und wollte die Eigentümerfamilie Hymer wohl nicht stemmen. 

Auf dem „Caravan Salon“ Ende August in Düsseldorf, der Leitmesse der Branche, hieß es dann, die Familie könne sich auch den Verkauf einer Mehrheit der Anteile vorstellen. Wenige Tage später folgten die Einigung mit Thor und der Komplettverkauf.

Thor Industries, dessen Aktien an der New Yorker Börse gelistet sind, wurde 1980 von Wade Thompson und Peter Orthwein gegründet. Die beiden Unternehmer übernahmen damals Airstream, einen Hersteller, der auch in Deutschland für seine aus Alu gefertigten Wohnanhänger bekannt ist. In den folgenden Jahren wuchs das Unternehmen durch eine Reihe von Übernahmen zum größten Hersteller von Reisemobilen und Wohnanhängern in Nordamerika heran. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017/18 (31. Juli) verkaufte Thor 266.000 Freizeitfahrzeuge und setzte damit 8,3 Milliarden US-Dollar um (7,3 Milliarden Euro). Dagegen ist die EHG mit einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro und 62.000 verkauften Freizeitfahrzeugen deutlich kleiner.

„Die Familie hat in den vergangenen Monaten intensiv und mit großer Sorgfalt die verschiedenen Optionen geprüft und ist der Meinung, mit Thor den besten Käufer gefunden zu haben“, erklärte EHG-Chef Martin Brandt die Entscheidung der Gesellschafterfamilie. Zusammen entstehe ein „neuer globaler Champion für Freizeitfahrzeuge“.

Tatsächlich gibt es an der industriellen Logik des Deals nicht viel zu kritisieren. Sowohl beim regionalen Fokus als auch bei den Produkten finden sich kaum Überschneidungen zwischen beiden Unternehmen. Während die EHG vor allem in Europa aktiv ist und für sich einen Marktanteil von rund 30 Prozent reklamiert, konzentriert sich Thor ausschließlich auf den amerikanischen Markt. Diesen dominiert der Hersteller mit einem Marktanteil von knapp 50 Prozent deutlich. Unter dem Dach der Amerikaner soll die EHG künftig als europäisches Standbein relativ autark weiterarbeiten und den asiatischen Markt, insbesondere China, erschließen. 

Bad Waldsee bleibt als Unternehmenszentrale ebenso unangetastet wie die 24 Marken der EHG und ihr gemeinsamer Chef Martin Brandt. Sein Vertrag wurde erst im August für weitere drei Jahre verlängert.

Wie Brandt erklärte, kam Thor als möglicher Käufer „später in das Verfahren“. Dem Vernehmen nach waren zu Beginn vor allem Finanzinvestoren interessiert – Centerbridge wurde als Name genannt. Sowohl die Familie als auch das Management hätten bei Thor aber von Beginn an ein „sehr gutes Gefühl“ gehabt. „Bei Thor herrscht der gleiche Geist, die gleiche Bodenständigkeit und das gleiche langfristige Denken wie bei der Erwin Hymer Group“, erläuterte Brandt. Beide Partner kannten sich über gemeinsame Messeauftritte schon länger. Auf dem Radar des Thor-Managements ist die EHG aber erst mit der Übernahme des kanadischen Kastenwagenbauers Roadtrek im Jahr 2016 aufgetaucht.

Operative Freiheiten vom Investor

Zum positiven Gesamteindruck beigetragen haben dürfte, dass Thor nicht wie ein hierarchisch geführter Großkonzern agiert – was er den Geschäftszahlen nach zweifellos ist –, sondern wie eine Holding, die den einzelnen Marken große unternehmerische Freiheiten lässt. Das und die Zusicherung der Amerikaner, den Wachstumskurs der EHG mitzutragen, habe letztendlich den Ausschlag gegeben. Möglichen Spekulationen um Entlassungen, Stellenabbau oder Standortschließungen erteilte EHG-Chef Brandt eine Absage: „Das wird es nicht geben.“

Dass die Eigentümerfamilie das Familienunternehmen nun doch komplett verkauft hat, begründete Aufsichtsratschef Johannes Stegmaier auch mit den Wünschen des Käufers: „Thor wollte, wie auch bei früheren Zukäufen, die EHG komplett übernehmen.“ Als Grund hätten die Amerikaner die unterschiedlichen Abstimmungsprozesse und Publizitätspflichten ins Feld geführt, die bei börsennotierten Unternehmen im Vergleich zu privat geführten Unternehmen wie der EHG wesentlich strenger seien. „Für die Familie war das eine schwierige Entscheidung, die am Ende aber einstimmig getroffen wurde“, erklärte Stegmaier.

Mit eine Rolle gespielt haben dürften auch die Erwerbsbiografien der Gründer-Kinder. Laut Stegmaier wollten weder Caroline noch Christian perspektivisch ins operative Geschäft der EHG einsteigen, das Unternehmen aber in verantwortungsvollen Händen wissen. Während Caroline, die Eventmanagement studierte, eine eigene Agentur aufgebaut hat, engagiert sich Christian als Start-up-Investor. Der 2013 verstorbene Firmengründer Erwin Hymer hatte es seinen Kindern stets freigestellt, im Unternehmen Verantwortung zu übernehmen. 

Familie bleibt beteiligt

Den Großteil des Kaufpreises von 2,1 Milliarden Euro – knapp 1,9 Milliarden Euro – erhält die Familie Hymer in bar. Darüber hinaus bekommen Gerda, Carolin und Christian noch 2,3 Millionen Aktien von Thor Industries, die, basierend auf einem Kurs von aktuell rund 75 US-Dollar, einen Wert von 172 Millionen US-Dollar (150 Millionen Euro) haben. Damit ist die Familie Hymer künftig mit rund vier Prozent an Thor Industries beteiligt und bleibt so auch „weiterhin in der Branche engagiert“, wie Aufsichtsratschef Stegmaier sagte. Darüber hinaus wird sie auch weiterhin mit einem Sitz im Aufsichtsrat der EHG vertreten sein. Während Gerda Hymer zuletzt 6,7 Prozent der EHG-Anteile hielt, teilten sich Carolin und Christian zu jeweils gleichen Teilen den Rest.

Bei der Belegschaft an den deutschen Standorten der Erwin Hymer Group löste die Entscheidung ein geteiltes Echo aus. Der vollständige Rückzug der Gesellschafterfamilie aus dem Unternehmen stieß bei vielen auf Unverständnis. Dass mit Thor ein strategischer Investor den Zuschlag erhielt, der kulturell ähnlich tickt wie die Oberschwaben, und nicht einer der Finanzinvestoren, die ebenfalls um die EHG gebuhlt hatten, sorgte dagegen für Erleichterung. 

Info

Die Erwin Hymer Group

Die Gründung des Unternehmens datiert auf das Jahr 1957. Damals stieg Erwin Hymer gemeinsam mit dem Konstrukteur Erich Bachem in die Freizeitfahrzeug-Branche ein. Noch im gleichen Jahr entstand der Wohnwagen Troll, mit dem der Grundstein für die Erfolgsgeschichte der Firma gelegt wurde.

 

Im Jahr 1990 verkaufte Gründer Erwin Hymer gut ein Fünftel des Unternehmens über die Börse. Der Ausflug aufs Parkett dauerte gut 20 Jahre: 2011, kurz nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Reisemobilbranche hart traf, kaufte die Familie den Großteil der Aktien zurück. 2013, dem Todesjahr des Firmengründers, wurden die verbliebenen Kleinaktionäre per Zwangsabfindung aus dem Unternehmen gedrängt und die Notierung gelöscht.

 

Heute ist die Erwin Hymer Group (EHG) Europas größter Reisemobil- und Caravanhersteller. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017/18 kletterten die Erlöse des Unternehmens aus dem oberschwäbischen Bad Waldsee, das weltweit rund 7.300 Mitarbeiter beschäftigt, um 19 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro. 62.000 Wohnmobile und Caravans hat die EHG von September 2017 bis August 2018 verkauft – ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gewinnzahlen nennt die EHG traditionell zwar nicht, doch sei man mit dem Ergebnis „sehr zufrieden“, heißt es aus der Unternehmenszentrale.

 

Mit ihren insgesamt 24 Marken deckt die EHG alle Segmente des Caravaning- und Reisemobilmarktes ab – angefangen bei den Marken Sunlight und Carado im Einstiegsbereich über Bürstner und Dethleffs in der Mittelklasse bis hin zu Hymer sowie Niesmann und Bischoff im Premium- und Luxusklassesegment. Hinzu kommen Dienstleistungen rund um die Vermietung von Wohnmobilen und -anhängern (Rent Easy und McRent) sowie Freizeitzubehör (Movera). Die beiden umsatzstärksten Marken im Konzern sind Hymer und Dethleffs.