Dienstag, 03.09.2019
Die Rolle der Witwen in der Vergangenheit

Die Unternehmensretterinnen

Weibliche Nachfolge? Was heute keine Seltenheit mehr ist, kam früher nur in Ausnahmefällen vor – meist im Todesfall des Firmenlenkers. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass so manche Unternehmergattin nicht nur bereits die heimliche Chefin war, sondern die Firma auch erfolgreich ohne ihren Mann weiterführen konnte.
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Ihrer Zeit voraus: Viele Familienunternehmen wurden schon vor Jahrzehnten von Frauen geführt und geprägt.

 

Foto: fcscafeine / iStock / Getty Images Plus

„Hätte es die Großmutter nicht gegeben, würde das Unternehmen heute nicht existieren“, sagt Anita Freitag-Meyer, Geschäftsführende Gesellschafterin der Verdener Keks- und Waffelfabrik Hans Freitag. Bereits in den neunziger Jahren stieg sie in den Betrieb ihres Vaters ein und trat 2006 dessen Nachfolge an. 

Damit folgt sie dem Erbe ihrer Großmutter Anita Freitag (1921–1989). Diese hatte nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes und Firmengründers im Jahr 1960 mit damals 39 Jahren das Familienunternehmen übernommen. Ihr Sohn war beim Tod seines Vaters erst 14. Bis er alt genug war, die Nachfolge anzutreten, führte Anita Freitag das Unternehmen über 13 Jahre weiter. Aber auch im Vorfeld war die Großmutter seit der Gründung an allen Prozessen innerhalb des Familienunternehmens beteiligt gewesen und hatte sich als Ehefrau des Gründers um die innerbetrieblichen Finanzen gekümmert. 

Oft wird die historische Rolle der Frauen in Familienunternehmen mit dem Begriff „The Hidden Giants“ beschrieben. Dabei dürften weibliche Familienmitglieder eine weitaus größere Rolle gespielt haben – insbesondere dann, wenn beispielsweise der Notfall des plötzlichen Todes des Ehemannes eintrat. In dieser Krisensituation kam Frauen in Familienunternehmen eine strategisch wichtige Bedeutung zu, denn die Witwe fungierte als „Unternehmensretterin“ zur Sicherung der männlichen Generationenfolge und führte den Familienbetrieb so lange weiter, bis ihr Sohn oder ein Enkel als designierter Nachfolger volljährig war, um die Geschäftsleitung zu übernehmen.

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Margarete Underberg wurde durch ihren Mann Emil in die Geheimnisse der Rezeptur eingeweiht. Nach seinem überraschenden Tod 1958 übernimmt sie die Unternehmensführung.

 

Foto: Underberg GmbH & Co. KG.

Margarete Underberg (1912–1986), die Ehefrau Emil Underbergs I. – des Erfinders der bekannten Underberg-Portionsflasche und Nachfolgers in der dritten Generation –, übernahm nach dessen unerwartetem Tod im Jahre 1958 gemeinsam mit ihrem Schwager Dr. Carl Underberg die Unternehmensführung. Ihr Ehemann hatte zuvor testamentarisch explizit die zukünftige Rolle seiner Ehefrau Margarete im Familienunternehmen festgelegt: Sie sollte als seine Vertreterin so lange interimistisch in der Geschäftsführung tätig sein, bis der älteste Sohn Emil Underberg II., damals erst 17 Jahre alt, als direkter Nachfolger und persönlich haftender Gesellschafter eintreten würde. So führte sie als geschäftsführende Gesellschafterin der damaligen H. Underberg-Albrecht oHG und der Underberg GmbH das Lebenswerk und den Familienstamm ihres verstorbenen Ehemannes weiter. Die ersten sechs Jahre war sie operativ tätig, indem sie u.a. mit Geschäftspartnern und Lieferanten verhandelte, Geschäftsreisen ins internationale Ausland unternahm und die Umsetzung der Marketing- und Finanzplanung mitbestimmte und kontrollierte. Nach dem Eintritt der nächsten Generation 1964 zog sie sich langsam aus der operativen Führung zurück und konzentrierte sich seit den siebziger Jahren bis zu ihrem offiziellen Austritt 1983 vermehrt auf strategische und repräsentative Aufgaben.

In der Unternehmenshistorie der Underbergs haben Frauen bereits seit der Gründung 1846 in jeder Generation eine wichtige Rolle gespielt, weshalb diese heute in einer eigenen Ahnengalerie der Frauen im sogenannten Kräuterzimmer im Stammhaus in Rheinberg verewigt sind. Bereits die Ehefrau des Firmengründers, Catharina Underberg-Albrecht, wurde in das Geheimverfahren des Underberg-Rezepts des Firmengründers eingeweiht. Im Generationenverlauf blieb diese Tradition bis heute verankert. Auf Margarete folgte dementsprechend Christiane Underberg und führte als Geschäftsführerin der Underberg KG die Tradition der eigenständigen Frauen fort. Seit 1991 ist ihre älteste Tochter, Dr. Hubertine Underberg-Ruder, Präsidentin des Verwaltungsrats der Underberg AG und Mitglied des Aufsichtsrats der Semper idem Underberg AG.

Eine weitere Frau, die ein Familienunternehmen tiefgründig prägte, ist Irene Kärcher. Die Witwe übernahm als Geschäftsführende Gesellschafterin für 30 Jahre die Unternehmensführung von ihrem Ehemann Alfred Kärcher. „Vom Tage meiner Heirat an engagierte ich mich im Unternehmen meines Mannes. Ich war sein Mädchen für alles“, beschrieb sie später rückblickend ihre Rolle. Nur zehn Jahre nach der Hochzeit verstarb Alfred Kärcher. Nachdem Irene Kärcher zunächst Bedenken hatte, ob sie bereit dazu war, das zu diesem Zeitpunkt fast vollständig auf den Gründer zugeschnittene Unternehmen fortzuführen, entschloss sie sich jedoch, das Lebenswerk ihres Ehemannes ab 1959 weiterzuführen und es für ihre beiden damals noch minderjährigen Kinder zu erhalten.

1962 gründete Irene Kärcher in Frankreich die erste Vertriebsgesellschaft im Ausland, der bis Ende der achtziger Jahre weitere Vertriebsgesellschaften in ganz Europa und weltweit folgen sollten. 1974 war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Unternehmen mit der Konzentration auf Hochdruckreiniger einen effektiven Strategiewechsel einleitete. Zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1989 resümierte sie: „Ich bin dankbar und stolz auf das von uns allen gemeinsam Erreichte, natürlich vor allem darauf, dass es uns gelungen ist, das von meinem Mann gegründete Unternehmen nach seinem frühen Tod über ein Vierteljahrhundert erfolgreich weiterzuentwickeln.“

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Käte Ahlmann erhielt 1960 das Große Bundesverdienstkreuz.

 

Foto: Käte Ahlmann Stiftung

Ebenfalls als Witwe und später Geschäftsführende Gesellschafterin führte die Unternehmerin Käte Ahlmann (1890–1963) mehr als 30 Jahre die Eisengießerei Ahlmann-Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg, die in den dreißiger Jahren mit 1.500 Beschäftigten der größte Industriebetrieb in Schleswig-Holstein war. 1890 geboren, hatte sie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Julius Ahlmann geheiratet, der nur wenige Jahre später Nachfolger seines Vaters als Direktor der Carlshütte (Actien-Gesellschaft der Holler’schen Carlshütte) wurde, an der er 43 Prozent der ausgegebenen Aktien hielt. Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns im Jahre 1931 übernahm Käte Ahlmann als Alleinerbin und 41-jährige Mutter von vier minderjährigen Kindern alle seine Firmenanteile.

 

Kurz vor seinem Tod hatte Julius Ahlmann sie zur Generalbevollmächtigten ernannt, sie in die Geschäftsführung einbezogen und sein Testament zu ihren Gunsten geändert: Die Eheleute hatten sich mit dem „Berliner Testament“ gegenseitig als Alleinerben eingesetzt. Käte Ahlmann selbst begründete dies, wie Felicitas Glade in ihrer Biographie über die Unternehmerin dokumentiert, wie folgt: „Mich freiwillig quasi entmündigen zu lassen, nur weil ich eine Frau bin, das kann ich nicht einsehen […]. Umsonst soll er sein Vertrauen im Fall seines Todes nicht auf mich gesetzt haben, ich würde schon zusehen, sein Lebenswerk (24 Jahre) zu stützen für unsere Kinder.“ 

Käte Ahlmann wollte jedoch nicht nur das Vermächtnis ihres Mannes weiterführen, sondern ihr gelang es auch, durch die schrittweise Übernahme der Aktienmehrheit die Carlshütte in den Alleinbesitz der Familie Ahlmann zu bringen. Nach langjährigen Machtkämpfen zwischen ihr und den familienfremden Direktoren der Carlshütte, die sie als Unternehmerin nicht anerkennen wollten, übernahm sie schließlich 1941 die Betriebsleitung und führte den Familienbetrieb alleinverantwortlich durch die NS-Zeit und die Nachkriegszeit bis zu ihrem Tode 1963. 1954 gründete Käte Ahlmann zudem den Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) und blieb bis kurz vor ihrem Tod dessen Präsidentin. Eine 2001 gegründete, nach ihr benannte Stiftung erinnert noch heute an sie und unterstützt junge Unternehmerinnen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.

Diese Beispiele zeigen, dass die Fortführung des Familienunternehmens durch Frauen nicht immer nur als kurzfristiges Provisorium innerhalb der Familienhistorie gesehen werden darf: Sie können heutigen Nachfolgerinnen auch als Vorbilder und Wegbereiterinnen dienen. 

Die Autorin Sina Bohnen ist Stipendiatin der WIFU-Stiftung und befasst sich im Rahmen ihrer Dissertation am Wittener Institut für Familienunternehmen mit der historischen Rolle der Frauen in Familienunternehmen und ihren Handlungsspielräumen im 20. Jahrhundert.