Dienstag, 23.06.2020
Gastbeitrag von Beate Schemann und Hendrik Kuhl

Mehr Stabilität durch Vermögensplanung

Unerwartete Krisen zwingen Unternehmer zu Kompromissen und schnellem Handeln. Dabei ist das Abwägen zwischen privaten Vermögensentscheidungen und unternehmerischen Interessen oft ein Drahtseilakt, der eine ruhige Hand und viel Weitsicht verlangt.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Berechtigterweise konzentrieren sich Unternehmer in Krisenzeiten insbesondere auf Maßnahmen, die dem Schutz der Familie, des Vermögens oder des Unternehmens dienen. Häufig sind dies auf der privaten Vermögensebene kurzfristige Notfalltestamente, Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen. In einer Abwehrsituation ist der Einsatz dieser Notfallmaßnahmen oft der einzig verbleibende und deswegen richtige Weg.

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Beate Schemann, Wealth Planning, Bank Julius Bär Deutschland AG

 

Foto: Julius Bär Deutschland

Rein reaktives Handeln spricht jedoch erfahrungsgemäß gegen das Naturell vieler Entscheider. Sie bevorzugen eine langfristige und umfassende Vermögensplanung als präventives und stabilisierendes Instrument für Familie und Unternehmen. Um Unternehmen und Vermögen krisenfest zu machen, müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt und unterschiedliche Szenarien durchgespielt werden.

 

Die langfristige Vermögensplanung muss ausreichend Spielraum bieten, damit sie auch kurzfristig an ungeplante Situationen angepasst werden kann. Keine einfache Aufgabe angesichts der Tatsache, dass private Interessen regelmäßig wechselseitig mit denen des Unternehmens verknüpft sind und wie in einem „Schaltplan“ aufeinander reagieren.

Krisenszenarien: Was wäre, wenn?

Oft wird erst in Krisensituationen die Notwendigkeit einer langfristigen Vermögensplanung offensichtlich. In stabilen Zeiten kann eine „Szenarienanalyse“ helfen, die notwendigen vorsorglichen Regelungsbereiche zu erkennen.

Voraussetzung für die Szenarienanalyse ist eine Bestandsaufnahme zu Fragen des Eigentums, der Zugriffsmöglichkeiten, des Versorgungspotentials, der bestehenden Verpflichtungen und zu den damit verbundenen Risiken. Ansatzpunkt für die Bestandsaufnahme ist die private Vermögensbilanz. Sie beinhaltet das Verhältnis von liquiden zu illiquiden Vermögensbausteinen und die Vermögensaufteilung auf einzelne Anlageklassen sowie zwischen den Ehepartnern oder innerhalb der Familie. In diesem Zusammenhang kann auch eine detaillierte Finanzplanung ratsam sein, die die finanziellen Bedürfnisse, etwa die Deckung der Lebenshaltungskosten, aller Familienmitglieder einbezieht.

Auf dieser Grundlage lassen sich verschiedene Szenarien durchspielen und deren Auswirkungen vor Augen führen. Ziel dabei ist es, Antworten auf die wesentlichen Fragestellungen finden: Wer führt mein Unternehmen im Notfall? Sind dafür die richtigen Maßnahmen getroffen? Wie stelle ich die finanzielle Versorgung meiner Familie in schwierigen Zeiten sicher?

Langfristige Ziele definieren

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Hendrik Kuhl, Wealth Planning, Bank Julius Bär

Deutschland AG

 

Foto: Julius Bär Deutschland

Parallel zur Planung der Krisenbewältigung sollten Fragen der langfristigen Vermögensziele beantwortet werden:

 

  • Wer soll mein Unternehmensnachfolger sein?
  • Wie erreiche ich eine gerechte Vermögensverteilung innerhalb der Familie?
  • Ist damit auch die Versorgungssituation der Familienmitglieder gesichert?
  • Wie schütze ich Vermögensteile vor ungewolltem Zugriff oder übermäßigem Verbrauch?
  • Welche Abreden und Vereinbarungen innerhalb der Familie sind notwendig, um einen Konsens über die Vermögensverwendung zu erzielen?
  • Wie verbinde ich persönliche und unternehmerische Ziele?

Fallbeispiel: Unternehmensnachfolge

Der verwitwete Unternehmer Gustav führt als Geschäftsführender Gesellschafter ein erfolgreiches Handelsunternehmen in Form einer Kapitalgesellschaft. Sein älterer Sohn Max hat sich in seiner Funktion als Leiter des Einkaufs im Unternehmen bewährt. Aufgrund seiner Leistungen drängt er auf eine Position als Geschäftsführer im Familienunternehmen. Auch die Beteiligung an der Gesellschaft empfindet er als überfällig. Der jüngere Sohn Paul ist am Unternehmen nicht interessiert und hat bisher mehr mit exklusiven Sportwagen und Urlauben als mit beruflichen Erfolgen auf sich aufmerksam gemacht.

Die vergangenen Jahre haben Gustav viel Kraft gekostet. Er will sich daher sukzessive aus der operativen Geschäftsführung zurückziehen und seine private Vermögenssituation besser für die Zukunft ausrichten. Er beginnt mit einer Vermögensbestandsaufnahme und macht sich über seine übergeordneten Vermögensziele Gedanken: Er möchte die Unternehmensnachfolge mit Max voranbringen und beide Söhne finanziell gleichermaßen versorgt wissen. Er will sicherstellen, dass er eine gerechte Vermögensverteilung erreicht, um keinen Streit hervorzurufen. Gleichzeitig weiß Gustav, dass er einen notwendigen Dispositionsrahmen für Paul schaffen muss. Er plant daher, 49 Prozent der Anteile an Max zu übergeben und ihm die Geschäftsführung zu übertragen. Paul soll als passiver Gesellschafter 25 Prozent erhalten. Bei Gustav verbleiben zunächst 26 Prozent.

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Von seinem Steuerberater lässt er eine steuerliche Bewertung des operativen Unternehmens vornehmen, der das vereinfachte Ertragswertverfahren anwendet. Die Krise hat sich auch auf die Absatz- und Ergebnisentwicklung ausgewirkt, weshalb der nachhaltige Ertrag deutlich unter den Vorjahren liegt. Der ermittelte Ertragswert ist deswegen ebenfalls geringer, was sich positiv auf die schenkungsteuerliche Bemessungsgrundlage auswirkt. Auch der Verwaltungsvermögenstest verläuft positiv. Der Übertragungszeitpunkt erscheint also aus Bewertungssicht und im Hinblick auf die zu leistende Schenkungsteuer günstig. 

Sein Steuerberater weist Gustav allerdings darauf hin, dass vor dem Hintergrund des Krisenszenarios verstärkt auf die Einhaltung der für die Verschonungsregelungen maßgeblichen Mindestlohnsummen und Behaltensfristen zu achten ist. Glücklicherweise ist das Unternehmen wieder so stabil, dass Veränderungen des Personalbestandes und damit der Lohnsumme nicht notwendig erscheinen.

Versorgungssicherheit herstellen

Schließlich richtet sich der Blick auf die Versorgungssicherheit von Gustav und den Söhnen. Dazu lässt Gustav eine Finanzplanung erstellen. Aus dieser wird deutlich, dass seine Lebenshaltungskosten bei dem Rückzug aus der Geschäftsführung und dem Wegfall der entsprechenden Bezüge nicht mehr gedeckt sind. Bisher benötigte er keine Ausschüttungen aus dem Unternehmen, was sich jedoch nun ändert. Auch Paul muss mit Ausschüttungen seinen notwendigen Lebensbedarf decken können, was Max nicht gefällt. Er plant, künftige Gewinne zu thesaurieren, um anstehende Investitionen im Unternehmen vorzunehmen und die Marktfähigkeit erhalten zu können. Er sieht die Gefahr, dass er sonst Personal abbauen muss und damit die steuerlich notwendigen Lohnsummen nicht halten kann.

Der Anwalt von Gustav hört von dem Disput und empfiehlt, Vorschriften in den Gesellschaftsvertrag aufzunehmen, die eine Mindestausschüttung für die Minderheitsgesellschafter regeln. Gleichzeitig schlägt er die Aufsetzung einer Familienverfassung vor, die auch regelt, dass der Lebensunterhalt von Gustav und Paul mit den Gewinnausschüttungen finanziert werden soll. Paul merkt dabei zu Recht an, dass er im Übrigen bei der Vermögensnachfolge mit 25 Prozent am Unternehmen am schlechtesten gestellt ist.

Um eine gerechte Vermögensverteilung zwischen den Söhnen zu erreichen, schlägt der Anwalt unter Berücksichtigung von Pauls Lebensstil vor, Kapitalvermögen zu Lebzeiten unter Vorbehalt des Nießbrauches der zukünftigen Kapitalerträge zu übertragen. Die Schenkung soll zudem mit weiteren Auflagen versehen werden. Der Anwalt erläutert Gustav, dass dieser damit nicht nur seinen eigenen Lebensunterhalt weiter sichern kann, sondern auch bewirkt, dass Paul das Vermögen nicht verschwendet. Nach Versterben von Gustav soll Paul zusätzlich das Familienheim im Wege eines Vermächtnisses zugesprochen werden. Der Steuerberater bestätigt die Vorteilhaftigkeit beider Maßnahmen.

Gustav erklärt sich mit allen Vorschlägen einverstanden und lässt zum Abschluss der Planungen sämtliche Vollmachten und sein Testament auf die neue Vermögenskonstellation anpassen.

Kausalketten beachten

Das Fallbeispiel zeigt die starken Verknüpfungen der privaten und unternehmerischen Vermögensebene und daraus resultierende mögliche Konflikte innerhalb der Familie. Es wird deutlich, dass nicht nur bei den Planungszielen Kompromisse notwendig sind, sondern auch die Planungsinstrumente unter Berücksichtigung aller Faktoren ausgewählt werden müssen. Damit ist nach dem Modell des „Schaltplans“ immer zu hinterfragen, welche Themenkreise betroffen sind, wenn bei Planungsmaßnahmen einzelne Schalter umgelegt werden.