Freitag, 08.12.2017
Outperformer an der Börse

Der Faktor Familie

Mehr Wachstum, mehr Rendite: Börsennotierte Familienunternehmen erzielen bessere Ergebnisse als Vergleichsunternehmen, und zwar quer durch alle Erdteile und Branchen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Was steckt dahinter?
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Familienunternehmen erzielen an der Börse bessere Ergebnisse als vergleichbare Unternehmen. Wie ist das zu erklären?

 

Foto: moodboard/iStock/Thinkstock/GettyImages

Das Bild ist eindeutig: Seit Anfang 2006 haben börsennotierte Familienunternehmen eine Gesamtrendite von 126 Prozent erwirtschaftet und den Welt-Index MSCI AC damit um 55 Prozent übertroffen. Sie entwickelten sich somit sehr viel besser als Unternehmen an der Börse, die sich nicht in Familienbesitz befinden. Aufgezeichnet hat die Entwicklung das Credit Suisse Research Institute. Für ihre Studie „The CS Family 1.000“ haben die Analysten Belege zusammengetragen, die zeigen sollen, dass Familienbesitz an der Börse ein Erfolgsfaktor ist.

Familienbetriebe zeichnen sich den gesammelten Kennzahlen zufolge durch größeres Wachstum und höhere Profitabilität aus: Ihre Finanzergebnisse übertreffen die Erfolgsbilanz von Unternehmen, die nicht familiengeführt sind. Ihr Umsatz- und EBITDA-Wachstum ist stärker, ihre EBITDA-Margen sind höher und ihre Cashflow-Renditen sind besser. Dabei ist es der Studie zufolge grundsätzlich egal, in welchem wirtschaftlichen Sektor die Firmen aktiv sind oder in welcher Region der Erde sie ihren Sitz haben. So zeigen regionalisierte Vergleiche den Familien-Vorsprung für alle Standorte, lediglich graduelle Unterschiede sind erkennbar: In Europa fällt die „Outperformance“ gegenüber den Nicht-Familienunternehmen etwas höher aus als in den USA und in Asien. Wichtiger hingegen scheint – zumindest auf den ersten Blick –, wie hoch der Familienanteil am jeweiligen Unternehmen ist. Schließlich sind am stärksten die Aktienkurse jener Firmen gestiegen, die sich zu mehr als 70 Prozent in Familienbesitz befinden.Doch eine genauere Analyse relativiert diesen Eindruck. Denn umgekehrt liegen Unternehmen mit einem Familienanteil von 30 bis 40 Prozent vor denjenigen, bei denen sich der Familienanteil zwischen der 40- und der 70-Prozent-Marke bewegt – hier ergibt sich also kein klar abgestuftes Bild.

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Grundsätzlich scheint Familienbesitz ein Erfolgsfaktor zu sein, der sich im Lauf der Zeit abnutzt. Das wirkt sich vor allem in Europa und den USA aus, weil dort der Anteil älterer Familienunternehmen relativ hoch ist. In den Schwellenländern Asiens, des Nahen Ostens und Afrikas hingegen dominieren Familienunternehmen, die von der ersten oder zweiten Generation geführt werden. Und die haben sich seit 2006 an den Aktienmärkten eindeutig besser entwickelt: Beim Übergang zur dritten Generation fällt die Aktienrendite der Studie zufolge statistisch auf jährlich etwa 6,5 Prozent, während sie zuvor bei etwa 9 Prozent liegt.

 

Dieses Ergebnis könnte als Beleg dafür herhalten, dass Generationenübergänge Familienbetriebe tatsächlich nahezu unausweichlich schwächen. Etwa weil schon die Wechsel an sich das Gefüge in tiefgreifende Krisen stürzen. Oder weil sich die Eigentümerstruktur in immer neue Stämme zerfasert. Oder weil irgendwann Kinder von Kindeskindern die Kontrolle übernehmen, obwohl sie kein echtes Interesse an der Firma haben oder schlicht inkompetent sind. Die Autoren der Studie tendieren allerdings zu einer anderen Erklärung dafür, dass jüngere Familienunternehmen besser abschneiden als ältere: So verweisen sie darauf, dass Generationenwechsel zwar tatsächlich ein Risiko darstellen, dass einschneidende Übergange aber auch in Nicht-Familienunternehmen gemeistert werden müssen. Die Forscher gehen daher davon aus, dass jüngere Familienunternehmen in aller Regel auch kleinere Familienunternehmen sind und daher leichter wachsen können als die Firmen, die schon länger bestehen und Potentiale bereits ausgeschöpft haben.

 

Stützen können die Analysten diese Theorie auch mit der Selbsteinschätzung der Analysierten: Ergänzend zur Datensammlung haben die Forscher bei mehr als 100 Familienunternehmen nach der Innenperspektive gefragt – und dabei herausgefunden: Wegen irgendwann anstehender Generationenwechsel bestehen keine allzu großen Bedenken. Mehr Sorgen als um den Generationenwechsel machen sich Familienunternehmer um härter werdenden Wettbewerb, Innovationsdruck und technologische Umwälzungen. Dazu passt, dass vor allem in Asien die Ausgaben der Familienunternehmen für Forschung und Entwicklung (F&E) massiv gestiegen sind. Aber auch in den USA fällt das Engagement der Familienunternehmen in F&E höher aus als das der anderen Firmen; nur in Europa bleiben die F&E-Ausgaben hinter der nicht-familiengeführten Konkurrenz zurück.

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In einer nur auf die USA bezogenen Teilanalyse bescheinigt die Untersuchung den Familienunternehmen außerdem, dass sie bei Corporate-Governance-Kriterien vergleichsweise schlecht abschneiden. Negativbewertungen bringt ihnen hier unter anderem ein, dass sie oft keinen Einblick in die Vergütung ihrer Manager gewähren und keine langfristige Planung vorlegen. Angesichts der Börsenerfolge der Familienunternehmen wagen die Autoren der Studie die Frage, ob Investoren sich für Corporate-Governance-Noten überhaupt so brennend interessieren.

Immerhin setzen die Familienunternehmen stattdessen besonders gern auf Vergütungsregeln für das Management, die langfristigen wirtschaftlichen Erfolg belohnen. Und neue Investitionen finanzieren sie am liebsten aus dem organischen Cashflow oder mit Eigenkapital. Dazu passen auch die vom Institut selbst zusammengetragenen Zahlen. Denen zufolge sind die Familienunternehmen in seit dem Ende der Finanzkrise ihre Schulden schneller losgeworden als die übrigen Firmen. Außerdem halten sie ihr Kapital besser zusammen, schütten ihre Gewinne zurückhaltender aus.

 

Und so soll es scheinbar in den meisten Fällen auch bleiben. Die häufigste Antwort auf die Frage der Analysten nach den Vorstellungen für die Zukunft heißt: „Wir planen, das Eigentum am Unternehmen auf die nächste Generation zu übertragen.“ Diese Strategie verfolgen mit deutlich über 40 Prozent Zustimmung vor allem europäische Familienunternehmen. Insgesamt gibt nur ein Viertel der befragten Unternehmen an, die Familienanteile reduzieren zu wollen, wobei Europa in diesem Punkt nach den Vereinigten Staaten und Asien das Schlusslicht bildet. Sollte die Performance von Unternehmen an der Börse tatsächlich vom Familien-Faktor abhängen, ist das für Unternehmen und Anleger gleichermaßen eine gute Nachricht.

Info

Sein sogenanntes Research Institute hat der Finanzdienstleister Credit Suisse nach der Finanzkrise 2008 eingerichtet, um langfristige wirtschaftliche Entwicklungen zu untersuchen. Für die aktuelle Studie „The CS Family 1.000“ hat das Institut nahezu 1.000 börsennotierte Familienunternehmen analysiert und zusätzlich mehr als 100 familiengeführte Unternehmen befragt, um die Schlussfolgerungen der Analyse zu überprüfen. Als Familienunternehmen galten dabei Firmen, in denen die Gründer oder ihre Nachkommen mindestens zu 20 Prozent beteiligt sind oder mindestens 20 Prozent der Stimmrechtsanteile halten. Die Mehrheit der in der CS-Datenbank enthaltenen Familienunternehmen hat ihren Sitz in den Schwellenmärkten, wobei allein Asien 536 Unternehmen beisteuert. Europa und die USA stellen zusammen 311 Unternehmen.