Donnerstag, 01.11.2018
Fokus_Next generation

Forschung zur Generation Z: Jung und naiv?

Nachdem sich viele Unternehmen mühsam auf die Ansprüche der Generation Y eingestellt haben, wirft die Generation Z nun wieder alles über den Haufen. Was erwarten die seit den frühen Neunzigern Geborenen vom Arbeitsmarkt? Und was bedeutet das für Familienunternehmen? Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes, über eine ansteckende Generation.
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Was erwartet die Generation Z von ihrem zukünftigen Arbeitgeber? Bricht eine neue Zeitrechnung an?

 

Foto: Olivier Le Moal/iStock/Thinkstock/Getty Images

Herr Professor Scholz, Sie forschen zur Generation Z, also den Menschen, die seit Anfang der neunziger Jahre geboren wurden. Warum?

Bisher war vor allem von der Generation Y die Rede, also von Menschen, die ab etwa 1980 geboren wurden. Diese sogenannten Millennials werden wie keine andere Gruppe mit der Digitalisierung und Dynamisierung der Arbeitswelt verbunden. Sie sind grenzenlos optimistisch: Du hängst dich richtig rein, du schaffst was, du wirst was – der Horizont ist offen, alles ist möglich, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Die jüngere Generation Z, irgendwann ab Anfang der neunziger Jahre geboren, ist deutlich realistischer. Sie hat festgestellt, dass die Karrierechancen gar nicht so groß sind wie ursprünglich versprochen. Sie hat bei den Älteren gesehen, wie gravierend beruflicher Stress sein kann. Sie wünscht sich statt Flexibilität mehr Stabilität und Struktur. Das hat sie schon in der Schule und im Studium gelernt. Die Systeme sind total verschult; alles ist genau geplant; es gibt viele kleine Kästchen, die abgehakt werden wollen. Die Generation Z geht davon aus: Die Welt muss diese kleinen Kästchen haben. Und wenn ich die abhake, ist alles gut.

Was bedeutet das für die Erwartungen an den Arbeitsmarkt und potentielle Arbeitgeber?

Viele der großen Unternehmen haben noch nicht realisiert, dass die Generation Z wirklich so anders tickt. Sie sind stolz auf ihre flexiblen Lösungen: Homeoffice, offene Büros, Desksharing und so weiter. Mit Blick auf die Wünsche junger Arbeitnehmer ist das absoluter Unsinn. Die Generation Z hat ein ganz klares Bild davon, wie sie arbeiten will – und hyperflexible Arbeitszeiten und -bedingungen gehören nicht dazu. Sie will keine Kette aus Praktika und befristeten Arbeitsverhältnissen. Und sie will eine ganz klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben.

Heißt das, die Generation Z ist ihrem Arbeitgeber gegenüber grundsätzlich misstrauisch?

Ja. Gerade die großen Konzerne haben Vertrauen verloren, etwa die Deutsche Bank, Siemens oder auch die Lufthansa, die kürzlich in einer Panikreaktion auf die verschlafene Digitalisierung bekanntgegeben hat, einen Großteil der Belegschaft auszutauschen und das als großartige Innovation feiert. Die Generation Z reagiert auf solche Entwicklungen sehr sensibel. Sie glaubt nicht mehr daran, dass große Konzerne sich ethisch mit ihren Mitarbeitern auseinandersetzen. Erschwerend kommt hinzu: Diese jungen Arbeitnehmer sind sehr auf sich und ihren eigenen Mikrokosmos fixiert. Wenn sie mit den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sind, kommunizieren sie das nicht oder lehnen sich auf – sie gehen einfach.

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Prof. Dr. Christian Scholz ist Professor an der Universität des Saarlandes. Er schrieb das Buch „Generation Z. Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt“, erschienen im Wiley-VCH Verlag.

 

Foto: Privat

Misstrauen gegen Konzerne, der Wunsch nach Stabilität: Sind das nicht ideale Voraussetzungen für familiengeführte Firmen?

Die Generation Z passt eigentlich perfekt zum Mittelstand, aber das realisiert derzeit weder die eine noch die andere Seite. Stattdessen sehen die Jungen ihre Wunscharbeitgeber eher im Öffentlichen Dienst oder auch bei etablierten, aber ruhigeren Großunternehmen. Umso wichtiger ist es, dass sich Mittelständler gezielt um diese Gruppe kümmern.

 

Viele Familienunternehmen haben in den vergangenen Jahren massiv investiert, um sich auf die Bedürfnisse der Generation Y einzustellen. War das nun alles verlorene Liebesmüh?

Tatsächlich berichten mir Bewerber von einer starken Nachahmer-Mentalität im Mittelstand: Viele Sätze in Bewerbungsgesprächen fangen mit „Auch bei uns ...“ an, gerade wenn es um flexible Arbeitsbedingungen geht. Ich finde das falsch: die Idee, dass man etwas hinterherjagt, weil man glaubt, dass das für junge Menschen gerade attraktiv ist. Aus meiner Sicht begehen Mittelständler den zentralen Fehler, die Großen nachahmen zu wollen.

Also volle Kraft zurück?

Das ist auf jeden Fall besser, als noch schneller in die falsche Richtung zu laufen. Wenn man weiß, wie die neue Generation tickt, braucht man nicht defensiv zu argumentieren, sondern kann die eigenen Stärken ganz bewusst ausspielen: Sicherheit, Stabilität, Struktur, Stetigkeit. Und diese Faktoren dann auch für alle Schritte des Berufseinstiegs durchdeklinieren, etwa im Bewerbungsgespräch oder beim Onboarding-Prozess. Für die Generation Z ist es lebenswichtig zu wissen, wie der konkrete Plan für ihren Einstieg ins Unternehmen aussieht: Gibt es ein Rotationssystem? Wann werde ich in welcher Abteilung eingesetzt? Was sind dort meine Aufgaben? Auch Checklisten mit allen wichtigen Informationen über das Unternehmen sind für sie gern genutzte Hilfsmittel.

Kann die Sichtbarkeit der Unternehmerfamilie in der Firma hierfür nicht ein Pluspunkt sein?

Im Sinne von Stetigkeit und Stabilität auf jeden Fall, mit Blick auf die Persönlichkeit des Familienunternehmers nicht immer. Die aktuelle Eigentümergeneration überschätzt teilweise ihre eigene Ausstrahlungskraft im Sinne von Charisma und Vorbildfunktion. Die Generation Z hat kein ernsthaftes Interesse an den älteren Generationen. Sie ist zwar weltweit vernetzt, aber in ihrem eigenen Mikrokosmos. Das Thema Vorbilder spielt für sie keine Rolle mehr. Wir sehen das auch in anderen Branchen: Die Chefärzte glauben oft, dass die Assistenzärzte zu ihnen kommen, weil sie eine solche Koryphäe sind. Aber vielleicht war das Krankenhaus auch einfach das nächste am Wohnort des Bewerbers?

Auch die Generation Z wird ja früher oder später von einer neuen Generation abgelöst werden. Macht es für Unternehmer überhaupt Sinn, sich noch auf ihre Bedürfnisse einzustellen?

Unbedingt. Zunächst mal wird es zwischen 10 und 15 Jahre dauern, bis die nächste Generation auf den Arbeitsmarkt kommt. Die Jahrgänge dazwischen auszulassen kann sich niemand erlauben. Hinzu kommt: Die Philosophie der Generation Z ist ansteckend. Das betrifft insbesondere die Generation Y. Die würde abends eigentlich so lange im Büro sitzen bleiben, bis die Arbeit erledigt und der Chef zufrieden ist. Wenn dann aber regelmäßig der freundlich strahlende Zler, der sich selbst ganz klare Rahmenbedingungen gesetzt hat, vorbeikommt und sich für den Abend verabschiedet – dann macht der Yler das sicher nicht ewig mit. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass die Generation Y so brav bleibt, wie sie scheint, wenn sie merkt, dass es eine Gegenidee gibt.

Das heißt aber auch, dass die Unternehmen ihrerseits in Zukunft weniger Flexibilität realisieren können, als es mit der Generation Y möglich war.

Das stimmt. Die Generation Z möchte sicherlich eine gewisse Flexibilität genießen, zum Beispiel bei der Arbeitszeit. Aber ein großflächiges Maß an Flexibilität durch die Mitarbeiter und für das Unternehmen ist mit ihr nicht zu machen. Zumindest damit ist die Generation Z für Arbeitgeber keine Traumgeneration. Aber ich werbe dafür, dass wir uns auch die positiven Merkmale ansehen.

Die da wären?

Allein schon die Idee, dass sie sich eine vernünftige Work-Life-Balance konstruieren, was sich übrigens messbar positiv auf den Krankenstand auswirkt. Gerade der Mittelstand würde gut daran tun, Werte der Generation Z zu übernehmen. Viele Firmenchefs sind Workaholics, viele haben keine klare Struktur dafür, wie Beruf und Familie zusammenhängen und wo Abgrenzung nötig wäre.

Wie steht es in der Generation Z um die Gründungsbereitschaft und Start-up-Kultur?

Tatsächlich ist es ja so, dass auch die Gründerszene heute viel professioneller und strukturierter arbeitet, als früher. Gerade in Berlin gibt es Start-up-Center, die genauso sind, wie sich die Generation Z das vorstellt: richtig schön strukturiert, mit Coaches oder Mentoren, geregelten Arbeitszeiten und vielem mehr. Das ist wichtig für die Generation Z, denn sie interessiert sich durchaus für die Arbeit bei einem Start-up. Hier heißt es: Mitmachen ja, selber gründen vielleicht, aber unter den richtigen Rahmenbedingungen – zum Beispiel lieber mit dem Geld von externen Investoren als mit dem eigenen. Diese Generation will etwas schaffen, Ideen verwirklichen, kreativ sein, Innovationen produzieren. Aber nicht auf eigenes Risiko und nicht in der eigenen Garage.