Freitag, 07.02.2020
Die Strategie der Benner Holding

Dominik Benner: Auf freiem Fuß

Schuster bleib bei deinen Leisten? Von wegen. Seit 1882 produziert und verkauft Familie Benner Schuhe. Doch wer denkt, dass sich die Unternehmensstrategie der Benner Holding allein dem Schuhwerk verschrieben hat, der irrt. Seit Dominik Benner am Ruder ist, sind Online-Plattformen und Immobilien die tragenden Säulen des Familienunternehmens.
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Dr. Dominik Benner schrieb seine Dissertation zum Thema "Akquisitionsprozesse bei Familienunternehmen" an der Universität St. Gallen.

 

Foto: Sabrina Feige

Wussten Sie, dass ein farbenblinder Pilot ein Flugzeug nur am Tag fliegen darf, weil er in der Nacht die Farbe der blinkenden Lämpchen nicht sicher genug deuten kann? Dominik Benner nimmt diese Einschränkung seines Hobbys genauso mit Humor wie den Fakt, dass er somit nie im Kerngeschäft des Familienunternehmens hätte arbeiten können, das er heute führt. Familie Benner verkauft nämlich seit dem Jahr 1882 Schuhe. Elf Filialen im Rhein-Main-Umkreis gehören heute zum Geschäftsmodell, der Umsatz liegt hier im einstelligen Millionenbereich.

Dominik Benner führt in fünfter Generation das Unternehmen, seitdem sein Vater Wolfgang 2012 plötzlich verstarb. Das Schuhgeschäft lief zwar seit dem Zweiten Weltkrieg recht gut, sagt der 37-jährige Nachfolger, aber: „Die Unsicherheiten und Gefahren rund um die Zukunft des stationären Geschäfts hießen für mich, dass wir unser Geschäftsfeld erweitern müssen.“ Nicht nur in eine Richtung sollte es gehen, sondern gleich in mehrere. Was ihm fundamental wichtig ist: „Wir haben unser Wachstum in den vergangenen Jahren komplett aus unserem Eigenkapital finanziert.“

Der Online-Kuchen

Die tragenden Säulen, auf die der Junior sein Augenmerk legte: Internet und Immobilien. Ein Online-Shop musste her, entschied Benner wie so viele etablierte Handelsunternehmer. Daraus entwickelte sich eher zufällig die Plattform Schuhe24, die sechs Jahre nach der Gründung 110 Mitarbeiter beschäftigt und schon an der 100-Millionen-Umsatz-Marke kratzt – und diese im laufenden Geschäftsjahr voraussichtlich überschreiten wird. Das wäre dann schon rund ein Drittel des Gesamtumsatzes der Holding. Bei allem Hype, der sich um Schuhe24 entwickelt hat, gibt sich der Gründer bescheiden. „Wir hatten das so nicht geplant, wir hatten nur im richtigen Moment die richtige Idee und die passende Lösung.“

Wie macht ein Schuhhändler mit elf stationären Läden einen dreistelligen Millionenumsatz im Netz? Nachdem der Shop online ging, kamen viele Händler auf das Unternehmen zu, die ebenfalls eine Internetpräsenz für die Abwicklung ihres Online-Vertriebs suchten. Aus dem Shop wurde in der Folge eine Verkaufsplattform für Schuhhändler. „Vor allem für kleine Schuhgeschäfte lohnt sich ein eigener Online-Auftritt nicht. Das Know-how fehlt, und die Abwicklung ist komplizierter, als man denkt“, erläutert Benner. Schuhe24 übernimmt die Zahlungsabwicklung, jeden Kundenkontakt sowie Versand und Retoure für den kleinen Einzelhändler.

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir prämierte dieses Modell 2015 mit dem Gründerpreis in der Kategorie „Innovative Geschäftsidee“. Das Wachstum ist seit der Gründung ungebremst, wofür Benner eine einfache Erklärung hat: „Je mehr Händler auf uns aufmerksam werden und ihre Marken bei Schuhe24 anbieten, umso mehr Kunden finden im Shop etwas Passendes. Und die Verkaufszahlen steigen.“ Mit „Shop“ ist nicht nur die eigene Plattform gemeint. Das Schuhwerk von Schuhe24 ist unter anderem auch bei Amazon und Ebay zu finden.

Alle Händler nimmt Benner aber nicht ins Portfolio. Jeder muss sich richtig bewerben, um auf der Plattform verkaufen zu dürfen. Eine Mindestbestandsgröße an Waren soll gegeben sein. Pro verkauftes Schuhpaar berechnet Schuhe24 dann eine Provision. Neben der Verkaufsmöglichkeit im Netz bietet Benner auch Online-Marketing für Händler oder zinslose Finanzierungen an.

Echte Liebe

Zur zweiten Säule: „Meine zweite Liebe sind immer Immobilien gewesen“, sagt Benner. Vor seiner Zeit im Familienunternehmen hatte er beim Industriedienstleisterriesen Bilfinger und beim 1996 gegründeten Energieunternehmen juwi in der Immobiliensparte gearbeitet. Es war der Tod seines Vaters, der ihn ins Familienunternehmen holte.

Aus einer Handvoll Immobilien, die sich vorher im Privatbesitz der Familie befanden, wurden über die Jahre 1.500, die heute alle intern verwaltet werden. Benner investiert hier mit klaren Targets: Mehrfamilienhäuser im Rhein-Main-Gebiet sowie in Köln und Düsseldorf. Hier habe er eine Nische gefunden, sagt der Unternehmer: „Wir schauen immer zuerst auf die Nebenkosten eines Objekts. Sind diese hoch, gehen wir in die Renovierung, senken Kosten und legen die Kosten nach Ende der Arbeiten auf die Miete um.“ Deswegen kaufe man im Vergleich zu anderen Playern im Markt auch Immobilien, die der Kategorie Sanierungsfall zugeordnet werden könnten. Der Umsatz der Immobiliensparte bewegt sich im mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Des Benners Sandkasten

Trotz allem Erfolg bei Immobilien und im Internet blickt Benner kritisch in die Zukunft. Er möchte das Unternehmen in einem zukunftsfähigen Zustand an seine Kinder übergeben. Dafür sei ihm das aktuelle Modell nicht diversifiziert genug. „Freunde und Bekannte haben nie verstanden, warum ich es nicht einfach gut sein lasse, mir selbst mehr gönne, anstatt stetig ins Unternehmen zu investieren.“

Abhilfe soll ein dritter Geschäftszweig in der Holding schaffen. Mit seinen Investmenttätigkeiten ist Benner in vielen Feldern unterwegs. In seinem „Sandkasten“, wie er es selbst nennt, finden sich einige Start-ups und Projekte, in die er bereits investiert hat: Kosmetik, eine Frankfurter Restaurantkette, Photovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerke und natürlich auch etwas mit Schuhen. Alles unter dem Dach der Benner Holding, versteht sich. „Diese Felder sind aber in ihrer Größe noch klein“, sagt Benner. Zumindest noch.

Info

In fünfter Generation: die Benner Holding

Im Jahr 1882 gründete Heinrich Stippler ein Unternehmen für „Schuh- und Manufacturwaren“. Über hundert Jahre und zwei Weltkriege später stieg mit Monika Benner und ihrem Ehemann Wolfgang A. die vierte Generation in die Geschäftsführung auf. Nach dem plötzlichen Tod von Wolfgang folgte dessen Sohn Dominik ins Unternehmen. Er möchte zusammen mit seiner Frau Valeska, die wie ihr Ehemann an der Universität St. Gallen studiert hat und als Unternehmensberaterin tätig war, das Unternehmen reif für die sechste Generation machen. Im Zuge seiner Nachfolge schuf Dominik Benner klare Eigentumsverhältnisse und bezahlte seinen Bruder aus. Als Alleineigentümer widmete er sich der Neuaufstellung der Unternehmensgruppe. Er setzte eine Holding mit Sitz in Hofheim am Taunus auf, unter der alle unternehmerischen Aktivitäten laufen: Grundbesitz, Schuhhandel, Start-ups und Energie.

Er nimmt die Investments ernst. Investiert er, möchte Benner – keine Überraschung – viel mitreden. Sich selbst beschreibt er als operativen Investor, der gestalten will. Wenn möglich, übernimmt er Mehrheiten an den jungen Unternehmen. Die sollen, um eine Chance zu haben, Teil von Benners Sandkasten zu werden, ein etabliertes Geschäftsmodell haben, zwei Jahre im Markt sein und mindestens eine dreiviertel Million Euro Umsatz machen. Geschäftsführer behält er gern an Bord. Aber die Anzahl der Closings halte sich in Grenzen, sagt Benner. Zwei oder drei Investments im Jahr tätigt er maximal.

Wie bei Google?

Und dann ist da noch das Plattform-Prinzip von Schuhe24, das der Unternehmer weiter vorantreibt. Dieses gibt es nun auch für andere Produkte und Zielgruppen: Bei Taschen24, Outfits24 und SportMarken24 findet man neben der Bezeichnung „Geschäftsführer“ ebenfalls den Namen Benner. „Dominik“ steht dort allerdings nur bei zwei der drei Webseiten. Sportmarken24 wird vertreten durch Valeska Benner, seine Ehefrau. Insgesamt nehmen inzwischen über 1.400 Geschäfte an diesen Plattformen teil.

Ob die anderen Plattformen eine Chance haben, so zu wachsen, wie es Schuhe24 getan hat, wird sich zeigen. Der Geschäftsführer fühlt sich zumindest merklich wohl in der Start-up-ähnlichen Atmosphäre. Flache Hierarchien, kreatives Chaos. Ganz ähnlich zur Arbeitsweise im aufstrebenden Energieunternehmen juwi, dessen lockere Atmosphäre Benner in einem Interview mit Gründerszene.de einmal mit den Worten „Google war nichts dagegen“ beschrieb.

Vielleicht stolpern das Team und das unternehmerisch vereinte Ehepaar über ein neues Geschäftsmodell, das so skalierbar ist wie eine Online-Handelsplattform für Schuhhändler. Wie wäre es mit einem Portal, auf dem sich Unternehmensberater treffen, um gemeinsam zu gründen? Oder mit einer App, die Farbenblinden sagt, welche Farbe sich vor ihnen befindet? Was sicher ist: Wenn Dominik Benner Gefallen daran findet, ist ein Platz im Sandkasten reserviert, egal für welche Branche.