Donnerstag, 04.10.2018
Zigarrenmogul Heinrich Villiger lässt nicht los

Chef mit 88 Jahren

Heinrich Villiger führt den Zigarrenproduzenten Villiger Söhne mit 1.600 Mitarbeitern seit über 60 Jahren. Manager kamen und gingen, auch seine Tochter hielt es nicht lange an seiner Seite aus. Nun könnte ein Enkel es richten.
Heinrich Villiger, Lucien Villiger, Zigarren Villiger, Villiger Söhne, Villiger , Waldshut-Tiengen, Waldshut-Tiengen Unternehmen, Kaspar Villiger, Villiger Schweiz, Zigarren Cuba, WHO Kritik, Unternehmensnachfolge, Patriarch, Villiger Interview

Zigarren sind sein Leben: Heinrich Villiger leitet mit 88 Jahren weiterhin das Familienunternehmen und überzeugt sich auch persönlich vom Endprodukt.

 

Foto: Villiger Söhne Holding AG

Weißer Rauch steigt auf. Nicht in Rom, sondern in Tiengen. Also künden die Wolken auch nicht, dass eine Spitzenposition neu besetzt wäre. Heinrich Villiger hat sich nur neues Rauchwerk angezündet. Und gleich gestanden, dass er damit etwas Ungehöriges tut. Denn diese Zigarre sei schon angeraucht, weshalb sie ein prinzipienfester Connaisseur nun umstandslos entsorgen müsste. Aber es handele sich um ein besonders edles Exemplar. „Das ist eine Cohiba für 20 Euro, die schmeiß ich nicht weg, ehe ich sie nicht ganz geraucht habe“, sagt der Tabakbaron, Inhaber, CEO und Chef des Verwaltungsrats der Villiger Söhne Holding AG. „Das ist eine angeborene Sparsamkeit.“

Dabei sind seit seiner Geburt schon 88 Jahre vergangen. Aufgewachsen ist Villiger im Schweizer Kanton Luzern, wo in der Dorfschule Kreuze hingen und allmorgendlich das Vaterunser gebetet wurde. Die seither verflossenen Jahrzehnte haben seine Haare weiß gefärbt, ein wenig gebückt läuft er inzwischen auch. Anderen Veränderungen hat er sich einfach verweigert: Er besitzt kein Smartphone, sondern ein Autotelefon. Und E-Mails lässt er sich ausdrucken, ehe er seine Antwort in die Schreibmaschine tippt, auf dass sie eingescannt werde. Schließlich, berichtet er, habe ihm seine Frau gesagt: „Das mit dem Computer lernst du nicht mehr.mehr.“ Und sie müsse es ja wissen, denn sie war Lehrerin.

Deutschland ist größter Markt

Dass er damit ganz schön altmodisch sei, sagt der Patriarch gleich von selbst dazu. Dass er mit seiner vermeintlichen Rückständigkeit gern kokettiert, räumt er hingegen erst auf Nachfrage, aber dafür umso amüsierter ein. Überhaupt: Der Familienunternehmer hat eine unbändige Freude daran, noch immer das Tabakimperium zu leiten, das sein Großvater vor 130 Jahren in Pfeffikon gegründet hat. Jean Villiger begann 1888 mit der Zigarrenproduktion im eigenen Wohnhaus, das schon bald um einen kleinen Fabriktrakt erweitert wurde. Doch der Gründer starb mit nur 42 Jahren an einer Wundinfektion. An seine Stelle trat ab 1902 seine Witwe Louise.

Sie war es, die acht Jahre später eine deutsche Tochterfirma in Tiengen am Hochrhein gründete, um so eine Einfuhrbarriere des Kaiserreichs zu umgehen. Aus dem Ableger in der heutigen Doppelstadt Waldshut-Tiengen ist mittlerweile der Hauptsitz geworden, obwohl das Stammhaus weiter besteht, das Unternehmen seinen Marktanteil in der Schweiz auf 48 Prozent beziffert und die verschiedenen Villiger-Unternehmen zu einer Holding mit Sitz in Pfeffikon gehören. Denn Zölle verhindern bis heute, dass allzu viel Schweizer Rauchwerk die Grenze passiert. Doch die EU ist ein deutlich größerer Absatzmarkt als die Schweiz. Villiger sagt: „Wir leben von der deutschen Tochter.“

In Spanien, berichtet der Patriarch, sei sein Unternehmen der Marktführer; in Deutschland komme es auf einen Marktanteil von 30 Prozent, führend vor allem im Günstig-Segment. Aber längst gehören zum Sortiment auch Edelzigarren. Deren alleredelste kommen aus Kuba. Dort allerdings können westliche Kapitalisten nicht einfach neue Dependancen eröffnen. Villiger pflegt seit den fünfziger Jahren den Kontakt zu den Revolutionären, hat mit ihnen Joint Ventures gegründet. Probleme, sagt er, mache allenfalls die Sprache: Der Schweizer spricht kein Spanisch.

Nachfolgersuche seit 20 Jahren

Ideologische Barrieren sieht Villiger hingegen nicht: „Natürlich reden wir nicht über Politik. Aber in jedem System schwimmen die G’scheiten obenauf.“ Falls es denn so etwas wie ein System überhaupt gibt: Der Kontakt zum Villiger-Ableger in Nicaragua ist gerade abgerissen, weil im Land Chaos herrscht. Von dort stammt der Tabak für die Handgerollten, die nicht ganz, aber doch fast so edel wie die kubanischen Zigarren daherkommen. In Indonesien wiederum steht eine Fabrik, in der in Handarbeit die Deckblätter für die gesamte Produktion – 1,5 Milliarden Zigarren und Zigarillos pro Jahr – aufbereitet werden. Dort arbeiten 1.100 Menschen, insgesamt hat die Gruppe 1.600 Beschäftigte.

In Relation dazu, sagt der bärtige 88-Jährige, fällt der Jahresumsatz mit etwa 200 Millionen Euro gering aus. „Aber das liegt am hohen Handarbeitsanteil.“ Global betrachtet, verortet er sein Tabakimperium in den Top Ten der Branche. Weshalb sich ja durchaus ein ambitionierter Manager finden lassen müsste, der hier Gesamtverantwortung übernehmen will. Tatsächlich, berichtet Villiger, suche er jemanden für die Spitzenposition, seit er selbst 65 wurde. Doch einstweilen steigt in Tiengen weißer Rauch nur auf, wenn der Patriarch die im Gespräch erkaltete Cohiba ein weiteres Mal anzündet. Dann sagt er: „Ich habe in 20 Jahren zehn CEOs eingestellt und wieder gefeuert.“

Heinrich Villiger, Lucien Villiger, Zigarren Villiger, Villiger Söhne, Villiger , Waldshut-Tiengen, Waldshut-Tiengen Unternehmen, Kaspar Villiger, Villiger Schweiz, Zigarren Cuba, WHO Kritik, Unternehmensnachfolge, Patriarch, Villiger Interview, Lucien Villiger

Handarbeit: Heinrich Villiger in seinem Element.

 

Foto: Villiger Söhne Holding AG

Der letzte in dieser Reihe potentieller Nachfolger musste Ende 2017 nach etwa anderthalb Jahren gehen. Villiger sagt: „Es war mein Fehler, ich hätte es wissen müssen – ein Nichtraucher ...“ Dabei lässt der Eigentümer schmunzelnd offen, inwieweit sein hoher Top-Manager-Verschleiß auf seinen Charakter zurückzuführen ist: „Meine Frau sagt immer, ich wäre zu stur, es würde an mir liegen. Aber ich habe natürlich auch meine Gegenargumente.“ Eines davon sind grundsätzliche Zweifel am CEO-Modell. Denn: Wer so einen Titel trägt, „sollte vom Geschäft mindestens so viel wissen wie die Leute, die ihm unterstellt sind“. Was der 88-Jährige offenbar allenfalls sich selbst zutraut.

Also fährt er weiterhin allmorgendlich die zehn Autominuten von seinem Schweizer Wohnsitz nach Tiengen, um dort um 10 Uhr die Arbeit aufzunehmen. So richtig wohl fühlt er sich in seinem Büro allerdings erst ab 18 Uhr – weil dann niemand mehr stört. Wenn um 22 Uhr der Nachtwächter erscheint, gibt dieser dem Chef das Signal zur zweiten Rückkehr nach Hause. Eine erste unterbricht Villigers Arbeitstag bereits um 13 Uhr. Denn da pflegen ihn die Kochkünste seiner Gattin für zwei Stunden zu binden. Dass er bereits seit 60 Jahren verheiratet ist – und zwar mit der immer gleichen Frau – scheint ihm ohnehin bemerkenswerter als die Tatsache, dass er mit 88 Jahren noch ein Unternehmen leitet.

Immer noch Globetrotter

Dabei ist er davon gerade ein bisschen geschlaucht. Er war in New York, um sich für das wichtigste US-Tabak-Magazin interviewen zu lassen: mit Live-Übertragung und gleich zwei Fragestellern. Anschließend hat Villiger noch einen Abstecher nach Kuba gemacht. Jetzt spürt er den Jetlag – was er aber wohl nur eingesteht, weil er so erwähnen kann, dass er derartige Ochsentouren sonst ganz gut verkraftet. Überhaupt, vom Alter lässt er sich wenig beeindrucken. Seit seinem Herzinfarkt vor zehn Jahren raucht er eben etwas weniger. Dafür ist er noch vor sechs Jahren mit dem Motorrad von Windhoek nach Kapstadt geknattert.

Seine BMW-Maschine hat er mittlerweile verkauft. Aber er fährt weiterhin Fahrrad. Ohne Steigungen, dafür zügig, den Rhein entlang: auf der deutschen Seite hin, auf der Schweizer Seite zurück. Was sich auf respektable 20 Kilometer summiert. Auf die Jagd geht er auch noch, wenn ihm die Geschäfte dafür die Zeit lassen. Dabei taucht in den Firmendokumenten noch nicht einmal sein Name auf: „Ich habe keine Funktion, ich bin hier nicht angestellt. Ich sage nur, wo’s hingeht.“ Formal in der Verantwortung hingegen stehen drei Geschäftsführer, deren Kompetenz im jeweiligen Fachgebiet – Finanzen, Technik, Vertrieb – der Patriarch durchaus zu rühmen weiß.

Heinrich Villiger, Lucien Villiger, Zigarren Villiger, Villiger Söhne, Villiger , Waldshut-Tiengen, Waldshut-Tiengen Unternehmen, Kaspar Villiger, Villiger Schweiz, Zigarren Cuba, WHO Kritik, Unternehmensnachfolge, Patriarch, Villiger Interview, Lucien Villiger

Ein „g’scheiter“ Nachfolger? Patriarch Heinrich Villiger und sein Enkel Lucien.

 

Foto: Villiger Söhne Holding AG

Villiger sagt: „Die drei Herren sind mir direkt unterstellt. Das geht gut.“ Also sind sie auch schon seit vielen Jahren auf ihren Posten: „Da habe ich kein Kündigungskarussell.“ Personelle Veränderungen hat es jetzt aber im Verwaltungsrat der Holding gegeben, in der die Firmengruppe gebündelt ist. Dort ist, ohne weiße Rauchschwaden, aber begleitet von Spekulationen um die Nachfolgefrage, Villigers Enkel Lucien eingerückt: Architekt, 27 Jahre alt, vom Großvater als „g’scheit“ eingestuft. Außerdem im Gremium: Hubertine Underberg aus der Spirituosen-Dynastie. Und: Corina Villiger, die älteste Tochter des Patriarchen. Sie war schon mehrfach im Verwaltungsrat. Und ist schon mehrfach gegangen.

Der Patriarch berichtet: „Die hat mir schon zweimal gekündigt. Sie hat gesagt: ‚Ich kann mit dir nicht zusammenarbeiten.‘“ Seine Analyse des Vater-Tochter-Konflikts: „Sie ist starrköpfig, ich bin starrköpfig.“ Seine Beschreibung des aktuellen Stands: eine abwägende Handbewegung, ein Lächeln, „geht so“. Völlig außen vor hingegen ist Villigers elf Jahre jüngerer Bruder, der zeitweise mit ihm zusammen die Firma geleitet hatte. Dann stieg Kaspar Villiger in die Politik ein, wurde Schweizer Verteidigungsminister, schließlich Bundespräsident. Um Interessenskonflikte zu meiden, musste er seine Anteile abgeben, Heinrich Villiger sagt: „Ich hab 20 Jahre g’schafft, bis ich’s zurückbezahlt hab.“ Seither allerdings hat er eine Position, die für ihn ein „Geschenk des Himmels“ ist: „Ich muss außer meiner Frau niemanden fragen, und die frag ich auch nicht.“ Ein Graus sind ihm die vierteljährlichen Sitzungen trotzdem: „Da geht es um Deckungsbeiträge, Ertragskoeffizient, weiß der Teufel, der ganze Zahlensalat. Das brauch ich alles nicht. Entweder läuft der Laden, oder der Laden läuft nicht.“

Schwiegersohn entlassen

Im letzteren Fall pflegt es seiner Meinung nach in der Regel an der Führung zu hängen. Weshalb er auch schon einmal den Ehemann einer seiner Töchter entließ, als dieser in einer aus Diversifizierungsgründen dazugekauften, inzwischen wieder abgestoßenen Fahrrad-Sparte erfolglos blieb. Villiger sagt: „Wenn Sie den Schwiegersohn rausschmeißen müssen, ist das nicht das Gelbe vom Ei.“ Doch übertriebene Rücksicht aufs „Familiengefieder“ mag er nicht nehmen, wenn’s ums Geschäft geht. Ein Familienunternehmen soll seine Firmengruppe aber trotzdem bleiben. Allerdings gibt es nicht nur seine insgesamt vier Kinder, sondern inzwischen auch neun Enkel und einen Urenkel. In Villigers Worten: „Jetzt wird’s kompliziert.“ Also hat er mittlerweile einen 20-seitigen Aktionärsbindungsvertrag für seine Nachkommen austüfteln lassen, der sicherstellen soll, dass Anteile nur an Verwandte verkauft werden. Doch weißer Rauch für einen Nachfolger an der operativen Spitze steigt auch damit noch nicht auf.

Der Patriarch selbst hatte einst keine Wahl: Damit er rechtzeitig für den Chefposten bereitsteht, durfte er nicht einmal studieren. Stattdessen wurde er nach dem Wirtschaftsabitur als Praktikant in die Südstaaten der USA geschickt, landete dort – noch zu Zeiten der Rassentrennung – „in einer Halle mit 100 schwarzen Mädchen aus Puerto Rico, die Tabak sortiert haben“.

Seine Kinder hingegen durften selbst entscheiden. Corina, die älteste Tochter, ist Ärztin geworden. „Eine gute“, sagt ihr Vater. Und dass sie ihren Beruf nie für ein Vollzeit-Engagement in der Firma aufgeben würde. Wie die sich in Zukunft entwickeln wird, lässt Villiger offen. Einerseits gibt es auf der Welt immer mehr wohlhabende Menschen und damit immer mehr potentielle Zigarrenkunden. Doch der Firmenchef sieht auch jede Menge Widrigkeiten. Was für ihn nicht ganz neu sein kann: Als Teenager bekam er mit, wie im Zweiten Weltkrieg eine Münchener Villiger-Fabrik im Bombenhagel unterging und wie die Franzosen in Tiengen die letzten Tabakvorräte plünderten.

Mittlerweile allerdings sieht er das Geschäftsmodell als solches in Gefahr. Bedroht fühlt sich Villiger vor allem von der EU. Die hält er ohnehin für eine Fehlkonstruktion: „Man kann Wirtschaftsräume machen, aber politische Großräume mit so unterschiedlichen Menschen, das funktioniert einfach schlecht.“ Doch vor allem hadert er mit ihrer WHO-gesteuerten Gesundheitspolitik. „Wir werden drangsaliert. Dabei behaupten wir ja gar nicht, dass Rauchen gesund wäre. Aber Zigarren sind relativ harmlos, weil sie nicht auf Lunge geraucht werden.“ Der Patriarch beklagt: „Wir verschwenden einer Großteil unserer Kapazitäten in der Abwehr unnötiger und überflüssiger Vorschriften.“

Deren neueste: Warnhinweise müssen jetzt auf der Innenseite des Verpackungsdeckels geklebt werden. „Offenbar hat eine dieser Schlafmützen jetzt gemerkt, dass Zigarrenkisten auch geöffnet werden“, grummelt der 88-Jährige und lässt weißen Rauch aufsteigen. Ob das in einem Firmengebäude auf EU-Territorium überhaupt noch legal ist? „Ich geh davon aus“, sagt Villiger grinsend. „Wir fragen ja keinen. Letztlich ist es mir egal, soll mir keiner das Rauchen in meinem Büro verbieten.“ Dabei gilt dort ohnehin schon: „Jeden Tag ein neues Problem.“ Lösen wird er die auch weiterhin selbst. Denn er findet: Nach so vielen Fehlschlägen ist er zu alt, um es noch einmal mit einem Nachfolger-CEO zu versuchen.

Stattdessen will der Patriarch einfach bleiben, solange er kann. Und wenn er einmal nicht mehr kann, werden seine drei bewährten Geschäftsführer den Laden schon weiter steuern. Bis weißer Rauch aufsteigt, weil die Villiger-Nachkommen eine Spitzenposition in Tiengen neu vergeben haben