Freitag, 05.07.2019
Stollwerck, Familie Imhoff und das Schokoladenmuseum

Nachfolge bittersüß

Im Jahr 2002 verkaufte Unternehmer Hans Imhoff den Kölner Schokoladenhersteller Stollwerck. Heute sind seine Töchter am Zug: Annette Imhoff leitet das vom Vater gegründete Schokoladenmuseum, Susanne Imhoff die gemeinnützige Imhoff Stiftung. Der Weg dahin war kein leichter.
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Arbeiten heute Seite an Seite: Annette (links) und Susanne Imhoff.

 

Foto: Schokoladenmuseum Köln

Die Schokolade fließt in Strömen – im Kölner Schokoladenmuseum ist das mehr als ein Wortspiel. 200 Kilogramm flüssige Schokolade fasst ein silbern glänzendes Becken, darüber erhebt sich eine Skulptur aus vergoldeten Kakaoschoten. Insgesamt drei Meter ist der Schokoladenbrunnen hoch, aus zehn Edelstahlfontänen fließt stetig flüssige Schokolade. Jeder Besucher kommt hier vorbei, und jeder ist eingeladen, mit einer Waffel die Schokolade aufzufangen und zu kosten, gern auch mehrfach.

Ein Brunnen in dem unaufhörlich Schokolade sprudelt: So hat sich Hans Imhoff das vorgestellt. Seit Kindertagen begeistert sich der 1922 als Sohn eines Schlossermeisters geborene Kölner für Schokolade. 1948 gründet der gelernte Kaufmann in Bullay an der Mosel eine eigene Schokoladen- und Pralinenfabrik – und wird damit zum Millionär. 1964 kommt er zurück nach Köln, baut seine Firmengruppe in verschiedene Richtungen aus und übernimmt 1972 die Mehrheit an der angeschlagenen Stollwerck AG, die er erfolgreich saniert. Im Jahr 1993 erfüllt sich der inzwischen 71-jährige Imhoff einen Traum: Er kauft mehrere historische Gebäude im Rheinauhafen in unmittelbarer Nähe des alten Stollwerk-Gebäudes in der Kölner Südstadt und errichtet dort das Imhoff-Stollwerck-Schokoladenmuseum: einen Ort, der auf unterhaltsame Weise die Geschichte der Schokolade bis zur heutigen modernen Produktion vermittelt und die Besucher zum Riechen, Probieren und Schmecken einlädt.

Was aus heutiger Sicht klingt wie eine naheliegende Idee zur Stärkung der Marke, war vor 26 Jahren alles andere als mehrheitsfähig. Heute erfolgreiche Kölner Einrichtungen wie das Deutsche Sport & Olympia Museum und das Odysseum folgten erst Jahre später. „Die Idee des Themenmuseums war zu Beginn der neunziger Jahre noch kaum verbreitet“, erläutert Annette Imhoff (49). Ihr Vater ist 2007 verstorben, heute leitet sie das Museum in zweiter Generation. „Es waren alle gegen den Bau des Schokoladenmuseums, aber er wollte es unbedingt“, sagt Annette Imhoff über ihren Vater. 

Der Widerstand war für ihn offenbar der stärkste Ansporn, der Drang sich zu beweisen ein Lebensthema. „Mein Vater hat eigentlich immer um Anerkennung gekämpft, für sich, für Stollwerk, für das Schokoladenmuseum, für den Standort Köln“, sagt Susanne Imhoff (47), Annettes jüngere Schwester, die heute die gemeinnützige Imhoff Stiftung leitet. Im Fall des Schokoladenmuseums gelingt es: Das Haus entwickelt sich in kurzer Zeit zum Publikumsmagneten, heute verzeichnet es bis zu 3.000 Besucher am Tag und rund 550.000 im Jahr – mehr als jedes andere Museum in Köln.

Nicht nachfolgefähig

Allerdings: Nicht immer läuft bei Hans Imhoff alles nach seinem Plan. Wohl am krachendsten scheitert er bei seiner eigenen Nachfolgeplanung. Imhoff versteht Stollwerck als Familienunternehmen. Auf Teufel komm raus will er die operative Führung in die Hände eines Familienmitglieds geben. Doch ein williger Nachfolger ist nicht in Sicht, keines seiner vier Kinder aus zwei Ehen hat ein einfaches Verhältnis zum Vater. Bei Annette und Susanne, den beiden Töchtern aus seiner zweiten Ehe, sind zudem die äußeren Voraussetzungen schlecht: Als sie Teenager sind, ist der Vater längst im Rentenalter, die Leitung in der Familie zu halten wäre bestenfalls mit einer Interimslösung möglich. Annette Imhoff erinnert sich, dass der Vater ihr erstmals im Familienurlaub bei einem Strandspaziergang die Leitung des Unternehmens antrug, mit der Bedingung, dass sie dafür sofort die Schule verlassen und ins Unternehmen kommen müsse. Da war sie 14.

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Hans im Glück: Hans Imhoff vor dem Schokoladenbrunnen in Köln.

 

Foto: Schokoladenmuseum Köln

Tatsächlich ist Annette Imhoff nicht das einzige Familienmitglied, dem Hans Imhoff wiederholt die Leitung der Firma anträgt. Seine Kinder, deren Ehepartner – „er hat alle gefragt“, sagt Susanne Imhoff. Allerdings ist sie sicher, dass Annette ihm wohl die liebste Kandidatin gewesen wäre. Nach der Schule entscheidet diese sich für ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaft. 1995 übernimmt sie die Geschäftsführung von Larosé, einer Firma für textile Leasingdienstleitungen, die Hans Imhoff 1977 gegründet hat – gerade weil das Geschäft nichts mit Schokolade zu tun hat. Die Nachfolge bei Stollwerck lehnt sie ab. „Mein Grundsatz ist, das Gute besser zu machen“, sagt Annette Imhoff. „Ich wusste: Das kann ich nicht bei Stollwerck.“ Der Schokoladenhersteller, das war ihr schon damals klar, war extrem auf ihren Vater zugeschnitten. „Er wollte keine von ihm unabhängige Organisation aufbauen.“ Bis heute bezweifelt sie, ob das Unternehmen überhaupt nachfolgefähig gewesen wäre.

In Ermangelung eines familieninternen Nachfolgers zieht Hans Imhoff, der inzwischen gesundheitlich schwer angeschlagen ist, die logische Konsequenz: Verkauf. Nachdem er 1997 bereits eine Familienstiftung gegründet hat, ruft er 2001 auch eine gemeinnützige Stiftung ins Leben, die Imhoff Stiftung, in dem Wunsch, seiner Heimatstadt Köln Gutes zu tun. Ein Jahr später verkauft er das Schokoladengeschäft von Stollwerck an die belgische Barry Callebaut AG, die mehrheitlich im Besitz der Familie Jacobs ist. Was übrig bleibt, wird in Larosé als größte operative Einheit integriert – und das ist keine einfache Aufgabe. Im Jahr zuvor hatte das „Manager Magazin“ einen in die Finanzierung des Konzerns involvierten Bankenmanager mit den Worten zitiert, die Struktur von Stollwerck sei derart komplex, dass „man eine Doktorarbeit schreiben müsste, um sie darzustellen“. Diese Aufgabe fällt nun Larosé-Geschäftsführerin Annette Imhoff zu. Ein unübersichtliches Firmengestrüpp, sagt sie, habe sie nach dem Verkauf vor sich gehabt: „Es gab die Stiftung, Immobilien, das Museum, Altlasten, Gerichtsprozesse. Vieles war hochproblematisch und manches auch einfach Schrott. Das musste alles geordnet und sauber abgewickelt werden.“

Das Schokoladenmuseum als Anker

Ein Kraftakt für Annette Imhoff, die 2002 alle Anteile an Larosé übertragen bekommt, und ihren Mann Christian Unterberg-Imhoff, der sie bereits seit 1999 in der Geschäftsführung unterstützt. Die neue Struktur, die die beiden schaffen, trägt bis ins Jahr 2015, dann wird Larosé verkauft. „Der Textilservice ist eine extrem preisintensive Branche mit unglaublichem Wettbewerb“, sagt Annette Imhoff rückblickend. „2015 hatten wir sechs große Wäschereien, rund 1.000 Mitarbeiter, 65 Millionen Euro Umsatz – und die größten Konkurrenten mit 500 und 800 Millionen. Es war klar: Da kommen wir dauerhaft nicht dran.“ Wieder muss die ganze Struktur angefasst werden. Alle Familienaktivitäten werden aus Larosé herausgelöst und mit Sitz am Schokoladenmuseum neu aufgebaut (siehe Kasten).

„Das Schokoladenmuseum war immer sehr erfolgreich, aber damals fehlte etwas die unternehmerische Führung“, sagt Annette Imhoff heute. Als neue Geschäftsführer des Schokoladenmuseums beerben sie und ihr Mann Mutter Gerburg Imhoff, die seit dem Tod von Hans Imhoff im Jahr 2007 die Geschäftsführung des Museums innehatte, unterstützt von einer familienfremden Museumsdirektorin. Mutter Gerburg bleibt Vorsitzende der Imhoff Stiftung, zunächst gemeinsam mit der Tochter aus Hans Imhoffs erster Ehe. Als diese im Jahr 2009 verstirbt, übernimmt ihr Bruder Hans (heute 71).

Die jüngere Tochter Susanne ist zu diesem Zeitpunkt geographisch und auch sonst weit weg von den Unternehmensthemen. „Ich habe mich lange nicht so recht dazugehörig gefühlt“, sagt sie. Früh führt ihr Weg raus aus Köln, weg von Stollwerk. Mit ihrer Ausbildung zur Erzieherin und der Arbeit im sozialen Brennpunkt, das sagt sie unumwunden, sei sie für den Vater fachlich ein Mensch zweiter Klasse gewesen. „Meine Kompetenzen wurden in meiner Herkunftsfamilie nicht nachgefragt.“ Sie lebt und arbeitet für rund 20 Jahre in Hamburg, ist „eigentlich raus – und auch ganz froh darüber“. Doch das ändert sich. Als ihre vier Kinder selbständig genug sind, entwickelt sie den Wunsch, sich der Familie wieder mehr anzunähern, und sucht den Kontakt.

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Zwei Kölner Originale: Das Schokoladenmuseum und der Dom.

 

Foto: Schokoladenmuseum Köln

Gemeinsam finden die Imhoff-Frauen einen Anknüpfungspunkt: Zur Tätigkeit der Imhoff Stiftung gehört das Zentrum für Therapeutisches Reiten (ZTR) auf dem alten Stollwerck-Gelände in Köln-Porz. Hans Imhoff hatte den dortigen Reitstall schon in Susannes Jugendtagen gebaut, wohl um sie mit ihrem Hobby in der Nähe zu haben. Tatsächlich ist Susanne Imhoff, die auch ausgebildete Reittherapeutin ist und als junge Frau mehrere Jahre in dem Beruf gearbeitet hat, in ihrer Jugend nie dort geritten. Mehr als zwei Jahrzehnte später übernimmt sie nun die Gesamtverantwortung im ZTR. Als Vorstandsvorsitzende hinterfragt sie Prozesse, Mittelverwendung und Personalstruktur und stellt das Zentrum wieder effizienter auf. „Aus Pädagogensicht bin ich ein effizienzgesteuertes Wesen“, sagt Susanne Imhoff. „Bei allen Differenzen mit meinem Vater habe ich ein gewisses Maß an unternehmerischem Denken aus meiner Kernfamilie mitgenommen.“

Im Jahr 2017 legt Mutter Gerburg Imhoff mit 75 Jahren satzungsgemäß den Vorsitz der Imhoff Stiftung nieder. Susanne Imhoff wird in den Vorstand gewählt, zu dem nach wie vor auch ihr Halbbruder Hans gehört, der seine Rolle aber eher passiv versteht. Sie beginnt, sich ganz neu in die Stiftungsarbeit einzuarbeiten und die Arbeit der Mutter fortzusetzen, oder besser: neu zu definieren. Die Idee, per Geburt eine besondere Stellung oder bestimmte Vorrechte in einer Institution zu haben, ist ihr gänzlich fremd. Sie ist sich sicher: „Es braucht eine Legitimation, um diese Arbeit zu machen.“

Ihre Antwort darauf ist: die Arbeit der Stiftung professionalisieren und systematisieren. Geld einfach irgendwie zu verteilen ist nicht ihre Sache. Sie arbeitet sich inhaltlich in die zu fördernden Projekte ein, entwickelt einen eigenen Wertekompass und überprüft auch langjährige Förderprojekte kritisch. „Wir sind kein Sponsor. Uns geht es nicht darum, unser Logo irgendwo draufzusetzen“, sagt Susanne Imhoff. „Ein Projekt, das auch ohne uns läuft, brauchen wir nicht zu unterstützen. Wir wollen Dinge inhaltlich ermöglichen, die es sonst nicht geben würde.“ Besonders gern berichtet sie von einem Projekt über Outsider-Art mit dem Kölner Kunsthaus Kat 18, in dem Künstler mit Behinderung arbeiten: Gemeinsam mit den Künstlern werden die Werke kunsthistorisch gesichtet, eine Auswahl geht in die ständige Sammlung der Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, über. Zu dem Projekt gehört auch ein Leitfaden zum Umgang mit Outsider-Art, der veröffentlicht und so anderen Einrichtungen und Museen zur Verfügung gestellt werden soll.

Entwicklung positiv gestalten

Heute liegen die Büros der beiden Schwestern direkt nebeneinander auf der zweiten Etage des Schokoladenmuseums mit Aussicht auf den Rhein. Sie treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus, manchmal recht pragmatisch und unverblümt, beide sind nicht konfliktscheu. Dennoch hat man den Eindruck, dass sie mit sich und der Vergangenheit an einem guten Punkt angekommen sind. „Wir haben heute als Familie eine gute gemeinsame Basis“, sagt Annette Imhoff. Mit Abstand kann sie die starke Persönlichkeit des Vaters und das, was er geschaffen hat, durchaus schätzen. „Für den Erfolg, wie er ihn hatte, braucht man auch eine gewisse Rotzigkeit, eine gewisse Rücksichtslosigkeit, die er neben seinem großen Herzen und seinem unbedingten Willen zum Erfolg eben auch hatte“, so Annette Imhoff. Ihre eigene Rolle als Geschäftsführerin des Schokoladenmuseums sieht sie nicht darin, etwas Altes aufrechtzuerhalten, sondern vielmehr darin, eine positive Entwicklung zu gestalten.

Dem schließt sich auch Susanne Imhoff mit der Imhoff Stiftung an. Ähnlich wie das Schokoladenmuseums hat sich auch die Stiftung, die einen Teil ihrer Mittel aus der Vermietung der Immobilie im Rheinauhafen an die Schokoladenmuseum Köln GmbH bezieht, in der Stadt als feste Größe etabliert. Kürzlich lag auf ihrem Tisch der Förderungsantrag einer traditionsreichen Kölner Kultureinrichtung: Beantragt wurden unter anderem Mittel zum Umbau des Foyers – mit dem Ziel, die Besucher zu aktivieren, mehr Interaktion zu schaffen und den Erlebnischarakter zu stärken. Wenn Hans Imhoff das wüsste, wäre er womöglich sehr zufrieden.

Info

Ein Name, drei Institutionen: die Imhoff-Stiftungen

Nach dem Verkauf der Stollwerck AG existieren heute in einer gewachsenen Struktur drei Stiftungen nebeneinander: In der Imhoff Familienstiftung sind seit 1997 die Kapitalwerte gebündelt. Eine zweite, im Jahr 2007 gegründete Familienstiftung, die Dr. h.c. mult. Hans Imhoff Stiftung bildet heute das Dach für die unternehmerischen Aktivitäten, zu denen auch die Schokoladenmuseum Köln GmbH gehört. Davon organisatorisch unabhängig ist die gemeinnützige Imhoff Stiftung. Als Eigentümerin vermietet sie die Immobilie am Rheinauhafen an die Kölner Schokoladenmuseum GmbH