Montag, 09.09.2019
Fokus_Rendite und Teilhabe

Roland Arnold: A Schafferle

Roland Arnold baut mit seinem Unternehmen Paravan seit über 20 Jahren Autos behindertengerecht um. Für die Technologie, die hinter dem Steuerungssystem steckt, steht die Automobilindustrie Schlange. Wie wurde der Schwabe zu einem der gefragtesten Unternehmer in der Branche?
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Hinterm Steuer, in der Werkstatt: Roland Arnold in seinem Element.

 

Foto: Heinz Heiss

„Amma Zuaguggr isch koi Arbad zviel“, lautet eine schwäbische Weisheit, wörtlich: Einem Zusehenden ist keine Arbeit zu viel. Im tiefsten Süden benutzt man diesen Spruch um auszudrücken, dass Unbeteiligte meist die besten Ideen haben. Diese These passt auf den gelernten Kfz-Mechaniker Roland Arnold. Die Geschichte des Schwaben gipfelt darin, dass sich große nationale und internationale Automobilzulieferer um Arnold reißen, weil in seinem vergleichsweise kleinen Unternehmen der Schlüssel zum autonomen Fahren liegen könnte. 

Aber der Reihe nach. In den achtziger Jahren absolvierte Roland Arnold den Hauptschulabschluss und machte sich nach seiner Ausbildung im Jahr 1989 auf der Schwäbischen Alb, in der beschaulichen Gemeinde Pfronstetten-Aichelau, die zum Landkreis Reutlingen gehört, selbständig. In der Garage seiner früh verstorbenen Eltern startete der Mechaniker einen Ein-Mann-Reifenhandel mit Karosseriebau. Während der saisonschwachen Monate arbeitete Arnold in ganz Deutschland als Mähdrescherfahrer. Eine Zeit, in der er sich durchschlug, sagt der heute 53-Jährige.

Regnerischer Gründungsmythos

Nach fast acht Jahren Selbständigkeit hatte Arnold sein Schlüsselmoment, das ihn zum Umdenken anregte. Das Setting dafür stand Gründermythen wie bei Microsoft, Instagram oder mit mehr lokalem Flair bei Berner oder bei Rossmann in nichts nach: August 1996, eine Autobahnraststätte in der Nähe von Chemnitz, strömender Regen. Arnold tankt seinen Wagen und sieht, wie eine Frau sich damit abmüht, ihren querschnittsgelähmten Mann in ihr Auto zu heben. Nachdem der Reifenhändler zu Hilfe eilt, kommen die beiden ins Gespräch. Sie klagt, wie anstrengend das Reisen mit ihrem Mann sein kann.

Arnold lassen die Probleme der Frau keine Ruhe. Er informiert sich über die verschiedenen Formen körperlicher Beeinträchtigung, reist durch Deutschland, schaut sich Anbieter von Lenk- und Einstiegshilfen an, analysiert Markt und Zahlen. Eine maßgeschneiderte gute Lösung, Menschen wieder mobil zu machen, findet er nicht. Das geht doch besser, denkt sich der Mechaniker.

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Über ein halbes Jahr arbeitet er an einem Prototyp, der die guten Dinge verbinden soll, die Arnold bei den verschiedenen Wettbewerbern gesehen hat. Wie ein Besessener arbeitet er an seinen Ideen. In seiner Heimat würde man dafür das Wort „Schafferle“ benutzen. Jemand, der unermüdlich geschäftig ist und des Tüftelns nie müde wird. Die letzten zwei Wochen schließt Arnold sogar seine Werkstatt, um mit seinen drei Mitarbeitern das Projekt bestmöglich zu beenden.

Am Ende ist der Unterboden des umgebauten Chryslers zehn Zentimeter tiefer als bei der Konkurrenz. Das erleichtert es ungemein, mit einem Rollstuhl ins Auto zu kommen. Die Rampe verschwindet zudem im Unterboden. Dadurch steht sie nicht im Weg und tropft bei Regen nicht das Vehikel voll.

Risiko Einzelunternehmer

1997 lässt sich Arnold den Namen „Paravan“ ins Handelsregister eintragen. Ein Neologismus aus den Worten Paraplegie (Querschnittslähmung) und Van. In den kommenden Jahren wächst das Geschäft so gut, dass seine Werkstatt ausschließlich mit dem Umbauen von Fahrzeugen beschäftigt ist. Die Belegschaft wächst und wächst. Ein Firmengelände muss her. Zur Finanzierung nimmt der Unternehmer im Jahr 2000 das erste Mal in seinem Leben einen Kredit auf. Um die Banken zu überzeugen, firmiert er weiterhin als persönlich haftender Einzelunternehmer.

Das Risiko lohnt. Fünf Jahre später hat der Betrieb 70 Mitarbeiter. Im Markt gibt es an die 100 Konkurrenten – viele kleine Betriebe, jeder hat seine Nische. Um sich abzugrenzen, geht der Tüftler einen Weg, den keiner geht. Wieder einmal. „Warum kann man Fahrzeuge wie Bagger, Kräne oder Ähnliches mit einem Hebel bedienen und ein Auto nicht?“, fragt sich Arnold damals. Man könne doch Schwerbehinderten, die nur kleine Bewegungen ausführen können, auch eine Chance geben, mobil zu sein.

Aus den USA bekommt er Inspiration. Dort drängt die „Drive by Wire“-Technologie auf den Markt. Damit ist es möglich, Fahrzeuge komplett elektronisch zu steuern statt mit einer Lenksäule. Einen Partner für die Umsetzung in Deutschland findet Arnold bei dem Elektronikbauteilehersteller RAFI GmbH & Co. KG aus – wie könnte es anders sein – Berg in Oberschwaben. Zwei Millionen Euro kostet die Entwicklung. Arnold wagt wieder den Gang auf die Bank. Gibt sein Haus als Sicherheit an. Zwei Jahre später, im Jahr 2005, meldet er das Patent unter dem Namen „Space Drive“ an, nimmt mit der Anmeldung beim TÜV die letzte Hürde und gründet die Paravan GmbH. Mit dem neu entwickelten System ist für fast jeden Grad von Bewegungsunfähigkeit das Steuern eines Autos möglich. Im speziellsten aller Fälle lenkt man den Pkw – inklusive Gas, Bremse und Schaltung – lediglich mit einem Joystick. Ein Game-Changer, der das Unternehmen zum Weltmarktführer für behindertengerechte Fahrzeuglösungen macht, wie sich Paravan seit 2009 betitelt. Große Aufmerksamkeit bekommen die Schwaben, weil 2011 ein weiterer Vertreter der Schafferle-Zunft ins Unternehmen einsteigt.

Der Würth, der Rückkauf, der Schaeffler

Bei einem Firmenjubiläum im Nachbardorf lernt Roland Arnold Reinhold Würth kennen. Der Patriarch, dessen Sohn ebenfalls behindert ist, ist sofort begeistert von Paravan. Die Würth-Gruppe beteiligt sich mit 25,1 Prozent. Vier Jahre später übernimmt sie mit 51 Prozent die Mehrheit an der Paravan GmbH, die damals 18 Millionen Euro umsetzt und 140 Mitarbeiter beschäftigt. Obwohl Arnold alle Freiheiten hat und sich Unternehmen und Unternehmer mit Respekt begegnen, scheint es doch irgendwie nicht perfekt zu passen. Im Juli 2018 kauft der Aichelauer dem Künzels­auer die Anteile wieder ab. Zu den genauen Gründen gibt sich der 53-jährige Arnold süddeutsch wortkarg. 

Interessenten zur Finanzierung des Rückkaufs und einer Zusammenarbeit habe es gegeben wie Sand am Meer, gibt Arnold hingegen zu. Manchmal wirkt es, als sei er selbst überrascht, wie sich sein Weg als Unternehmer entwickelt hat: „Viele glauben es nicht, dass ein Tüftler aus irgendeinem kleinen schwäbischen Dorf so eine große Technologie besitzt. Aber ein Auto komplett elektrisch zu steuern ist der Schlüssel zum autonomen Fahren und zur gesamten Automobilindustrie.“ Space Drive ermögliche zudem völlig neue Raumkonzepte für Autos, weil die Lenksäule durch das Steuern per Kabel überflüssig werde.

Somit ist es keine Überraschung, welche Branche das erneute Rennen um Arnolds Unternehmen macht. Der deutsche Automobilzulieferer Schaeffler sicherte sich im August 2018 Paravans Technologie. Die gescholtene Aktie des Unternehmens verbuchte am Tag der Verkündung ein Plus von knapp 3 Prozent. Durch die jahrzehntelange Straßenzulassung von Space Drive spare man sich Behördengänge und ergattere einige Jahre Vorsprung vor der Konkurrenz, ließen die Herzogenauracher verlauten. 

Der Faktor Familie

Für Arnold und Paravan geht es also vom einen Familienunternehmen zum anderen. Für den Tüftler mitentscheidend: „Ich wollte nicht, dass ich einen Deal mit einem Geschäftsführer eingehe, der nach drei Monaten wieder weg ist.“ Die Gesellschafteranteile sind bei Schaeffler und Arnold anders verteilt als bei Würth und Arnold. Der Schwabe gibt 25 Prozent von Paravan an das Milliarden­unternehmen ab. Die Space-Drive-Technologie geht in ein Joint Venture – die Schaeffler Paravan Technologie GmbH & Co. KG – über. Paravan bleibt weiter mit Arnold als Geschäftsführendem Gesellschafter unabhängig. Dass er weiterhin Beeinträchtigten auf die Straße hilft, war für den Schwaben eine Grundvoraussetzung: „Paravan hat für den Bereich der Behindertenmobilität weiterhin die alleinigen Vertriebsrechte für das System.“ Ohne dieses Zugeständnis wäre der Deal nicht zustande gekommen.

Am Joint Venture ist Arnold mit lediglich 10 Prozent beteiligt, zeichnet aber als CEO verantwortlich. CFO und CTO kommen von dem mittelfränkischen Unternehmen. Ungefähr 50 Mitarbeiter je Unternehmen fanden unter dem Dach des Joint Ventures zusammen. „Lieber ist man ein kleiner Teil von etwas, das groß werden kann, als ein großer Teil von etwas, das klein bleibt“, lautet Arnolds Mantra zur Verteilung der Anteile. 

Ob es ihm gelingt, auch in dem Gemeinschaftsunternehmen ab und zu andere Wege zu gehen und wie ein Unbeteiligter zuzusehen, wird sich zeigen. Unternehmer kann er bei Paravan allemal am besten sein. Um mit den umgebauten Autos am Straßenverkehr teilzunehmen, sind vom TÜV Fahrprüfungen gefordert. Der Anbieter dafür heißt Paravan Fahrschule GmbH. Das ist nicht mehr Schafferle, das ist schon Stufe Cleverle.