Donnerstag, 10.01.2019
Nachfolge durch Innovationsdruck

Junges Blut – alte Riege

Der digitale Innovationsdruck ist eine Chance für Familienunternehmen, ihre jungen abtrünnigen Nachfolger doch noch an sich zu binden. Wenn die alteingesessene Führung ihnen genügend Freiräume bietet, sind die Nachfolger sogar bereit, dem Start-up-Mekka Berlin wieder den Rücken zu kehren.
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Drei Köpfe, drei Wege: Alexander Drusio, Lena Schaumann und Thomas Grimme (von links) fanden über Umwege ins Familienunternehmen. Aber alle drei hatten digitale Aufgaben.

 

Fotos: Dr. med. Christine Schrammek Kosmetik GmbH & Co. KG, Lumizil GmbH, Bleywaren

Thomas Grimme, Vertreter der sechsten Generation, konnte sich überhaupt nicht vorstellen, das elterliche Haushaltswarengeschäft Th. Bley GmbH & Co. KG im niedersächsischen Cloppenburg weiterzuführen. Er studierte Geschichte und Politik auf Lehramt in Berlin, das Geschäft seines Vaters lief gut, doch es fehlte der Online-Vertrieb. „Mein Vater kannte niemanden im Internet, aber alle Leute in Cloppenburg“, erinnert sich der 31-Jährige. Thomas’ Plan: ein Jahr Cloppenburg, dem Geschäft mit einem Online-Shop ein zweites Standbein schaffen und dann schnell zurück in die Hauptstadt. Das war 2012. Thomas Grimme ist heute immer noch in Niedersachsen. Der Online-Shop floriert.

Innerhalb der Firma den Geist des Entrepreneurships zu fördern sichert nicht nur das Überleben des Familienunternehmens. „Die Erschließung neuer Geschäftsfelder birgt die große Chance, die Nachfolge einzuleiten“, stellt Moritz Feninger fest, der als Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der WHU – Otto Beisheim School of Management unter anderem zu Innovation in Familienunternehmen forscht. Viele Unternehmer befürchten, dass ihre Nachfolger sich in die Start-ups-Szene stürzen, weil sie die Firma des Vaters zu altbacken und verstaubt finden. Ob sie ihr Unternehmen für ihre Söhne und Töchter mit einem Digitalisierungsauftrag attraktiv machen können, darüber diskutierte Moritz Feninger im Oktober beim Campus for Family Business an der WHU mit jungen Nachfolgern in einem Workshop.

Wie Thomas Grimme hatten die anderen beiden Mitstreiter des Workshops im Aufbau des digitalen Vertriebskanals ihren Einstieg ins Familienunternehmen gefunden. Alexander Drusio, Enkel der Firmengründerin des Kosmetikunternehmens Dr. med. Christine Schrammek aus Essen, setzte den Online-Shop auf. Der 35-Jährige war bei Oliver Samwer in Berlin und dem Aufbau von Rocket Internet dabei, danach beim Kölner Kapitalgeber DuMont Venture. Für die vergleichsweise kleine Firma, die 40 Mitarbeiter beschäftigt, kehrte er dem Investor den Rücken. Lena Schaumann (28), vierte Generation des Möbelhauses Schaumann in Kassel, gründete 2014 in Berlin ihr eigenes Start-up für den Online-Vertrieb von Lampen namens Lumizil. Dreieinhalb Jahre später wurde es ins Familienunternehmen eingegliedert – und seitdem arbeitet Lena Schaumann als Nachfolgerin gemeinsam mit ihrem Vater.

Einmal Verantwortung bitte

Dabei zeigen sich die jungen Unternehmer durchaus selbstbewusst und fordernd. Ohne operative Unabhängigkeit wäre er nicht in den 15-Personen-Betrieb eingestiegen, sagt Thomas Grimme deutlich. Und ohne wäre er auch nicht geblieben. Das Arbeiten im Familienunternehmen ohne Druck sei ebenfalls wichtig, ergänzt Alexander Drusio, „Prämisse sollte nicht sein, das Unternehmen mal eben schnell mit Innovationen zu retten“.

Gleichzeitig lehrt sie der Innovationstransfer auch ein anderes Tempo – denn ein neuer digitaler Vertriebskanal lässt sich in einem etablierten Unternehmen nicht so schnell umsetzen wie in einem Start-up. Als Alexander Drusio den Absatz der Kosmetikprodukte im Internet gestalten wollte, fehlte der Firma schlicht die Kompetenz dafür. Drusio suchte selbst nach geeigneten Fachkräften. „Unser Projekt wurde als Satellit gesehen. Aber nachdem wir das richtige Team im Unternehmen hatten, wurden wir Tag für Tag ernster genommen,“ sagt der Jungunternehmer. 

„Mein Vater kannte niemanden im Internet, aber alle Leute in Cloppenburg.“
Thomas Grimme, Geschäftsführer Bleywaren

Als sich Lena Schaumann 2017 dazu entschied, mit ihrem Start-up nach Kassel zu ziehen und die Synergien mit dem Familienunternehmen zu nutzen, klappte bei der Eingliederung auch nicht alles tadellos. Lumizil sollte als Online-Abteilung des Möbelhändlers funktionieren. Schaumann gestaltete in der Folge die Verkaufsflächen des Unternehmens, das 180 Personen beschäftigt, um. Alle Mitarbeiter mit iPads statt Katalogen auszustatten und die Verkaufsflächen anzupassen kam nicht überall gut an. „Das ging unserem Personal zu schnell, und ich war zu überschwänglich bei der Umsetzung,“ reflektiert die Rückkehrerin die Idee, möglichst schnell zu einem Multichannel-Händler zu werden. Nicht alle Fachkräfte blieben dem neu aufgestellten Unternehmen erhalten. „Ich hätte noch mehr mit den Mitarbeitern sprechen müssen, um sie von der Sinnhaftigkeit der Konzepte zu überzeugen.“

Konkurrenz zwischen Alt und Jung

Die Vorgängergeneration bei den Unternehmen Bley, Dr. med. Christine Schrammek und Schaumann war klug genug, ihren Kindern freien Lauf zu lassen, um den Innovationsgeist wieder zurückzuholen. Dies war schlicht aus der Not heraus geboren, da die Vorgänger selbst keinerlei Know-how von E-Commerce besitzen. Aber die alte Generation hat auch Misserfolge zugelassen: „Ich durfte Fehler machen. Das gehört beim Aufbau eines neuen Geschäftsmodells dazu,“ sagt Alexander Drusio. Und die Senioren haben klare Grenzen gezogen. Die Aufgabenverteilung bei Familie Grimme war von Beginn der Zusammenarbeit deutlich: Der Senior leitet den stationären Handel, der Junior kümmert sich um die Internetpräsenz und den Shop. Man redet sich nicht rein.

Dennoch sind Konflikte nicht auszuschließen. Lena Schaumann ist nun eine Sparringspartnerin für ihren Vater. „Wir haben beide riesige Egos, und wenn die Tür zum Büro meines Vaters, die sonst immer und jedem offen steht, geschlossen ist und ich bin mit drin, traut sich keiner reinzukommen.“ Es werde zeitweise laut, wenn die Generationen aneinandergeraten. Am Ende habe man sich aber immer vertragen. Was ihr Vater allerdings akzeptieren müsse: „Es gibt Bereiche, die ich einfach besser kann als er.“

Dass die Ideen der jungen Generation durchaus positiv wirken, belegen die Zahlen. Sowohl bei Bley als auch bei Möbel Schaumann ist der Umsatz durch die Online-Präsenz gestiegen, attestieren die Nachfolger. Bei Bley gar um knapp 30 Prozent. Lassen sich die Senioren auf den Austausch mit den Jungen ein und gewähren Freiheiten, wird nicht nur Innovationsgeist in die Firma getragen, sondern die junge Riege begeistert sich für das Unternehmen. Dann entdecken sie vielleicht mehr Gemeinsamkeiten: „Verantwortung bei Lumizil an andere abzugeben fiel und fällt mir bis heute sehr schwer,“ gibt Lena Schaumann zu. Vertriebs-Know-how im Internet hin oder her – mit dieser Aussage werden sich auch so einige Patriarchen identifizieren können.