Dienstag, 23.06.2020
Gastbeitrag von Armin Eiche

Vermögensverwaltung in Krisenzeiten

Getrieben vom technologischen und gesellschaftlichen Wandel, wird sich die Investmentlandschaft in den kommenden Jahren stark verändern. Die Corona-Krise beschleunigt diese Entwicklung noch zusätzlich.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Die Corona-Pandemie hat die Welt zweifelsohne aus den Angeln gehoben. Das gilt auch für die Vermögensverwaltung. Themen wie Qualität und Robustheit der Investments – und nicht zuletzt der Vermögensverwalter selbst – rücken vermehrt in den Mittelpunkt.

Auf Nummer Sicher gehen

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Armin Eiche, Mitglied der Geschäftsleitung, Pictet & Cie (Europe) SA, Niederlassung Deutschland

 

Foto: Pictet

Kurzfristig geht es aus Anlegersicht naturgemäß um die Anpassung des Portfolios. In Phasen mit Marktschwankungen und -verwerfungen ist die Portfoliodiversifizierung für die Absorbierung von Volatilitätsspitzen besonders wichtig. Das erste Quartal 2020 brachte weltweit den stärksten Rückgang der Aktienkurse seit der Finanzkrise von 2008. Zwar hat es einige Märkte massiv getroffen, doch weltweit liegen die Bewertungen immer noch deutlich über den Tiefs der Finanzkrise. Vergleiche sind stets schwierig, aber für einen weiteren Kursrückgang besteht noch Raum.

 

Daher ist eher zu einer konservativen Positionierung mit einer Untergewichtung von Aktien zu raten. Bei festverzinslichen Anlagen sollte mehr denn je auf Qualität gesetzt werden, und forderungsbesicherte sollten Cashflow-besicherten Schuldtiteln vorgezogen werden. Die Banken sind heute besser kapitalisiert und nicht mehr so stark fremdfinanziert wie vor der Finanzkrise. Zu schaffen machen ihnen aber die Herausforderungen, vor denen ihre Firmen- und Privatkunden aufgrund der Corona-bedingten Rezession stehen. Die Banken können der Kanal sein, über den die Maßnahmen der Zentralbanken Unternehmen und Einzelpersonen erreichen.

Das Hauptziel staatlicher Konjunkturmaßnahmen ist heute der Schutz der Verbraucher, damit möglichst viele den Aufschwung mittragen, wenn er kommt. Dies wird den Schaden bei Unternehmen begrenzen, die unter Kaufkrafteinbußen der Konsumenten leiden. Die Gewinnspannen der Unternehmen werden schrumpfen.

Eine Zunahme der Firmeninsolvenzen und der Arbeitslosigkeit ist absehbar. Dies wird die Erholung bremsen, noch stärkere Konjunkturprogramme werden benötigt. Die staatliche Regulierung wird zunehmen, und schon jetzt stehen Unternehmen unter Druck, ihre Dividendenausschüttungen zu kürzen. Möglich wäre auch ein grundlegender ökonomischer Paradigmenwechsel, nach dem nicht mehr die Profitabilität im Mittelpunkt steht, sondern die Arbeitskräfte.

Von Krisengewinnern profitieren

Auf Länderebene stehen Staaten im Fokus, die haushaltspolitisch und legislativ stark genug sind, um angemessene Anreize zu beschließen, wie die USA, Deutschland und China. Oder auch Länder, die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus treffen. Aktien aus Sektoren wie Gesundheit und Internet werden sich voraussichtlich gut entwickeln. Von höheren Staatsausgaben könnten Infrastrukturtitel profitieren. Fusionen und Übernahmen werden durch die abnehmende Profitabilität der Unternehmen wieder zunehmen, es könnten sich interessante Möglichkeiten für Private-Equity-Fonds ergeben.

Mehr denn je gilt in der aktuellen Krise: besser investiert bleiben, als Verluste zu realisieren. Anleger sollten ihre Risiko-Ertrags-Profile überprüfen und sicherstellen, dass sie für eine höhere Volatilität der Märkte über einen längeren Zeitraum hinweg gewappnet sind. Sie sollten sich überlegen, wie sich die Investmentlandschaft verändern wird und ob ihre Anlagen dieser Entwicklung und weiteren unerwarteten kurzfristigen Ereignissen standhalten können. Zur Erinnerung: Die Geschäftsideen, die vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 von den Märkten favorisiert wurden, sind inzwischen Realität geworden, aber die Gewinner sind die Unternehmen, die dauerhaft überleben konnten. Der Schwerpunkt sollte auf niedrig verschuldeten Qualitätsunternehmen liegen, die eine Überregulierung vermeiden.

Blick in die Glaskugel

Doch wie wird sich die Investmentlandschaft in dem kommenden Jahren verändern? Wir erwarten eine Beschleunigung des Wandels auf makroökonomischer, technologischer und gesellschaftlicher Ebene. Sieben Treiber werden aus unserer Sicht die Finanzbranche in den nächsten fünf Jahren und darüber hinaus prägen:

 

  1. Der Aufstieg Asiens: Mit China an der Spitze ist Asien zur Weltwirtschaftsmacht Nummer 1 geworden. Im nächsten Schritt wird es zu einer Finanzmacht aufsteigen. Bis 2030 werden voraussichtlich 40 Prozent der weltweiten Vermögen auf Asien (inkl. Japan) entfallen, seine derzeitige Unterrepräsentation in den wichtigen Finanzindizes dürfte bald schon der Vergangenheit angehören.
  2. Private Assets werden stärker nachgefragt: Hartnäckig niedrige Wachstumsraten und historisch tiefe Zinsen führen dazu, dass Anleger vermehrt auf Private Assets zurückgreifen, die Risikodiversifizierung und Renditechancen bieten. Diese Nachfrage wird von einer wachsenden Zahl von Unternehmen befriedigt, die dem stark regulierten Markt den Rücken kehren. Das wird dazu führen, dass Märkte für Private Assets, zu denen unter anderem Private Equity, Private Debt und Immobilien gehören, nicht mehr als alternativ angesehen werden.
  3. Der Schuldenmarkt wächst weiter: Verstärkt durch die Corona-Krise wird der seit über zwanzig Jahren von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten angehäufte Schuldenberg so stark anwachsen, dass er möglicherweise irgendwann nicht mehr zu bedienen ist. Er könnte zum Katalysator für Schwächeanfälle an den Finanzmärkten werden.
  4. Steuerprivilegien werden gekippt: Die Krise dürfte die Trends zu mehr Steuertransparenz, Populismus und De-Globalisierung verstärken. Die Regierungen erwägen eine umfassende Überarbeitung der internationalen Besteuerung, die wohlhabende Privatpersonen und multinationale Unternehmen unter Druck setzen wird. Unternehmen wird dies bei der Wahl von Standort und Geschäftsmodells erheblich beeinflussen.
  5. Technologischer Fortschritt revolutioniert die Kundenbeziehungen: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen treiben die Digitalisierung des Anlagegeschäfts weiter voran. Data-Science wird die Erhebung, Analyse, Verwendung und Darstellung von Anlegerinformationen verändern.
  6. Gefahr durch Cyberangriffe steigt: Mögliche Cyberangriffe stellen für Finanzinstitute ein neues systemisches Risiko dar. Ihnen standzuhalten wird neben der Bilanzsolidität zu einem wichtigen Stresstests für Banken.
  7. Das Profil der Anleger wandelt sich: Mit der Gesellschaft wandeln sich die Ansprüche der Anleger an Investments und die Wirtschaft. Eine verantwortungsvollere Form von Kapitalismus wird sich durchsetzen.

Verantwortungsvoll investieren

Die Schere zwischen dem wohlhabendsten Teil der Gesellschaft und der Mittelschicht dürfte sich zwar weiter öffnen, Wohlhabende sind aber immer geneigter, etwas von ihrem Vermögen durch Philanthropie und verantwortliches Investieren an die Gesellschaft zurückzugeben. Angesichts des Zerstörungspotentials des Klimawandels erkennen die Anleger auch, dass ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen die Unternehmenszahlen in den kommenden Jahren belasten werden – und dass die Zukunft denjenigen gehört, die die besten Lösungen dafür finden.