Mittwoch, 06.03.2019
Unternehmer sind beliebte Opfer

Sicherheit für die Familie

Unternehmerfamilien sind der Gefahr ausgesetzt, Opfer von Raub, Betrug und Erpressung zu werden. Die Gefährdung steigt durch staatliche Offenlegungspflichten und soziale Medien weiter an. Wie lässt sich das Sicherheitsbewusstsein der Familien stärken?
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Unternehmen schützen sich gegen böse Wölfe wie Wirtschaftsspionage, Plagiate oder Diebstahl. Aber wer beschützt Gesellschafter an sich?

 

Foto: WaffleBoo/iStock/Getty Images Plus

Der Sohn einer Unternehmerfamilie ahnte zunächst nichts Schlimmes, als ihm die junge Frau schöne Augen machte. Doch seine Personenschützer wurden misstrauisch. Schnell wurde klar: Der Vater selbst hatte seine Tochter überredet, den jungen Mann zu verführen. Der Gastwirt hoffte, an das große Geld gelangen.

Dieses reale Beispiel zeigt, wie vielfältig die Gefahren sind, denen Gesellschafter von Familienunternehmen und ihre Angehörigen ausgesetzt sind. Das gilt gerade im Bereich der persönlichen Sicherheit. Die großen Familienunternehmen mögen gut geschützt sein gegen Wirtschaftsspionage, Plagiate und Diebstahl. Sie verfügen auch über die entsprechenden Strukturen. Der private Schutz der Familie hingegen ist bedeutend schwieriger zu gewährleisten.

Die Erfahrung zeigt, dass vielen Straftaten intensive Planungen der Täter vorausgehen. Es wäre fahrlässig, die Energie zu unterschätzen, mit der die Täter vorgehen. Sie beginnen mit Observierungen, holen Informationen ein, sind oftmals Teil des Umfelds der Familie oder des Unternehmens. Und immer häufiger wenden sie Methoden des Social Engineerings an, um das Vertrauen ihrer Opfer oder ihrer Geschäftspartner zu gewinnen.

So lernte in einem Fall ein wohlhabender Gesellschafter eines Familienunternehmens ein seriös wirkendes Ehepaar kennen und freundete sich mit ihm an. Sie machten gemeinsame Unternehmungen. Immer wieder brachte das Paar mögliche Investitionen zur Sprache. Die Familie des Opfers wurde darauf aufmerksam und ließ – in enger Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden – Recherchen anstellen. Das Komplott wurde aufgedeckt.

Tätern gelingt es heute vermehrt, sich der Identität der Personen in der virtuellen Welt zu bemächtigen, ohne das Risiko der Entdeckung einzugehen. Dass davor selbst Fachleute nicht gefeit sind, zeigt der Fall von Europas größtem Sicherheitsdienstleister mit Sitz in Skandinavien, dessen damaliger Geschäftsführer vom Diebstahl seiner Identität erst aus der Presse erfuhr, nachdem in seinem Namen in betrügerischer Weise ein Antrag auf Privatinsolvenz eingereicht worden war.

Der gläserne Unternehmer

Die größte Betroffenheit erzeugen stets die Fälle, in denen Mitglieder von Unternehmerfamilien Opfer von körperlicher Gewalt werden. Derzeit wird vor Gericht die Entführung des Sohnes von Reinhold Würth verhandelt, der aus seiner integrativen Wohngemeinschaft entführt wurde. Solche Erfahrungen gehören zum Schlimmsten, was eine Unternehmerfamilie erleben kann.

Oft sind es öffentlich frei zugängliche Quellen, die die Straftäter auf die Spur bringen. So veröffentlichen Nachrichtenmagazine immer wieder sogenannte Reichenlisten. Schon die Entführer von Theodor Albrecht (1971) und von Richard Oetker (1976) hatten ihre Opfer in Publikationen ausfindig gemacht.

Leider erhöht die Politik die Gefährdungslage. Ein Beispiel ist das Transparenzregister, in das Unternehmen die wirtschaftlich Berechtigten eintragen müssen. Offengelegt werden in Deutschland Vor- und Nachname, Geburtsmonat und Geburtsjahr, Wohnsitzland sowie Art und Umfang des wirtschaftlichen Interesses. Das Register steht schon heute einem Personenkreis offen, der ein „berechtigtes Interesse“ geltend machen kann – wozu nach Ansicht des Bundesjustizministeriums auch Wohnungsmieter und Journalisten zählen können. Doch damit nicht genug. Die EU-Finanzminister haben einer vollständigen Öffnung des Registers für jedermann ab dem Jahr 2020 zugestimmt.

Nehmen wir als Beispiel eine Studentin, die mit mehr als 25 Prozent am elterlichen Unternehmen beteiligt ist. Als wirtschaftlich Berechtigte erscheint sie mit vollem Namen, Geburtsdatum und Wohnort selbst dann im neu geschaffenen Transparenzregister, wenn sie über keine Stimmrechte verfügt. Der Wert der Beteiligung lässt sich aus dem öffentlichen Jahresabschluss ermitteln. Weitere Details würden im Rahmen der von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen öffentlichen länderbezogenen Berichterstattung (Public Country-by-Country Reporting) geliefert. Mitunter ließe sich auch die Privatadresse ermitteln. Mit Hilfe einiger Mausklicks kann zum Beispiel die Teilnahme an einer Sportveranstaltung oder einem Vereinstreffen – und damit der genaue Aufenthaltsort – vorhergesagt werden.

Selbst im grenzüberschreitenden Verkehr werden immer weitere Einblicke in die persönlichen Verhältnisse verlangt. Chinas Banken fordern beispielsweise zunehmend in Auskunftsbegehren Informationen über die wirtschaftlich Berechtigten von Unternehmen sowie die dahinterstehenden Stiftungen, die Konten bei chinesischen Banken unterhalten.

Durch die sozialen Medien ergeben sich darüber hinaus ganz neue Möglichkeiten. Im Dark Web sind schon heute persönliche Informationen über Wohnorte, Telefonnummern und Passwörter gegen Bezahlung verfügbar – darunter Daten zu sieben Milliarden erbeuteten E-Mail-Adressen. Wer Böses plant, hat darüber sowie über Hackerangriffe die Möglichkeit, Informationen über Opfer einzuholen. Die hochentwickelten Programme der Täter liefern Profile von Personen, die stets das gleiche Passwort verwenden, auch für den Zugang zu Firmennetzwerken.

Dabei geht es nicht allein um wirtschaftliche Risiken. Ein Gesellschafter eines Familienunternehmens bekommt im sozialen Umfeld nicht nur Anerkennung, sondern riskiert mitunter auch Missgunst oder Ablehnung. Am Ende kann das soziale Leben darunter leiden, wenn Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen über die persönlichen Verhältnisse informiert sind oder sogar kompromittierende Informationen erfunden und verbreitet werden.

Stefan Heidbreder ist Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen in München.

Info

Maßnahmen zum Schutz der Familie

  • Aufklärung: Unternehmerfamilien sollten sich mit ausgewiesenen Experten zusammentun und die eigene Gefährdungssituation analysieren. Die Experten kennen die Methoden der Straftäter sowie die Möglichkeiten der Gefahrenabwehr.
  • Privatsphäre schützen: Besonders schwierig ist die Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen, für die soziale Medien zum Lebensalltag gehören. Zu den Maßnahmen gehört u.a. ein Screening, welche Passwörter gestohlen oder welche Profile in sozialen Medien abgerufen wurden.
  • Vorsorge für den Ernstfall: Ein persönlicher Sicherheitsleitfaden kann im Erpressungsfall die Arbeit erleichtern. Er umfasst mehrere Hundert Fragen zu den gewöhnlichen Aufenthaltsorten der Kinder, ihrer Erkrankungen und ihres Medikamentenbedarf sowie zu ihren besten Freunden.
  • Kontakt zu den Sicherheitsbehörden etablieren: Dafür ist es ratsam, in großen Familienunternehmen feste Ansprechpartner für Sicherheitsfälle einzurichten.

Weitere praktische Maßnahmen sind in einem Handbuch zusammengefasst, das von der Stiftung Familienunternehmen in enger Zusammenarbeit mit Sicherheitsfachleuten erstellt wurde.

Quelle: Stiftung Familienunternehmen