Freitag, 06.03.2020
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Nachfolge bei Lamborghini: Von null auf hundert

Ferruccio Lamborghini, CEO der Tonino Lamborghini S.p.A., stellt den italienischen Hersteller von Luxus- und Lifestyleartikeln auf den Kopf. Der Enkel der Sportwagen-Ikone digitalisiert das Unternehmen und verändert das Geschäftsmodell: Das historisch gewachsene Lizenzgeschäft weicht der internationalen Expansion mit Joint Ventures und Direktvertrieb.
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Vom Museumsführer zum CEO: Ferruccio Lamborghini löste seinen Vater ab, nachdem er im familieneigenen Museum gearbeitet hatte.

 

Foto: Tonino Lamborghini S.p.A.

Herr Lamborghini, wann haben Sie entschieden, ins Familienunternehmen einzusteigen?

Schon als Kind wollte ich in der Firma arbeiten, die mein Großvater im Jahr 1948 gegründet hatte. Ich wusste, dass meine Zukunft in dieser Firma liegen würde. 

Sie waren ein sehr erfolgreicher Motorradrennfahrer, aber nicht wirklich für die Führung eines Unternehmens qualifiziert.

Die natürliche Altersgrenze im Motorradsport liegt bei 23, 24 Jahren. Nachdem ich meine Karriere als Sportler aufgegeben hatte, habe ich begonnen, an der Universität in Bologna zu studieren. Doch ich habe hingeworfen. Ein Grund war, dass ich ein paar Jahre gemeinsam mit meinem Vater arbeiten wollte, um von ihm zu lernen. Er ist 72 Jahre alt und ich erst 29. Man weiß nie, was in dem Alter passiert, und ich sagte meinem Vater, dass wir uns lieber beeilen sollten, sonst bliebe vielleicht nicht genug Zeit, um mir alles über die Firma beizubringen. Er nahm mich zu allen Meetings mit. Ich beobachtete und hörte zu.

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Learning by doing?

Zum Teil. Ich führe meine eigenen Studien durch, im Feld sozusagen, also in meiner täglichen Arbeit, aber auch zu Hause und in Seminaren zu Kommunikation, Marketing, Betriebswirtschaft, Finanzen und Recht. Ich bin kein Experte in diesen Bereichen, aber ich habe mittlerweile ein breit angelegtes Verständnis für diese Themen. Natürlich weiß ich, dass ich hier kontinuierlich vorankommen und meine Fähigkeiten ausbauen muss. Das ist Teil meines Verständnisses von Führung.

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Trägt die Familienmarke nicht nur stolz im Namen: Ferrucio Lamborghini.

 

Foto: Tonino Lamborghini S.p.A.

Wie haben Sie von Ihrer Karriere als Profisportler profitiert?

Motorradrennen erfordern drei Erfolgsfaktoren, die auch für Leadership sehr wichtig sind: Teamfähigkeit, Disziplin und Transparenz. Man gewinnt immer als Team. Der Rennfahrer ist zum Beispiel nichts ohne seine Mechaniker. Er muss fähig sein, seine Rennstrategie klar zu beschreiben und ständig seine Versuche und Irrtümer offen zu kommunizieren. Talent reicht nicht aus. Man muss in jeglicher Hinsicht sehr hart trainieren. Und Verantwortung übernehmen.

 

Welche Teamkultur haben Sie vorgefunden, als Sie 2014 in die Firma kamen?

In der Generation meines Vaters wurde Führung anders verstanden als heute. Als ich 2015 Mitglied des Executive Boards wurde, habe ich begonnen, die Organisationsstruktur zu verändern. Das ist nicht leicht, aber es funktioniert Schritt für Schritt. Unsere Führungskräfte sind eine gute Mischung: je zur Hälfte junge Kollegen, die ich selbst eingestellt habe, und Kollegen, die hier in der Firma schon sehr lange arbeiten.


Was ist die größte Veränderung?

Mein Vater hat das Unternehmen als Markenlizenzunternehmen aufgebaut. Aber nur mit Lizenzen können wir nicht wachsen und nicht in ausländische Märkte expandieren. Wir haben daher bestimmte Produktkategorien restrukturiert und begonnen, eigene Design- und Produktlinien aufzubauen. In unserer Beziehung zu unseren Lizenznehmern sind wir sehr limitiert. Daher suchen wir tiefere, langfristige Partnerschaften. Im Jahr 2018 sind wir ein Joint Venture im IoT-Sektor mit der DASAN Networks Company in Südkorea eingegangen, 2019 mit einer Schweizer Uhrenmanufaktur. Jetzt stehen wir kurz vor dem Abschluss einer Partnerschaft in unserem neuen Geschäftsfeld Sonnenbrillen. Zwei weitere Partnerschaften werden wir eingehen, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich nichts zum aktuellen Stand der Verhandlungen sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir zu Beginn unserer neuen Wachstumsstrategie 80 Prozent unseres Umsatzes mit Lizenzunternehmen gemacht haben und 20 Prozent mit Direktvertrieb. Unser Ziel ist ein Verhältnis von 50 zu 50.

Wie akzeptiert und versteht Ihr Vater diese neue Strategie?

Zu Beginn haben wir sehr viel diskutiert. Es war keine leichte Entscheidung für ihn, sich stärker auf den Direktvertrieb zu fokussieren. Aber er hat es akzeptiert und noch viel wichtiger: Er vertraut mittlerweile unserer internationalen Wachstumsstrategie. Es geht hier nicht um Visionen oder Finanzen, sondern schlichtweg um Vertrauen. Eine weitere Herausforderung für meinen Vater ist die Entwicklung einer Digitalstrategie. Wir verdienen unser Geld mit hochwertigen Luxusgütern, und wir brauchten dringend digitale Kanäle und eine neue Herangehensweise. Mein Vater dachte hier immer noch in der Kategorie von Anzeigen in Printmagazinen. 

Info

Familienbande: die Lamborghinis

Tonino Lamborghini (Jahrgang 1947) gründete 1981 die ­Tonino Lamborghini S.p.A., die sich auf Marken und Lifestyleprodukte wie Uhren, Brillen, Möbel, Smartphones oder Parfums und Immobilienprojekte spezialisiert hat. Sein Vater Ferruccio (1916–1993) ist Gründer der legendären Automarke Lamborghini, die er 1974 verkaufte. Heute gehört Lamborghini zum Volkswagen Konzern. Nach seiner Karriere als Motorradrennfahrer und abgebrochenem Studium steigt Toninos Sohn Ferruccio (Jahrgang 1991) zunächst als Assistent im Marketing und der Geschäftsführung ins Familienunternehmen ein. Seit 2018 ist er CEO. Das Unternehmen beschäftigt etwa 30 Mitarbeiter und setzt 400 Millionen Euro um. 

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater verändert?

Mein Vater hat einen sehr starken Charakter und ist extrem kreativ. Es war wirklich nicht leicht zu Beginn. Aber wir haben eine gute Balance gefunden. Wir tauschen ständig Ideen und Gedankenansätze aus. Wir sind heute beste Freunde. Mein Vater beginnt sogar, sich ein wenig zu entspannen. Er kommt jeden Tag drei bis vier Stunden ins Büro. 95 Prozent der operativen Arbeit liegen aber in meinen Händen. Mein Vater wird niemals in Rente gehen. Und ich möchte auch nicht, dass er in Rente geht, weil ich immer noch von ihm lerne. Im Jahr 2015 wurde ich sein persönlicher Assistent. Er bezog mich in Entscheidungen ein, ich lernte alles über unsere Bereiche und auch über unsere Familienphilosophie.

Wie würden Sie diese Philosophie beschreiben?

Alles dreht sich um die Familie. Die Firma ist nicht zu meinem Vorteil da. Das, was für mich gut ist, ist auch gut für die Familie. Wir sind getrieben vom Teilen. Und wir unterscheiden nicht zwischen denen, die in der Firma arbeiten, und denen, die nicht dort arbeiten. Mein Vater hat sehr hart für die Zukunft der Firma und der Familie gearbeitet. All das bedeutet Herkunft für uns.

Und Ihre Geschwister?

Ich habe vier jüngere Schwestern, zwei von ihnen haben bereits andere Berufswege eingeschlagen. Die Zwillinge sind 20 Jahre alt und stecken noch in der Ausbildung. Wir halten alle gleich viele Anteile am Unternehmen, aber als CEO habe ich mehr Stimmrechte als meine Schwestern.