Donnerstag, 09.01.2020
Fokus_Patchwork

Deerberg: Familie ist, was wir draus machen

Die Unternehmerfamilie Deerberg, Eigentümer des gleichnamigen Versandhandels für Naturmode, ist eine Patchworkfamilie. Was bedeutet die Familienkonstellation für ihre Zusammenarbeit, die Firma und die Nachfolgesituation?
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Wie aus dem Katalog: Stefan Deerberg (59) mit seiner älteren Tochter Laura (35, links), ihrer Halbschwester Antonia (22, Mitte) sowie seiner zweiten Frau Anne-Katrin (36, rechts).

 

Foto: Deerberg

Stefan Deerberg kommt mit dem Rad zur Arbeit. Knapp 20 Kilometer nach Süden sind es von seinem Wohnsitz in Lüneburg bis in das 140-Einwohner-Örtchen Velgen im niedersächsischen Landkreis Uelzen. Hier steht das Stammhaus des Modeversandhändlers Deerberg GmbH mit 266 Mitarbeitern und etwas mehr als 40 Millionen Euro Umsatz. Stefan Deerberg ist Mitgründer und CEO. Äußerlich wirkt er wie eine freundliche, weniger polternde Variante des Münsteraner Tatort-Kommissars Axel Prahl, nicht nur wegen des Fahrrads. Er scheint oft nachdenklich, redet leise, aber schnell und spricht auch sensible Themen unumwunden an. Und davon gibt es bei Deerberg gleich mehrere.

Wer heute Bekanntschaft mit der Unternehmerfamilie Deerberg macht, der lernt vier Menschen kennen: Stefan Deerberg (59), der die Firma 1986 gemeinsam mit seiner ersten Frau Gabi gegründet hat; Laura Deerberg (35), das jüngere der beiden Kinder aus dieser Ehe; Antonia Schneider (22), Stefans Tochter aus einer späteren Beziehung; und Anne-Katrin Deerberg (36), Stefans zweite Frau, mit der er seit 15 Jahren zusammen ist.

Es dauert im Gespräch eine Weile, die genauen Verwandtschaftsverhältnisse aufzuschlüsseln – nicht weil die Deerbergs ein Geheimnis daraus machen würden. Sie gehen offen, aber nicht offensiv mit dem Thema um. 2019 feierte Deerberg 33-jähriges Bestehen. Im Herbstkatalog, in dem die vier erstmals zusammen als Unternehmerfamilie in Erscheinung traten, sind sie schlicht mit Foto, Vornamen und einem Zitat zur Marke aufgeführt. Weitere Informationen wie Altersangaben, Nachnamen oder Positionsbezeichnungen, die Rückschlüsse auf die konkrete Familienkonstellation ermöglichen würden, gibt es nicht.

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Allerdings: Gerade langjährige Kunden wissen, dass eben diese Stelle im Katalog früher dem Gründerpaar Stefan und Gabi vorbehalten war. Vor diesem Hintergrund sendet das Bild der „neuen“ Unternehmerfamilie eine klare Botschaft: Familie ist, was wir draus machen. „Wir haben uns gefragt: Ist es denkbar, dass wir uns als Patchworkfamilie outen?“, sagt Stefan Deerberg. Im Sommer 2019 entschieden sie sich gemeinsam dafür. Die Erleichterung bei Stefan Deerberg ist groß. Denn die Strategie der Patchworkfamilie als Werbe- und Werteträger ist auch als Resultat und Lösungsversuch seiner eigenen Geschichte in und mit der Firma zu verstehen.

Stefan und Gabi Deerberg bekommen früh Kinder. Als 1980 ihr erster Sohn geboren wird, ist Stefan gerade 19, seine damalige Frau 21 Jahre alt. Stefan ist Flugzeugbauer, Gabi gelernte Lederschneiderin. Auf der Suche nach einer zusätzlichen Einkommensquelle für die junge Familie beginnen sie, in Heimarbeit aus Lederresten Hosen zu fertigen und im Freundeskreis zu verkaufen. Es folgt der Kleinhandel mit Birkenstock-Sandalen – ein Produkt, das in der Öko- und friedensbewegten Zeit total einschlägt.

Familienbewusstsein, Nachhaltigkeit, Fairness und soziales Engagement sind Werte, die sich die Deerbergs von Beginn an auf die Fahnen schreiben. 1986 melden sie ein Gewerbe an, drei Jahre später geht der erste Katalog in Druck. Seitdem geht es aufwärts. 1996 wird der Schuh- und Taschenversand durch ein Segment mit eigenen Textilien ergänzt, im selben Jahr geht die erste Website online. Die Deerbergs kaufen und bauen Grundstücke und Gebäude, um den wachsenden Maßstäben gerecht zu werden. Hinzu kommt eine Herausforderung auf familiärer Ebene. 1995 trennt sich das Gründerpaar. Wer glaubt, dass das das Ende ihrer Zusammenarbeit bedeutet – und womöglich auch das der Firma, die beiden zu gleichen Teilen gehört –, der wird eines Besseren belehrt: Sie bleiben Geschäftspartner. „Trotz der Trennung haben wir es geschafft, die Firma noch 15 Jahre gemeinsam weiterzuführen“, sagt Stefan Deerberg heute. Erst 2010 steigt Gabi Deerberg operativ aus.

Bis heute ist Stefan Deerberg Überzeugungstäter im besten Sinne. Er liebt das Unternehmen und die Marke nach wie vor. Aber die jahrzehntelange Verantwortung als Gründer und Geschäftsführer hat ihm zugesetzt. 2004 lernt Stefan Deerberg seine jetzige zweite Frau Anne-Katrin kennen, die in Lüneburg erfolgreich ein Einzelhandelsgeschäft betrieb. Der unternehmerische Alltag fordert beide. 2015 beschließt das Paar, sich eine Auszeit zu nehmen und auf Segelreise zu gehen, ohne konkretes Ziel, ohne Zeitplan. Anne-Katrin Deerberg verkauft ihr Geschäft, Stefan Deerberg übergibt die Verantwortung an Matthias Bergmann, einen Mitarbeiter der ersten Stunde, der dem Unternehmen seit vielen Jahren als CFO gute Dienste leistet. So unglaublich die Reise für beide ist: Ohne Stefan Deerberg an der Spitze läuft es zu Hause nicht rund. Wie die gesamte Branche hat Deerberg mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen. 2018 entscheidet das Paar, zum Unternehmen zurückzukehren. Stefan Deerberg übernimmt wieder das Ruder und kehrt zurück in die Geschäftsführung, Anne-Katrin steigt als Verantwortliche für die acht stationären Läden mit ein.

Wachstum bewältigen, Strukturen schaffen

„Sicherlich haben wir damals nicht alles richtig gemacht. Deerberg war ein Unternehmen ohne Unternehmer“, sagt Stefan Deerberg heute. Die Führungsebene sei in dieser Zeit einfach nicht optimal besetzt gewesen. Besonders beim Marketing habe es strategische Fehlentscheidungen gegeben. Das soll ihm nicht noch mal passieren. Zurück in der Firma, korrigiert Stefan Deerberg nicht nur den Kurs der Marke, sondern arbeitet auch grundsätzlich an den Strukturen. „Wir waren eigentlich ein zu groß geratenes Einzelhandelsgeschäft“, so Deerberg. Neben ihm und Matthias Bergmann – nun wieder CFO – gibt es nun einen weiteren Vorstand, den Chief Restructuring Officer Lars Buschbom. „Das Ziel ist, die Stärke des Familienunternehmens mit der Stärke eines strategisch sauber entwickelten Unternehmens zu verbinden“, so Deerberg.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Geschichte wundert es kaum, dass Stefan Deerberg nie von seinen Kindern verlangt hat, ins Unternehmen einzutreten. „Freiwillig heißt bei uns wirklich freiwillig“, sagt die ältere Tochter Laura Deerberg. Sie selbst konnte sich den Einstieg in die Firma zunächst gar nicht vorstellen, ging nach dem Schulabschluss zunächst nach Berlin und machte unter anderem eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. Erst 2012 kam sie – unzufrieden mit ihrer aktuellen Jobsituation – zu Deerberg zurück. Was als vorübergehende Station zum Geldverdienen geplant war, wurde zu einem Traineeship in der elterlichen Firma.

Info

Die Deerberg GmbH

Weiblich, Mitte 50, erwachsene Kinder, abbezahltes Haus, womöglich mit Hund – so beschreibt Stefan Deerberg die Kernzielgruppe des Unternehmens. Der Anteil des Online-Geschäfts liegt bei etwa 65 Prozent, 20 Prozent des Umsatzes macht die Firma in acht Filialen, davon zwei Outlets. Der Rest entfällt auf Telefonbestellungen oder die klassische Bestellpostkarte: Deerberg versendet pro Jahr etwa zehn Kataloge mit einer Auflage von je 250.000. Für 2019 rechnet Stefan Deerberg mit einem Umsatz von 41,8 Millionen Euro, das Unternehmen beschäftigt 266 Mitarbeiter. Dabei hat Familienfreundlichkeit für Stefan Deerberg, der selbst jung Vater geworden ist, oberste Priorität. Die Firma hat seit 2004 durchgängig das Zertifikat „audit berufundfamilie“ der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung erhalten und greift auch zu ungewöhnlichen Mitteln: Unter anderem stellt sie ihren Mitarbeitern in Velgen zwei Waschmaschinen und Trockner zur Verfügung, damit sie einen Teil der Hausarbeit während der Arbeitszeit erledigen können.

Heute ist Laura Deerberg im mittleren Management der Firma für Personalfragen verantwortlich „und damit auch ganz zufrieden“, wie sie sagt. Ambitionen auf die Geschäftsführung hat sie momentan nicht. Ihrem Vater liegt es fern, sie zur Nachfolge zu drängen. „Wir haben alle operative Rollen im Unternehmen, sind aber frei in unseren beruflichen Entscheidungen“, sagt Laura Deerberg. Ihre Halbschwester Antonia hat bei Deerberg kürzlich eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation abgeschlossen – zum einen aus Interesse am Unternehmen ihres Vaters, aber auch weil Deerberg damals schlicht der einzige Ausbildungsbetrieb für dieses Fach im Landkreis Uelzen war.

Neben den operativen Aufgaben sind auch die Firmenanteile heute auf mehrere Schultern verteilt. Als Gabi Deerberg 2010 aus der Firma ausstieg, übertrug sie jeweils 2,5 Prozent der Firmenanteile auf ihre beiden Kinder Laura und Tom, der in Frankfurt lebt und einen Werdegang außerhalb des Familienunternehmens gewählt hat. Die übrigen 45 Prozent verkaufte sie an ihren Ex-Ehemann. Dieser wiederum entschied im Sommer 2019 – analog zur neuen Sichtbarkeit der Unternehmerfamilie –, jeweils 2,5 Prozent an Tochter Antonia und Ehefrau Anne-Katrin zu übergeben.

Wie die vier heute zusammensitzen, vermitteln sie den Eindruck, mit der aktuellen Konstellation durchaus zufrieden zu sein. Alle haben sich dafür entschieden, in dieser Form als Familie zusammenzuarbeiten. Zugleich scheint allen bewusst, dass man am Funktionieren der Familie arbeiten muss, das Thema wird nie abgeschlossen sein. Bis heute bekommen die Deerbergs von langjährigen Kunden Post mit der Frage, wie es eigentlich Stefans erster Frau und Mitgründerin Gabi geht. Eine Frage mit Konfliktpotential, die Laura Deerberg aber ganz entspannt beantwortet: Sie hat erneut geheiratet und sich nach dem Verkauf beziehungsweise der Übertragung ihrer Anteile ins Privatleben zurückgezogen.

Die vier unterscheiden sehr genau zwischen ihren Rollen in der Familie und im Unternehmen, zum Beispiel haben sie jeweils eine Whatsapp-Gruppe für Familien- und eine für Unternehmensthemen. „Wir halten unsere verschiedenen ‚Hüte‘ sehr gut auseinander“, sagt Laura Deerberg. „Wenn jemand bei einem Treffen die Themen vermischt, bekommt er auch schon mal eins auf den Deckel.“ Eigentlich bräuchten sie noch eine dritte Whatsapp-Gruppe: Seit dem Sommer 2019 haben alle vier auch einen Sitz im neu gegründeten Beirat des Unternehmens, hinzu kommen zwei Externe. Es ist womöglich der wichtigste Schritt in Stefan Deerbergs Vorhaben, das Unternehmen von seiner Person unabhängiger zu machen. „Ich kann mir vorstellen, irgendwann nur noch als Markenbotschafter für Deerberg aktiv zu sein“, sagt er. Vor diesem Hintergrund kann man sich gut ausmalen, wie Stefan Deerberg nach getaner Arbeit auf seinem Fahrrad die 20 Kilometer nach Hause nach Lüneburg fährt. Und die Firma hinter sich lässt.