Dienstag, 03.03.2020
Die Familie hinter der Pilz GmbH & Co. KG

Innere Freiheit

Durch den frühen Unfalltod des Firmenlenkers Peter Pilz rückten seine Ehefrau Renate Pilz und die beiden Kinder Susanne Kunschert und Thomas Pilz eng zusammen – als Familie und in der Führung des gleichnamigen schwäbischen Spezialisten für Automatisierung mit 2.500 Mitarbeitern. Susanne Kunschert spricht über ihre persönlichen Quellen, aus denen sie Kraft und Geduld schöpft.
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Bis 2017 gemeinsam an der Spitze der Pilz GmbH & Co. KG (v.l.): Susanne Kunschert, ihre Mutter Renate Pilz und ihr Bruder Thomas Pilz.

 

Foto: Pilz GmbH & Co. KG

Susanne Kunschert leitet eine Kinderkirchengruppe. Und einen Gebetskreis. Und ein Unternehmen, das zuletzt einen Jahresumsatz von 345 Millionen Euro erwirtschaftet hat: Die 49-Jährige ist Geschäftsführende Gesellschafterin der Pilz GmbH & Co. KG, zusammen mit ihrem Bruder Thomas Pilz. Weil er der Erstgeborene ist, sagt sie, hätte sie ihm auch eine Anteilsmehrheit überlassen. Damit auch noch eine Entscheidung fallen kann, wenn man sich einmal nicht einig werden sollte. Doch als die Details für so eine Lösung ausgearbeitet wurden, zeigte sich immer deutlicher: Ein 49-Prozent-Eigentümer würde seinen 51-Prozent-Kompagnon ebenfalls nahezu komplett lähmen können. Also haben sie dann doch ganz gerecht halbe-halbe gemacht. 

Ihre Vorgängerin und Mutter Renate Pilz hat sich Ende 2017 mit 77 Jahren aus der Geschäftsführung zurückgezogen und an die dritte Generation das übergeben, was ihr Schwiegervater Hermann Pilz 1948 in Esslingen gegründet hat – damals als Glasbläserei. Im schwäbischen Ostfildern stehen trotzdem noch drei Schreibtische im Chefzimmer der Pilz GmbH & Co. KG: zwei für die beiden Geschwister, ein weiterer für Renate Pilz.

"Christin zu sein ist auch sehr anstregend, weil man an sich arbeitet muss."

Die Firmenchronik notiert: „Anfangs konzentrierte man sich überwiegend auf die Fertigung von Glasapparaten für die Medizintechnik und auf Quecksilberschaltgeräte für industrielle Anwendungen.“ Was das Unternehmen heute macht, erklärt Susanne Kunschert Kindern am liebsten mit einem Beispiel aus dem Vergnügungspark: Wenn dort an der Achterbahn etwas kaputtgeht, muss sie sofort anhalten. Aber trotzdem bleiben zum Beispiel die Bügel geschlossen, damit die Menschen nicht aus den Gondeln fallen. Denn Pilz stellt Produkte her, die dafür sorgen, dass all das im Notfall automatisch, besser automatisiert, klappt: bei Fahrgeschäften auf dem Rummelplatz, bei Seilbahnen, Flughafen-Gepäckbändern, Theaterkulissen oder Windrädern – und vor allem auch in automatisierten Fertigungsstraßen in der Industrie.

Für den Wandel vom Glas zur Elektronik sorgte vor allem der Gründer-Sohn Peter Pilz: Noch als Elektrotechnik-Student übernahm er Ende der sechziger Jahre die Firma, die zum Marktführer für Schaltgeräte und Steuersysteme wurde. Immer mehr Mitarbeiter kamen dazu, in Österreich, Frankreich und in der Schweiz entstanden Tochtergesellschaften. Doch am 1. September 1975 stieg der Chef des aufstrebenden Unternehmens in Stuttgart in eine Chartermaschine der DDR-Linie Interflug, die ihn zur Leipziger Herbstmesse bringen sollte. Im Landeanflug stürzte die Tupolew ab; Peter Pilz war einer von 27 Insassen, die ums Leben kamen. Seine damals 35-jährige Frau war urplötzlich alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder – und Firmenbesitzerin. 

Beirat als Übergangslösung

Vorbereitet hatte sie darauf niemand, schließlich war sie auf eine klassische Rollenverteilung hin erzogen worden, weshalb ihr viele zum Verkauf des Unternehmens rieten. Sie entschied sich anders: Zunächst blieb sie zwar vor allem Hausfrau und Mutter, wofür ihr ihre Tochter bis heute dankbar ist, wie Susanne Kunschert sagt: „Sie hat uns mit viel Zeit und mit viel Liebe und mit Werten erzogen.“ Doch zugleich behielt Renate Pilz das Unternehmen, ließ es von angestellten Geschäftsführern leiten und etablierte selbst einen Beirat, über den sie die Geschicke der Firma mitdirigierte, bis das Gremium 1994 überflüssig wurde. Denn da übernahm die Witwe des Gründersohns die alleinige Führung – eine Aufgabe, auf die sie sich in den Jahren zuvor gut vorbereitet hatte.

Mit ihr an der Spitze entwickelte sich die Pilz GmbH & Co. KG zu dem, was sie heute ist: einem Unternehmen, das sich immer weiter internationalisiert und auf Wachstumskurs ist, das weltweit mehr als 40 Tochtergesellschaften hat und gut 2.500 Menschen beschäftigt, das sich seiner Innovationskraft rühmt und jährlich 20 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung steckt. Dass Renate Pilz so ein Lebenswerk wirklich aus den Händen geben könnte, war vor dem offiziellen Übergabetermin durchaus bezweifelt worden. Ihre Tochter aber sagt: Die Mutter habe zwar noch einen Schreibtisch im Chefzimmer, beschränke sich aber darauf, Ratgeberin für ihre Nachfolger zu sein, bisweilen repräsentative Termine zu übernehmen – und ihre Enkel zu umsorgen.

Dass ihr das Loslassen gelingen werde, hatte Renate Pilz in einem Interview mit einem schlichten Satz begründet, der auf die spanische Mystikerin, Kirchenlehrerin und Ordensfrau Teresa von Avila zurückgeht: „Solo Dios basta“ – Gott allein genügt. Die mit dem christlichen Glauben verbundenen ethischen Werte sind auch weiterhin wichtig bei Pilz: Neben Kinderkirchengruppe und Gebetskreis hat Susanne Kunschert etwa ihre Definition von Erfolg mit einem Afrika-Missionar aus dem Orden der Weißen Väter entwickelt, weil ihr nicht genügte, was Wirtschaftswissenschaftlern dazu einfällt: „Mehr Umsatz, das ist nur Wachstum im materiellen Sinn. Fortschritt ist es, wenn auch ethische Werte gelebt werden.“

Sie wird noch nachdrücklicher: Persönlicher Erfolg sei für sie, wenn Gott an erster Stelle stehe. Letzteres allerdings postuliert Kunschert nur für sich persönlich. Genauso wenig preist sie ihren Glauben als spirituelle Wellness-Oase an, im Gegenteil. Die Firmenchefin sagt: „Christin sein ist auch sehr anstrengend, weil man an sich arbeiten muss.“ Doch zugleich schenke die Religiosität etwas, was sie als „innere Freiheit und Wegweisung“ umschreibt. Damit allerdings bringt die 49-Jährige eine Grundhaltung in Verbindung, die kaum mit gängiger unternehmerischer Mentalität in Einklang zu bringen ist: „nicht dem Geld nachjagen.“

So ein Satz passt zu einer Unternehmertochter, die in der Abi-Zeitung als Berufsziel einst „Lebenskünstlerin“ angab – und die meint: Für das, was sie heute mache, habe sie auch im Kunst-LK am Gymnasium viel gelernt. Oder während der Bildungsbusreisen, die an historische Stätten, etwa in der Türkei und Griechenland, führten; beim Zelten mit der Familie und Freunden. Oder während eines Aufenthalts in einer Missionsstation der Weißen Väter in Afrika: „Dort konnte man wahrnehmen, was Demut heißt.“ Doch auch ganz klassisch hat sie sich auf die Rolle als Unternehmerin vorbereitet: mit einem BWL-Studium in Regensburg und praktischen Erfahrungen in anderen Firmen. Von 1998 bis 2000 etwa arbeitete Kunschert für Ernst & Young in Stuttgart.

Nun widmet sie sich der Automatisierungstechnik. Deren ­Zukunft, sagt die 49-Jährige, wird vom Trend zur Miniaturisierung produktseitig und zur Digitalisierung im Allgemeinen geprägt und natürlich von Künstlicher Intelligenz, zu der ihr gleich drei Adjektive einfallen: „spannend, faszinierend, gruselig.“ Ob irgendwann die nächste Generation Pilz in diese Zukunft führt, ist noch offen. Die Kinder sind für so eine Entscheidung noch zu jung. „Kinder sollen eine eigene Erfüllung finden“, sagt Kunschert. „Was ich weitergeben will, sind Werte, der Wert der Verantwortung vorne an.“

Sie selbst, versichert sie strahlend, macht genau das, was sie will: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gern zur Arbeit gehe.“ Das Zusammenspiel mit ihrem Bruder sei fruchtbar: Beide haben sich die Zuständigkeiten aufgeteilt, sind mit den Aufgabengebieten des anderen aber so weit vertraut, dass sie füreinander einspringen können: „Jeder kann ohne Bedenken Urlaub machen.“ Thomas Pilz (52) verantwortet Bereiche wie IT, Einkauf, Forschung und Entwicklung sowie Produktion, seine Schwester ist zum Beispiel für Finanzen/Controlling, Produktmanagement, Marketing, Vertrieb und Personal zuständig. Am Umgang mit den Beschäftigten kann Kunschert auch gut den scheinbar so mysteriösen Zusammenhang zwischen christlicher Gelassenheit und unternehmerischem Erfolg erläutern. Ihre innere Freiheit erlaube es ihr zum Beispiel, ihren Mitarbeitern zu vertrauen – was gerade nicht ins Tohuwabohu führe, sondern die Leute beflügele, kreativ werden lasse. „So entsteht Neues.“