Dienstag, 05.06.2018
Gastbeitrag von David Gaud

Schwellenmärkte: Substanzwerte auf dem Vormarsch

Viele Investoren richten ihren Investitionsfokus auf schnell wachsende Technologieunternehmen in Asien, obwohl die Dividenden nicht gerade üppig fließen. Dagegen versprechen Unternehmen der traditionellen „Old Economy“ vor allem in China gute Renditen.

Im Jahr 2017 erzielten Wachstumswerte in den Schwellenmärkten weltweit die beste Performance. An zweiter Stelle lagen Titel mit Gewinnrevisionen, meistens zyklische Werte, gefolgt von Substanzwerten und defensiven Werten. Da sich die Dynamik im laufenden Jahr weltweit weiter verstärken dürfte, ist davon auszugehen, dass künftig nicht nur Wachstumswerte, sondern auch andere Segmente besser abschneiden werden, insbesondere Substanzwerte.

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David Gaud ist Chief Investment Officer bei Pictet Wealth Management Asien.

 

Foto: Pictet Wealth Management

Die guten Ergebnisse der Schwellenländer-Aktienindizes wurden in den vergangenen Jahren vor allem von zahlreichen asiatischen schnell wachsenden Technologieunternehmen angetrieben. Die Dynamik dieser asiatischen Wachstumswerte, die aufgrund ihres überdurchschnittlichen Ertragspotentials eine Prämie rechtfertigen – aber oft wenig Dividenden bringen –, verdrängte die Substanzwerte von der Spitzenposition. Hinter den Substanzwerten stehen oft größere und länger etablierte Unternehmen, z.B. des Finanz- und des Energiesektors, die wiederum unter ihrem Buchwert oder dem laut Bewertungskennzahlen angemessenen Wert gehandelt wurden.

 

Bisher erzielten die Wachstumswerte ihre Performance in einem Umfeld, in dem ausländische Investoren bereits seit längerer Zeit vorsichtig agieren. Im Jahr 2017 erholten sich zwar die Schwellenmärkte im Zuge der wirtschaftlichen Belebung wieder – der MSCI Emerging Market Index legte in US-Dollar um rund 38 Prozent zu und der MSCI AC Asia (ex Japan) sogar um 42 Prozent –, doch das Wirtschaftswachstum verteilt sich mittlerweile gleichmäßiger auf die verschiedenen Sektoren. Das wird dazu führen, dass Anleger preisbewusster entscheiden und in Zukunft immer weniger bereit sein werden, hohe Prämien für Wachstumswerte zu bezahlen.

Viele Branchen mit Potential

Dies ist vor allem eine Chance für Substanzwerte, die noch über erhebliches Wachstumspotential verfügen. Dazu zählen Unternehmen aus den Branchen Banken, Versicherungen, Immobilien, Gebrauchsgüter, Bekleidung, Energie und Grundstoffe. Im jüngsten Zyklus erholten sich die Substanzwerte aus Schwellenländern zwar langsamer als in den drei vorangegangenen Erholungsphasen. Doch bei hohem und üppigem Wirtschaftswachstum entwickeln sie sich tendenziell überdurchschnittlich stark.

 

Dabei lohnt ein Blick auf Wachstums- und Substanzwerte in China. Denn Investoren, die sich hauptsächlich für hochkarätige Technologieunternehmen in China interessieren, übersehen die oft spektakuläre Entwicklung einiger Unternehmen der „Old Economy“. So gibt es in China einige Automobilhersteller, die mutig in die Robotik investieren oder mit neuen Energien betriebene Fahrzeuge herstellen. Zudem beabsichtigen chinesische Immobilienentwickler, Big Data zur Verbesserung ihrer Kundendienstleistungen zu nutzen. Traditionelle Lebensversicherer mit entsprechenden Bewertungen haben sich inzwischen ausgeprägte Internetkompetenzen angeeignet. Kurz gesagt: Unternehmen der eher „traditionellen Wirtschaft“ könnten für Investoren interessant werden – noch liegen ihre Bewertungen in niedrigen Bereichen. Dass diese Entwicklung vor allem in China zu beobachten ist, liegt daran, dass die aktuelle Zentralregierung Unternehmen bei den digitalen Veränderungen und Investitionen unterstützt.

Politisch stabil

Natürlich sollte man sich der Risiken bewusst sein, mit denen Schwellenmärkte behaftet sind. Dazu zählen politische Instabilitäten in einigen Ländern. Man sollte auch die Warnung von Zhou Xiaochuan, dem scheidenden Vorsitzenden der chinesischen Zentralbank (People’s Bank of China), ernst nehmen, wonach China infolge einer übermäßigen Verschuldung einen Minsky-Moment erleben könnte. Zumindest kurzfristig ist dies allerdings eher unwahrscheinlich. Auch wird die künftige Entwicklung von Schwellenländeraktien weiterhin von den Währungsschwankungen bestimmt.

 

Allerdings sprechen äußerst günstige Bewertungen, gute Wachstumsaussichten, die Erholung des Bankensektors und immer breiter diversifizierte Finanzmärkte dafür, dass es den Schwellenmärkten auf lange Sicht immer besser gelingen wird, dem Druck standzuhalten. Wollen Investoren die mit zyklischen Titeln verbundenen Risiken vermeiden, deren Gewinne oft weder das Bruttoinlandsprodukt noch die Inflationsrate übersteigen, so lohnt es, sich die Substanzwerte genau anzuschauen. Sie unterliegen meist geringeren Schwankungen.