Donnerstag, 16.08.2018
Gastbeitrag von Beate Schemann

Fahrplan für die langfristige Vermögensnachfolge

Jedes Familienunternehmen ist anders, genauso wie die Familie, die dahintersteht. Daher müssen auch die einzelnen Bausteine der Vermögensnachfolge individuell ausfallen – und Raum für Flexibilität und Änderungen auf den drei Ebenen Unternehmen, Familie und Zeit lassen.

Ein Großteil des Vermögens von Familienunternehmern ist im Regelfall im Unternehmen selbst gebunden. Entnommen wird oft nur das, was dazu dient, die Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Unternehmerisch nicht gebundenes Vermögen zu schaffen wird von den Unternehmern oft vernachlässigt. Dies geht zu Lasten der Eigenvorsorge für das Alter – ein Aspekt, der Abhängigkeiten schafft und oft auch eine der Ursachen für Verzögerungen bei der Unternehmensnachfolge ist: Denn wenn die eigene wirtschaftliche Existenz in hohem Maße vom wirtschaftlichen Erfolg des Nachfolgers abhängig, hemmt das die Bereitschaft der Unternehmer, rechtzeitig das Staffelholz zu übergeben.

Im Alter abgesichert?

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Beate Schemann ist Expertin für Wealth Planning bei der Bank Julius Bär Europe AG.

 

Foto: Bank Julius Bär Europe

Wie wichtig langfristige Vermögensübergabestrategien sind, zeigt sich nicht zuletzt seit der Neuregelung der Verschonungsabschläge für begünstigtes Vermögen durch die Erbschaftsteuerreform 2016. Die Möglichkeit, die Verschonungsregelungen zu nutzen oder zu optimieren, setzt voraus, dass die Betroffenen sich rechtzeitig über wichtige Aspekte Gedanken machen. Dazu gehören die interfamiliäre Vermögensverteilung, der sukzessive Vermögensübergang unter Ausnutzung der Zehnjahresfristen oder die getrennte Übergabe von begünstigtem Betriebsvermögen und nicht begünstigtem Privatvermögen. Tatsächlich aber steht oft die Bestandssicherung des Unternehmens im Fokus. Der Aufbau der Familienvermögensvorsorge kommt zu kurz. Das kann gerade bei jüngeren Familien bei Notfallsituationen zu existentiellen Problemen führen.

 

An ausgewogene Vermögensstrukturen zu denken ist also auch für die Unternehmensnachfolge wichtig. Bei der Konzeption eines Fahrplans für die Vermögensnachfolge müssen auch die Struktur der Familie und ihre Entwicklung berücksichtigt werden. Je mehr Akteure es hier gibt, desto komplexer wird die Planung. Nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Unternehmerfamilien werden immer internationaler; Familienmitglieder sind heute in der ganzen Welt verteilt, was Kommunikation und Entscheidungsfindung in den Familien erschwert. Neben den notwendigen ablauforganisatorischen Anpassungen gilt es auch, die Auswirkungen unterschiedlicher Rechts- und Steuerregimes zu beachten. Haben erbrechtliche Anordnungen oder ehevertragliche Regelungen noch Bestand, wenn der Gesellschafter ins Ausland zieht? Wie können Wegzugsbesteuerungstatbestände vermieden werden? Dass Sachverhalte wie diese sich unmittelbar auf die Vermögenssphäre auswirken oder Anpassungen erfordern können, zeigt das folgende Beispiel:

Die Tochter B von Unternehmer M studiert in England und lernt dort den Deutschen P kennen und lieben. Nach Abschluss des Studiums wollen die beiden in England heiraten. Tochter B ist bereits Anteilsinhaberin des Familienunternehmens. Vater M will gesichert wissen, dass das Familienvermögen inklusive zukünftiger Vermögenszuwächse im Familienstamm verbleibt und besteht daher auf dem Abschluss eines Ehevertrages. In den Gesprächen mit seinen rechtlichen Beratern erfährt er: Für die Rechtssicherheit der Vereinbarung sind auch Formvorschriften und Prozessabläufe einzuhalten, da der Vertrag – unabhängig von der deutschen Staatsangehörigkeit der zukünftigen Ehepartner – nach dem Recht beider Länder wirksam sein muss. Nach englischem Recht müssen beide unabhängigen Rechtsrat erhalten, sich gegenseitig die Vermögens- und Einkommensverhältnisse offenlegen, und der Ehevertrag muss mindestens einen Monat vor Eheschließung unterzeichnet werden.

 

Praktisch bedeutet das: Die Unternehmer müssen sich der gestiegenen Komplexität auf Ebene der Familie stellen. Das gelingt nur, wenn frühzeitig alle Beteiligten in die Prozesse eingebunden werden. Hierbei sitzen zwei und manchmal drei Generationen an einem Tisch, die im Hinblick auf ihre inneren Antreiber, ihre Kommunikation und ihre Werte sehr unterschiedliche Prägungen haben. Dem muss Rechnung getragen werden.

Vergangenheit greift in die Zukunft

Soll ein Fahrplan für die Vermögensnachfolge aufgestellt werden, muss zu Beginn eine umfassende Bestandsaufnahme durchgeführt werden. Zunächst fällt der Blick auf die Unternehmensebene, dann folgt die Analyse des Privatvermögens mit allen Vorsorgebausteinen. Wichtig ist es hierbei, auch Notfallsimulationen durchzuführen, um bei Bedarf rechtzeitig die Privatisierung von Teilen des Unternehmensgewinns zu berücksichtigen. Nur so wird die Versorgung der Familie unabhängig von der Entwicklung des Unternehmens gesichert.

 

Bei der Bestimmung des Status quo müssen häufig auch Entscheidungen der Vergangenheit berücksichtig werden, die den Handlungsspielraum in der Gegenwart beeinflussen. Das Beziehungsgeflecht von Vermögen, Familie und Unternehmen wird bei Unternehmerfamilien durch eine Vielzahl von Verträgen geregelt. Jeder einzelne dieser vor Jahren oder sogar Jahrzehnten geschlossenen Verträge entspricht den zum Zeitpunkt der Erstellung relevanten persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Bei wesentlichen Veränderungen der Rahmenbedingungen können diese Verträge zum Teil unerwünschte Bindungswirkungen entfalten oder gar ihre Wirksamkeit verlieren. Daher heißt es, rechtzeitig Anpassungsnotwendigkeiten zu erkennen, wie im folgenden Fall:

 

Unternehmer M hat seinem Sohn F vor Jahren 50 Prozent an der M GmbH übertragen. Im Gegenzug hat F dafür im Rahmen eines Pflichtteilsverzichtsvertrages auf seinen Pflichtteil am Nachlass des Vaters verzichtet. Nach dem Ausscheiden aus der aktiven Tätigkeit aus dem Unternehmen beschließt M, mit seiner Ehefrau in das bislang als Ferienimmobilie genutzte Haus in Spanien zu ziehen – und ist überrascht, als seine rechtlichen und steuerlichen Berater ihn nicht nur zum Thema Wegzugsbesteuerung beraten, sondern auch das Thema Wirksamkeit des Pflichtteilsverzichts aufgreifen. Er erfährt, dass sich das auf den Nachlass anzuwendende Erbrecht nach dem letzten gewöhnlichen Aufenthalt des Erblassers richtet (Art. 20 ErbVO). Sein Nachlass würde also grundsätzlich spanischem Erbrecht unterliegen. Dort allerdings ist das Rechtsinstitut Pflichtteilsverzicht unbekannt, und es besteht zumindest eine Rechtsunsicherheit für die Wirksamkeit des Vertrages. Seine Berater empfehlen ihm, eine Rechtswahlklausel in seinem Testament aufzunehmen, nach der im Falle seines Versterbens deutsches Erbrecht zur Anwendung kommen soll. M folgt dem Rat und setzt ein neues Testament auf, um Unternehmens- und Vermögensnachfolge gleichermaßen sicherzustellen.