Mittwoch, 03.06.2020
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Textilbranche und Corona: Wider die Rabattschlacht

Die Textilbranche hat durch die Corona-Krise schwer zu kämpfen. Saisonale Waren bleiben in Lagern liegen, Mietzahlungen drücken die Bilanzen, und vielen Playern bleibt der Zugang zu Krediten verwehrt. Welche Lösungen schweben betroffenen Unternehmern wie Daniel Terberger und Christian Dierig vor? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sie aus der Krise eine Chance machen?
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Welcher Stoff soll es sein? Die Coronakrise zwingt die Händler zu neuen Blickwinkeln.

 

Foto: SL_Photography / iStock / Getty Images Plus

Batik-Kleider und Radlerhosen gehören zu den Textilien, die im Frühjahr 2020 als heiße Trends für die kommenden Monate angepriesen werden. Doch Stöbertouren durch Bekleidungsgeschäfte fallen einstweilen aus: Wegen des Corona- Lockdowns müssen Mitte März auch die Modehäuser zusperren. Also sitzen die Einzelhändler mehrere Wochen lang auf prall gefüllten Lagern voller Saisonware, die möglichst schnell unters Volk sollte und sich jetzt allenfalls online absetzen lässt. Was nun?

Veraltete Muster

Auf der Suche nach Lösungen scheinen sich überraschende Chancen aufzutun: So könnte die Zwangspause für die Branche eine Gelegenheit sein, um aus einem ohnehin als unsinnig erkannten Muster auszubrechen. Denn bislang flutet sie den Markt mit Sommerkleidung immer schon, wenn es für so leichte Stoffe noch viel zu kalt ist, weshalb die Produkte vielfach zunächst in den Geschäften ausharren müssen: So richtig erwacht die Kauflust der Kunden eben erst, wenn es wirklich wärmer wird. Dann allerdings purzeln auch schon die Preise, denn aus Verkäufersicht haben die Textilien bereits zu lange herumgelegen. Obendrein wird im Hochsommer wieder Platz gebraucht: für die neu eingetroffene Winterware, mit der das verdrießliche Spiel dann gleich wieder von vorne beginnt.

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Christian Dierig ist Sprecher des Vorstands der Dierig Holding AG. Er vertritt die siebte Generation in dem Textil- und Immobilienkonzern, der 2019 mit 187 Mitarbeitern 58,7 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete. 70,13 Prozent der Dierig-Aktien liegen bei der Textil-Treuhand GmbH, in der die Familie ihre Anteile bündelt, die übrigen befinden sich in Streubesitz.

 

Foto: Dierig Holding

Umso naheliegender scheint daher, was Ralf Schellenberger der Branche vorschlägt: Der Geschäftsführer des unterfränkischen Damenhosen-Herstellers Schera mit den Marken Rafaello Rossi und Seductive plädierte Ende März in einem Interview mit der TextilWirtschaft für ein „Textiles Bündnis 45“. Die Erklärung: Alle sollen nach der Wiedereröffnung so tun, als habe es die 40 bis 50 Schließungstage gar nicht gegeben. Was für die Hersteller bedeuten würde, dass sie ihren Abnehmern so lange Valuta gewähren und den Lieferstart für die Herbst/Winter-Ware entsprechend verschieben. Die Einzelhändler wiederum hätten alle ihre ohnehin schon geplanten Werbeaktionen weiter aufzuschieben. Und vor allem müssten sie darauf verzichten, nach dem Neustart die Kundschaft mit Rabattschlachten in ihre Häuser zu locken und so die Branche in potentiell ruinöse Preiskämpfe zu stürzen.

 

Doch ob sich Konkurrenten derartige Offensiven verkneifen, hängt nicht nur von Solidarität und Disziplin ab: Während große Designer wie Gucci und Armani von Entschleunigung nach der Krise mit weniger Kollektionen und Modeschauen predigen, standen andere Unternehmen schon vor der Zwangspause schwach da. Diese sind auf noch so magere Einnahmen angewiesen. Andreas E. Mach, Branchenkenner und Moderator einer Online-Gesprächsrunde des Unternehmer-Forums Alphazirkel zum Thema Zukunft der Textilindustrie, kann vorrechnen, wie die Durchschnittspreise für Hosen, Jacken oder Hemden seit Jahren gesunken sind. Eine Entwicklung, die der frühere Interims-CEO der Modehaus-Gruppe Wöhrl als „Zaraisierung“ umschreibt. Denn Anbieter wie die Modekette Zara verscherbeln für wenig Geld, was für ihre Kunden wie Designerkleidung aussieht, womit die ganze Branche unter Preisdruck geraten ist und sich in der Corona-Krise kaum Hoffnungen auf staatliche Finanzhilfe oder KfW-Kredite machen kann. Denn solche Stützen sind für Unternehmen bestimmt, die wirklich erst durch die Pandemie-Folgen in die Bredouille gekommen sind.

Beschleunigte Pleitewelle

In der Folge müssen die meisten Textileinzelhändler eher selbst zusehen, wie sie zum Beispiel die Miete für ihre geschlossenen Läden bezahlen. Lothar Schäfer, einer der drei Teilnehmer der Online-Runde und früher Vorstandsvorsitzender bei Adler, findet sich dabei in einer Doppelrolle wieder. Seit April 2019 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung bei Appelrath Cüpper. Damit leitet der 54-Jährige ein Unternehmen für Damenmode mit 16 Filialen und etwa 1.000 Beschäftigten, das Flächen vermietet, aber auch mietet. Im Gespräch mit den Branchenkollegen berichtet er, dass Appelrath Cüpper einige Vermieter um Stundung gebeten hat. Manche waren zuvor schon von sich aus gekommen, um ihm genau das anzubieten. Doch trotz solchen Entgegenkommens: Nur wenige Tage nach dem gestreamten Gespräch muss die Modekette Insolvenz in Eigenverwaltung beantragen. Zwar verbreitet die Führungsriege Zuversicht. Doch zugleich geht die Textilbranche mit deutschlandweit etwa einer Million Beschäftigten und etwa 150 Milliarden Euro Jahresumsatz durchaus davon aus, dass mancher Anbieter auf der Strecke bleiben wird.

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Daniel Terberger ist Vorstandsvorsitzender des ­Fashion-Dienstleisters Katag AG: Mit ihm steht nach zwei Fremdmanagern seit 2000 wieder ein Familienmitglied an der Spitze der 1923 gegründeten Firma. Katag erwirtschaftet einen Umsatz von knapp über 1 Milliarde Euro. Neben dem Großhandel bietet das Bielefelder Unternehmen Beratungs- und IT-Dienstleistungen an.

 

Foto: Katag

Das sieht auch Daniel Terberger so. Der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Fashion-Dienstleister Katag aus Bielefeld bezeichnet die Pandemie in der Alphazirkel-Diskussion als einen „Katalysator von Pleitewellen“. Der Familienunternehmer, in dritter Generation verantwortlich für eine Aktiengesellschaft mit einem Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2018, glaubt, dass je nach Szenario im Abschmelzprozess nicht mehr nur 1, sondern 10 Prozent der Unternehmen sterben könnten. Und: Erwischen werde es wegen der geringen Margen im Textilgeschäft auch Firmen, die eigentlich gut geführt worden seien. Das könnte einerseits einen Markt bereinigen, der bislang an einem Überangebot krankt, andererseits aber auch fatale Folgen haben, zum Beispiel verödende Innenstädte. Und einstweilen müssten sich Hersteller und Einzelhändler wenigstens einig werden, was aus nun doch nicht benötigten, aber schon produzierten Textilien werden solle. Nach Ansicht von Terberger müssen die Verluste „gerecht“ zwischen Industrie und Handel geteilt werden. Auch wenn es dabei um ein „Lose-Lose-Modell“ gehe.

 

Alte und neue Wege

 

Christian Dierig, Vorstandssprecher der Augsburger Dierig Holding – eines in siebter Familiengeneration geführten Textil- und Immobilienkonzerns mit einem Jahresumsatz von 58,7 Millionen Euro im Jahr 2019 –, sagt in der gleichen Runde: „Die Ware liegt ja bei uns, die können wir nicht zurück in die Webstühle schicken.“ Vielleicht könnten manche Frühjahrsartikel bis 2021 zurückgehalten werden, weil die Endkunden sie ja noch nicht einmal gesehen haben. Doch dass sich diese Linie tatsächlich durchsetzen wird, scheint ihm unwahrscheinlich. Seinen Mitdiskutanten Schäfer und Terberger geht es da ähnlich, weshalb sie wohlwollend an ein Konzept erinnern, das die Branche von 1909 bis 2004 disziplinierte: den vom Staat streng reglementierten Saisonschlussverkauf. Dazu kommt die Hoffnung auf „neue Geschäftsmodelle“, die mit mehr Qualität zu tun haben, und darauf, Kunden zu finden, die nicht nur auf möglichst niedrige Preise achten. Doch wie genau das funktionieren soll, blieb in der Runde weitgehend offen.

So attraktiv große, womöglich systemverändernde Lösungen wären – sie sind nicht sehr wahrscheinlich. Unterm Strich, da sind sich die drei Textilunternehmer einig, wird jeder auf eigene Faust mit der Krise fertig werden müssen. Mit ein paar Wochen Krisenerfahrung im Rücken und nach weiteren Gesprächen mit Branchenvertretern resümiert Andreas Mach: Überleben werde nur, wer „Einkaufserlebnisse“ schaffe. Und damit meint er nicht nur Einladungen zu Shopping-mit-einem-Gläschen-Sekt-Events, auf die in Schutzmasken-Zeit ohnehin niemand Lust habe. Er glaubt: Kunden wollten jetzt vor allem ein Sicherheitsgefühl, das sie zum Beispiel bekämen, weil sie in einem überschaubar großen und aufgeräumten Laden individuell umsorgt würden. Oder weil sie vom Modehändler ihres Vertrauens angerufen würden und anschließend Auswahlstücke für die Anprobe zu Hause geliefert bekämen. Außerdem, meint Mach, brauchten die Einzelhändler gerade jetzt Online-Auftritte, die nicht wie eine digitalisierte Warenfriedhof-Verkaufsfläche aussehen.

Zwar könne er sich staatliche Eingriffe vorstellen, die Verbraucher zu einem vermehrt auf Qualität ausgerichteten Konsum erziehen, etwa indem schwer abbaubare Billigtextilien stärker besteuert werden. Doch während Mach über solche Ideen sinniert, haben die Geschäfte Anfang Mai schon wieder aufgemacht – ohne dass sich etwa die Rückkehr zu reglementierten Saison-Schlussverkäufen konkretisiert hätte. In den ersten Tagen zählen die Läden 40 bis 60 Prozent weniger Kunden als zu Normalzeiten. Aber immerhin scheint die Rabattschlacht trotzdem erst einmal auszubleiben.