Donnerstag, 02.08.2018
Schaumweinproduzentin Mar Raventós

Die Matriarchin

Zwei Jahrzehnte war Mar Raventós das Familienoberhaupt des katalanischen Schaumweinproduzenten Codorníu. Ein Rückblick in ein bewegtes Leben und eine bewegende Familiengeschichte.
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Als Verwaltungsratschefin, Psychologin und Controllerin führt Mar Raventós 700 Mitarbeiter, 622 Familienmitglieder und 216 Familiengesellschafter. Ihr Lebensmotto: „An einem Tag kann man so viel verändern.“

 

Foto: Codorníu

In einer Zeit, als Kopernikus gerade die Welt wissen lässt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und New York noch gar nicht existiert, sitzt der Winzer Jaume Codorníu in dem kleinen Ort Sant Sadurní d’Anoia in der Region Penedés, etwa 50 Kilometer westlich von Barcelona, und schreibt seine Philosophie vom Weinbau in seinem Testament nieder. Dieses Stück Papier, 467 Jahre alt, wird der Beweis einer sehr langen Familiengeschichte werden.

Heute, siebzehn Generationen später, empfängt Mar Raventós auf dem idyllischen Firmenanwesen, inmitten von 25 Hektar Weinbergen. Es ist zehn Uhr, die Sonne glitzert durch die Äste der Bäume, Spatzen zanken sich auf der Wiese, ab und an huscht ein Gärtner am Fenster der riesigen Jugendstilvilla vorbei; Raventós’ Großeltern schauen wie zwei Schutzpatrone von den Ölgemälden auf den mit Minisalami, Oliven und Kerzen gedeckten Tisch.

Mehr als 200 Gesellschafter

„Die Familie wohnt seit den achtziger Jahren nicht mehr in diesem Haus“, erzählt Raventós, „wir nutzen es heute noch für Hochzeiten und Familientreffen.“ Seit 1998 leitet Mar Raventós die Codorníu-Gruppe. Im vergangenen Jahr wurde sie von Forbes unter die zehn einflussreichsten Frauen Spaniens gewählt, neben Königin Letizia. „Allzu viel Wert lege ich nicht auf solche Dinge, aber es freut mich, dass die Önologie in unserem Land einen so großen Stellenwert hat“, sagt sie und lacht aus ihren weltwachen Augen. Sie sei nur das Gesicht eines gigantischen Uhrwerks, eines Unternehmens, einer Familie, die alles andere als übersichtlich ist: aktuell 622 Mitglieder, verteilt auf fünf Familienzweige, auf der ganzen Welt zu Hause, von Spanien über Ägypten und Kalifornien bis nach Australien. Alle fünf Jahre kommen sie für ein Familienfoto zusammen. 216 von ihnen sind Aktionäre.

 

Seit Jahrhunderten dreht sich in der Familie alles um den Wein. Schon zur Taufe wird dem Sprössling ein Teelöffel Cava verabreicht. Der Wein ist Mar Raventós’ Leben. Ein Produkt mit einem Gedächtnis, das die sengende Hitze, die kühle Nachtluft, den Nebel, den Regen und die Stürme des Jahres wie in einer Zeitkapsel konserviert. Denkt man an Wein, denkt man an Sonne und Genuss, an geselliges Beisammensein. Poesie in Flaschen.

 

Und auch in dem Zimmer, auf dem Anwesen, in der Art wie Mar Raventós spricht, liegt etwas Poetisches. „Jeder Weinberg hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Erde“, sagt sie. Eine Erde, die vor über 16 Millionen Jahren entstanden ist, als sich die Pyrenäen und das Penedés-Tal formten; kalkhaltig ist sie, mit Meeresfossilien, Lehm- und Kiessedimenten. Raventós zeigt zum Fenster hinaus: „Hier zwischen dem Montserrat-Massiv und der Küste werden unsere Weine geboren.“ Und wie die Weinberge braucht auch das Unternehmen Zuneigung und Feingefühl bei der Pflege. Bei allen Zwistigkeiten, die in kleinen wie in großen Familien vorkommen, ist letztlich doch alles davon abhängig, auf welche Grundwerte man sich besinnt. Geduld und Demut, das sind zwei Worte, die häufig fallen, wenn Mar Raventós erzählt. Winzerqualitäten, die nicht nur auf dem Weinberg nützlich sind.

Heldinnen der Familie

Das wusste auch Anna schon. Beherzt und zurückhaltend zugleich ist ihr Blick auf dem Label der Flasche. Sie war eine Nachfahrin von Jaume Codorníu. Als sie 1659 den Winzer Miguel Raventós heiratete, vereinten sich zwei große Winzerfamilien, und der Name Codorníu verschwand endgültig. Anna war die Letzte, die ihn trug, aber sie sorgte dafür, dass er als renommierter Markenname erhalten blieb.

 

„Die zweite wichtige Frau in der Unternehmensgeschichte war sie hier“, Raventós zeigt auf das Gemälde, „meine Großmutter Montserrat Fatjó, die 26 Jahre Präsidentin war.“ Codorníu hatte schon Führungspositionen mit Frauen besetzt, als die patriarchalische spanische Gesellschaft die Pflicht der Frau noch ausschließlich in der Rolle als Gattin und Mutter sah. Vielleicht war das auch Annas Verdienst. „Sie war einzigartig zu ihrer Zeit, voller Mut und Hartnäckigkeit.“ Ihr zu Ehren kreierte das Unternehmen 1983 einen Cava aus der Sorte Chardonnay: „Anna de Codorníu“ ist bis heute eines seiner Flaggschiffe.

Nach Krisen immer wieder aufgestanden

Zwei Jahrhunderte nach der echten Anna beginnt Josep Raventós Fatjó die Geschichte des spanischen Schaumweins zu schreiben. Er experimentiert mit den Rebsorten Parellada, Xarello und Macabeo und entkorkt schließlich 1872 seine erste Flasche im Keller der Bodega. Damit führt er eine völlig neue industrielle Produktion in der Region ein. Damals heißt das Ergebnis noch Xampán wie sein großer Bruder aus Frankreich, der Champagner, der auf die gleiche Weise durch Flaschengärung hergestellt wird. Mit dem EU-Eintritt Spaniens 1986 musste allerdings ein neuer Name her: Cava, das Kellergewölbe.

 

Nach Joseps Tod 1885 erbt Manuel Raventós, Mars Großvater, das Haus Can Codorníu. Er ändert die Richtung des Familienunternehmens, reist nach Frankreich, lernt von den dortigen Winzern und stellt alles auf die Produktion von Cava um. In dieser Zeit frisst sich die Reblaus durch Europa und vernichtet auch die Weinberge der Region Penedés. Alle Reben müssen ausgegraben werden, und ein amerikanischer Wurzelstock, der gegen den Befall immun ist, wird gepflanzt. „Das war wohl das Schlimmste, was das Unternehmen je mitgemacht hat“, erzählt Raventós. Doch trotz astronomisch hoher Einbußen beschließt Manuel noch 1885, die Kellerei in Sant Sadurni d’Anoia auszubauen. Das neue Gebäude ist in seiner Form eine in Stein gehauene Hommage an den Cava und heute ein nationales Kulturgut.

Info

Winzer seit 18 Generationen: Codorníu

Das katalanische Unternehmen Codorníu ist Teil der Unideco Holding, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet – in den Händen von 216 Gesellschaftern. Im Jahr 2018 findet der Übergang von der 17. auf die 18. Generation statt. Die Vorsitzende des Verwaltungsrats Mar Raventós gibt den Stab an Familienmitglied Javier Pagés weiter. Codorníu besitzt zehn Sektkellereien in Spanien, Argentinien und Chile. Der Umsatz im Jahr 2017 lag bei 236 Millionen Euro, die Exportquote bei 50 Prozent. Codorníu beschäftigt 700 Mitarbeiter und hat seinen Sitz weiterhin im katalanischen Sant Sadurni in der Provinz Barcelona. Die Holding Unideco hat ihren Sitz im vergangenen Jahr aufgrund der Separatistenbewegung ins spanische Rioja verlegt.

Eine bis heute wegweisende Entscheidung fällt Manuel im Jahr 1914. Er kauft einen völlig vertrockneten Landstrich in Lleida, zieht Hunderte Kilometer Gräben, um mit dem Wasser aus dem Aragón-Kanal das Gebiet fruchtbar zu machen und schafft so binnen einiger Jahre ein Meer aus Weinbergen – genannt Raimat, mit Häusern für die Arbeiter und ihre Familien, mit einer Kirche, einer Schule und Ställen. Im ersten Jahr erntet er 490 Kilogramm, gut hundert Jahre später sind es 4.000 Tonnen.

 

„In Raimat kann man sehen, was Innovation tatsächlich bedeutet. Manuel war genauso ein Visionär wie unsere Gründer“, sagt Mar Raventós. Und er war ein Pionier des nachhaltigen Weinbaus, beschränkte sich von Beginn an auf nur minimale Eingriffe, benutzte keine chemischen Dünger, keine Pflanzenschutzmittel. Das Unternehmen begriff die vielen Krisen immer wieder als Chance und hangelte sich auf diese Weise erfolgreich durch zwei Weltkriege, einen Bürgerkrieg, eine Diktatur, geplatzte Immobilienblasen und andere kleine und größere Täler.

 

Es waren die Weinberge des Raimat, in denen die kleine Mar ihre Sommer verbrachte und von ihrem Großvater jene Werte lernte, die heute das ganze Unternehmen bis zum letzten Zahnrädchen antreiben. Cepa, nennt sie es, spanisch für Rebstock: confianza, esfuerzo, pasión, abertura. Vertrauen, in sich und in andere. Anstrengung, es jeden Tag ein wenig besser zu machen. Leidenschaft – natürlich! –, sie ist das Pferd am Wagen des Lebens. Aufgeschlossenheit neuen Ideen gegenüber. „Jede neue Generation macht immer irgendetwas anders als die alte. Und das ist gut so“, sagt sie und nippt am Gläschen.

 

Die 66-Jährige überschlägt sich fast beim Erzählen, manchmal sagt sie Familie und meint das Unternehmen und umgekehrt. So richtig auseinanderhalten kann sie es nicht. Das eine ist immer auch das andere. „Mädchen“, hatte ihr Großvater gesagt, „das Leben ist wie eine Traube, du musst es auspressen bis zum letzten Tropfen.“ Mar hört auf ihn, studiert Wirtschaft und Psychologie und steigt mit 24 Jahren als Controllerin ins Unternehmen ein. Sie wird Mutter von sechs Kindern, inzwischen hat sie sieben Enkel.

 

Jedes Jahr zur Erntezeit im September ist sie in Raimat, und alle sind dabei. Umringt von Cava, Wein und leckerem Essen. Und dann wird gearbeitet und in spanischer Manier wild und laut erzählt. „Wir reden generell sehr, sehr viel miteinander. Die kurzen Wege der Kommunikation sind ein großer Vorteil bei wichtigen Entscheidungen. An einem einzigen Tag kann man so viel verändern.“ Wie damals Ende der neunziger Jahre, als sie die Leitung von Codorníu übernimmt und das Unternehmen mit dem Kauf von Weingütern und Weinbergen eine außergewöhnliche nationale und internationale Expansion hinlegt. „Das war eine der wichtigsten Etappen unserer langen Geschichte. Manchmal mussten wir binnen einer Woche entscheiden: kaufen oder nicht kaufen.“ Mittlerweile zählt das Unternehmen 3.000 Hektar Weinberge weltweit, zehn Bodegas (acht in Spanien, eine in Argentinien und eine in Kalifornien) und einen Jahresumsatz 2017 in Höhe von 236 Millionen Euro.

 

„Es waren zwei aufregende Jahrzehnte für mich, in denen es immer darum ging, unsere hohen Qualitätsansprüche fortzusetzen.“ Melancholie zieht über Raventós’ Gesicht. „Wenn ich zurück blicke, ist die Zeit viel zu schnell vergangen.“