Freitag, 07.06.2019
Made in Germany – Made by Vielfalt

Flagge zeigen

Familienunternehmer positionieren sich in der Öffentlichkeit zu politischen Themen wenig bis gar nicht. Der Rechtsruck in Deutschland und Europa hat Vorwerk-Gesellschafter und Mitglied des Beirats Timm Mittelsten Scheid motiviert, das zu ändern. Die Anzeigenkampagne „Made in Germany – Made by Vielfalt“ war nur der Anfang.
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Zunächst zögerlich, dann couragiert: 50 Familienunternehmen schlossen sich der Kampagne "Made in Germany – Made by Vielfalt" an.

 

Foto: Vorwerk

Herr Dr. Mittelsten Scheid, die Kampagne von 50 Familienunternehmen für mehr Toleranz in Deutschland und gegen Fremdenfeindlichkeit hat hohe Wellen geschlagen. Das Timing vor den Europawahlen schien perfekt.

Jetzt, im Nachhinein betrachtet, könnte man annehmen, das sei so geplant gewesen. Das war es aber nicht. Eigentlich hatte ich den Herbst 2018 als Startzeitpunkt für die Initiative im Blick, aber da habe ich mich komplett verkalkuliert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass dieses Projekt sich so in die Länge ziehen würde, ich bin da eher blauäugig rangegangen.

Wie kam es zu dieser Initiative?

Alles begann damit, dass ich mich im vergangenen Jahr sehr über die Nachrichten und eine folgende Talkshow mit Politikern geärgert habe. Politiker quer durch die Parteienlandschaft nehmen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt gegen Ausländer stillschweigend hin. Genauso unerträglich finde ich, dass einige Politiker – und ich spreche jetzt nicht von den Rechtspopulisten – Ängste unter der Bevölkerung vor Migranten schüren. Und wer erfolgreich Angst schürt, kann der Bevölkerung auch die widersinnigsten politischen Maßnahmen verkaufen. Ich dachte: Jetzt muss ich etwas tun.

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Möchte nicht länger schweigen: Dr. Timm

Mittelsten Scheid.

 

Foto: Vorwerk

Was haben Sie zuerst gemacht?

Ich habe zunächst bei uns im eigenen Unternehmen unsere Gesellschafter gefragt, was sie von der Idee halten, gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit in der Öffentlichkeit Flagge zu zeigen. Sie fanden die Idee gut, wollten aber nicht allein loslaufen, sondern Gleichgesinnte hierfür gewinnen. Einige kannte ich aus meinem Netzwerk, aber ich wusste, das würde nicht reichen. Also arbeitete ich mich an diversen Listen der größten Familienunternehmen ab. Ich habe mich durchtelefoniert, Briefe und Mails geschrieben. Ich habe eine Vielzahl positiver Rückmeldungen erhalten, allerdings wollte kaum jemand allein vorpreschen, sondern erst einmal abwarten, wer alles „mitmacht“. Viele Familienunternehmen leben Vielfalt, weil sie Menschen aus vielen verschiedenen Nationen in erster oder zweiter Generation beschäftigen. Daher geht auch sie die aktuelle politische Diskussion etwas an.

Sie haben auch Absagen erhalten. Was waren die Gründe? Viele Gründe kann ich als Gesellschafter eines großen Familienunternehmens nachvollziehen. Man geht nicht gern in die Öffentlichkeit, will sich keinen Neiddebatten aussetzen, möchte sich nicht in den Vordergrund spielen. Einige sagten, dass sie sich lokal bereits für Vielfalt und die Arbeit mit Flüchtlingen einsetzen. Und die eine oder andere Stimme sagte auch, sie bewege sich in einer Branche, die ein politisches Statement schwierig macht. Die meisten, die nicht mitmachen wollten, haben sich aber einfach nicht gemeldet.

Die Familienunternehmen sind in den gesellschaftspolitischen Debatten kaum in der Öffentlichkeit zu hören. Was sind die Gründe?

Das stimmt, obwohl im Hintergrund sehr wohl politisch diskutiert wird. Aber ich finde, unsere Gesellschaft und auch Europa sind an einem Punkt angekommen, an dem man sich nicht mehr zurückhalten sollte, wenn Teile der Bevölkerung Grundrechte und das Grundgesetz in Frage stellen. Familienunternehmen haben in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion. Allen voran natürlich in ihren Unternehmen mit den Werten, die sie leben. Aber sie tragen auch eine Verantwortung für die Gesellschaft. Und wenn wir sehen, dass die Politik bei uns im Land dazu beiträgt, Ängste zu schüren, anstatt mutig mit den gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen, dann sollten wir Familienunternehmer uns einmischen und Position beziehen. Unternehmerfamilien sind ein Teil unserer Gesellschaft. Damit haben sie – genauso wie alle anderen – das Recht, aber auch die Pflicht, sich einzumischen, wenn sich die Gesellschaft in eine Richtung bewegt, die ihnen nicht gefällt.

Wie war die Resonanz in den engagierten Unternehmen auf die Anzeigenkampagne?

Sehr positiv, viele Mitarbeiter fanden das gut. Natürlich nicht alle. Ich habe auch einen sehr ausführlichen Brief eines ehemaligen Mitarbeiters erhalten, der die Aktion anders gesehen hat. Aber es ist ein Dialog angestoßen worden, und das finde ich wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, dass im Durchschnitt 10 Prozent der Wähler die AfD gewählt haben, das heißt, dass unter den Belegschaften und den Familienunternehmern auch einige diese Partei favorisieren.

Haben Sie Reaktionen von den Parteien bekommen?

Von der CDU, die sich als industrie- und unternehmensnah gibt, nur ein lautes Schweigen. Die einzige Politikerin, die reagiert hat und mich zu einem Gespräch eingeladen hat, war Frau Giffey. Sie hat sich viel Zeit genommen und viele Fragen darüber gestellt, was Familienunternehmen antreibt. Und sie hat verstanden, worum es mir bei der Kampagne geht: ein Zeichen zu setzen und deutlich gegen Fremdenhass und Intoleranz vorzugehen.

Wie geht es jetzt weiter? Planen Sie, auf die Kampagne aufzubauen?

Der Erfolg der Kampagne und der Zuspruch vieler Familienunternehmen motivieren mich, den Dialog nicht abbrechen zu lassen. Es gibt auch schon Ideen, wie wir Familienunternehmen und ihre Mitarbeiter über Vielfalt und Werte unserer Gesellschaft miteinander ins Gespräch bringen könnten, die sind aber noch nicht spruchreif. Ich finde es sehr wichtig – auch mit Blick auf die Wahlergebnisse in Frankreich, Italien und Großbritannien –, dass wir Farbe bekennen und für unsere Demokratie kämpfen. Wir Familienunternehmen könnten aufgrund unseres Einflusses und Vorbildcharakters viel mehr bewirken.

Welcher Aufwand, abgesehen vom zeitlichen, steckte für Sie hinter der Initiative?

Ich selbst habe sehr starke Unterstützung von den Kollegen der Öffentlichkeitsarbeit bei Vorwerk erhalten. Die Agentur, die unseren Slogan „Made in Germany – Made by Vielfalt“ kreiert hat, habe ich selbst bezahlt. Die Summe der restlichen Kosten wurde auf die Gesamtzahl der teilnehmenden Unternehmen umgelegt. Das bedeutet, je mehr Familienunternehmen sich angeschlossen haben, desto günstiger wurde es für jeden Partner. Geholfen hat auch, dass einige unter ihnen wie Ströer, Berner oder Burda ihre Werbeflächen gespendet und auf diese Weise zum Erfolg der Initiative beigetragen haben.