Montag, 13.04.2020
Fokus_Nachfolge

Isabelle Mang: Freiwillig Junior

Gerade hatte sie die Basis für eine Karriere im europäischen Headquarter von Google gelegt. Stattdessen entschied sich Isabelle Mang für den Einstieg als Nachfolgerin in das kleine Familienunternehmen ihrer Mutter Simone Weinmann-Mang, die Arno Arnold GmbH. Was lockt sie?
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Früher Bandoneon, heute Hightech: Isabelle Mang und ihre Mutter Simone Weinmann-Mang produzieren faltbare Maschinenabdeckungen.

 

Foto: Arno Arnold GmbH

Die Europazentrale von Google ist in Dublin. Genauer gesagt auf einem ehemaligen Hafengelände, das „silicon docks“ genannt wird, eine irische Variante des Silicon Valley: Neben Google sitzen hier unter anderem Facebook, Twitter, LinkedIn sowie eine rege Start-up-Szene. Neue Mitarbeiter lockt das Headquarter von Google mit allen Attributen, die man mit einem jungen, innovativen Digitalkonzern assoziiert: Zwischen Graffiti und Wandgemälden sollen mehrere Tausend Mitarbeiter aus 60 Nationen ihre Kreativität entfalten, die Architektur ist bunt und spielerisch inklusive Musikzimmer, hipper Gastronomie und einem eigenen Wellnessbereich mit Pool und Fitnessstudio.

Bis vor kurzem war das auch für Isabelle Mang das alltägliche Arbeitsumfeld. Seit Oktober 2017 war die 26-jährige im Vertrieb des Digitalkonzerns tätig. Im vergangenen Sommer allerdings brach die Betriebswirtin ihre Zelte in Dublin ab und kehrte ­zurück nach Deutschland, genauer gesagt nach Obertshausen im südhessischen Landkreis Offenbach in das Familienunternehmen ihrer Mutter: Die Arno Arnold GmbH, die heute knapp 90 Mitarbeiter beschäftigt, hat ihre Ursprünge in der Produktion von Bandoneons und verdient heute ihr Geld mit Maschinenabdeckungen. Was hat Isabelle Mang dazu bewegt, dem beliebtesten Arbeitgeber der Welt den Rücken zu kehren, zugunsten einer kleinen Firma in der hessischen Provinz?

Das Gegenteil von Biegen und Brechen

An Nachdruck durch ihre Eltern, das beteuern sowohl ­Isabelle Mang als auch ihre Mutter, lag es nicht. Im Gegenteil: Simone Weinmann-Mang (60), Enkelin des Namensgebers der heutigen Firma Arno Arnold, und ihrem Mann Wolf Matthias Mang (62) liegt es fern, den Kindern einen Karriereweg vorzuschreiben. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, den Zeitpunkt für den Einstieg ins Familienunternehmen nicht selbst zu wählen“, sagt die Unternehmerin. 1984 waren sie und ihr Mann Mitte 20, frisch verheiratet und voller Karriere- und Reisepläne, als ihr Vater Günter Weinmann unerwartet schwer erkrankte. „Wir standen vor der Wahl: Selbstverwirklichung oder Verantwortung übernehmen?“, sagt die Unternehmerin und heutige Mehrheitseigentümerin. Sie entschieden sich für den Sprung ins kalte Wasser und stiegen gemeinsam in die Geschäftsführung ein.

Inzwischen hat Simone Weinmann-Mang längst ihren Frieden mit der damaligen Entscheidung gefunden. Bis heute leitet die Unternehmerin die Firma gemeinsam mit ihrem Mann, sie ist für ­juristische Fragen, Personal und Marketing zuständig, er für Strategie, Finanzen und Controlling, Produktion und Vertrieb. Obwohl sie sich wünschen, dass die Firma in der Familie bleibt, versuchen sie, ihren Kindern gegenüber größtmögliche Offenheit zu bewahren. Sohn Constantin Mang, der sieben Jahre ältere Bruder von Isabelle, ist nach seiner volkswirtschaftlichen Promotion an der Universität München bei der Beteiligungsgesellschaft MBB eingestiegen. Dort ist er inzwischen Chief Investment Officer. Bei Arno Arnold hat er keine operative Funktion, besitzt aber wie seine Schwester seit ein paar Jahren ein kleineres Anteilspaket.

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„Wenn wir den Kindern früher Anteile übertragen hätten, hätte das wie eine Fußangel ausgesehen. Nach dem Motto: Jetzt seit ihr beteiligt, jetzt müsst ihr auch ins Unternehmen kommen“, sagt Simone Weinmann-Mang. Auch werden beide Kinder aktiv in das eingebunden, was die vier Mangs „Familienrat“ nennen. „Im Familienrat haben wir schon früh darüber gesprochen, was geschieht, wenn mein Mann und ich die Geschäftsführung nicht mehr leisten können. Damals hat unser Sohn selbst die Möglichkeit eines Fremdgeschäftsführers ins Spiel gebracht“, sagt Simone Weinmann-Mang. „Mein Mann und ich hatten auch die Möglichkeit eines Verkaufs angesprochen – da haben die Kinder aber vehement widersprochen.“

Selbstgewählte Tradition

Die Frage nach einer familienfremden Führung scheint mit dem Einstieg von Isabelle Mang als Junior-Geschäftsführerin zum Jahresbeginn 2020 erst mal vom Tisch. Ihre zierliche, mädchenhafte Erscheinung mag Gesprächspartner in die Irre führen, aber höchstens auf den ersten Blick. Isabelle Mang spricht klar und bestimmt, hält nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg, referiert über die Geschichte des Unternehmens und erklärt technische Sachverhalte, in die sich die Betriebswirtin ganz offensichtlich bis ins Detail eingearbeitet hat. 

Auch Isabelle Mangs Werdegang liest sich äußerst zielstrebig: Abitur in Salem, Betriebswirtschaft an der WHU, Auslandssemester in Singapur und Stockholm. Erste berufliche Erfahrungen macht sie in verschiedenen Unternehmen, von Rocket Internet bis L’Oréal – wobei sie betont, dass sie sich den Zugang zu den Unternehmen selbst gesucht hat, ohne die Hilfe ihrer gut vernetzten Eltern. Auch bei Google bewirbt sie sich während des Bachelor-Studiums um ein Praktikum, verpasst aber knapp die Deadline. Als drei Jahre später ihr Abschluss naht, schreibt Google sie an und lädt sie zum Bewerbungsverfahren ein. Sie nimmt Teil und setzt sich durch. Andere Unternehmereltern würden frohlocken über die zukünftige Digitalkompetenz des Nachwuchses. Bei Simone Weinmann-Mang mischt sich das auch mit Vorbehalten gegenüber dem Digitalkonzern. „So ein Angebot ist natürlich schmeichelhaft und eine große Chance“, sagt sie. „Aber man fragt sich schon: Haben die Isabelles Werdegang jetzt drei Jahre lang verfolgt?“

Heute sind sich Mutter wie Tochter einig darüber, dass der Einsatz bei Google eine wertvolle Erfahrung für den Einstieg im Familienunternehmen ist. Zugleich räumen sie mit ein paar Klischeevorstellungen auf, zum Beispiel beim Punkt Agilität: Im Vergleich des Internetkonzerns mit der Arno Arnold GmbH bemüht Isabelle Mang das bekannte Bild von Tanker und Schnellboot – nur dass bei ihr das Familienunternehmen der kleine, wendige Player im Markt ist. „Natürlich arbeitet Google unglaublich innovativ“, sagt Mang. „Aber es ist auch eine sehr große, sehr klar gegliederte Organisation.“ Gerade die Möglichkeit, schnell abteilungsübergreifend arbeiten zu können, ist etwas, das sie am Familienunternehmen begeistert. „Auf die gesamte Organisation gesehen kann ich hier mehr bewirken.“

Info

Vom Instrumenten- zum Maschinenbau: die Arno Arnold GmbH

1864 gründete Ernst Louis Arnold in Carlsfeld im Erzgebirge die Firma ELA zur Produktion eines Handzuginstruments: Das Bandoneons erzeugt die Töne, ähnlich wie ein Akkordeon, per Luftzug, der durch einen Faltenbalg verursacht wird. Mit der Verbreitung des Tango Argentino Ende des 19. Jahrhunderts erlebte auch das Bandoneon eine Blüte, sein Klang ist bis heute eng mit dem Tanz verbunden. Zunächst setzten die Gründersöhne Alfred und Paul die Produktion des Instrumentes fort. Alfred Arnold gab den Anstoß für die heutige Nutzung der Faltenbalg-Technik: 1930 bekam er das Patent „Harmonikaförmig gestalteter Balg zur Schutzabdeckung für Führungsbahnen an Werkzeugmaschinen“ – die Abdeckung verhindert etwa beim Fräsen von Metall das Herumfliegen von Spänen und hält äußere Einflüsse von der Maschine fern.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Geschäftsführende Gesellschafter Arno Arnold enteignet und floh nach Obertshausen, wo er die Firma unter seinem Namen wieder aufbaute. Mit der Zeit liefen die Schutzabdeckungen der Instrumentenproduktion den Rang ab, das letzte Bandoneon verließ das Obertshausener Werk 1971. Heute beschäftigt die Arno Arnold GmbH rund 90 Mitarbeiter und verzeichnete in den vergangenen Jahren ein Wachstum von jeweils rund 10 Prozent. 60 Prozent der Produkte gehen an deutsche Kunden, 40 Prozent ins Ausland. Arno Arnold beliefert Maschinenhersteller wie DMG Mori, die Gebr. Heller Maschinenfabrik sowie die Trumpf GmbH & Co. KG, die dem Zulieferer 2019 den „Trumpf Supplier Award Best Overall Performance Production Material“ verlieh.

Klischee Nummer zwei: Familienunternehmen brauchen die nächste Generation, damit diese mit ihrer Digitalkompetenz den Laden auf links dreht. „Die Digitalisierung lief hier schon lange vor meinem Einstieg“, sagt Isabelle Mang. Die Firma hat Erfahrung darin, mit ihrer technologischen Kernkompetenz unerwartete Geschäftsfelder zu erschließen und das Geschäftsmodell grundlegend zu ändern (siehe Kasten). Heute arbeitet Arno Arnold stetig an innovativen Technologien, unter anderem durch eine Kooperation mit der TU Darmstadt zu sensorischen Schutzabdeckungen, die Mutter Simone Weinmann-Mang Anfang 2019 angestoßen hat. 

Ein weiterer Faktor für die hohe Technologieaffinität ist auch die Nähe zum Technologiekonzern Oechsler, einer Aktiengesellschaft im Besitz der Familie von Vater Wolf Matthias Mang, der dort auch Aufsichtsratsvorsitzender ist. Oechsler betreibt nach eigenen Angaben die größte 3-D-Serienproduktion der Welt und hat unter anderem für adidas die zukunftsweisenden Fertigungstechnologie „Speedfactory“ entwickelt. Im Besprechungsraum von Arno Arnold stehen 3-D-gedruckte Modelle von Schutzvorrichtungen für die Mensch-Roboter-Kollaboration – zur Inspiration.

Was bringt Isabelle Mang also mit von ihrer Tätigkeit bei dem Internetriesen? „Besonders beeindruckt hat mich, wie viel gleich zu Beginn in neue Mitarbeiter investiert wird“, sagt sie. Die ersten drei Monate würden komplett für Coachings genutzt, und zwar nicht nur produktbezogen. „Man wird zum Beispiel in Gesprächsführung weitergebildet oder auch darin, wie man effiziente Meetings plant und durchführt“, sagt Mang. Auch später gebe es immer wieder ausführliches Feedback und Fragen, die bei der Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten helfen. Hier sieht die Betriebswirtin eine Parallele zum Familienunternehmen: „Das Wichtigste ist ein Team, das bereit ist, Veränderungen mitzumachen.“

Auch in Bezug auf die Familie setzt Isabelle Mang auf Teamarbeit. Die Eltern hatten ihr angeboten, sich gleich komplett aus der Führung zurückzuziehen und ihr das Feld zu überlassen – „schweren Herzens, aber wir hätten es gemacht“, sagt Simone Weinmann-Mang. Doch das war gar nicht im Interesse ihrer Tochter. Seit Januar 2020 ist sie gemeinsam mit ihren Eltern eingetragene Geschäftsführerin von Arno Arnold. Dass auf ihrer Visitenkarte „Junior Geschäftsführerin“ steht, hat Isabelle Mang selbst so gewählt. „Ich mag die Verantwortung, das Operative“, sagt sie. „Aber ich fand es ein schönes Zeichen zu sagen: Ich lerne noch.“

Bei aller Innovation: Ihre Begeisterung für die Geschichte des Unternehmens hat schon fast traditionalistische Züge. Mit liebevollen Handgriffen nimmt sie die historischen Bandoneons, denen die Firma ihre Ursprünge verdankt, aus dem Regal eines Ausstellungsraumes in Obertshausen, während ihre Mutter über die Bedeutung des Instrumentes für den argentinischen Tango referiert. Keines der vier Familienmitglieder spielt das Instrument – zu solcherart Traditionspflege gibt es bei Mangs, ganz ihrer Familienphilosophie entsprechend, keinen Imperativ. Isabelle Mang aber will das heute seltene gewordene Instrument spielen lernen. Einen Lehrer in Hamburg hat sie schon kontaktiert.