Donnerstag, 13.06.2019
Gastbeitrag von Stefan Klemm und Philipp Bierl

Family Offices neu interpretiert

Family Offices investieren zunehmend auch direkt in mittelständische Unternehmen. Dadurch entstehen eine neue Klasse quasistrategischer Investoren und ein neuer Nukleus für generationsübergreifendes Unternehmertum.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Das Thema „Direktbeteiligungen“ im Kontext von Familienunternehmen hat über die vergangenen Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die alteingesessenen deutschen Unternehmerfamilien betreiben seit Jahrzehnten parallel zu den M&A-Abteilungen ihrer operativen Firmen professionell organisierte Family Offices. Immer mehr Familien mit Unternehmen in der Größenklasse ab etwa 250 Millionen Euro Jahresumsatz kommen hinzu. Noch vor 15 Jahren vertraute man die freie Liquidität in erster Linie den Wealth-Management-Abteilungen spezialisierter Großbanken an. Die darauffolgende „Trendwelle“ der Leveraged Buy-outs bescherte den Fonds der Pioniere in dem Geschäft Renditen jenseits der 20 Prozent p.a.

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Philipp Bierl ist Doktorand am Institut für Familienunternehmen an der WHU.

 

Foto: WHU

Nach einigen Jahren standen jedoch immer mehr „Me too“-Fonds einer quasi konstant bleibenden Zahl von möglichen Akquisitionsobjekten gegenüber. Dies verteuerte die Kaufpreise zunehmend und machte mit strengeren Eigenkapitalvorschriften bei den Banken das Geschäftsmodell wirtschaftlich unattraktiver. Viele Unternehmerfamilien haben in der Folge begonnen, eigene Family Offices aufzubauen und in Direktbeteiligungen zu investieren.


Vom Unternehmer zum Investor

Single Family Offices verwalten meist Kapital im unteren bis mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Der Studie „Family Office, Family Equity und Private Equity“ des Instituts für Familienunternehmen an der WHU Otto Beisheim School of Management zufolge existieren in Deutschland etwa 350 bis 450 Single Family Offices, von denen etwa 100 in unternehmerische Direktbeteiligungen investieren – Tendenz klar steigend. Hauptgrund hierfür ist nicht zuletzt die Notwendigkeit zur unternehmerischen Wertschöpfung, wenn das zugrundeliegende Vermögen generationsübergreifend erhalten werden soll.

Die aktuelle Forschung zeigt aber auch einen Wahrnehmungs- und Mentalitätswandel auf. „Bisher wurde der Verkauf des Familienunternehmens weitläufig als Scheitern der Unternehmerfamilie bewertet. Diese Sichtweise hat sich in den vergangenen zehn Jahren und mit dem Generationswechsel sukzessive rationalisiert“, sagt Prof. Nadine Kammerlander vom Institut für Familienunternehmen an der WHU. Aus Sicht des Unternehmens kann der Verkauf eine verantwortungsgerechte Entscheidung für das Unternehmen, die Mitarbeiter und das unternehmerische Vermächtnis darstellen. Der Endpunkt einer Ära kann dabei zugleich der Startpunkt eines neuen unternehmerischen Zyklus sein.

Im Rahmen aktueller Forschungen hat Philipp Bierl relevante Transaktionen mit Beteiligung von Familienunternehmen zwischen 2005 und 2018 analysiert. Demnach nehmen sowohl die Verkäufe von Familienunternehmen als auch die Bewertungsniveaus sukzessive von Jahr zu Jahr zu. Hauptgründe hierfür sind häufig fehlende Nachfolger, nicht zukunftsfähige Geschäftsmodelle, ein substantieller Re-Investitionsbedarf, aber auch das positive Transaktionsumfeld – verstärkt durch das anhaltende Niedrigzinsumfeld.

Die verkaufenden Unternehmerfamilien agieren nach dem Unternehmensverkauf zunehmend als Familieninvestoren. Aus 70 zwischen 2009 und 2018 beobachteten Verkäufen von Familienunternehmen mit einem Gesamtvolumen von rund 26 Milliarden Euro konnten 56 Unternehmerfamilien (80 Prozent) identifiziert werden, die nach dem Verkauf zweistellige Milliardenbeträge in unternehmerische Direktbeteiligungen reinvestierten. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der Studie über Single Family Offices der WHU, wonach 65 Prozent der UnterStefan Klemm ist Gründer und Betreiber des Entrepreneurs Clubs. Foto: Entrepreneurs Club Philipp Bierl ist Doktorand am Institut für Familienunternehmen an der WHU. Foto: WHU Ju l i 2 0 1 9 wir_vermögensnachfolge 22 nehmerfamilien nach einem Verkauf in unternehmerische Direktbeteiligungen reinvestieren.

Netzwerke sorgen für Dealflow

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Stefan Klemm ist Gründer und Betreiber des Entrepreneurs Clubs.

 

Foto: Entrepreneurs Club

Single Family Offices stehen jedoch Herausforderungen gegenüber. Aktuell sehen wir im Markt, dass wenigen Hundert relevanten Targets pro Jahr mindestens zehnmal so viele potentielle Käufer gegenüberstehen. Während der vergangenen Jahre sind vor allem strategische Käufer aus dem asiatischen Ausland hinzugekommen. Marktchancen etwa in China erlauben es diesen Investoren, deutlich höhere Preise zu bezahlen als das deutsche Family Office, das ein Renditeobjekt sucht.

 

Zudem sind vor allem neue Family Offices relativ unbekannt gegenüber dem früheren, sehr bekannten Kernunternehmen. Der Zugang zu qualifiziertem Dealflow und idealerweise Kaufchancen außerhalb internationaler Auktionen sind daher kritische Erfolgsfaktoren, um im kompetitiven Marktumfeld als Single Family Office eine Chance zu haben.