Dienstag, 27.11.2018
BERNINA Inhaber Hanspeter Ueltschi

Die Kunst des Einfädelns

Hanspeter Ueltschi, in vierter Generation Inhaber der Schweizer BERNINA International AG, ist Nachkomme, begnadeter Techniker, versteht sich selbst aber vielmehr als Manager. Reicht ihm diese Expertise im Kampf um die Zukunft der Haushaltsnähmaschine?
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90 Prozent Exportquote: BERNINA-Alleininhaber Hanspeter Ueltschi trimmt seine Kinder auf Ausland. Bleibt die Haushaltsnähmaschine so bestehen?

 

Foto: Daniel Hager

Wer sich im Büro von Hanspeter Ueltschi (72) nach Hinweisen auf seine Motivation als Unternehmer umschaut, der wird schnell fündig. Wenn Ueltschi über seinen runden Schreibtisch hinweg aus den großzügigen Fenstern des Eckbüros in der dritten Etage in der Firmenzentrale im schweizerischen Steckborn schaut, fällt sein Blick nicht nur auf das malerische Ufer des Bodensees. Noch davor steht auf der Fensterbank ein historisches Nähmaschinenmodell. Es ist die Original-Bernina von 1932, gewissermaßen die Mutter aller Haushaltsnähmaschinen, die bis heute das Werk des Schweizer Herstellers verlassen haben.

Hanspeter Ueltschi ist Familienunternehmer in vierter Generation und als solcher Nachkomme mehrerer begnadeter Erfinder und Techniker. Sein Urgroßvater Karl Friedrich Gegauf meldet 1893 das Patent für die weltweit erste Hohlsaumnähmaschine an: Damit wird die damals übliche Verzierung von Wäschestücken, bis dato mühsame Handarbeit, erstmals maschinell möglich. Die Maschine findet in der Textilindustrie rasch Verbreitung und wird auch ins Ausland exportiert. Sogar ein neues Verb etabliert sich für den neuen, maschinellen Arbeitsschritt: „gegaufen“.

In der zweiten Generation setzt Ueltschis Großvater Fritz Gegauf 1932 den bis heute wichtigsten Meilenstein: Da der Markt für industriell genutzte Maschinen immer enger wird, entwickelt er die erste Gegauf-Nähmaschine für den heimischen Gebrauch. Er nennt sie „Bernina“, nach seinem Lieblingsberg, dessen Gipfel auch das goldene Logo auf dem schwarzen Lack ziert. In den ersten vier Jahren wird die Maschine 20.000-mal verkauft, sie begründet den Erfolg der Marke und gibt der späteren AG seit 1947 ihren Namen. Heute erzielen die weltweit etwa 1.150 Mitarbeiter der gesamten Holding einen Umsatz von rund 240 Millionen Schweizer Franken.

Kokettes Äußeres, rationaler Kern

Es wäre zu kurz gegriffen, in der alten Bernina auf Ueltschis Fensterbank nur ein Anschauungsstück zu sehen, eine Trophäe in Sachen Traditionsbewusstsein. Sie könnte ebenso als Mahnung dienen. Denn eins weiß der Unternehmer sehr gut: An die technische Begabung seiner Vorgänger kann er nicht anschließen. „Ich habe nicht das Talent meines Großvaters, leider“, gesteht er lächelnd.

Das heißt allerdings nicht, dass es Ueltschi mit Blick auf seine Position bei Bernina an Selbstbewusstsein mangeln würde. Davon zeugen nicht nur die schwungvollen Autogramme, mit denen er jedes der modernen Nähmaschinenmodelle in seinem Büro versehen hat, die offenbar aus seiner eigenen Ära als Firmenchef stammen. Ueltschi kokettiert gern. Was er beruflich tue? „Ich mache Frauen glücklich“, sagt der leicht gebräunte, vom Tennisspielen und Rennradfahren trainierte Unternehmer in Anspielung auf die fast ausschließlich weibliche Zielgruppe von Bernina. Nach seinem Werdegang gefragt, bescheinigt er sich selbst „kein spezielles Talent“, meint aber eher eine Vielzahl von Begabungen. Die Urkunde, die Ueltschi als lebenslangen Ehren-Alumnus der Stanford Business School auszeichnet, hängt nicht von ungefähr in seinem Büro: Er versteht sich selbst als Allrounder, der auf alles neugierig ist, als Manager mit klarem und weitem Blick für die Trends und Erfordernisse des Marktes. Seine Aufgabe sieht er nicht darin, selbst Innovationen zu schaffen, sondern seine Beobachtungen frühzeitig in Impulse für die eigene Organisation umzuwandeln, kurz: alles so einzufädeln, dass es rundläuft.

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Odette Gegauf-Ueltschi übernahm 1959 die Führung, nachdem ihr Bruder verstorben war.

 

Foto: BERNINA International

Dafür braucht er Unterstützung, das weiß Ueltschi selbst am besten. Dass er 1998 mit dem Modell „artista 180“ die erste digitale Haushaltsnähmaschine auf den Markt gebracht hat – von der heimischen Presse wird er dafür bis heute als „Erfinder des Nähcomputers“ gefeiert –, führt der Unternehmer nicht auf die eigene Affinität zur digitalen Welt zurück, im Gegenteil. „Bernina war immer gut, aber auch immer konservativ“, sagt Ueltschi. „Wir waren und sind getrieben von dem, was die anderen machen, was um uns herum passiert.“ Im Fall der Computerisierung der Nähmaschine etwa hat er nicht nur Techniker und Entwickler ins Haus geholt, sondern später auch eine Kooperation mit Microsoft geschmiedet: So kam 2002 die erste Maschine mit Windows-Betriebssystem auf den Markt, inklusive CD-Rom-Laufwerk und LCD-Display.

 

Entscheidungen wie diese haben Bernina einen gewissen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern verschafft. Doch die Branche ist und bleibt konservativ, der Markt umkämpft, große Sprünge sind nicht zu erwarten. Einen seit Jahrzehnten konstanten Umsatzanteil von etwa 60 Prozent hat bei Bernina der amerikanische Markt, wo das Quilten, also das Nähen anspruchsvoller Patchwork-Decken, eine lange Tradition hat. Dahinter kommt der Heimmarkt Schweiz mit rund 10 Prozent, gefolgt von Deutschland.

Weitere wichtige Auslandsmärkte für Bernina sind England, Australien und Neuseeland. Großes Wachstumspotential sieht Ueltschi in den asiatischen Ländern und in Russland mit seiner starken Näh- und Handarbeitstradition, wo tatsächlich noch viel „Muss-Nähen“ passiert, wie er es nennt: Nähen zur Bekleidungsbeschaffung, im Unterschied zu „Darf-Nähen“, also Handarbeiten als Hobby.

Klar ist also: Bernina steht und fällt mit dem Auslandsgeschäft, insgesamt 90 Prozent der Geräte werden exportiert. Nicht ohne Grund sind die beiden Kinder von Hanspeter Ueltschi in den Auslandsgesellschaften aktiv. Tochter Katharina (32) ist für Bernina in Singapur, um das Asiengeschäft zu entwickeln, zuvor war sie Marketingleiterin beim Schreibgerätehersteller Montblanc in Singapur. Sohn Philipp (33) hatte zunächst sein eigenes Unternehmen u-sew gegründet: eine Online-Plattform für den Versand fertiger Schnittteile an Hobbynäherinnen. Heute ist er wie Ueltschi selbst in jungen Jahren in den USA für Bernina unterwegs.

Schweizer Gratwanderung

Veränderungen sind notwendig, nicht erst mit der nächsten Generation. Ueltschi rechnet kühl, und das muss er auch, wenn er Bernina für die Zukunft aufstellen will. Bereits zwei Jahre nachdem er seine Mutter Odette Ueltschi-Gegauf an der Spitze des Unternehmens abgelöst hatte – ihr großes Schwarz-Weiß-Portrait gehört ebenfalls zu den Devotionalien in seinem Büro –, verlegte er 1990 Teile der Fertigung von der Schweiz nach Thailand. Erst wurden dort nur Einzelteile gefertigt, später ganze Maschinen. Nur die besonders hochpreisigen Nähcomputer entstehen noch in Steckborn. „In der Schweiz ein Massenprodukt zu fertigen ist nicht mehr rentabel“, sagt der Unternehmer schlicht.

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Benannte die Firma nach seinem Lieblingsberg Bernina: Fritz Gegauf, Firmenlenker in zweiter Generation.

 

Foto: BERNINA International

Und Ueltschi dreht nicht nur an der Kostenschraube. Er will mehr sein als ein Hersteller und Verkäufer von Maschinen. Das gilt zum einen für Zusatzprodukte und Services. Neben der in den Maschinen enthaltenen Software vertreibt Bernina zum Beispiel digitale Stickmuster, die Firma gibt ihr eigenes Lifestyle-Magazin mit Schnittmustern und Inspirationen heraus und ist in jedem der wichtigen Märkte und Sprachen in den sozialen Medien präsent. Parallel dazu entwickelt sich die Konnektivität der Maschinen weiter. Ohne USB-Anschluss für den Software- und Datenaustausch mit dem PC kommt keins der hochwertigen Modelle mehr aus. Dass die Geräte selbst internetfähig werden und Nutzer so zum Beispiel die firmeneigenen Tutorials für bestimmte Nähaufgaben auf dem in die Maschine integrierten Touchscreen sehen können, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

 

Auch den Vertrieb hat Ueltschi sich vorgenommen, derzeit arbeitet das Team an einer E-Commerce-Strategie. Wie so viele Markenhersteller will Bernina näher ran an den Kunden. Keine einfache Aufgabe in einem Markt, der mit einem stark erklärungsbedürftigen Produkt quasi seit seinem Bestehen vom Fachhandel abhängt. Ueltschi vergleicht die Lage am ehesten mit der Automobilbranche. „Der Handel hat die Kundendaten“, resümiert er sachlich. „Da sind wir noch ganz an Anfang.“

Brücken bauen, Erbe teilen

Hanspeter Ueltschi war frühzeitig klar, dass seine zwei Kinder zu jung sind für einen nahtlosen innerfamiliären Übergang an der Spitze des Unternehmens. Seit inzwischen zehn Jahren arbeitet er als Verwaltungsratspräsident mit dem familienexternen CEO Claude Dreyer zusammen. In zwei oder drei Jahren will Dreyer aufhören. Ob die Kinder dann schon bereit und in der Lage sind, in Steckborn das Zepter zu ergreifen, bleibt abzuwarten. Zumindest die Tochter wolle wohl vorerst in Asien bleiben, so Ueltschi. Auch die Frage nach der Aufteilung der Unternehmensanteile gibt dem Unternehmer, der selbst Einzelkind und bis dato Alleininhaber der Aktiengesellschaft ist, zumindest zu denken.

Und noch etwas scheint ihn ungewohnt nachdenklich zu machen: die Frage, ob er der Firma nicht eine ganz neue Ausrichtung hätte geben können, vielleicht so wie sein Unternehmerkollege Manfred Wittenstein in Deutschland: Der Ingenieur hat in zweiter Generation aus einem strauchelnden Werk für Nähmaschinen von Damenhandschuhen einen hochtechnisierten Hersteller von Planetengetrieben gemacht. „Das technische Know-how aus der Nähmaschine könnte man sicher auch in anderen Bereichen gebrauchen“, das gibt auch Ueltschi zu. „Tatsächlich habe ich mich schon manchmal gefragt: Wenn ich ein brillanter Ingenieur wäre, wäre Bernina heute dann etwas anderes als nur eine Nähmaschinenfabrik?“

Info

BERNINA International: der einzig verbliebene Hersteller in Schweizer Familienhand

125 Jahre Bernina: 1893 erfand Hanspeter Ueltschis Urgroßvater Karl Friedrich Gegauf die weltweit erste Hohlsaumnähmaschine für die maschinelle Verzierung von Wäschestücken. Heute beschäftigt die nach Gegaufs Sohn Fritz benannte Holding, die seit 1929 am jetzigen Standort in Steckborn in der Schweiz ansässig ist, weltweit rund 1.150 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von rund 240 Millionen Schweizer Franken. Etwa 85 Prozent davon erwirtschaftet die Textilgruppe BERNINA International AG. Daneben hat Ueltschi die Holding um den Nähmaschinenhändler Crown Technics Ltd. und um die Firma Proxomed erweitert, die medizinische Fitnessgeräte herstellt.