Donnerstag, 06.12.2018
Fokus_Im Aufwind

Cornelius Bockermann: Der Kapitän

Cornelius Bockermann ist Reeder und will die Welt verändern – mit seinem Segelfrachtschiff Avontuur, das ohne Emissionen, nur vom Wind getrieben, Kontinente verbindet. Ein naiver Träumer? Selbst der größte Seemann hat einmal klein angefangen.
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Die Avontuur auf dem Weg nach Kuba. Das Segelschiff soll laut Kapitän Cornelius Bockermann zum Nachdenken über die Konsumgesellschaft anregen.

 

Foto: Christoph Neumann

Elsfleth ist ein beschauliches Städtchen an der Unterweser. Die Regionalbahn nach Bremen fährt nur ein Mal pro Stunde. Hinter den beiden Bahnsteigen liegen vertäute Schiffe. Möwen lärmen mehr als Autos. Hier ist die Welt in Ordnung. Doch der Schein trügt: Cornelius Bockermann will von hier aus eine Revolution lostreten. „So kann das mit unserer Konsumgesellschaft nicht weitergehen. Wir zerstören unsere Erde“, sagt er. Bockermann ist Kapitän, studierte an der Fachhochschule Ostfriesland Nautik und Schiffsmaschinentechnik und war 20 Jahre als Unternehmer und Reeder in Westafrika tätig.

Mit den klassischen Unternehmern kann und will er sich heute nicht mehr identifizieren. Bockermann hat das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmannes gelebt. Flüge erster Klasse, tolle Autos, erzählt er. Das alles hat er hinter sich gelassen. Seine Reederei Timbercoast GmbH, die er 2013 gegründet hat, soll ein Gegenmodell zur heutigen Frachtschifffahrt sein, die die globale Konsumgesellschaft bedient. Aktuell ist die Avontuur das einzige Schiff der Flotte. Ein Segelfrachter, der in den zwanziger Jahren zumeist an der Nordseeküste unterwegs war. Fast 100 Jahre später erwarb Bockermann mit seinem Erspartem das Schiff im Herbst 2014. Zusammen mit 160 freiwilligen Mitarbeitern hat er es wieder handelstauglich gemacht.

Mit Nostalgie die Welt retten?

Dass die Avontuur mit 43 Metern Länge, zwei Masten und acht Segeln Nostalgie und Erinnerungen an alte, ruhmreiche Zeiten weckt, ist kein Zufall. Das Projekt Timbercoast solle ein Hingucker sein, große Kreise in der Öffentlichkeit ziehen, sagt der Kapitän. Die Wahl der Strecke ebenfalls: Heute segelt die Avontuur wie zu Kolumbus’ Zeiten von Europa nach Südamerika und über Nordamerika wieder zurück gen Westen. Nachhaltig, fast nur vom Wind getrieben. Treibstoff braucht die Avontuur, die bis zu 114 Tonnen Ladung über den Atlantik transportieren kann, lediglich für das Manövrieren in Häfen und auf der Weser. „Andere, kürzere Routen hätten durchaus lukrativer sein können als die jetzige, aber mir geht es nicht darum, reich zu werden. Wir leben im Überfluss, alles dreht sich nur um Wachstum und mehr, mehr, mehr. Das geht auf Kosten der Umwelt. Wir zeigen, dass Seetransport auch ohne Emissionen geht.“

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Cornelius Bockermann war jahrelang Reederer in Westafrika.

 

Foto: Timbercoast

Mit diesem Mantra begeisterte Bockermann auch die vielen Menschen, die ohne Bezahlung beim Wiederaufbau des Frachtseglers mithalfen. Knapp zwei Jahre dauerte die Renovierung. Die Helfer kamen aus aller Herren Länder und brachten sich mit verschiedensten Fähigkeiten ein. Wie der Kanadier Ben Decosse zum Beispiel, der seit fast vier Jahren den Vertrieb und den Webauftritt von Timbercoast verantwortet. Die meisten anderen schufteten körperlich hart am Schiff. Der Lohn für die freiwillige Arbeit an Land? Für Unterkunft und Verpflegung war gesorgt, für jeden Arbeitstag in der Elsflether Werft dürfen die Helfen einen Tag auf hoher See mitsegeln. Abenteuer Matrosenausbildung und Anpacken inklusive.

 

Viele Menschen begeistern sich für die Idee Bockermanns. Das Unternehmen Yogi-Tee ist beispielsweise auf den Bremer aufmerksam geworden und wollten mit Timbercoast zusammenarbeiten. Damit sich das für solche Firmen rechnet, müsste allerdings mehr Transportkapazität vorhanden sein. „Wenn wir nur zwei Prozent der Waren dieser Unternehmen transportieren können, lohnt sich das für die nicht“, analysiert der Kapitän.

Und jeden Kunden nimmt Bockermann zudem nicht an: „Wir wollen eng mit den Unternehmen zusammenarbeiten, die unsere Mission ‚Nachhaltiger, emissionsfreier Handel‘ teilen.“ Firmen, die lediglich „ihr Image aufpolieren wollen“, dürften sich keine Aussichten auf den Lagerraum auf der Avontuur machen. So verwundert es nicht, dass seine Kunden kleine, wenig bekannte Firmen sind. Zum Beispiel die Zotter Schokoladen Manufaktur, ein 1999 gegründeter österreichischer Hersteller von biologischer und fair produzierter Schokolade, oder slokoffie, ein Bio-Kaffee-Händler aus Bremen.

Mit Online-Shop quersubventionieren

Aktuell ist das Schiff auf seiner vierten Fahrt unterwegs. Die ersten Frachtsegelreisen haben Bockermann gelehrt, kontinuierlich sein Geschäftsmodell zu verbessern, denn er bemerkte schnell, dass er mit dem Projekt nur Geld versenkt, aber nichts herausfischt. Das musste sich ändern, ein neues Geschäftsfeld kam hinzu: Timbercoast handelt mittlerweile selbst mit Waren, um sich auf lange Sicht zu monetisieren. Produkte wie Kaffee und Schokolade aus Nicaragua, Gin und Honig von den Azoren oder Rum und Salz von den Kanarischen Inseln kauft Bockermann direkt beim Produzenten ein – und der eigene Online-Shop trägt dieses alte Prinzip der Schifffahrt in die Neuzeit und nach Mitteleuropa. „Mit der nachhaltigen Story hinter unseren Produkten können wir stark punkten,“ weiß Bockermann. Und statt Seemannsgarn und Piratengeschichten am Hafen gibt es Videos vom Atlantik auf YouTube.

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Anpacken ist gefragt: Ein Mitarbeiter von Timbercoast verlädt Fässer auf der Avontuur.

 

Foto: Marco Bernhard

Mit dieser Struktur will Bockermann im Jahr 2019 zum ersten Mal seit dem Kauf der Avontuur schwarze Zahlen schreiben. Er ahnte damals, dass die Banken seinen Businessplan nicht abnicken würden. Daher wollte der extrovertierte Segler die Finanzierung von Timbercoast komplett ohne Banken realisieren. 680.000 Euro waren für die Renovierung des alten Frachters angesetzt. Eine naive Kalkulation, wie sich später herausstellte. Eigene Ersparnisse sollten die Summe zunächst tragen. Doch die Kosten stiegen. Hinzu kam, dass die Bürokratie Bockermann und seinen Volunteers Steine in den Weg legte. Im Gegensatz zu Oldtimern bei Automobilien gibt es in der Schifffahrt keinen Bonus für alte Frachter. Die Avontuur musste die Anforderungen eines modernen Frachters erfüllen. „Weil ich so viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet habe, hatte ich die bürokratischen Hürden nicht in ihrer Gänze auf dem Schirm“, gibt Bockermann zu.

Es geht um Teilhabe

Um das Fortbestehen des Großprojekts zu gewährleisten, gab Bockermann, im Stile der präsidialen Wahlkampfkampagne von Bernie Sanders, Kleinstanteilseignern die Chance, für 1.000 Euro einen Teil des Schiffs zu erwerben. „Das macht die Finanzierung nicht unkomplizierter, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, weil es bei dem Projekt um Ideologie und den Spirit geht, ein Teil von vielen zu sein.“ Knapp 100 Minigesellschafter reihten sich ein. Zu wenig, denn die Renovierung der Avontuur kostete am Ende knapp 1,4 Millionen. Lediglich eine Finanzspritze von Hans Georg Näder, dem Mehrheitsgesellschafter der Ottobock SE & Co. KGaA, verhinderte Bockermanns Gang zur Bank. 25 Prozent hält Näder nun am Schiff. Ein stiller Gesellschafter, sagt Bockermann und fügt hinzu: „Man kommt nicht an einen Investor wie ihn, wenn dieser nicht an die Zukunftsfähigkeit des Modells glaubt.“

Und Bockermann wäre nicht Bockermann, wenn er seine Mission „Nachhaltiger Handel“ damit beendet hätte, dass die Avontuur nach einiger Verzögerung im Jahr 2016 endlich in See stach und seitdem kontinuierlich durch den Atlantik schippert. Ein zweites Segelschiff liegt aktuell in Elsfleth. Die Renovierung will Bockermann allerdings unter anderen Vorzeichen umsetzen. „Die Freiwilligen haben einen tollen Job gemacht und trugen die Story von uns als Multiplikatoren hinaus.“ Die Kosten für die Verpflegung und die Unterkunft waren allerdings höher als die Kosten, die Bockermann für die Leute vom Fach trägt. Die Profis aus der Elsflether Werft sollen nach haargenau gezeichnetem Plan das umsetzen, was der Kapitän im Kopf hat. Auch Weltverbesserer brauchen Wachstum, Professionalität und Wirtschaftlichkeit. Nur anders. 

Info

Handel ohne Emission

Die Timbercoast GmbH betreibt das Management der Avontuur Shipping Company, die offen ist für Mitgesellschafter. Die Verteilung der Anteile sieht folgendermaßen aus:

 

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Gesamtwert des Unternehmens 1.349.000 Euro
Timbercoast GmbH18.000 Euro
Private Anteilseigner1.292.000 Euro
Verfügbares Kapital

39.000 Euro

Quelle: Timbercoast