Donnerstag, 13.06.2019
Gastbeitrag von Robert Buchalik

Mit Insolvenz in Eigenverwaltung das Unternehmen retten

In aller Regel steht eine Insolvenz als Synonym für das Aus des betroffenen Unternehmens. In vielen Fällen wären die Unternehmen jedoch durch eine Insolvenz in Eigenverwaltung noch zu retten. Die Reform des Insolvenzrechts lässt das zu.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Knapp 20.000 Unternehmen in Deutschland ereilt das Schicksal der Insolvenz jedes Jahr. Die Volkswirtschaft leidet darunter: Arbeitnehmer verlieren ihre Jobs, Geschäftspartner ihren Lieferanten oder Abnehmer und der Unternehmer sein Unternehmen. Zwar werden immer noch sehr viele Unternehmen in einer Regelinsolvenz liquidiert, zerschlagen oder verkauft, doch seit einigen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt. Galt früher die Insolvenz als unumstößlicher Ausdruck des Scheiterns der handelnden Personen, richtet sich der Blick heute auf die möglichen Chancen. Dazu beigetragen hat die Reform des Insolvenzrechts von 2012. Durch das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG) ist es möglich, ein angeschlagenes Unternehmen unter dem Schutz der Insolvenzordnung zu retten und seine Zerschlagung zu verhindern.

Allerlei Fallstricke in der Krise

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Robert Buchalik ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Wirtschaftskanzlei und des Beratungsunternehmens Buchalik Brömmekamp sowie Vorsitzender des Bundesverbandes ESUG.

 

Foto: Buchalik Brömmekamp

Doch immer noch meiden viele Unternehmer ein gerichtliches Verfahren und melden erst Insolvenz an, wenn auch die letzten finanziellen Reserven erschöpft sind. Untersuchungen zufolge verschleppen zudem rund zwei Drittel der Geschäftsführer die Insolvenz um fast ein Jahr, verstoßen damit gegen geltendes Recht und machen sich sogar strafbar. Dadurch entstehen Schäden in Milliardenhöhe. Hintergrund bleibt weiterhin das Stigma der Insolvenz, aber auch mangelnde Kenntnis über die Möglichkeiten eines Eigenverwaltungsverfahrens. Auch überstürzt eingereichte Insolvenzanträge reduzieren die Überlebenschancen des Unternehmens dramatisch. Denn diese Anträge enthalten dann sehr häufig unvollständige oder unrichtige Angaben und treiben den Unternehmer damit in gefährliche Haftungsfallen.

 

Geschäftsführung darf bleiben

Dabei wären die Aussichten durchaus positiv: Nutzt der Unternehmer die Insolvenz in Eigenverwaltung konsequent als unternehmensstrategische Option, ist es möglich, den Betrieb – und damit die Arbeitsplätze und das Geld der Gläubiger – zu retten. Wichtigster Punkt beim Eigenverwaltungsverfahren: Es handelt sich um ein Insolvenzverfahren ohne Insolvenzverwalter.

Ein sogenannter Sachwalter übt in diesem Falle die gerichtliche Kontrolle aus. Die bisherige Geschäftsführung bleibt aber im Amt. Üblicherweise begleitet ein erfahrener Sanierungsgeschäftsführer das Unternehmen durch das Verfahren. Dieser scheidet nach erfolgreichem Verfahrensabschluss wieder aus dem Unternehmen aus. Die für die Sanierung notwendige Liquidität kann zumeist ohne die Unterstützung von Banken generiert werden.

Möglich ist dies unter anderem durch das Insolvenzgeld, vereinfachte Möglichkeiten zur Vertragskündigung sowie diverse steuerliche Effekte (siehe Checkliste). Am Ende des Verfahrens steht ein Sanierungsplan, der die Entschuldung des Unternehmens sowie die Befriedigung gesicherter und ungesicherter Gläubiger regelt. Diesem Plan müssen die Gläubiger zustimmen.

Mehr Insolvenzen in Eigenverwaltung

Das ESUG darf bisher als Erfolg bezeichnet werden. Rund 1.300 Unternehmer haben seit dem Jahr 2012 ein Eigenverwaltungsverfahren im Rahmen des ESUG betrieben. Insgesamt nutzten im vergangenen Jahr etwa 250 insolvenzgefährdete Unternehmen diese Option zur Sanierung. Diese Zahl mag auf den ersten Blick relativ überschaubar erscheinen, allerdings nimmt der Anteil der Insolvenzen in Eigenverwaltungen bei steigendem Umsatz und steigender Mitarbeiterzahl stetig zu. Eine Statistik der juristischen Fachzeitschrift JUVE belegt, dass 30 der 50 größten Unternehmensinsolvenzen im Jahre 2017 in Deutschland als Eigenverwaltungsverfahren geführt wurden. Dies geschieht im Einklang mit den Gläubigern – die durchschnittliche Quote in Insolvenzplanverfahren liegt deutlich über 10 Prozent. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt liegt die durchschnittliche Quote in Regelinsolvenzverfahren gerade einmal bei unter 3 Prozent.

Info

Checkliste: Bausteine zur Liquiditätsgewinnung in einer Sanierung unter Insolvenzschutz

  • Für die Dauer von bis zu drei Monaten werden sämtliche Gehälter des Unternehmens aus den Mitteln des Insolvenzgeldes von der Bundesagentur für Arbeit finanziert, das im Rahmen des Insolvenzplans nur quotal zurückzuzahlen ist.
  • Nach Antragstellung und bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens geleistete Zahlungen an Sozialkassen und Finanzamt können im Wege der Anfechtung zurückgefordert werden.
  • Die Kündigungsfristen sind bei allen Dauerschuldverhältnissen – unabhängig von der Restlaufzeit – auf maximal drei Monate begrenzt. Auf diese Weise kann sich das Unternehmen vergleichsweise leicht aus ungünstigen Liefer-, Leasingund Mietverträgen, Darlehensverträgen sowie von verlustreichen Kundenaufträgen befreien.
  • Ungesicherte Altverbindlichkeiten (auch Pensionsverpflichtungen) werden nur mit der Insolvenzplanquote bedient. Der Rest der Forderungen gilt als erlassen.
  • Während des Verfahrens ist das Unternehmen vor Eingriffen der Gläubiger geschützt.
  • Wie im Regelinsolvenzverfahren müssen und dürfen Rechnungen, die bis zur Antragstellung noch offen sind, nicht mehr gezahlt werden. Auch auf sie entfällt die Insolvenzplanquote.

Quelle: Buchalik Brömmekamp