Dienstag, 10.12.2019
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Arist von Schlippe: Normalfamilie in der Krise

Die Mitglieder von Patchworkfamilien umgibt ein kompliziertes Beziehungsgeflecht – das noch verstärkt werden kann, wenn die Familie mit einem Unternehmen verbunden ist. Psychologe und Psychotherapeut Arist von Schlippe spricht über die Herausforderungen und Chancen in „zusammengesetzten“ Unternehmerfamilien.
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Prof. Dr. Arist von Schlippe hält den Lehrstuhl Führung und Dynamik von Familienunternehmen am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU).

 

Foto: WIFU

Professor von Schlippe, der Begriff Patchworkfamilie wurde 1990 erstmals im Deutschen geprägt und findet seitdem weite Verbreitung. Ist der Hype übertrieben?

Nein, im Gegenteil. In der Praxis wird oft noch vom klassischen Familienbild ausgegangen. Tatsächlich lässt sich aber nachweisen, dass sich die Normalfamilie in der Krise befindet. Zwischen 1979 und 2004 hat sich etwa der Anteil der 35-jährigen Frauen, die in sogenannten bürgerlichen Familienkonstellationen leben, auf 19 Prozent mehr als halbiert. Diese Entwicklung setzt sich fort, sie macht auch vor Unternehmerfamilien nicht halt.

Wenn es um Patchworkfamilien mit Bezug zu einem Familienunternehmen geht, steht meist die juristische Regelung von Erbfragen im Vordergrund. Was sagen Sie als Psychologe und Psychotherapeut dazu?

Das Erbe ist der Lackmustest für die Konfliktfähigkeit der Familie. Juristische Lösungen haben natürlich ihre Berechtigung, aber sie lösen eben nur – bestenfalls – juristische Probleme und nicht die zwischenmenschlichen Konflikte, die ja auch und besonders in zusammengesetzten Unternehmerfamilien entstehen.

Welche sind das zum Beispiel?

Wer etwa als Sohn oder Tochter eines Unternehmers mit zwei oder drei Geschwistern aufgewachsen ist, für den ist klar: Wir sind in dieser Konstellation die Unternehmerfamilie, wir werden später den Gesellschafterkreis bilden. Und dann kommen auf einmal 18 oder 20 Jahre jüngere Geschwister aus einer späteren Ehe des Vaters hinzu. Das fordert die Familie heraus. Psychologen sprechen hier vom „Dilemma der unterschiedlichen Uhren“: Räumliche und personelle Veränderungen vollziehen sich schneller als die Veränderung der inneren Landkarten der Beteiligten. In diesem Fall haben die neuen Kinder als eheliche, leibliche Abkommen des Unternehmers ein Anrecht auf den Status als Gesellschafter – mit ihnen muss man rechnen. Sie beanspruchen, ebenfalls Mitglieder der Unternehmerfamilie zu sein. Das kann für die Älteren ganz schön bedrohlich sein.

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Erschwerend kommt hinzu: Wenn ein Unternehmer Kinder aus mehreren Ehen hat, treffen verschiedene typische Familiendynamiken aufeinander. So wird die Partnerin aus der jüngsten Ehe des Unternehmers sich und ihre Kinder oft eher als die ‚eigentliche‘ Familie des Vaters sehen. Die älteren Kinder aus den früheren Ehen leiten dagegen eigene Rechte her im Bewusstsein unausgesprochener Regeln, wonach sich aus dem Alter und der Länge der Familienzugehörigkeit bestimmte Ansprüche ergeben. Sie erwarten womöglich, zuerst gefragt oder mit bestimmten Aufgaben betraut zu werden. Da laufen zwei grundsätzlich verschiedene Familiendynamiken gegeneinander.

Was schlagen Sie vor?

Ich kenne keine pauschale Lösung. In jedem Fall würde ich den älteren Geschwistern raten, sich zusammenzusetzen und sich zu fragen: Wie können wir mit der neuen Situation konstruktiv umgehen? Sie müssen ihre innere Uhr auf die Entwicklung einstellen und neu adjustieren: Ihr Erbteil wird weniger groß sein, sie haben eine höhere Komplexität auf Seiten der Unternehmerfamilie zu stemmen und so weiter. Wie dieser psychologische Adaptationsprozess genau verläuft, lässt sich nicht vorschreiben. Für mich ist hier der Begriff „Consciousness raising“ bedeutsam: Bewusstheit entsteht, wenn man sich miteinander unterhält, wenn man sich über die Komplexität, in der man steht, austauscht und sich über die Paradoxien klar wird, in denen man steckt. Dann hat man die Chance, eine für diese Familie passende Lösung zu finden. Das Resultat könnte dann in einer Familienverfassung festgehalten werden. Aber das wird auf jeden Fall Zeit brauchen.

Ist es realistisch zu vermuten, dass erwachsene Kinder besser mit Veränderungen der Familienkonstellationen zurechtkommen als kleine Kinder?

Ich würde eher sagen, anders. Grundsätzlich steigt mit dem Alter die Reflexionsfähigkeit. Allerdings fehlt in Unternehmerfamilien oft eine wichtige Möglichkeit zur Entspannung von Konflikten: die Distanzierung. In einer Nichtunternehmerfamilie können Sie ab einem gewissen Punkt selbst entscheiden, wie viel Kontakt sie noch zu den anderen Familienmitgliedern haben möchten. In Unternehmerfamilien sind Sie gezwungen, als Familie zu kooperieren. Es kann sein, dass Sie diese Woche als Geschäftsführer entmachtet wurden und am liebsten in die Karibik fliehen würden – nächste Woche aber sitzen Sie wieder in der Gesellschafterversammlung. Damit müssen Sie irgendwie zurechtkommen.

Wie hoch ist die Chance, dass die Familie solche Herausforderungen allein bewältigt?

Grundsätzlich habe ich ein großes Zutrauen in die Beteiligten. Die Frage ist, wie weit ein Konflikt eskaliert ist. Solange die Auseinandersetzung noch auf der Sachebene stattfindet – nach dem etwas vereinfachten Konfliktmodell nach Friedrich Glasl wäre das die erste Stufe der Eskalation –, kann die Familie es aus eigener Kraft schaffen, sich neu zu justieren. Auf Stufe zwei, wenn man das Gesicht des anderen direkt angreift, zum Beispiel durch persönliche Beleidigungen, wird das schon schwieriger. Stufe drei wäre, das Gegenüber schädigen oder sogar – zumindest im wirtschaftlichen Sinne – zerstören zu wollen. Ausgesprochen könnte das etwa lauten: „Du wirst keinen Cent von deinem Erbe sehen!“ Oder: „Die Prozesskosten werden alles verschlingen, was du hast!“ Wenn der Konflikt so weit eskaliert ist, schafft eine Familie das nicht mehr allein.

Werfen wir einen Blick auf die Elternebene: Ausgangspunkt für die neue Konstellation ist ja die Trennung des ursprünglichen Paares beziehungsweise die Entscheidung für einen neuen Partner. Was kann man tun, um in dieser Situation Konflikte möglichst zu vermeiden?

Das Gefährlichste ist der Versuch, den Mythos einer Normalfamilie zu verwirklichen. Dann gerät alles aus dem Blick, was neu ausgehandelt werden muss: das Verhältnis von Nähe und Distanz, die Frage: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben? Oder auch: Wie wollen wir uns ansprechen? Wenn der neue Partner darauf besteht, als „Papa“ angesprochen zu werden, setzt er den Mythos der Normalfamilie als Standard und sieht nicht, in welche Loyalitätskonflikte er die Kinder damit bringt.

Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass der ehemalige Partner sein erbberechtigtes Kind beeinflusst und Unfrieden im Gesellschafterkreis stiftet?

Die negative Beeinflussung von Kindern passiert grundsätzlich vor allem dann, wenn der jeweilige Elternteil mit der früheren Partnerschaft nicht wirklich abgeschlossen hat. Die Frage ist: Akzeptiere ich das Ende der Beziehung wirklich, oder setze ich sie gewissermaßen unter negativem Vorzeichen weiter fort? Verleugnen ist keine wirkliche Beendigung. Das Schwierigste ist, wenn Themen und Personen tabuisiert werden. Auch hier macht sich wieder der Mythos der Normalfamilie bemerkbar: Am liebsten möchte man alles Vorherige ungeschehen machen. Aber die Beziehung zu einem geschiedenen Partner ist nicht kündbar, man kann sie höchstens reduzieren.

Wie kann es denn gelingen, eine Partnerschaft wirklich zu beenden?

Dafür muss jedes Paar seine eigene Lösung finden. Wir feiern zwar Hochzeiten und Beerdigungen, aber um eine Beziehung gut abzuschließen, gibt es kein Ritual. Ich kenne ein Paar, das ein gemeinsames Trennungsfest veranstaltet hat, mit allen Freunden und Bekannten. Das ist sicher nicht für alle möglich. Ich schlage Betroffenen eine innere Formel vor: „Für meine 50 Prozent am Misslingen dieser Beziehung übernehme ich die Verantwortung, die anderen 50 Prozent lasse ich bei dir!“ Viele Menschen sagen dann: Das kann ich nicht, mein Anteil liegt höchstens bei 30 Prozent. Meist sagen das beide, denn wir gehen alle gern unschuldig durchs Leben, und man kann so etwas nicht quantifizieren. Hier geht es aber um einen symbolischen Wert, um die innere Haltung, die mir erlaubt, die ursprüngliche Beziehung zu beenden und wirklich frei zu werden. Wenn ich die Trennung akzeptiere, kann ich auch freundlich auf die Beziehung meines Kindes zu dem alten wie zu dem neuen Partner schauen und damit die Gefahr eines Loyalitätskonflikts möglichst gering halten. Das ist leicht gesagt, aber sehr schwer getan.