Dienstag, 10.12.2019
Spirituosenhersteller Underberg

Mit System und Palmwedel

Anfang 2019 hat mit Moritz Underberg die sechste Generation Vorstandsverantwortung bei dem Rheinberger Spirituosenhersteller übernommen. Für seine Großmutter, Unternehmerin Christiane Underberg, die gerade ihren 80. Geburtstag feierte, ist das noch lange kein Grund zu Untätigkeit.
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Eine Dame sieht Grün: Christiane Underberg hält Underberg zusammen und in Ordnung.

 

Foto: Michael Neuhaus

Wer von Christiane Underberg im Stammhaus des Spirituosenherstellers in Rheinberg empfangen wird, der kann nicht daran zweifeln: Sie ist hier die Hausherrin. Sie empfängt herzlich und mit kräftigem Handschlag und hakt sich auch schon mal flott unter, um dem Gast den Weg zu weisen. Sie sorgt für das leibliche Wohl und regelt die Heizung runter. Und sie erzählt gern, in welchem Zustand das Haus bei ihrem offiziellen Antritt in der Firma Anfang der achtziger Jahre war – nämlich „ästhetisch bei weitem nicht so, wie es meinen Ansprüchen entsprach“. Also ließ sie Wände einreißen, organisierte um, richtete neu ein, bis jeder Raum sinnvoll genutzt werden konnte. Nun sitzt sie im underberggrünen Kleid in einem ebenfalls underberggrünen, komfortablen Ohrensessel im bibliotheksartigen Besprechungsraum, immer noch sichtlich stolz auf ihr Werk.

Wer allerdings glaubt, dass sich ihr Einfluss auf die häuslichen Aufgaben als Ehefrau des Unternehmers Emil Underberg beschränkt, der irrt. Jahrzehntelang hat Christiane Underberg als Geschäftsführerin den Kurs der Firma mitbestimmt. Sie ist stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Semper idem Underberg AG Rheinberg, Mitglied im Verwaltungsrat der Schweizer Obergesellschaft Underberg AG und Beirätin in der Eigentümergesellschaft Underberg GmbH & Co. KG. Und, was wenigstens ebenso wichtig ist: Sie schreibt sich bis heute einen großen Teil der Familienarbeit bei Underberg auf die Fahne.

Die Splitter zusammenfügen

Dass der Faktor Familie im Familienunternehmen alles andere als ein Selbstläufer ist, hat Christiane Underberg nicht erst in der Firma ihres Mannes erfahren. Sie selbst stammt aus einer Dortmunder Unternehmerfamilie, die in der eisenverarbeitenden Industrie tätig war. „Dadurch hatte ich schon früh einen anderen Zugang zu dem Konstrukt Familienunternehmen“, sagt sie. Bereits die elterliche Firma ist, zum Teil kriegsbedingt, durch schwierige familiäre Konstellationen und Eigentumsverhältnisse geprägt. Christiane strebt keine Karriere in der Industrie an, sie absolviert zunächst eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Mit 23 Jahren heiratet sie 1962 Emil Underberg, genannt Emil II. Zwei Jahre später tritt er als Geschäftsführender Gesellschafter in das Unternehmen seiner Familie ein.

Auch bei Underberg ist die Familiensituation kompliziert, das Erbe über drei Generationen zersplittert. Emil II., Vertreter der vierten Generation, bemüht sich jahrelang, den Unternehmensbesitz wieder zusammenzufügen. Dass das 1981 tatsächlich gelingt, hat auch seine Frau Christiane mitzuverantworten: Parallel zur Erziehung der gemeinsamen vier Kinder übernimmt sie 1971 die Leitung eines defizitären Landwirtschaftsbetriebes im Besitz der Familie und führt ihn zurück in die schwarzen Zahlen. 1981 wird dieser Betrieb gewinnbringend verkauft – und Emil Underberg kann mit dem Erlös seinen Vetter Carl-Hubertus Underberg ausbezahlen. Unmittelbar danach lässt ihr Mann Christiane Underberg als Geschäftsführerin eintragen. „Du musst dich um das Personal und die Unternehmenskultur kümmern“, so seine Ansage.

Mit der Tatsache, dass sie für diese Aufgabe nicht in engerem Sinne ausgebildet ist, hält die pragmatische Frau sich nicht lange auf. „In meiner Herkunftsfamilie gibt es einen Familienspruch: Wi stott dorvör, wi möt dadör – wir stehen davor, wir müssen da durch“, sagt sie. „Bei jeder neuen Herausforderung ist doch die Frage: Okay, was machen wir draus?“ Bereits 1965, kurz nach der Eheschließung mit Emil Underberg, absolviert sie einen Destillateurkurs am Westdeutschen Institut für Gärungsgewerbe. 1976 erhält sie parallel zur Sanierung des Landwirtschaftsbetriebes die Befähigung zur Ausbildung als Meisterin von Lehrlingen in der Hauswirtschaft. Für die nun anstehende unternehmerische Herausforderung sucht sie unter anderem Kontakt zu Professor Rolf Dubs, Direktor des Instituts für Wirtschaftspädagogik und später Rektor der Universität St. Gallen. Sie studiert das St. Gallener Management- Modell und lässt sich von ihm coachen. „Ich denke systemisch“, sagt Christiane Underberg. „Ich muss mich doch fragen: Was ist eigentlich meine Zielstruktur?“

Info

Immer das Gleiche? Die Semper idem Underberg AG 

Am 17. Juni 1846, dem Tag seiner Hochzeit mit Catharina Albrecht, gründet Hubert Underberg mit der Firma H. Underberg-Albrecht die Ursprungsgesellschaft der heutigen Firma. Das erste und lange Zeit einzige Produkt der Firma ist der gleichnamige Magenbitter. 1949 erfindet Gründerenkel Emil I. die typische 20-Milliliter-Flasche als alleinige Verpackungseinheit. Unter seinem Sohn Emil II. diversifiziert das Unternehmen erstmals in der vierten Generation: Heute gehören weitere Marken wie Asbach, PITÚ und Grasovka zum Portfolio der deutschen Hauptgesellschaft Semper Idem Underberg AG in Rheinberg am Niederrhein. Der lateinische Wahlspruch „semper idem“, zu Deutsch „immer das Gleiche“, soll sich auf die gleichbleibende Produktqualität beziehen. In den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen mit stagnierenden, zum Teil sinkenden Umsätzen aufgrund des Rückgangs des allgemeinen Alkoholkonsums zu kämpfen. Seit 2011 wurde von der Semper idem Underberg AG, eine Serie von Unternehmensanleihen platziert. Im Geschäftsjahr 2018/19 liegt das Unternehmen mit 179 Mitarbeitern und 178,6 Millionen Euro Umsatz (inklusive Branntweinsteuer) über der Prognose und dem Vorjahr. Mit Moritz Underberg ist seit Anfang 2019 die sechste Generation der Unternehmerfamilie auf Vorstandsebene aktiv, er verantwortet die Ressorts Produktmanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing.

Das Thema Weiterbildung nimmt Christiane Underberg nicht nur als Personalchefin sehr ernst, sondern auch für sich selbst. Dass sie gern das Wort „befruchten“ benutzt, kommt nicht von ungefähr. Christiane Underberg ist unglaublich wissenshungrig. „Andere kaufen Kosmetik, ich kaufe Bücher“, sagt sie amüsiert. Sie ist wortgewandt, manchmal fast schnodderig, dann leitet sie wieder ein Wort etymologisch aus dem Lateinischen her. Sie argumentiert entwicklungsgeschichtlich, betriebswirtschaftlich, theologisch. Spielend springt sie von entwicklungspsychologischen Grundsätzen zum Innovationszyklus nach Kondratjew. Bis heute liest sie sich durch die verschiedensten Fachgebiete – immer auf der Suche nach Impulsen für die Firma. Zugleich wächst die Zahl ihrer außerbetrieblichen Aufgaben und Ehrenämter, sie engagiert sich kirchlich und sozial, für den Umweltschutz, die Jagd, den Denkmalschutz.

Auch den Fragen, die die Unternehmerfamilie betreffen, widmet sie sich mit großer Aufmerksamkeit. Bereits Anfang der achtziger Jahre initiiert sie einen Gesprächskreis mit zwölf Familienunternehmern unter der fachlichen Leitung von Eduard Gaugler, Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Betriebswirtschaftslehre. „Es ging darum, im vertraulichen Kreis Themen zu besprechen, die speziell Familienunternehmen betreffen“, sagt sie. Eine sehr lehrreiche Zeit und zugleich der Grundstein für ein dichtes Netzwerk und Freundschaften zu anderen Unternehmerfamilien wie Albrecht, Miele und Claas. Christiane Underberg reflektiert ihre familiäre und unternehmerische Rolle und beginnt, externe Moderatoren in interne Prozesse einzubinden, um der eigenen Befangenheit als Unternehmergattin entgegenzuwirken. Als ihr Enkel Moritz kurz vor dem Abschluss an der RWTH Aachen steht, organisiert sie für ihn und befreundete Kommilitonen einen Führungsworkshop nach dem „Hirtenprinzip“. „Ich habe ihnen gesagt: ‚Ihr werdet nach dem Master relativ schnell Mitarbeiter bekommen, und das habt ihr nicht gelernt‘“, so Christiane Underberg. „Ich bin der Link zwischen Theorie und Praxis.“

Auch in der Zusammenarbeit mit ihrem Mann hat Christiane Underberg eine erdende und strukturierende Funktion. „Du bist der Kapitän“, pflegt sie zu ihrem Mann zu sagen. Doch ihr Einfluss ist groß. Noch bevor sie überhaupt eine operative Rolle im Unternehmen bekam, sprach sie mit ihm über Strategien und riet ihm unter anderem zur Diversifizierung des Portfolios: „Als wir heirateten, gab es ja nur Underberg.“ Später habe sie bei gemeinsamen Geschäftsterminen mit ihrem Mann eher eine beobachtende Rolle gehabt – diese dann aber im Nachgang genutzt, um ihren Mann kritisch zu befragen und eine Entscheidung herbeizuführen. „Ich bin diejenige, die immer fragt: Warum?“, sagt sie. „Wenn Sie ein Bild wollen: Er ist der Ballon, der ganz hoch fliegt. Und ich bin die Strippe, die ihn immer wieder mal auf den Boden zurückzieht.“ Christiane Underberg ist konservativ und selbstbewusst zugleich. „Den Bischöfen, mit denen ich befreundet bin, sage ich: Ihre habt keine Frauen, Ihr müsst mir zuhören.“

An der Familie arbeiten

Auch was die familiäre Ebene betrifft, leben Underbergs eine klassische Rollenaufteilung, die Christiane Underberg mit klaren Vorstellungen ausfüllt. „Es ist sehr wesentlich, dass man sich in der Familie einordnet, nicht unterordnet – das ist ein großer Unterschied. Man muss versuchen, seinen Platz auszufüllen, mit all seinen Verantwortungen“, sagt sie. „Und meine Verantwortung war, hier im Haus zu sorgen für Ruhe, Kontinuität, geringe Fluktuation, gute Gesundheit, Weiterbildung und so weiter.“ Sie ist die Vermittlerin, die Kommunikatorin – eine Rolle, die in der Familie Underberg immer wieder gefragt ist, denn die Aufgaben sind zahlreich und unbequem. Anteile zurückkaufen, Frieden mit abtrünnigen Familienstämmen schließen, andere Familienunternehmen akquirieren – Christiane Underberg geht es nicht nur um das Was, sondern vor allem um das Wie. Ihr Ziel ist immer, die zwischenmenschliche Beziehung so gut es geht zu gestalten. Als ihr Mann 1981 den letzten Mitgesellschafter ausbezahlen kann, macht sie ihm für das Vorgehen die Ansage: „Ich möchte jederzeit einen Drink mit ihm zusammen nehmen können.“

Besonders beim Thema Nachfolge ist ihr Fingerspitzengefühl gefordert. „Meinem Mann und mir war immer klar: Wir möchten auf keinen Fall eine 1.000-Cousins-Company. Die Folgen haben wir beide schmerzlich erlebt.“ Sie ist diejenige, die unter ihren Kindern 1991 kommuniziert, dass nicht der älteste Sohn, sondern Tochter Hubertine Underberg-Ruder (57), heute Verwaltungsratspräsidentin der schweizerischen Obergesellschaft Underberg AG, Nachfolgerin wird. Als sich Jahrzehnte später abzeichnet, dass sich von den zwölf Enkelkindern Moritz Underberg (29) am stärksten für die Nachfolge interessiert und eignet, legt Emil Underberg, der zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr bei guter Gesundheit ist, Moritz testamentarisch als Erben fest. „Da habe ich ihm gesagt: So, jetzt musst du das Hubertine und Moritz auch sagen.“ Sie selbst bemüht sich, den anderen Enkeln die Entscheidung zu erklären. „Immer und überall Brückenbauer, überall muss ich mit dem Palmwedel rumgehen“, sagt sie lachend. „Kommunikation hört eben nie auf.“

Was heißt das für Christiane Underberg? So richtig mag man sich nicht vorstellen, dass die Unternehmerin ihre Kommunikationsfähigkeit und ihren Gestaltungswillen anderswo auslebt als bei Underberg. Und doch gibt es dafür ein kleines, aber bemerkenswertes Anzeichen: Erst kürzlich hat sie die Verwaltung und Verantwortung für das Stammhaus an Tochter Hubertine übergeben. Sich dort als Hausherrin und Gastgeberin zurückzuziehen muss für Christiane Underberg ein großer Schritt sein. Langweilig wird ihr aber sicher nicht. Als ehemalige Personalchefin hat sie eine klare Meinung zum Thema Pensionsschock: „Sie brauchen Interessen außerhalb der Firma!“ Sie selbst ist dankbar dafür, dass sie immer ihren „musischen Interessen“ nachgehen konnte und diese nun wieder verstärkt verfolgen kann. Aufgaben mit gesellschaftlicher Relevanz und Sichtbarkeit wohlgemerkt, nichts im stillen Kämmerlein. „Früher habe ich Porzellan gemalt“, sagt Christiane Underberg lachend. „Da hab ich wirklich keine Zeit mehr für!“