Donnerstag, 02.08.2018
Die Frage nach digitaler Infrastruktur

Auf Glas gebaut?

Wenn es um den Ausbau digitaler Infrastruktur geht, wird meist der Ruf nach dem Staat laut. Ist das gerechtfertigt? Und wie können Firmen mit schlechter Anbindung selbst aktiv werden? Familienunternehmen wie Peter Gross Bau und KIRCHHOFF besinnen sich auf unternehmerische Tugenden und warnen vor überzogenen Diskussionen.
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Mit einem Klick ins Netz? Wenn es bei der Internetverbindung hackt, nehmen einige Unternehmen den Ausbau selbst in die Hand.

 

Foto: Comstock/Stockbyte/Thinkstock/Getty Images

Die Entscheidung war im Betrieb höchst umstritten: Einen zweiten IT-Mitarbeiter einstellen? Wofür soll das gut sein? „Das wurde von vielen Kollegen als Revolution wahrgenommen“, erinnert sich Unternehmer Philipp Gross. Die Peter Gross Bau Holding GmbH ist ein Traditionsunternehmen mit tiefen Wurzeln im Handwerk und wurde 1885 von Maurermeister Peter Gross in St. Ingbert an der Saar gegründet. Dessen Urenkel Philipp Gross (52) leitet das Familienunternehmen in vierter Generation. 1994 kam er in die Geschäftsleitung – im selben Jahr, in dem Internet-Pionier Tim Berners-Lee das World Wide Web begründete und die erste Website online stellte. Kein Wunder, dass sich damals kaum einer der Mitarbeiter bei Peter Gross Bau vorstellen konnte, welche Umwälzungen das Unternehmen und die ganze Branche in den nächsten zwanzig Jahren erleben würden.

Heute kann Gross sich entspannt zurücklehnen, wenn er diese Anekdote aus dem analogen Vorleben des Familienunternehmens erzählt. Anders als für seine Vorgänger an der Spitze des Unternehmens sind Bauwirtschaft und Digitalisierung für ihn längst untrennbar miteinander verbunden. Die IT-Abteilung ist inzwischen die größte Nicht-Produktionsabteilung der Firma, die insgesamt mehr als 1.200 Mitarbeiter beschäftigt und rund 480 Millionen Euro Umsatz pro Jahr schreibt. Gerade in den vergangenen 15 Jahren ist das Unternehmen rasant gewachsen. „Das konnte nur digital passieren“, sagt Gross. „Bau bedeutet Einzelfertigung, da sind Transparenz und Geschwindigkeit entscheidend. Sie brauchen ein Instrumentarium, das Sie ganz nah an die Baustelle bringt. Das geht nur mit intensiver Durchdringung von IT.“

 

Konkret bedeutet das: Alle 18 bundesweiten Standorte der Firma sowie die rund 400 Baustellen sind über ein gemeinsames Netzwerk mit der Zentrale in St. Ingbert verbunden und tauschen in Echtzeit Informationen aus, von der einfachen E-Mail bis zu umfangreichen CAD-Plänen. Ein Großteil der Kommunikation läuft über datenintensive Videokonferenzen. Und auch Steuerung und Controlling haben sich grundlegend verändert. „Früher hat der Polier auf der Baustelle die Stunden der Mitarbeiter in seinem Block aufgeschrieben“, sagt Gross. „Da ist das erste Problem schon, wie lesbar die Handschrift ist. Ganz zu schweigen von der Frage, wie lange es dauert, bis die Leistungen tatsächlich verbucht werden können.“ Heute sendet der Polier die Daten von seinem mobilen Endgerät aus per E-Mail an den Bauleiter, der sie tagesaktuell ins System einspielt. „So haben wir die Zahlen zu jeder der 400 Baustellen spätestens fünf Tage nach Monatsende auf dem Tisch“, sagt Gross, also fast einen Monat schneller als vorher.

Ziele verfehlt

Möglich wird das allerdings nur mit einer ausreichenden Internetverbindung. Und gerade das stellt Mittelständler, die wie Peter Gross Bau in dezentralen Lagen angesiedelt sind, vor Herausforderungen. Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes vom Januar 2018 sind nur 42 Prozent aller deutschen Unternehmen ab zehn Beschäftigten mit schnellem Internet versorgt, wobei mit „schnell“ ein Breitbandanschluss mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 30 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) gemeint ist. Das Ziel einer flächendeckenden Grundversorgung mit 50 Mbit/s bis 2018, wie es 2014 im Koalitionsvertrag festgehalten wurde, wird damit deutlich verfehlt. Die einfache Faustregel lautet: Je ländlicher, desto schlechter. Und auch das Ziel der aktuellen Regierung, nämlich der flächendeckende Ausbau mit Gigabit-Netzen bis 2025, und zwar, so der Koalitionsvertrag, „möglichst direkt bis zum Haus“, stößt zumindest auf Skepsis. Interessenverbände fordern laut entschiedeneres Handeln; Geschichten von Unternehmern, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen, prägen die öffentliche Diskussion. Eine Studie des BDI zu den Auswirkungen der unzureichenden Internetversorgung auf Familienunternehmen in Deutschland bestätigt: Für 31,6 Prozent der befragten Familienunternehmen ist die Verfügbarkeit der digitalen Infrastruktur ein zentraler Faktor, der die eigene Digitalisierung hemmt. Immerhin 34,1 Prozent der Unternehmen geben an, dass die mangelnde Internetverbindung am Standort ihre Leistungsfähigkeit beschränkt.

Kooperationen gefragt

Auch für Philipp Gross ist die Internetanbindung ein zentraler Faktor für Wachstum und Zukunftsfähigkeit seiner Firma: „Bei jeder Akquisition, die wir in den vergangenen 15 Jahren erwogen haben, war die erste Frage: Wie schnell ist euer Internetanschluss?“ In St. Ingbert musste er die richtigen Voraussetzungen selbst schaffen: Um die Prozesse im Unternehmen zu bündeln und alle Standorte in einem virtuellen Netz zu verbinden, hat er dort 2012 ein eigenes Rechenzentrum gebaut und selbst die Glasfaserleitung vom mehrere Kilometer entfernten Hauptverteiler gelegt. 

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Philipp Gross ist in vierter Generation Geschäftsführer der Peter Gross Bau Holding GmbH mit Hauptsitz in St. Ingbert im Saarland.

 

Foto: Baugruppe Gross/Johannes Höller

Zuvor lief der Datenverkehr über DSL bei einer Übertragungsrate von rund 10 Mbit/s – also etwa ein Hundertstel dessen, was moderne Glasfaserleitungen leisten können. „Zu warten, bis Land oder Kommune das Industriegebiet ans Glasfasernetz bringen, war für uns keine Option“, sagt Gross heute. Stattdessen aktivierte der Unternehmer sein Netzwerk und schloss sich mit benachbarten Unternehmern zusammen, um die Investition möglichst gering zu halten. Am Ende lagen die Kosten für Gross bei etwa 35.000 Euro, hinzu kommt der Monatsbeitrag, den er seitdem an den Provider zahlt.

 

Für Philipp Gross rechnet sich das. Nach der Zentrale hat er noch mehrere der 18 deutschlandweiten Standorte ans Glasfasernetz gebracht, etwa in Pfullendorf am Bodensee. Die Suche nach Partnern hat dabei zum Teil der dienstleistende Provider inexio aus Saarlouis übernommen: Die Firma war unter Gründer David Zimmer 2007 mit dem Geschäftsmodell angetreten, dort Glasfasernetze zu legen, wo die großen Netzbetreiber nicht aktiv werden wollten. „Inexio hat uns als Ankerkunden identifiziert und darauf einen größeren Kreis an Interessenten aufgebaut“, beschreibt Gross den kooperativen Ansatz. Das Resultat ist eine Datenübertragungsrate von rund 100 Mbit/s an jedem seiner Standorte. In der Zentrale in St. Ingbert ist es das Vierfache, da hier alle Datenströme zusammenlaufen. Anders auf den Baustellen: Deren Laufzeit liegt etwa zwischen sechs Monaten und anderthalb Jahren. Eine eigene Infrastruktur zu schaffen lohnt sich da nicht. Stattdessen behilft sich Gross mit Lösungen wie dem Mobilfunkstandard LTE, der Übertragungsraten von bis zu 300 Mbit/s ermöglicht.

Unternehmerische Aufgaben

Eigeninitiative und Bereitschaft zu Investitionen sind auch für Unternehmer Arndt Kirchhoff Schlüsselfaktoren für die Digitalisierung des eigenen Geschäfts. Der Automobilzulieferer KIRCHHOFF Automotive Holding GmbH und Co. KG aus Attendorn im Sauerland ist weltweit tätig und erzielte mit mehr als 12.300 Beschäftigten zuletzt einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro. Für den gerouteten Datenaustauch nutzt Kirchhoff ein Multiprotocol-Label-Switching(MPLS)-System der Telekom. „Das ist das aktive System, mit dem wir arbeiten. Es verbindet alle Standorte in Echtzeit, darüber läuft zum Beispiel auch das einheitliche SAP-System“, sagt Kirchhoff. Infrastrukturell ist die Firma dafür grundsätzlich gut aufgestellt, der Kreis Olpe hängt am Glasfasernetz. Die letzten Meter in den Betrieb hat die Firma selbst verlegen lassen, was soweit aber nicht ungewöhnlich ist: „Das müssten Sie bei einem Neubau auch mit Strom und Wasser machen“, sagt Kirchhoff. Allerdings löst auch das nicht alle Probleme: Parallel braucht der Automobilzulieferer ein verlässliches Back-up auf VPN-Basis.

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Arndt G. Kirchhoff ist in vierter Generation CEO der KIRCHHOFF Automotive Holding GmbH und Co. KG mit Stammsitz im sauerländischen Attendorn.

 

Foto: Bjoern Bernhardt

Dafür hat er eine eigene Richtfunkstrecke bis zum nächsten Hauptverteiler installiert, über die Dächer der benachbarten Firmen hinweg. Den finanziellen und organisatorischen Aufwand sieht Kirchhoff gelassen: „Sie müssen sich immer fragen: Was ist da für ein Verkehr im Netz? Was brauche ich dafür? Klar müssen wir da regelmäßig nachsteuern. Aber das gehört zum unternehmerischen Alltag.“ Natürlich seien Land und Bund gefragt, die Rahmenbedingungen zu setzen. Allerdings warnt er vor falschen Erwartungen und Vorwürfen von Seiten der Unternehmen. „Dass Gigabit-Raten heute möglich sind, heißt nicht, dass man sie auch gleich braucht. Man darf die Diskussion nicht überziehen. Wenn Sie 50 Mbit haben, können Sie damit erst mal alles machen.“

 

Für Arndt Kirchhoff liegt ein wichtiger Schlüssel im unternehmerischen Mikromanagement. „Wenn ein Prozess virtuell ist, verliert man leicht das Gefühl dafür“, sagt er. Neben der reinen richtigen technischen Infrastruktur sei es daher ebenso wichtig, ein Bewusstsein für das Thema in die eigene Organisation zu tragen, um den Datenstrom sinnvoll zu beeinflussen. Andernfalls würden Volumina übermäßig aufgebläht – und damit auch die Gefahr, dass zu viel in die Infrastruktur investiert werden muss. „Wenn in einem Werk 100 Roboter gleichzeitig schweißen, macht das Stromnetz das nicht mit. Wird die Belastung nur um Zehntelsekunden verschoben, geht es plötzlich“, vergleicht Kirchhoff. Ähnlich sei es beim Routen von Datenpaketen. „Sie müssen die Spitzen kappen und Prioritäten setzen. Eine umfangreiche CAD-Zeichnung brauchen Sie nicht immer zwangsläufig in Echtzeit.“

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David Zimmer ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der inexio Informationstechnologie und Telekommunikation GmbH aus Saarlouis.

 

Foto: Carsten Simon

Auch inexio-Gründer David Zimmer warnt davor, die Verantwortung für die Digitalisierung des eigenen Geschäfts leichtfertig abzuwälzen. Das Ziel der bundesweiten Gigabit-Versorgung bis 2025 ist aus seiner Sicht nicht mehr machbar, nicht nur aus Kostengründen „Das hängt schon daran, dass Sie Baufirmen brauchen, die die Maßnahmen realisieren – und die haben jetzt alle keine Kapazitäten, egal, wie viele Millionen Fördergelder ausgeschüttet werden.“ Zugleich wünscht sich Zimmer, der auch Mitglied im Bundesvorstand von Die Familienunternehmer e.V. ist, von den Unternehmern eine realistischere Einschätzung dazu, wie wichtig eine schnellere Anbindung für ihr Geschäft tatsächlich ist. „Manchmal rufen uns mittelständische Unternehmer an, die ihr Geschäft durch die langsame Internetverbindung gefährdet sehen. Wir prüfen dann die Bedingungen und erstellen als Provider ein Angebot über beispielsweise 2.000 Euro pro Monat – das entspricht etwa den Kosten einer halben Stelle. Dann heißt es oft: Was? So teuer?“ Und Philipp Gross gibt zu bedenken, dass die Anbindung ans Glasfasernetz noch lange nicht das Ende der Investitionen bedeutet: „Hinten dran hängt ein großer Kostenblock: neue Hardware, neue Software, neue Schulungen für Mitarbeiter.“

Der Faktor Mensch

Dass die Selbsteinschätzung der Unternehmer viel realistischer und praktischer ist, als es die öffentliche Diskussion glauben lässt, bestätigt auch die Studie des BDI: Auf Platz eins der Digitalisierungshemmnisse steht für die befragten Familienunternehmer mit 43,4 Prozent Zustimmung das fehlende Know-how der eigenen Mitarbeiter. Entsprechend groß schätzen sie die kommenden Herausforderungen in den Bereichen Personalentwicklung und Personalgewinnung ein: Eine überwältigende Mehrheit von 81,3 Prozent sieht die Notwendigkeit, die eigenen Mitarbeiter entsprechend weiterzubilden, an erster Stelle der Auswirkungen der Digitalisierung auf die eigene Organisation.

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Rüdiger Behn ist in vierter Generation Geschäftsführender Gesellschafter der Waldemar Behn GmbH in Eckernförde, Schleswig-Holstein.

 

Foto: Hennrik Matzen

Das sieht auch Rüdiger Behn so. Er ist in vierter Generation Geschäftsführender Gesellschafter des Spirituosenherstellers Waldemar Behn GmbH im schleswig-holsteinischen Eckernförde, der unter anderem für die Marke „Kleiner Feigling“ bekannt ist und rund 300 Mitarbeiter beschäftigt. Mit rund 50 Mbit/s ist die Firma recht gut versorgt, Schleswig-Holstein hat bundesweit das beste Breitbandnetz. Behn sagt aber auch: „Die Bundesländer untereinander dürfen nicht der Maßstab sein.“ Sein Blick geht naheliegenderweise nach Dänemark, die Grenze liegt nur 60 Kilometer vom Firmensitz entfernt. Laut der Untersuchung des Statistischen Bundesamtes haben hier 73 Prozent aller Unternehmen Zugang zu schnellem Internet, also fast doppelt so viele wie in Deutschland. Damit liegt das Land auf Platz eins in Europa.

 

Allerdings sieht auch Behn einen großen Teil der Verantwortung bei den Unternehmern selbst. „Oft wird darauf geschimpft, dass die Infrastruktur nicht da ist, nach dem Motto: Wir haben ja sowieso keinen ordentlichen Anschluss.“ Dabei hapere es oft gar nicht in erster Linie an der Technik, sondern an der Kreativität der Entscheidungsträger. „Sie müssen die richtigen Menschen für die richtigen Aufgaben gewinnen“, sagt Behn. Und das ist nach wie vor eine zentrale unternehmerische Aufgabe, heute genauso wie damals, als der zweite IT-Mann zu Peter Gross Bau kam. Allerdings: Zumindest mittelbar ist dann doch wieder die Politik gefragt, den flächendeckenden Ausbau des Breitbandnetzes zu realisieren, denn auch erfolgreiche Personalgewinnung ist in ländlichen Lagen eine Herausforderung. „Wenn man in Deutschland die Fläche nicht erschließt, werden wir in Kürze viele Nationalparks haben, Landstriche, die menschlich entvölkert sind,“ sagt Rüdiger Behn. Und woher sollen dann die notwendigen Fachkräfte kommen?