Donnerstag, 13.06.2019
Gastbeitrag von Dr. Martin Eberhard

Vorsicht vor der Erbschaftsteuerfalle

Mit dem Bruttoverwaltungsvermögenstest will der Gesetzgeber missbräuchlicher Steuergestaltung vorbeugen. Jedoch werden auch viele operativ tätige Unternehmen von den erbschaftsteuerlichen Begünstigungen ausgeschlossen.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Nach dem Verschonungssystem können Steuerpflichtige bei einer Erbschaft oder Schenkung von Unternehmensvermögen unter bestimmten Voraussetzungen mit 85 Prozent bzw. 100 Prozent von der Erbschaft- und Schenkungsteuer befreit sein. Die Verschonungsregeln für die unentgeltliche Übertragungen von Beteiligungen greifen nur bis zu einem Wert von 26 Millionen Euro pro Erwerber. Ab einem Beteiligungswert von über 26 Millionen Euro kommt alternativ zur abschmelzenden Verschonungsregelung die Erlassregelung (Verschonungsbedarfsprüfung) in Betracht.

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Dr. Martin Eberhard ist Steuerberater und Partner bei der FALK GmbH & Co KG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft.

 

Foto: FALK

Bei Beteiligungen mit einem Wert von mehr als 90 Millionen Euro pro Erwerber wird nur noch die Erlassregelung gewährt. Hiernach wird die auf den übertragenen Anteil entstehende Erbschaft- oder Schenkungsteuer auf Antrag erlassen, wenn der Erwerber nachweist, dass er die Erbschaft- oder die Schenkungsteuer nicht aus seinem verfügbaren Vermögen begleichen kann. Zu dem verfügbaren Vermögen zählt der Gesetzgeber u.a. 50 Prozent des dem Erwerber bereits gehörenden Privatvermögens sowie des mit der Erbschaft oder der Schenkung übergehenden Privatvermögens des Erblassers oder Schenkers. Zudem wird das im Unternehmensvermögen enthaltene Verwaltungsvermögen berücksichtigt – also das Betriebsvermögen, das aus Sicht des Gesetzgebers nicht dem operativen Unternehmensvermögen zuzurechnen ist.


Schädliches Verwaltungsvermögen

Durch die Verschonungsregelung bzw. Erlassregelung wird lediglich das Betriebsvermögen begünstigt, das nicht zum schädlichen Verwaltungsvermögen gehört. Zum Verwaltungsvermögen zählen etwa vermietete Grundstücke, Anteile an Kapitalgesellschaften bei einer Beteiligung von bis zu 25 Prozent, Wertpapiere sowie Freizeit- und Luxusgegenstände, wie etwa Münzen, Oldtimer und Yachten, aber auch operativ benötigte Barmittelbestände, Bankguthaben und Forderungen. Diese Finanzmittel müssen allerdings nur dann als schädliches Verwaltungsvermögen besteuert werden, wenn sie die vorhandenen Schulden sowie 15 Prozent des gemeinen Wertes des Unternehmens übersteigen.

Von dem Verwaltungsvermögen können anteilig noch nicht berücksichtigte Schulden sowie 10 Prozent des Unternehmenswertes abgezogen werden. Das sich danach noch ergebende schädliche Verwaltungsvermögen ist nicht begünstigt und unterliegt in voller Höhe der Besteuerung mit Erbschaft- bzw. Schenkungsteuer. Junges Verwaltungsvermögen und junge Finanzmittel (weniger als zwei Jahre im Betrieb) können nicht um Schulden oder einen anteiligen Unternehmenswert gekürzt werden und stellen stets nicht begünstigtes Vermögen dar.

Der Gesetzgeber hat vor der Gewährung der erbschaft- und schenkungsteuerlichen Begünstigung eine in der Praxis höchst kritische und oftmals übersehene Hürde eingebaut: den Bruttoverwaltungsvermögenstest. Als eine Art Vorabfilter soll er missbräuchliche Gestaltungen (Cash-Gesellschaften) von der Begünstigung ausnehmen. Um überhaupt in den Anwendungsbereich der 85 Prozent bzw. 100 Prozent Steuerbefreiung bzw. der Erlassregelung zu kommen, dürfen das Verwaltungsvermögen und die Finanzmittel – vor Abzug von Schulden und einem anteiligen Unternehmenswert – nicht mehr als 90 Prozent des gemeinen Wertes des Unternehmens betragen. Wird der Bruttoverwaltungsvermögenstest nicht bestanden, ist eine Verschonung bzw. ein Erlass nicht möglich.

Hohe Verschuldung – volle Besteuerung

Das folgende Beispiel soll veranschaulichen, dass dieser Test – insbesondere bei Unternehmen mit einer hohen Verschuldung – unbeabsichtigte Folgen haben kann:

Vater V möchte sämtliche Anteile an der S-GmbH an seine Tochter verschenken. Der gemeine Wert der S-GmbH beträgt 100, die Forderungen 200 und die Schulden 600. Im vorliegenden Fall könnten nach dem Verwaltungsvermögenskatalog die Forderungen (Finanzmittel) zu Verwaltungsvermögen führen. Von den Finanzmitteln können jedoch die Schulden abgezogen werden sowie 15 Prozent des Unternehmenswertes.

 

Da die Schulden in Höhe von 600 die Forderungen in Höhe von 200 übersteigen, würde somit kein Verwaltungsvermögen vorliegen. Man sollte daher zu dem Ergebnis kommen, dass die Schenkung zu 85 Prozent bzw. 100 Prozent verschont ist bzw. – bei einem Unternehmen mit hohem Unternehmenswert – die Erlassregelung zur Anwendung kommt.

In unserem Beispiel würde die Forderung in Höhe von 200 aber in voller Höhe in den Bruttoverwaltungsvermögenstest einbezogen, so dass der gesamte Anteil an der S-GmbH in Höhe von 100 nicht begünstigtes Vermögen darstellen und somit in voller Höhe der Besteuerung mit Erbschaft- oder Schenkungsteuer unterliegen würde.

 

Das kuriose Ergebnis von 200 Prozent Verwaltungsvermögen entsteht dadurch, dass der Gesetzgeber Äpfel mit Birnen vergleicht, indem er „brutto“ mit „netto“ vermischt. Während das Verwaltungsvermögen als Bruttowert ohne Abzug von Schulden einfließt, ist die Vergleichsgröße der Nettowert des Betriebs, also der Wert nach Abzug von Schulden.

Vor einer geplanten Schenkung – wenn also noch Handlungsspielraum besteht – sollte daher sehr genau geprüft werden, ob die erbschaft- bzw. schenkungsteuerlichen Begünstigungen tatsächlich zur Anwendung kommen oder ob vorab noch Gestaltungsmaßnahmen notwendig sind, um das Bruttoverwaltungsvermögen abzubauen. Im Erbfall kann hingegen nur ein vom Erblasser vorab gefasster Investitionsplan retten. Daher ist ein laufendes Monitoring der Verwaltungsvermögensquoten dringend zu empfehlen.