Donnerstag, 02.08.2018
Fritz Unützer und seine Schuhe

Ein vorsichtiger Vorreiter

Geboren ist er in München, zu Hause in der Welt: Fritz Unützer ist ebenso bodenständig wie weltläufig. Die handgefertigten Damenschuhe seines gleichnamigen Labels können mit Branchengrößen wie Jimmy Choo mithalten. Doch die Modewelt erfindet sich ständig neu. Deshalb lehrt er seine Kinder eines: Anpassungsfähigkeit.
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Fritz Unützers Begeisterung für Maßschuhe wurde unter anderem bei der britischen Traditionsmarke Church’s geprägt.

 

Foto: Unützer

Sneakers trägt er nicht. Auch nicht im Urlaub. Dann schlüpft er in Wanderschuhe, vielleicht noch in Reitstiefel. Fritz Unützer schnürt Sneakers höchstens zu Recherchezwecken. Schließlich machen sie inzwischen rund 30 Prozent seines Umsatzes aus. „Unterwegs und im täglichen Stadtbild sehe ich viele Sneaker an Jung und Alt“, sagt er. „Die Menschen haben viel Freizeit, sind oft auf Reisen – und dabei wollen sie Etiketten zeigen.“ Zum Beispiel ein silbernes U auf dunkelblauem Veloursleder zu abgesteppter Gummisohle. U wie Unützer. Wer den Flughafen mit diesem U durchquert, zeigt: Mir ist Handwerkskunst wichtig. Und diese Handwerkskunst ist mir 300 Euro wert. Ein bisschen mehr, wenn den Sneaker zusätzlich Lederrosetten, Stoffrüschen oder Fellpompons zieren.

Hollywood und Easy-Jet

1989 hat Fritz Unützer die Schuhfabrik im italienischen Fossò gekauft. Seine erste Kollektion im gleichen Jahr: Ballerinas, von Hand hergestellt in 104 Arbeitsschritten. Seither hat er sein Sortiment gewaltig aufgestockt – er fertigt Stiefeletten, Loafers, Pumps, Sandalen, Mules und eben Sneakers. An einem Grundsatz hat er festgehalten: „Ein Messer muss schneiden, ein Schuh muss passen“, sagt er. „Der Fuß darf sich nicht beschweren. Die Besitzerin muss mit dem Schuh in Freundschaft leben, er muss ihr Selbstsicherheit und ein gutes Gefühl geben.“ Mit dieser Philosophie kommt Unützer an. Sogar Hollywoodstar Amy Adams ist in seinen Pumps über den Roten Teppich geschritten. Die Unützer-Fabrik im Veneto stellt jedes Jahr rund 50.000 Schuhe in mehr als 300 Modellen her, das heißt mit wechselnden Formen, Materialien, Farben, Absätzen und Schuhsohlen.

 

Fritz Unützer sitzt oft mit Handgepäck im Flugzeug. Er pendelt jede Woche zwischen München, Venedig und Südengland. In München wartet die Firmenzentrale, unweit von Venedig die Schuhfabrik, in Südengland die Familie. Doch er ist ein preisbewusster Vielreisender. Er bucht lange im Voraus – überhaupt die einzige Besorgung, die er im Internet tätigt. 23 Pfund hat er für das letzte Easy-Jet-Ticket bezahlt. Weltläufig bodenständig wirkt der Unternehmer, der in München alle Wege mit dem Rad zurücklegt. Er ist ohnehin ein Mann der Gegensätze: Er ist ein Sneakers-Produzent, der selbst keine Sneakers anzieht. Er ist ein Onlinehändler, der selbst nie online einkauft. Er richtet sein Unternehmen auf Trends aus, macht aber selbst nicht alle Trends mit. Ein vorsichtiger Vorreiter.

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Haut an Haut: Ein Mokassin entsteht bei Unützer in 90 Arbeitsschritten. Das Leder für jedes Paar wird von Hand nach einer Pappvorlage zugeschnitten, über den Leisten gezogen, genagelt und genäht.

 

Foto: Unützer

In die Welt der Mode wurde Fritz Unützer hineingeboren: Sein Vater, ein Cousin von Willy Bogner, hatte 1948 ein eigenes Geschäft in München eröffnet. Er verkaufte Sportmode von Bogner, Shetlandpullover aus Schottland, Nickipullover aus Israel, feinste Damenbekleidung aus Italien, Dirndl von Lanz aus Salzburg und Bekleidung von damals neuen deutschen Designern – immer unterstützt von seiner Frau Maria, einer Schneidermeisterin, die mit Stoffen etwas anzufangen wusste. 1967 ging Sohn Fritz nach London: Er schloss ein zweijähriges Volontariat bei Burberry ab, dann arbeitete er einige Monate bei Church’s und Dacks Simson. An Samstagen arbeitete er bei bei John Lobb in der Maßabteilung mit und bekam so einen Einblick in die Maßschuhwelt. Swinging London zur Zeit von Twiggy, Mary Quant und den Beatles. Eine prägende Zeit. Zurück in der Heimat beschloss Fritz Unützer, ein Stück London nach München zu holen. Zusammen mit seinem Bruder Peter zog er ein eigenes Geschäft auf, das „Unützer English House“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum väterlichen Betrieb an der Maximilianstraße.

 

Von seinen fünf Kindern ist noch keines im Unternehmen beschäftigt. Die beiden Ältesten arbeiten derzeit in anderen Branchen: Sophie in der Verlagswelt, Katharina als Homöopathin. Die drei Jüngeren stecken in der Ausbildung: Pia studiert Anthropologie in Australien, Fritz junior Wirtschaft und spanische Literatur in London. Und Lenny schließt derzeit die Schule in England ab. Sie sollen Zeit haben, ihre Köpfe an der Uni zu sortieren, die Welt bereisen, den Horizont erweitern, Sprachen lernen. Das fördert, so Unützer, das Anpassungsvermögen und eine andere Sicht auf die Welt. Denn Anpassungsbereitschaft ist für ihn die Schlüsseleigenschaft. Gerade als Unternehmer, gerade in seinem Fach: „Mode ist ein Immer-Neu.“

Wach bleiben

Fritz Unützer packt zweimal im Jahr die Nervosität. Wenn er die neuen Kollektionen vorstellt. „Es ist eine Herausforderung, laufend neue Schuhe zu entwerfen, die anders sind, aber eben nicht zu anders, damit die Erkennbarkeit bleibt.“ Wird er mit seinen Prognosen recht behalten? Bleiben die halbhohen Stiefeletten, die breiten Absätze und natürlich die verzierten Sneakers? Es geht nicht nur darum, womöglich Geld zu verlieren, sondern auch darum, Kritik einzustecken. Mal ist er (wie beim Sneaker) eine Saison zu spät dran, mal (wie beim Bikerboot) eine Saison zu früh. Dann sind die Käufer noch nicht bereit für einen Schuh – und schlagen dafür ein Jahr später zu. Doch die Herausforderung ist gut, sagt Unützer: „Das hält einen wach und aktiv.“

 

Obwohl Fritz Unützer seit mehr als 25 Jahren Schuhe herstellt: Es steckt noch ein Händler in ihm. Er unterhält Boutiquen in Berlin, Hamburg und unweit der Firmenzentrale in München. Dort an der Stollbergstraße Ecke Maximilianstraße verkauft er neben den eigenen Schuhen auch internationale Modelabels. Dass Einzelhändler von zwei Seiten unter Druck geraten, macht ihm Sorgen. Das Online-Geschäft wird immer stärker, und die Ladenmieten erhöhen sich laufen. Insgesamt hat Unützer rund 140 Verkaufsstellen. Darunter nimmt die Zahl der Fachhändler ab, die Zahl der Concept-Stores und Großflächen hingegen zu.

Unützer mag die Fachhändler, die Profis: „Sie können in die Tiefe gehen“, sagt er. Die großen Häuser, die bis zu 200 Marken anbieten, könnten nicht mehr so hinter jedem Produkt stehen. „Da muss es mehr Teamarbeit geben, wir müssen selbst mehr auf den Verkaufsflächen präsent sein.“

Im vergangenen Jahr hat Fritz Unützer seinen 70. Geburtstag gefeiert. Die Frage nach der Nachfolge steht im Raum. Natürlich gibt es einen Notfallplan, zu dem er sich nicht äußert. Aber endgültig ist noch nichts entschieden. Zwar hat er immer schon darauf geachtet hat, welches Kind mit dem Taschengeld auskommt und Stilsicherheit mitbringt. Aber die Familie spricht erst seit kurzem darüber, wer an die Stelle des Seniors rücken könnte. „Ich will keinen Zwang ausüben“, sagt Unützer, geeignet seien sie alle. Die Schuhsparte sollen aber nur ein oder zwei Familienmitglieder leiten. Zu oft hat Unützer beobachtet, wie Betriebe zugrunde gingen, in denen zu viele Geschwister mitwirkten. Warum er sich im „English House“ mit seinem Bruder Peter nicht verkracht hat? Der eine verstand sich eher als Kreativer, der andere als Kaufmann. „Da war das Zerwürfnispotential gering.“

 

Seine Kinder hat Fritz Unützer fast automatisch ans Unternehmen herangeführt: „Sie leben ja mit uns und dem Betrieb.“ Und sind damit in Flagship-Stores, auf Fashion-Weeks und in Showrooms zu Hause. Oder in der Fabrik in Fossò, in der alle schon ausgeholfen haben. Ihnen ist klar: Das Unternehmen ist ein Unikat. Es gibt kein anderes Schuhlabel aus Deutschland, das mit Jimmy Choo mithalten kann – und das eine eigene Fabrik in Italien besitzt. Wo uns die Mauern gehören, wie Unützer sagt. Trotzdem, da ist er sich mit seiner Frau Alexandra, die auch im Betrieb tätig ist, einig, sollen seine Kinder nicht um jeden Preis die Nachfolge antreten. „Ein Unternehmen ist so vielen Unwägbarkeiten ausgesetzt“, sagt er. „Wenn sie es verkaufen wollen, sollen sie das tun. Ein Betrieb muss ja nicht unbedingt von Familienmitgliedern weitergeführt werden.“ Fritz Unützer lässt seinen Kindern die Wahl, das ist nur konsequent. Wer Anpassungsfähigkeit predigt, muss auch selbst dazu stehen.

Info

U-Sportmoden GmbH & Co. KG

Seinen ersten eigenen Laden, das „Unützer English House“ eröffnet Fritz Unützer 1969 mit seinem Bruder Peter, unweit des Geschäfts seines Vaters Fritz Unützer Senior an der Münchener Maximilianstraße. Als sein Vater erkrankt, übernimmt Fritz auch dessen Laden. 1985 stirbt der Vater. Die Trennung zwischen den zwei Geschäften ergibt keinen Sinn mehr. Ein Geschäft bleibt Unützer, ein Geschäft wird zu Ralph Lauren: 1986 erwirbt Fritz die Lizenz für die deutschen Einzelhandelsgeschäfte des amerikanischen Labels. 17 Jahre später verkauft er die Läden wieder.

 

1989 kauft Unützer spontan eine Schuhfabrik in Fossò, Italien. Dort hat er heute rund 34 Mitarbeiter, in der Zentrale in München sind es 24. Seine Kunden stammen vornehmlich aus dem deutschsprachigen Raum, daneben aus Holland, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, Spanien, Portugal, Großbritannien, Japan und den USA. Auch wenn Unützer den Online- und Auslandsverkauf stärken will: Wachsen soll das Unternehmen behutsam: „Wir wollen uns organisch aus dem eigenen Ertrag heraus entwickeln, unabhängig von Fremdkapital.“ Das ist Fritz Unützer, insbesondere mit Blick auf die Nachfolge, besonders wichtig.