Freitag, 08.12.2017
70 Jahre Puppentheater

Die Familienkiste

Klaus Marschall hat von seinen Eltern nicht einfach eine Firma geerbt, sondern eine Institution: Die Stücke und Charaktere der Augsburger Puppenkiste haben die Kindheit mehrerer Generationen geprägt. In dritter Generation kämpft Marschall mit seinem ganzen Erfindungsreichtum darum, die Legende am Leben zu erhalten.
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Kreise der Familie: Theatermacher Klaus Marschall, umgeben von Charakteren der Augsburger Puppenkiste und mit Ahnengalerie im Hintergrund.

 

Foto: Thomas Sing

Die Augsburger Puppenkiste lebt von Geschichten und Geschichte, auch von ihrer eigenen. Klaus Marschall (56) weiß das. Bereitwillig erzählt der Geschäftsführende Gesellschafter des Figurentheaters von früher: Wie sein Großvater Walter Oehmichen als Soldat im Zweiten Weltkrieg in einem Kinderheim in Calais für seine Kameraden Puppentheater spielte – und ganz begeistert davon war, dass er sie mit den Puppen noch einmal „ganz anders entrücken“ konnte als in seiner eigentlichen Profession als Schauspieler. Wie Oehmichen noch während des Krieges den „Puppenschrein“ gründete, der wenig später komplett zerbombt wurde. Wie er nach der Kriegsgefangenschaft aus Dosen Scheinwerfer baute, aus Hakenkreuzflaggen Vorhänge nähte und für amerikanische Soldaten in Augsburg ein Mickey-Maus-Ballett aufführte, im Tausch gegen Lebensmittel.

1948 wurde dann die „Puppenkiste“ in den historischen Räumlichkeiten des Augsburger Heilig-Geist-Spitals gegründet, 1951 erfolgte der künstlerische Durchbruch Oehmichens mit einer Produktion des „Kleinen Prinzen“, 1953 kam die Puppenkiste mit „Peter und der Wolf“ live ins Fernsehen – nur wenige Wochen nach der ersten bundesweiten Tagesschau und als erste Kindersendung überhaupt im deutschen Nachkriegsfernsehen. 1959 gab es den ersten Mehrteiler auf den Bildschirmen, 1961 die Erstausstrahlung von „Jim Knopf“, damals noch in Schwarz-Weiß. Der Rest, so könnte man meinen, ist Erfolgsgeschichte: Jim Knopf, das Urmel, Kater Mikesch, die Opodeldoks, Kalle Wirsch, der brüllende Löwe, Schlupp vom grünen Stern, die Katze mit Hut – nahezu jede Generation hat ihre eigene Identifikationsfigur aus dem Puppenkisten-Personal. Klaus Marschall ist mit diesen Geschichten und Charakteren aufgewachsen. Sie gehörten zu seiner Familie, lange bevor er 1973 als Zwölfjähriger seine erste Sprechrolle in der Puppenkisten-Produktion von „Der gestiefelte Kater“ hatte. Dass seine Vorgänger Großes geleistet haben, kann Klaus Marschall neidlos anerkennen – und auch, dass es für ihn nahezu unmöglich ist, die großen Publikumserfolge, die Urmel und Co. als Fernsehproduktionen in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren feierten, zu wiederholen Foto: Thomas Singoder gar zu übertreffen. Tatsächlich, das sagt er unumwunden, war sein Weg in die Verantwortung bei der Puppenkiste nicht primär durch künstlerische Fragen geprägt: „Es ging um ein reines Existenzproblem.“

 

Seit 1982 ist Marschall bei der Puppenkiste fest angestellt. Schon lange bevor seine Eltern ihm 1992 offiziell die Leitung übertragen, übernimmt er zunehmend Verantwortung im Betrieb. „Mein Vater und mein Großvater waren beide Schauspieler, sie haben sich nie um Zahlen gekümmert“, sagt er rückblickend. Die langjährige Sekretärin hatte die Funktion des Buchhalters: Vor jeder Anschaffung, so die Familiensage, soll Marschalls Vater sie gefragt haben, ob noch Geld da sei. Dass Nachfolger Klaus nach dem Schulabschluss zunächst eine Ausbildung als Schaufenstergestalter antritt, kann wohl als erster, zaghafter Versuch der Professionalisierung gelten, immerhin erlernt er so das Handwerkszeug, das er im Theater für den Kulissenbau braucht. Tatsächlich aber liegen die Herausforderungen schon zu diesem Zeitpunkt ganz woanders.

Mehr Kopf, weniger Bauch

Als Marschall 1985 seinen Vater als designierter Nachfolger zu Vertragsgesprächen mit dem Hessischen Rundfunk, dem damaligen Produktionspartner für die Fernsehgeschichten der Puppenkiste, begleitet, übernimmt er die Verhandlungen kurzerhand selbst, weil ihm das Verhandlungsziel seines Vaters zu schwach erscheint. „Es ging darum, den HR davon zu überzeugen, dass er die Puppenkiste mit seiner bisherigen Preispolitik in den Ruin treiben wird“, sagt Marschall. Sein Plan geht auf, die Bedingungen bessern sich, zumindest vorerst. Der Junior setzt sich mit dem Steuerberater und der Sekretärin zusammen, er wälzt Bücher und lernt, Bilanzen zu lesen, führt einen Rechtsberater ein, verhandelt Zuschüsse mit Kulturreferenten. Auch das Personal will er straffer führen: „Aus meiner Sicht hat mein Vater gegenüber Mitarbeitern oft ein Auge zu viel zugedrückt.“ Zugleich will er als Arbeitgeber zuverlässiger werden, indem er die Puppenkiste finanziell solider aufstellt. In den Jahren zuvor war der Puppenspielernachwuchs reihenweise abgesprungen.

 

Auch mit Blick auf das künstlerische Arbeiten kann es in der dritten Generation nicht einfach so weitergehen wie bisher. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Fernsehen läuft 1994 endgültig aus. Marschall ist die Entwicklung recht, zu groß sind die künstlerischen Differenzen mit der HR-Redaktion. Zum wirtschaftlichen Überleben braucht er die Fernsehproduktionen, die hohen Aufwand und Kosten verursachen, nicht. Zugleich ist es keine Option, nur vom Erbe seiner Vorfahren zu leben. Denn gerade an den berühmten Geschichten hat die Puppenkiste nicht die Urheberrechte. „Wir sind nur Rechteverwerter“, sagt Marschall. Am Urmel verdienen die Nachkommen von Max Kruse, an Jim Knopf der Verlag Thienemann-Esslinger und die Michael-Ende-Erben. Und die Rechte an den alten Fernsehaufzeichnungen, die heute auf DVD und on demand bei Amazon Prime erhältlich sind, hat der Hessische Rundfunk.

Info

Vier Generationen Augsburger Puppenkiste

Bis heute sitzt die Augsburger Puppenkiste Oehmichens Marionettentheater in den historischen Räumlichkeiten des Augsburger Heilig-Geist-Spitals, wo sie 1948 von Schauspieler Walter Oehmichen gegründet wurde. Nach Walters Tod 1977 ging die Inhaberschaft zunächst auf seine Frau Rose über, 1985 auf die Tochter Hannelore Oehmichen-Marschall. Ihr jüngerer Sohn Klaus Marschall übernahm 1992 die Leitung. Nach dem Tod von Hannelore ging 2003 die Inhaberschaft auf Klaus Marschall und seinen älteren Bruder Jürgen über, der sich 2013 ausbezahlen ließ, aber bis heute als Figurenschnitzer angestellt ist. Mit zwei der drei Kinder von Klaus Marschall, Melanie und Michael, steht bereits die vierte Generation in den Startlöchern. In neun Jahren will Marschall die Geschäftsführung abgeben und sich auf die künstlerische Arbeit konzentrieren.

Theatermacher Marschall besinnt sich auf das Kerngeschäft seiner Vorfahren: auf den physischen täglichen Theaterbetrieb in Augsburg. Die Puppenkiste spielt täglich zwei Vorstellungen, nur montags ist Ruhetag. Der Theatersaal im historischen Heilig-Geist-Spital fasst 220 Plätze, die Auslastung liegt nach eigenen Angaben bei 96 Prozent. Jedes Jahr inszeniert die Puppenkiste zwei neue Stücke für Kinder und Erwachsene auf der Bühne. Das Theater hat 35 feste Mitarbeiter, darunter einige 450-Euro-Kräfte. Mit dem Museum „Die Kiste“ im ersten Stock, dem kleinen Museumsshop und dem Bistro im Foyer sind es rund 80 Köpfe. Bis heute subventionieren Stadt und Freistaat jede Theaterkarte mit etwas mehr als 5 Euro – sehr wenig im Vergleich zu den durchschnittlichen Subventionen für Schauspiel- oder Opernbetriebe.

Zurück zum Kern

Den Theaterbetrieb vor Ort am Laufen zu halten und die Begeisterung für die Puppenkiste in die nächste Zuschauergeneration zu tragen, das ist heute die Kernaufgabe von Klaus Marschall. Dabei kommen ihm die alten Fernsehproduktionen doch wieder zupass – nicht finanziell, sondern wegen ihrer großen Bekanntheit. Sie ist die Basis dafür, Zuschauer für den Theaterbetrieb in Augsburg zu gewinnen. „Wenn Eltern oder Großeltern heute nach dem Besuch im Museum für ihre Kinder eine DVD von Jim Knopf in unserem Shop kaufen, kaufen sie in drei Wochen vielleicht das Urmel. Und in zwei Monaten kommen sie zu einer Aufführung.“ Gedanklich scheint er zu ergänzen: Und dann haben wir sie!

 

Parallel dazu schafft Marschall neue Berührungspunkte mit der jungen Zielgruppe. Der Theatermacher hegt große Liebe zum Kino, zum „Lichtspieltheater“, wie er es gern nennt: Ein aus dem Alltag herausgegriffenes Gemeinschaftserlebnis in einem abgedunkelten Raum mit fokussierter Aufmerksamkeit auf die Handlung – das ist es, was sich Marschall für seine Stücke wünscht. 1997 ging die Puppenkiste mit einem ersten Kinofilm an den Start: Die Geschichte um den Rattenjungen „Monty Spinnerratz“ war eine aufwendig in Deutschland und New York gedrehte Koproduktion mit Warner Bros. Entertainment. Zwar erreichte der Film viele Zuschauer, dennoch würde Marschall ein Projekt in diesen Dimensionen heute nicht wiederholen. Er hat eine neue Strategie: Mit einer eigenen Produktionsfirma brachte die Puppenkiste zu Weihnachten 2016 den Kinofilm „Die Weihnachtsgeschichte“ auf die Leinwand, der an den Adventssonntagen deutschlandweit in 300 Kinos lief. Rund 100.000 Zuschauer habe man damit erreicht, resümiert Klaus Marschall. Diesen Erfolg will er 2017 mit der neuen Produktion „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ wiederholen, diesmal werden es 400 Kinos sein. „Letztes Jahr sind wir voll auf unsere Kosten gekommen und haben ein bissel was dazuverdient“, sagt Marschall. Wichtig sei aber nicht der monetäre Gewinn. „Die Kinoproduktionen stärken unseren Bekanntheitsgrad in der jungen Zielgruppe, mit neuen, eigenen Inhalten.“

Puppentheater nicht nur für die junge Zielgruppe: In Augsburg gibt es auch politisches Kabarett

Dass Marschall und sein Team heute Projekte wie dieses realisieren können, ist keine Selbstverständlichkeit. Als subventionierter Theaterbetrieb ist die Puppenkiste strengen Auflagen unterworfen. „Wir sind bei der Personalplanung nicht flexibel, wir dürfen kein Museum haben, keine Restauration und auch keinen Museumsshop, sprich Einzelhandel betreiben“, sagt Marschall. Um die Existenz des Theaters zu sichern, entwickelt er über die Jahre eine komplizierte Struktur: 1992 gründet er den Verein der Freunde des Augsburger Puppenspiels. Der fungiert heute auch als Träger des Museums, das seit der Eröffnung im Jahr 2001 knapp eine Million Besucher verzeichnet. 1995 gründet Marschall zudem die Produktionsfirma, die unabhängig vom subventionierten Theaterbetrieb zusätzliches Personal und Material für Tourneen beschafft und finanziert oder befristet Technik und Personal für Filmaufzeichnungen engagiert. Die Firma leitet er selbst, das kleine Bistro im Foyer des Theaters betreibt sein Bruder Jürgen, den Museumsshop seine Frau. „Auch bei der Organisation mussten wir erfindungsreich sein“, sagt Marschall. Er gibt zu, dass dieser „Kreislauf zur Selbsterhaltung“ von außen durchaus intransparent wirken könne. Auch die Rechnungsprüfer würden immer mal Subventionsbetrug wittern. „Aber wir haben die Prüfung noch immer bestanden.“

BWL hilft nur bedingt

Doch auch diese Struktur ist nicht für die Ewigkeit, da ist sich Klaus Marschall sicher. Seinem Ausstieg in neun Jahren sieht er gelassen entgehen, als Nachfolgerin steht Tochter Melanie (30) bereit. „Ich glaube, sie denkt manchmal, dass ich den Mitarbeitern gegenüber ein Auge zu viel zudrücke“, sagt Marschall und grinst. Auf dem Weg der Professionalisierung scheint es nur logisch, dass nach zwei Schauspielern und einem Schaufenstergestalter als Nächstes eine Betriebswirtin an die Spitze des Familienunternehmens treten wird. Melanie Marschall hat ihr Studium bereits abgeschlossen. Allerdings, das ist Vater Klaus durchaus bewusst, wappnet sie das nur zum Teil für die kreativen Herausforderungen an der Spitze der Puppenkiste. Jetzt lernt sie erst mal Puppenspielerin, wie alle anderen Familienmitglieder im Betrieb vor ihr.