Donnerstag, 01.03.2018
Insel Mainau-Betreiber Bernadotte

Erfolgsfaktor Adel

Die Insel Mainau lockt Besucher nicht nur mit ihrem subtropischen Pflanzenparadies an den Bodensee, sondern auch mit der Betreiberfamilie: Die Geschwister Bettina Gräfin und Björn Graf Bernadotte lenken die Geschicke der Insel, allerdings nicht mehr als Eigentümer. Einzige Gesellschafterin der Mainau GmbH ist heute eine gemeinnützige Stiftung. Wie hat sich das Selbstverständnis der Adelsfamilie über die Jahre verändert?
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Pflanzenparadies von oben: Die Insel Mainau lockt Besucher nicht nur mit ihrem subtropischen Flair an den Bodensee, sondern auch mit der Betreiberfamilie.

 

Foto: Insel Mainau/Peter Allgaier

Eben noch hat die ältere Dame durchs Fenster der „Schwedenschänke“ in den winterlichen Nieselregen geschaut und unverdrossen davon geschwärmt, dass der Bodensee bei wirklich jedem Wetter seinen Reiz habe. Jetzt löchert sie ihren ortskundigen Begleiter mit Fragen: Ob dieser Lennart Bernadotte tatsächlich schwedischer König geworden wäre, wenn er nicht wegen der Heirat mit einer Bürgerlichen auf die Thronfolge verzichtet hätte? Und ob auch seine Nachkommen hier auf der Mainau residieren? Immerhin steht im Internet-Lexikon Wikipedia, dass die adlige Familie bis heute „ein wichtiger Teil der Attraktionen“ auf der Blumeninsel ist. Und tatsächlich: Björn Graf Bernadotte (42), ein Großcousin des amtierenden Schwedenkönigs Carl Gustaf, wohnt mit seiner Frau Sandra sowie Thalia, einem nicht mehr ganz jungen Deutschen Wachtelhund, in einem Teil des einstigen Deutschordensschlosses, das seit 1746 über dem 45-Hektar-Eiland thront. Mit alter und vor allem mit exklusiver Feudalherrlichkeit hat das Leben des Grafen im linken Flügel des Barockbaus trotzdem wenig zu tun.

Touristentrubel ist Graf Björn schon von klein auf gewohnt. Er ist mit seinen vier Geschwistern auf der Mainau aufgewachsen, hat mit ihnen zusammen mal beim Wässern der Pflanzen geholfen, mal Würstchen verkauft – und den Besuchern für ein paar Pfennige Zettelchen mit selbst niedergeschriebenen Witzen offeriert, um so das Taschengeld aufzubessern. Sein Vater hatte die Mainau schon Jahrzehnte vor Björns Geburt für zahlende Besucher geöffnet: 1932 heiratete Lennart Bernadotte, Sohn von Prinz Wilhelm von Schweden, die Bürgerliche Karin Nissvandt. Dafür verzichtete er auf seinen Titel „Erbfürst von Schweden und Herzog von Småland“ und seinen Anspruch auf den schwedischen Thron – zu diesem Zeitpunkt stand Lennart hinter seinem Onkel, dessen Söhnen und seinem Vater weit hinten in der Thronfolge. Stattdessen übertrug sein Vater dem studierten Land- und Forstwirt im selben Jahr die Verwaltung für die Insel Mainau. 

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Blumenkinder: Bettina Gräfin Bernadotte und ihr Bruder Björn.

 

Foto: Mainau/Peter Allgaier

Den einst liebevoll begärtnerten und dann wieder verwahrlosten Sommersitz des Badener Großherzogs hatte die schwedische Königsfamilie 1928 geerbt. Nun konnte die Insel dem zum Gatten einer Fabrikantentochter mutierten Königsenkel als neue Heimat dienen. Und als Verdienstquelle. Lennart Bernadotte begann, das vernachlässigte Eiland nach und nach wieder in einen Park umzuwandeln und öffnete die Mainau bald für Besucher. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Bernadotte, der sich derweil auch einen Namen als Fotograf und Dokumentarfilmproduzent gemacht hatte, mit seiner Familie endgültig auf die Insel im Bodensee. 1951 kaufte er die Mainau von seinem Vater Wilhelm und widmete sich wieder dem Ausbau der Insel zur Touristen­attraktion: Zusätzliche Gartenanlagen wie eine „Italienische Blumen-Wassertreppe“ entstanden, touristische Infrastruktur ergänzte die 1938 eröffnete „Schwedenschänke“, in der jetzt die ältere Dame und ihr Begleiter speisen.

 

Außer ihnen besucht an diesem Wintertag kaum jemand die Mainau. Von den 1,2 Millionen Besuchern, die 2016 über die Insel marschierten, ist noch nichts zu merken. Noch schützen Netze die Beete, in denen in ein paar Wochen neue Pracht sprießen soll. Durch den Nieselregen stapfen nur tapfere Gärtner. Rund 150 Menschen beschäftigt die Mainau GmbH ganzjährig, von März bis Oktober sind es doppelt so viele. Als Geschäftsführer leiten Björn Graf Bernadotte und seine Schwester Gräfin Bettina (43) das Unternehmen. Schließlich finden nicht nur die Wikipedia-Autoren, dass die Bernadottes Teil der Attraktion sind. „Es macht den Charakter der Insel aus, dass eine Familie in ihren Garten einlädt“, sagt Gräfin Bettina. Allerdings: Streng genommen zählen die Nachkommen des einstigen Erbfürsten von Schweden hier selbst nur zum angestellten Personal. Eigentümerin des Betriebs mit einem Jahresumsatz von knapp 30 Millionen Euro ist längst nicht mehr die adlige Sippe, sondern die gemeinnützige Len­nart-Bernadotte-Stiftung. Lennart Graf Bernadotte und seine zweite Frau Sonja hatten die Insel und ihre Liegenschaften bereits 1974 in die Betreibergesellschaft Mainau GmbH eingebracht, deren alleinige Gesellschafterin die Stiftung ist (siehe Kasten). Von 1981 bis 2007 leitete Gräfin Sonja die Firma. In dieser Zeit erlebte die Mainau den größten Gästeansturm, besonders in den frühen neunziger Jahren, als viele Ostdeutsche endlich die berühmte Bodensee-Insel ansteuern konnten und ihr so jährlich knapp zwei Millionen Besucher bescherten. Doch dann ließ das Publikumsinteresse nach. Es folgten Konsolidierungs- und Stellenstreichprogramme, Investitionen wie der Bau eines Schmetterlingshauses, das die Insel ganzjährig attraktiver machen sollte – und eine große Versteigerung von Möbeln und Kunstwerken im Herbst 2004.

Erbe und Qualifikation

Im selben Jahr verstarb Graf Lennart im Alter von 95 Jahren. Seine Frau folgte ihm vier Jahre später: 2008 erlag sie mit 64 Jahren einem Krebsleiden. Dabei hatte die Familie erwartet, dass Sonja noch lange an der Spitze der Mainau GmbH stehen würde. Immerhin: Tochter Bettina war vorbereitet. Sie hatte sich trotz ihres Interesses an Kunst und Kunstgeschichte 1996 für ein betriebswirtschaftliches duales Studium entschieden, ihr Ausbildungsbetrieb war der Europa-Park in Rust. Danach machte sich die junge Gräfin als Beraterin für Touristikunternehmen selbständig, ehe sie 2002 ins Familienunternehmen einstieg und zwei Jahre lang als persönliche Assistentin der Mutter, später als Prokuristin tätig war. 2007 übernahm sie die Geschäftsführung, während sich ihr Bruder Björn, der im Vorfeld als Nachfolger im Fokus stand, noch vier weitere Jahre Zeit ließ. Auch er hatte schon seit Ende der neunziger Jahre Stationen absolviert, die zu den unternehmerischen Aufgaben auf der Mainau passten: Praktika in einem botanischen Garten, in einem Tourismusverband, in einem Forstbetrieb. Doch er wollte, sagt er, auch noch ein akademisches Studium absolvieren. Weshalb er jetzt nicht nur Graf, sondern auch Diplom-Sozialpä­dagoge ist – eine Qualifikation, die ihm beim Umgang mit Beschäftigten aus 27 Nationen durchaus zupasskommt. 

Dafür muss Graf Björn heute enttäuschen, wenn von ihm „blumiges“ Fachwissen erwartet wird. Lachend erzählt er von Menschen, die im Südafrika-Urlaub exotische Gewächse fotografieren und ihm zur Bestimmung vorlegen. Ihnen kann der vermeintliche Experte auch nur verraten: „Es ist grün, also es ist wohl eine Pflanze.“ Seine Schwerpunkte in der Geschäftsführung liegen in der Forst- und Landwirtschaft sowie im Wein- und Obstbau. Zudem ist er für alle zur Mainau GmbH gehörenden Ländereien zuständig, die nicht auf der Insel liegen. Und für Repräsentation. Seine Schwester kümmert sich vor allem um die Gastronomie, den Tourismusbetrieb, das Marketing und die Parkanlagen.

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1985: Stiftungsgründer Lennart Graf Bernadotte mit seiner zweiten Frau Sonja und den gemeinsamen Kindern.

 

Foto: Insel Mainau/Heinz-Dieter Meier

Für die „grobe Linie“, wie sie sagen, sind beide gemeinsam verantwortlich. Zu dieser gehört unter anderem, dass die Insel in Zukunft nicht nur für ihre bisher typischen Besucher im Alter ab 55 Jahren attraktiv sein soll. Also gibt es mittlerweile seit zehn Jahren eine 1.100 Quadratmeter große „Wasserwelt“ für Kinder: ein flaches Wasserbecken mit Flößen, Kettenstegen und Matsch. Und mit einem Wäschetrockner gleich neben dem Eisstand. Am Inselhafen lockt seit 2014 zusätzliche Gastronomie: Die „Comturey“ verspricht junge Bodensee-Küche mit modernem Flair. Schließlich ist die wichtigste Erkenntnis, die Gräfin Bettina aus den wirtschaftlichen Problemen früherer Jahre gewonnen hat: Als markwirtschaftliches Privatunternehmen darf die Firma nicht abwarten, bis Krisen groß geworden sind. Stattdessen muss sie sich immer neu an die Erwartungen ihrer Besucher anpassen.

 

Zugleich wollen die Geschwister, dass die Mainau sich treu bleibt. Das bedeutet: Die Insel soll kein Freizeitpark mit Dauerrummel werden. Und keine Landesgartenschau. Und auch kein botanischer Garten. Sondern ein Schlosspark, der mit einer adligen Familie verknüpft ist. Zwar meint Gräfin Bettina: „So ein Titel hebt einen nicht hervor. Er ist, statistisch gesehen, eben selten. Wir sehen ihn einfach als Teil des Namens.“ Und doch spricht sie immer von „Graf Björn“, wenn sie über ihren Bruder redet, und er bezeichnet sie ebenso beständig als „Gräfin Bettina“. Auch der Kontakt zur schwedischen Königsfamilie ist bis heute sichtbar und publikumswirksam. So kommt etwa Königin Silvia regelmäßig zu Besuch auf die Mainau. „Ich finde es faszinierend, wenn ich in Geschichtsbüchern über die Zeit Napoleons blättere, und da taucht Jean Baptiste Bernadotte auf“, sagt Graf Björn. „Ich denke mir dann: Hey, das ist Familie. Das ist nicht Hollywood, das ist Realität.“ Seine Schwester ergänzt: „Die Familiengeschichte trägt jeder von uns mit sich, weil wir in die Familie hineingeboren sind und die Geschichte repräsentieren.“ Noch ist offen, wie ihre eigene Familie diese Geschichte fortsetzen wird. Gräfin Bettina hat drei Kinder, und auch zwei ihrer Geschwister haben Nachwuchs. Dass diese neue Generation die Mainau-Tradition fortsetzt, sei „wünschenswert“, sagt ihr Bruder, soll aber nicht erzwungen werden. Einstweilen sind diese Bernadottes ohnehin noch zu jung, um sich festlegen zu lassen. Klar ist nur: Sie wachsen auf dem Festland auf und nicht, wie ihre Eltern, mitten im Touristentrubel der Insel.

 

Vor deren „Schwedenschänke“ fällt der Winterregen inzwischen in dicken Tropfen. Drinnen löchert die ältere Besucherin jetzt den charmanten Kellner mit ihren Fragen: Ob ihm sein Job hier gefällt? Und ob er sich einen neuen Arbeitgeber suchen wird, wenn er demnächst seine Ausbildung abgeschlossen hat? Tatsächlich will der junge Mann irgendwann noch mal weg. Aus Prinzip, um auch mal anderswo gewesen zu sein. Aber eigentlich gefällt es ihm hier ganz gut. Schon allein, weil der Bodensee tatsächlich bei wirklich jedem Wetter seinen Reiz habe

Info

Für Gartenkultur und Nobelpreisträger: die Lennart-Bernadotte-Stiftung

Im Jahr 1974 bringen Lennart Graf Bernadotte und seine zweite Frau Sonja die Insel Mainau in die gleichnamige GmbH ein. Gesellschafterin wurde die im selben Jahr gegründete gemeinnützige Lennart-Bernadotte-Stiftung. Die Gewinne aus der Nutzung der Insel sollten höheren Zielen dienen: der Denkmalpflege, der Heimatkunde, dem Umweltschutz, der Gartenkultur. Und der Lindauer Nobelpreisträgertagung, die seit 1951 ausgezeichnete Wissenschaftler und junge Forscher im gleichnamigen Ort am Bodensee zusammenbringt. Obendrein drohte in der nächsten Generation die Zersplitterung des Eigentums: Zu den vier Kindern aus Graf Lennarts erster Ehe kamen in der zweiten bis 1982 fünf weitere. Dieses Quintett sitzt heute auch im Vorstand der Stiftung, die von zwei Familienexternen angeführt wird: Vorsitzende ist die Physikerin und einstige Bundespräsidenten-Kandidatin Dagmar Schipanski, ihr Stellvertreter ist der frühere Forstdirektor Volkmar Theodor Leutenegger. Er stand von 1987 bis 2001 neben Gräfin Sonja an der Spitze der Betreibergesellschaft Mainau GmbH