Freitag, 05.04.2019
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Familienunternehmen an der Börse: Mehr als nur Wachstumskapital

Familienunternehmen an der Börse müssen Rechenschaft ablegen und alle Zahlen offenlegen. Das passt nicht jedem. Aber die Börse hilft, Engpässe zu überwinden, wenn Kapital dringend gebraucht wird, um das Geschäftsmodell zu erweitern.
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Der Börsengang bedeutet mehr Transparenz und offene Zahlen. Nicht alle Familienunternehmen sind davon begeistert.

 

Foto: tonefotografia / iStock / Getty Images Plus

Auf den ersten Blick scheinen Familienunternehmen und Kapitalmarkt nicht zusammenzupassen: Unabhängigkeit, Entscheidungskontrolle und Generationendenken auf der einen Seite. Transparenz, Reportingpflichten und Quartalsdenken auf der anderen Seite.

Dass dies nicht miteinander vereinbar oder gar gegensätzlich sei, sieht Claus Bolza-Schünemann (63) nicht. „Die Börse diszipliniert. Und sie erzeugt Druck, rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren“, sagt der CEO der Koenig & Bauer AG aus Würzburg, einem weltweit führenden Anbieter im Verpackungs-und Sicherheitsdruck, der sich aus einer langanhaltenden, bedrohlichen Krise freigeschaufelt hat. Nach dem Jahr 2013 mit hohen Verlusten schreiben die Würzburger seit 2014 wieder schwarze Zahlen und sind seit 2015 wieder im SDAX vertreten. Der Umsatz liegt bei über 1,2 Milliarden Euro, für 2018 wird eine EBIT-Marge von rund 7 Prozent angestrebt. 

Koenig & Bauer ist seit 1985 börsennotiert. Das Unternehmen brauchte zu jener Zeit Kapital, um einen großen Sprung in die damals boomende Printindustrie zu bewältigen und sich für die Großaufträge der weltweit größten Verlage zu rüsten – vom Springer-Konzern oder von der „Washington Post“. Es folgten große Übernahmen, Koenig & Bauer weitete die Produktion aus und trieb erfolgreich die Internationalisierung voran. 

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Führt in zweiter Generation: Josef Daldrup.

 

Foto: Daldrup & Söhne AG

Auch Unternehmer Josef Daldrup (66) brauchte Kapital. „Die Banken hätten unser Geschäftsmodell nicht verstanden, und ich wollte mich nicht von ihnen abhängig machen“, erklärt der Vorsitzende des Vorstands der Daldrup & Söhne AG den Gang an die Börse im Jahr 2007. Das Unternehmen mit einer Gesamtleistung von 43 Millionen Euro (2017) ist spezialisiert auf Geothermiebohrungen und Kraftwerksprojekte in der Tiefengeothermie. Der Börsengang spülte etwa 30 Millionen Euro in die Kasse des Familienunternehmens, 20 Millionen davon wurden in den Bau der ersten Tiefbohranlage gesteckt.

 

Die Gründe für einen Börsengang sind vielfältig. Die einen brauchen Kapital, um die Nachfolge zu regeln und Gesellschafter auszubezahlen, die anderen, um anorganisches Wachstum zu finanzieren oder in technische Anlagen zu investieren. Und: „In Zeiten des digitalen Umbruchs brauchen Unternehmen vor allem Kapital, um ihr Geschäftsmodell zu erneuern oder weiterzuentwickeln“, sagt Renata Bandov, Head of Pre-IPO & Capital Markets bei der Deutschen Börse AG. 

Daran arbeitet Daldrup & Söhne mit Hochdruck. Seit einigen Jahren baut das Unternehmen ein neues, kapitalintensives Geschäftsfeld auf: Es beteiligt sich an geothermischen Kraftwerken, entwickelt sich zu einem mittelständischen Energieversorger und deckt somit die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Machbarkeitsstudie über die Seismik und die Claim-Entwicklung bis hin zum Bau und Betrieb von Geothermie-Kraftwerken und zum Energiecontracting. 

Auch Koenig & Bauer hat – notgedrungen – am Geschäftsmodell geschraubt, als der Markt für den Zeitungsdruck in sich zusammengefallen war. „In einer Geschwindigkeit, die wir unterschätzt haben“, gibt Bolza-Schünemann zu. Der Umsatz mit Zeitungsmaschinen hatte vor fünfzehn Jahren noch zwei Drittel zum Gesamtumsatz beigetragen. Heute sind es nur noch knapp 2 Prozent.

Harte Realität kommunizieren

Mehrere Berater unterstützten beim Umbau des Konzerns, Stellen wurden massiv abgebaut. Im Jahr 2014 kam Andreas Pleßke als Restrukturierungsexperte in den Vorstand und führte die begonnene Neuausrichtung fort: Die Produktion wurde komplett neu ausgerichtet, die Führung dezentralisiert und gleichzeitig in neue Geschäftsfelder investiert: Maschinen für den Druck auf Faltschachteln, Karton, Kunststoff und Glas sind mittlerweile eine tragende Säule des Konzerns.

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Nachfahre der 1842 gegründeten Koenig & Bauer

AG: Claus Bolza-Schünemann.

 

Foto: Koenig & Bauer AG

Die Börse hatte das Unternehmen mehrfach abgestraft. Aber die Börse half auch: „Weil wir zur Transparenz gezwungen sind, verstehen Mitarbeiter, der Betriebsrat und auch die IG-Metall, warum wir sehr harte Entscheidungen treffen müssen. Ein Familienunternehmer, der still im Kämmerlein seine strategischen Entscheidungen fällt, hat es sicherlich deutlich schwerer, seine Mitarbeiter und Mitgesellschafter von der Sinnhaftigkeit harter Einschnitte zu überzeugen – und trifft sie daher nicht selten zu spät“, glaubt Bolza-Schünemann.

 

Die von vielen Familienunternehmen gescholtene Transparenz ist für Daldrup & Söhne essentiell für die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. „Die Finanzierung unseres Geschäfts bleibt auch in Zukunft eine Herausforderung“, sagt Josef Daldrup. „Daher ist die Transparenz auch so wichtig, die uns der Kapitalmarkt abverlangt. Sie dient der Vertrauensbildung. Große Auftraggeber und Investoren, die sich an Projektgesellschaften beteiligen wollen, schätzen diese Transparenz.“

Familienunternehmen fürchten aber auch die Mitsprache der Investoren, der Kapitalmarkt kostet sie Kontrolle. Familie Daldrup knapp 60 Prozent. Für Josef Daldrup war es eine Umstellung, seinen Investoren und seinem Aufsichtsrat Rede und Antwort zu stehen. „Das ist mir anfangs schwergefallen, weil es viel Zeit kostet“, erinnert er sich. Familienunternehmer sind mit der Börsennotierung außerdem in der Öffentlichkeit viel präsenter. Nicht alles ist angenehm, wenn man im Rampenlicht steht. Josef Daldrup muss sich nicht nur dem Kapitalmarkt stellen, sondern auch zweifelnden und manchmal auch wütenden Bürgern: Gegen die Bohrungen gibt es immer mehr Bürgerbegehren. Für Josef Daldrup heißt das: „Aufklären, aufklären, aufklären.“ Sein Terminkalender füllt sich mit Reisen zu den jeweiligen Gemeinden, die gegen die Bohrungen aufrufen. „Es hilft, dass ich als Familienunternehmer Flagge zeige und persönlich zu den Treffen erscheine“, sagt er. Das sei zwar mühsam, lohne sich aber.

Gute Geschichtenerzähler

Davon ist auch Claus Bolza-Schünemann überzeugt. Einige Jahre lang hat das Unternehmen keine Dividende bezahlt. Stellenabbau, Kostensenkung, Restrukturierung, Neuausrichtung, besorgte Mitarbeiter und eine alarmierte Öffentlichkeit. „Das muss man aushalten können“, sagt er. Als Urururenkel des Firmengründers ist er das Gesicht des Unternehmens und derjenige, der sich vor die Belegschaft stellt und selbst den Personalabbau verkündet. „Reden kocht keinen Reis,“ zitiert er gern ein chinesisches Sprichwort.

Der Chef von Koenig & Bauer hat mittlerweile sogar seine Freude an den Quartalsberichten: „Die Börse erzeugt alle drei Monate den positiven Druck, immer wieder eine werthaltige Story zu liefern.“ Damit könne ein Familienunternehmen an der Börse weiterhin sehr viel gestalten, sagt Bandov von der Deutschen Börse. Wichtig sei vor allem die Equity-Story, also die Strategie, die das Familienunternehmen verfolgt. „Die muss nachvollziehbar sein. Der Investor muss verstehen, wie das Unternehmen wachsen möchte, wie viel Kapital dafür gebraucht wird und wie das Rendite-Risiko-Profil aussieht. Dann hat auch er den langen Atem, den sich Familienunternehmer wünschen.“ Koenig & Bauer lebt seit fast 45 Jahren an und mit der Börse. Die Familie hält mit etwa 20 Prozent schon lange keine Mehrheit mehr. Aber sie ist präsent.