Freitag, 14.09.2018
Fokus_Next generation

Verena Bahlsen: Im Namen des Urgroßvaters

Verena Bahlsen hatte in ihrer Jugend wenig Berührungspunkte mit dem Familienunternehmen. Ein Faible für die Lebensmittelindustrie entwickelt sie dennoch und begibt sich mit dem Projekt HERMANN’S auf Wege, die schon ihre Vorväter mit dem Unternehmen gingen.
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Teil des Konzerns, aber irgendwie auch nicht: Verena Bahlsen sucht unter dem Dach von Bahlsen nach Innovationen in der Lebensmittelindustrie. Ihr Projekt HERMANN'S ist eine Hommage an den Unternehmensgründer.

 

Foto: Bahlsen

Heritage ist ein Wort, das Verena Bahlsen oft und gern benutzt. Zu Deutsch: Erbe, Tradition, Verpflichtung. Man müsse wissen, wo man herkomme, für was man stehe, wie man verwurzelt sei. Ganz im Sinne dieses Spirits trägt das Start-up, das sie 2017 unter dem Dach der Bahlsen-Gruppe gründete, den Namen „HERMANN’S“. Dieser ist eine Hommage an ihren Urgroßvater, Hermann Bahlsen, der das Unternehmen 1899 gegründet hat. „Historisch gesehen, hat die Firma mit jedem Vorfahren von mir dank guter, neuer Ideen einen Wachstumsschub erfahren. Deswegen soll unser Projekt genau für das stehen: findig im Finden sein“, erklärt die 25-Jährige. Hermann Bahlsen sei kein Bäcker gewesen, sondern ein Reisender, der Ideen aus aller Welt in die Gründung des Unternehmens einfließen ließ.

Denn genau darum geht es Verena Bahlsen und Mitgründerin Laura Jaspers: Ideen im Lebensmittelmarkt zu finden. Der Startschuss dazu fiel in England. Jaspers, die bei Bahlsen im Marketing UK arbeitete, teilte die Leidenschaft zur Food-Innovation mit Verena Bahlsen, die ihrerseits in London und New York Kommunikation und Management studierte. Heute suchen sie gemeinsam nach neuen Entwicklungen rund ums Essen, die bis dato niemand gefunden hat. „Wir sehen auf der Welt eine neue Bewegung aus Start-ups, Restaurants und Kulturschaffenden, die eine noch nicht bekannte Kultur um Food herumbauen“, sagt Bahlsen. Aber: „Wir konnten diese Trends nicht zusammenbringen mit dem, was wir in Hannover kennen. Nicht weil Bahlsen spießig ist, sondern weil es zwei komplett verschiedene Welten sind. So fühlt es sich zumindest an.“

Als hundertprozentige Tochter des Bahlsen-Konzerns, der 2.830 Mitarbeiter beschäftigt und im Jahr 2017 einen Umsatz von 559 Millionen Euro erwirtschaftete, soll HERMANN’S der traditionellen Industrie – also auch der Konkurrenz von Bahlsen – einen Zugang zu Innovatoren im Markt liefern.

„Wir können Investmenttargets ausfindig machen. Und screenen, wer weltweit im Rennen um die besten Lebensmittel – beispielsweise ohne Zucker – vorangeht“, erklärt Verena Bahlsen. Durch den Verkauf dieser Expertise solle sich das Projekt, das seit seiner Gründung komplett vom Konzernbudget lebt, auf lange Sicht monetisieren.

Wer bei dieser Arbeit an schnödes Networking in Büros denkt, der ist bei HERMANN’S an der falschen Adresse. In der angesagten Torstraße mitten in Berlin kann man sich die gefundenen Trends sprichwörtlich auf der Zunge zergehen lassen. 15 der 25 Mitarbeiter von HERMANN’S arbeiten im Restaurant, das neben der Online-Plattform zum Konzept des jungen Unternehmens gehört. Auf der Speisekarte finden sich beispielsweise Quinoa, Algen oder auch Mehl aus Okara, ein Nebenprodukt, das bei der Herstellung von Sojamilch anfällt. „Hier können wir das, was unsere Innovatoren und Partner entwickeln, an einem Early-Adopter-Konsumenten ausprobieren“, erklärt die Gründerin.

Zum Unternehmen finden

Verena Bahlsen geht in ihrer Arbeit auf und steht mit unbändiger Energie hinter HERMANN’S. Dass sie im Familienbetrieb Ziele verfolgt und an der Zukunft der Ernährung bastelt, war nicht abzusehen. Denn ihr Vater Werner Bahlsen hat sie und ihre drei Geschwister lange aus dem Unternehmen herausgehalten. Auch er hat sein „Heritage“, das ihn allerdings anders geprägt hat. Er ist mit dem Unternehmen Bahlsen aufgewachsen. Der jahrelange Streit unter den drei Geschwistern nach dem Tod des Vaters gipfelte 1999 in der Dreiteilung des Konzerns. Danach führte Werner Bahlsen den „Süßbereich Bahlsen“ knapp 20 Jahre bis Mitte 2018. Mit seinem Rückzug aus der operativen Führung in den Verwaltungsrat, in dem auch Verenas Bruder Johannes sitzt, gibt es jetzt keinen Vertreter der Familie Bahlsen mehr im Management-Board.

Bis vor fünf Jahren wusste Verena mit dem Familienunternehmen gar nichts anzufangen. „Meine drei Geschwister und ich sind separat vom Unternehmen aufgewachsen“, blickt die 25-Jährige zurück. „Ich bin, bis ich 15 war, in Hannover gewesen, aber mein Vater sprach fast nie über die Firma. Beim Abendessen war Bahlsen kein Thema, und ich war kaum im Stammhaus.“ Ihr Vater machte seine Sprösslinge zwar vor Jahren zu Gesellschaftern und schenkte ihnen aus steuerlichen Gründen Anteile am Unternehmen, aber darüber hatte er mit seinen Kindern nicht gesprochen. „Ich hab mehr aus der Zeitung erfahren als von ihm“, sagt seine Tochter. „Ich glaube, dass er das bewusst getan hat, um uns die Chance zu geben, in Ruhe und ohne Druck aufzuwachsen.“ Verena begann sich erst für das zu interessieren, was ihr Vater zwei Jahrzehnte lang gemacht hatte, nachdem dieser die Familie zusammentrommelte: Im Rahmen einer Familien- und Zukunftsstrategie mit Blick auf das Ausscheiden des Vaters sollte erörtert werden, wie sich Familie und Unternehmen in den kommenden Jahrzehnten strategisch aufstellen sollen. „Unser Vater nimmt uns seit drei, vier Jahren mit zu den Workshops der Berater, und wir tauschen uns über das aus, was wir wollen und was wir erwarten, wie wir unsere Rolle als Gesellschafter sehen, wie der Verwaltungsrat aussehen soll und was er entscheiden darf.“

Ausbrechen aus altem Geschäftsmodell

Ein Ergebnis der Strategieworkshops war der Startschuss für HERMANN’S. Beim Brainstormen und bei der konkreten Planung begegneten sich Vater und Kinder auf Augenhöhe, beteuert Verena Bahlsen. „Generationenklischees passen nicht ins Unternehmen.“ Werner Bahlsen leitet die neu gegründete Innovationsdivision Bahlsen TET Ventures, unter die auch HERMANN’S fällt. Er sei in seiner neuen Aufgabe so beschäftigt wie zuvor, meint seine Tochter. „Alle bei uns sagen, die Hauptcharakteristik meines Vaters ist, dass er neugierig ist. Er liebt es, Neues zu sehen, neue Firmen kennenzulernen.“ Die Entwicklungen in der Innovationsdivision, die nicht ans Bahlsen-Board, sondern an den Verwaltungsrat berichtet, zeigen: Bahlsen meint es ernst mit den neuen Geschäftsmodellen. Nach der Mehrheitsübernahme schlüpfte der dänische Fruchtriegelhersteller RAWBITE unter das Dach des neuen Arms des Konzerns.

Info

HERMANN’S – Bahlsens Innovationsvehikel

Am 1. Juni 2017 wurde HERMANN’S in der Berliner Torstraße offiziell eröffnet. Die Gründerinnen Verena Bahlsen und Laura Jaspers wollen die Trends der Lebensmittelindustrie erforschen und erlebbar machen. Zur Berliner Event-Location mit Restaurant gehört auch eine Online-Plattform, auf der traditionelle Industrie und Food-Innovatoren zusammenfinden sollen. Die Vermittlung von Playern und der Verkauf von Expertise sollen das Projekt langfristig wirtschaftlich machen. HERMANN’S läuft seit der Gründung unter der Innovationsdivision Bahlsen TET Ventures und gehört vollständig zum Bahlsen-Konzern. HERMANN’S beschäftigt 25 Mitarbeiter.

In Berlin gründet Bahlsen TET Ventures aktuell ein zweites Start-up mit dem Namen „Kitchentown“. Die Idee, die aus den Vereinigten Staaten stammt, setzt im Entwicklungsprozess einen Schritt nach HERMANN’S an: Lebensmittel-Start-ups können sich über einen flexiblen Zeitraum im Standort einmieten und ihre Produktion in großem Stil starten. „Es löst ein ganz praktisches Problem für die Innovationslandschaft und die Start-up-Welt: Wie komme ich über die Hürde, wenn ich mehr Volumina produziere, als eine Manufaktur schafft, aber nicht losgehen will und eine eigene Fabrik bauen möchte?“, erklärt Verena Bahlsen. Den jungen Unternehmen werden hier nicht nur Produktions- oder Verpackungsressourcen bereitgestellt, sondern sie erhalten auch Unterstützung beim Aufbau von Vertriebskanälen, Logistik und Qualitätsmanagement.

Vertrauen und Fingerspitzengefühl

Was Kitchentown und HERMANN’S eint: Bahlsen legt Wert darauf, dass die Start-ups unabhängig vom Mutterkonzern agieren und sich ihre eigene Marke aufbauen. Doch so stringent kann HERMANN’S noch nicht handeln. „Wir sind Teil der Altindustrie“, ist Verena Bahlsen ehrlich. Bei der Beziehung zu Innovatoren spiele es durchaus eine Rolle, dass Bahlsen ein Familienunternehmen mit Tradition und Geschichte sei. „Das Erbe unseres Familienunternehmens hilft in der Ansprache und Kommunikation mit den Gründern.“ 

Gleichzeitig müsse man das Vertrauen der großen Lebensmittelhersteller und eben auch der Wettbewerber gewinnen: „Wir können Oetker beispielsweise nicht die Zukunft von Mehl verkaufen, wenn die denken, dass wir die spannendsten Innovationen intern an den Bahlsen-Konzern weiterleiten“, bringt Verena Bahlsen die Krux auf den Punkt. Viel Fingerspitzengefühl und Selbstreflektion ist nötig, um den Spagat zwischen Konzerntochter und Unabhängigkeit zu meistern. Mit Kritikfähigkeit und Bedacht blickt Verena Bahlsen auch auf ihre Rolle als Geschäftsführerin von HERMANN’S: „Es braucht totale Egofreiheit und die Bereitschaft, immer wieder zuzugeben, dass man falsch liegt. Damit muss man schnell umgehen können, um nachzujustieren.“

Ob ihre Vorväter diese Selbstreflektion schon hatten? Klar ist, Verena Bahlsen besinnt sich in der Zukunftsstrategie auf das, was die Gründerväter ausmachte: raus in die Welt und Innovationen suchen. „Wir wollen unbedingt weitere Standorte schaffen. In Peking und New York zum Beispiel. HERMANN’S soll kein ‚ Berlin-Mitte-Ding‘ sein und mehr bieten als eine mitteleuropäische Diskussion über Lebensmittel.“ Food-Innovationen passieren in Nischen irgendwo auf der Welt. Und egal welche Neuerungen gefunden werden, Verena Bahlsen probiert sie natürlich aus: „Ich gehe beim Kochen gern auf Entdeckungstour. Zurzeit kombiniere ich Neues am liebsten mit Pancakes.“

Zweifellos weiß Verena Bahlsen mittlerweile, was es bedeutet, wenn sie über ihr Heritage spricht. Zum einen gilt es, immer den Weitblick zu behalten. Zum anderen steht der Nachname Bahlsen für klare Bestimmungen. Beispielsweise darf lediglich ein Familienmitglied operativ führend ins Unternehmen einsteigen. Aber auch nur dann, wenn er oder sie genug Erfahrungswerte dafür gesammelt hat. Darüber macht sich die 25-Jährige im Moment keine Gedanken und steckt ihre Energie ins Projekt HERMANN’S. Die Pläne für die Zukunft? „Wege finden, ein Trüffelschwein zu sein.“