Mittwoch, 04.07.2018
Fokus_Reset

Philipp Bree: Die Kraft der kleinen Einheit

Viele Nachfolger gründen erst mal selbst und finden später ins Familienunternehmen. Bei Philipp Bree war es umgekehrt: Mehr als zehn Jahre leitete er mit seinem Bruder die Lederwarenfirma der Eltern. Dann stieg er aus und gründete sein eigenes Label. Was treibt ihn an?
Bree, Taschen Bree, Philipp Bree, Bree Collection, Bree Familienunternehmen, PB0110, Heiner Jordan, Wolf Bree, Axel Bree

Erst nachfolgen, dann gründen: Philipp Bree verließ das Familienunternehmen, blieb den Taschen aber treu.

 

Foto: Vanessa Maas

Wenn Philipp Bree (46) ein eigenes Museum bestücken sollte, wäre sie wohl sein erstes Exponat: eine großräumige Reisetasche aus hellbraunem Leder mit kurzen Griffen, einer großen Messingschließe in der Mitte und kleineren Schnallen rechts und links. Dass sie schon viele Jahre ihren Dienst leistet, ist der Tasche unschwer anzusehen, sie hat deutliche Gebrauchsspuren, das Material ist zerkratzt und nachgedunkelt. Bree bekam die Tasche 1988 von seinem Vater Wolf Peter Bree, dem Gründer des Lederwarenspezialisten BREE Collection GmbH, geschenkt. Sie stammt aus eigener Fertigung, auch wenn Philipp Bree heute vermutet, dass es sich um ein Einzelstück handelt, ein Muster, das nie in Serie gegangen ist. Doch trotz der Einzigartigkeit steht das gute Stück nicht in einer Vitrine, Philipp Bree nutzt sie bis heute. Sie ist ein geliebter, in Ehren gehaltener Gebrauchsgegenstand. Und als solcher zugleich einer der Grundsteine für die Philosophie seines eigenen Labels.

Bree, Taschen Bree, Philipp Bree, Bree Collection, Bree Familienunternehmen, PB0110, Heiner Jordan, Wolf Bree, Axel Bree

Geliebtes Objekt und Stein des Anstoßes: Die Reisetasche seines Vaters Wolf Peter Bree hält Gründer Philipp Bree bis heute in Ehren.

 

Foto: haw-lin services

Gleich der erste Weg nach dem Studium führt Philipp Bree ins Familienunternehmen. Als er bei BREE einsteigt, ist er 24 und hat gerade den BWL-Abschluss in der Tasche. Wie sein drei Jahre älterer Bruder Axel ist Philipp in und mit dem Unternehmen, das der Vater 1970 gegründet hatte, aufgewachsen; einer Tätigkeit in der Branche ist er grundsätzlich nicht abgeneigt. Zunächst hat er aber andere Pläne, ein Zweitstudium in Designmanagement. Als der Vater im März 1996 mit nur 51 Jahren unerwartet an den Folgen eines Herzinfarkts stirbt, muss Philipp diese Pläne über den Haufen werfen. Die Zeit des Ausprobierens findet ein Ende, bevor sie so recht losgegangen ist.

 

Statt zu verkaufen, steigen beide Brüder in Absprache mit dem Beirat des Familienunternehmens im Frühjahr 1998 bei BREE Collection ein, zunächst als Trainees, die alle Abteilungen durchlaufen. Als Interimsmanager beruft der Beirat den Familienexternen Heiner Jordan. 2001 rücken beide Brüder zeitgleich in die Geschäftsführung auf, Axel ist verantwortlich für Einkauf und Vertrieb, Philipp für Design, Qualität und Marketing. Gemeinsam führen sie das Unternehmen bis November 2011: Da geht Philipp Bree mit seinem Bruder auseinander – im Guten, wie er wiederholt betont. Seinen Unternehmensanteil von 50 Prozent verkauft er rund zweieinhalb Jahre später. Am 1. Oktober 2013 gründet er sein eigenes Label, PB 0110. Der Name setzt sich aus seinen Initialen und dem Gründungsdatum zusammen, wie eine persönliche Stunde null.

Neuanfang mit vierzig

Wenn Philipp Bree erklären soll, warum er diesen Neustart gewagt hat, landet er schnell bei der Reisetasche seines Vaters. „Ich bin aufgewachsen mit den Naturledertaschen der Siebziger“, sagt er. Der Spirit dieser Taschen fasziniert ihn, die natürlichen Materialien, die reduzierte Form, die Funktionalität. Zwar versteht sich Philipp Bree nicht als Designer, dennoch will er fokussierter am Produkt und an der Kollektion arbeiten, tiefer in den Entwicklungsprozess einsteigen, als das in seiner Funktion als Geschäftsführer bei BREE Collection möglich gewesen wäre.

Er stößt auf das Buch „Geliebte Objekte“ von Tilmann Habermas, Professor für Psychoanalyse und Sohn des bekannten Philosophen Jürgen Habermas: Die Idee von Gegenständen, die ihre Besitzer über Jahre durch den Alltag begleiten, und die besondere Bindung, die dadurch zwischen dem Nutzer und dem Produkt entsteht, bilden den gedanklichen Ankerpunkt von PB 0110. „Natürlich kann man als Hersteller nicht sagen: Bei uns können sie ihr geliebtes Objekt kaufen“, sagt Philipp Bree. Ob ein Produkt zu einem geliebten Objekt werde, habe erst mal gar nichts mit Design oder Preis zu tun. Es geht ihm um die Grundhaltung, schon bei der Entwicklung: „Wir wollen Produkte machen, mit denen man es länger aushalten kann.“ Alles darüber hinaus liegt nicht in seiner Hand.

Was aber unterscheidet Philipp Bree nun von anderen Gründern? Dass er einen bekannten Namen trägt, der ihm so manche Tür öffnen mag, ist für Nachfolger, die eigene Wege einschlagen, so weit nicht ungewöhnlich. Durch seine Tätigkeit bei BREE bringt er zudem zehn Jahre Erfahrung mit dem Produkt, in der Branche und in der Unternehmensleitung mit. Allerdings: „Mit PB 0110 sind wir viel näher an der Mode dran“, so der Gründer. „Das ist ein brutales Geschäft. Wir sind in einem anderen Preissegment unterwegs, wir haben ganz andere Kunden als BREE und andere Ansprechpartner.“ Sein altes Telefonbuch aus der Zeit im väterlichen Unternehmen durchzugehen hilft da nur sehr bedingt weiter.

Zudem muss Philipp Bree sich nach den Dimensionen eines Mittelständlers an die eines Start-ups gewöhnen. Die Erkenntnis trifft ihn schon mit der ersten Herbst-/Winter-Kollektion von PB 0110 im Jahr 2013. Bree prognostiziert zu optimistisch, rechnet mit viel zu hohen Stückzahlen. „Ich bin davon ausgegangen: Die werden schon bestellen“, sagt er – und wird eines besseren belehrt.

 

Die ersten Schritte im Markt sind mühsam, die Einkäufer beobachten die neue Marke erst mal für mindestens eine Saison. Bree landet mit seinen Taschen im Laden eines Freundes in Berlin. Erst mit einigem Abstand trudeln tatsächlich Bestellungen von Selfridges in London oder dem Pariser Concept-Store The Broken Arm ein.

Am meisten überrascht hat Philipp Bree das, was er „die Bedeutung der kleinen Einheit nennt“. Als Gründer ist er zugleich Alleinentscheider und Mädchen für alles. Er muss und kann sich nicht mehr mit seinem Bruder abstimmen und hat keine Fachabteilungen mehr.

„Am Anfang glaubt man: Und dann brauche ich noch jemanden für den Online-Auftritt – und nur dafür“, sagt er. Dass das in einer so kleinen Struktur von sechs Mitarbeitern bei PB 0110 nicht darstellbar ist, ist für ihn heute kein Problem mehr, im Gegenteil: „Es ist unglaublich, wie viel eine Hand voll Leute ausrichten kann. Das setzt unglaubliche Flexibilität frei.“

Hommage an die Familie

Kaum bestreitbar ist, dass Philipp Bree nach dem Ausstieg aus dem Familienunternehmen aus einer größeren finanziellen Sicherheit agieren konnte, als es andere Gründer gewohnt sind – wobei auch das nicht nur von Vorteil sein muss, da ja auch die Fallhöhe größer wird: Zum Zeitpunkt der Gründung hatte Bree schon Familie, ein Jahr zuvor war er den zwei Kindern zuliebe in ein Haus am Stadtrand gezogen, was die für eine Lifestyle-Marke ungewöhnlich dezentrale Geschäftsadresse in Hannover-Bothfeld erklärt: Im Haus der Familie entsteht 2012 die Firmenzentrale von PB 0110, inzwischen hat Bree das Nachbarhaus hinzugekauft und darin die Büroräume für sein sechsköpfiges Team eingerichtet.

 

Berufliche und private Sphäre sind bei Philipp Bree wie bei vielen Gründern kaum zu trennen. Sein Faible für Design und Kunst aus Naturmaterialien und für klare, reduzierte Gestaltung findet sich im überall im Haus der Familie wieder, sei es in den Ausblicken durch die bodentiefen Fenster, auf den Böden und Wänden aus unverputztem Backstein und rustikalem Holz – und natürlich im hellbraunen Leder verschiedener Abnutzungsgrade, von den marokkanisch anmutenden Lederstühlen im Wohnzimmer bis zur abgewetzten Sofalandschaft vor dem Fernseher. Sogar das Papier in der Gästetoilette baumelt an einem breiten Lederriemen mit genieteten Metallösen. Dennoch ist das Haus kein Showroom, eher eine lebendige Hommage an das eigene Elternhaus. Auch Axel und Philipp Bree sind in Bothfeld aufgewachsen. Und: „Der erste Geruch, den ich wahrgenommen habe, war der von Leder“, hat Philipp Bree schon vor Jahren dem Magazin „brand eins“ erzählt.

Seine Wurzeln, das Erbe seiner Eltern sind für Philipp Bree offenbar von großer Bedeutung. Wäre es dann nicht doch der sinnvollere Schritt gewesen, im Familienunternehmen zu bleiben – zumal er den Taschen ja sowieso treu geblieben ist? Auch wenn er es selbst nicht sagt: Bei genauerer Betrachtung liegt die Antwort auf der Hand. Denn auch die Firma seines Vaters hat sich seit der Gründung stark verändert. Nach dem ersten großen Erfolg in den friedens- und umweltbewegten siebziger und achtziger Jahren bricht in den Neunzigern die Erfolgswelle, Bree will nicht mehr die Tasche sein, in der Grünen-Abgeordnete ihr Strickzeug transportieren. Als Heiner Jordan als Geschäftsführer antritt, ist seine Aufgabe vor allem die Verjüngung der Marke. Tatsächlich wird das Sortiment zunehmend bunt und trendy, „leuchtende Farben, verspieltes Design, mutiger Materialmix“, bescheinigt die Frauenzeitschrift „Elle“ der Marke zwischenzeitlich. In den Jahren 2007 bis 2009 ist das Unternehmen gar Partner der Fernsehsendung „Germany’s Next Topmodel“, deren Kandidatinnen reisen vor einem Millionenpublikum mit Bree-Taschen um die Welt. Dass Philipp Bree, der Nachdenkliche, Designverliebte, manchmal verschmitzt Lächelnde, dessen Herz an der 88er-Reisetasche hängt, da gedanklich nicht mehr zu Hause ist, ist klar.

 

Stattdessen warten bei seinem eigenen Label neue Aufgaben auf ihn. Die nächste liegt genau da, wofür in seiner Zeit bei BREE Collection sein Bruder zuständig war: im Vertrieb. Denn Philipp Bree mag ein Schöngeist sein, der die kleine Einheit liebt, aber der Unternehmer in ihm strebt nach Wachstum. Nach jeweils 50 Prozent Zuwachs in den ersten drei Jahren beschreibt er die Entwicklung von 2017/18 als Plateau, konkrete Zahlen nennt er nicht. Derzeit arbeitet er mit seinem Designteam an der neuen Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2019. Erst kürzlich haben sie eine Tasche entwickelt, mit der PB 0110 ab dem kommenden August im Katalog von Manufactum, dem selbsternannten „Warenhaus der guten Dinge“, vertreten sein wird: ein schlichtes, großräumiges, kantiges Modell für den täglichen Gebrauch. Und ganz bestimmt auch in hellbraunem Leder erhältlich.

Info

Die BREE Collection GmbH

  • 1970 Gründung der BREE Collection GmbH
  • 1996 Alleininhaber Wolf Peter Bree stirbt unerwartet, er hinterlässt vier Kinder. Seine Söhne aus erster Ehe, Axel und Philipp, steigen als Trainees ins Unternehmen ein.
  • 2001 Axel und Philipp Bree rücken in die Geschäftsführung vor.
  • 2007 Die Brüder bündeln die Unternehmensanteile und bezahlen ihre jüngeren Halbschwestern aus.
  • 2011 Philipp verlässt das Unternehmen, 2014 verkauft er seinen 50-Prozent-Anteil an zwei Investoren und ein Family Office.
  • 2016 Die zwei Investoren verkaufen ihre Anteile an das bereits beteiligte Family Office.
  • 2018 Axel Bree verlässt die Geschäftsführung der BREE Collection GmbH und verkauft seine Anteile an das Family Office, das nun 100 Prozent der Anteile am Unternehmen hält.