Freitag, 07.08.2020
Was, wenn es mit der älteren Unternehmertochter nicht klappt?

Altmann GmbH: Unternehmensnachfolge im zweiten Anlauf

Jahrelang stand für Gründer Hans-Jürgen Altmann fest, dass seine ältere Tochter seine Nachfolge bei der Altmann GmbH antreten würde. Der Plan scheiterte krachend. Heute führt die jüngere Tochter Alexandra Altmann die Firma. Wie kam das?
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Keine Anlaufphase, keine Trennung der Ressorts – bei ihrem Einstieg ins Unternehmen erwartete Alexandra Altmann klare Verhältnisse.

 

Foto: Altmann GmbH

Geradlinig und ohne große Überraschungen – so sah die Karriere von Alexandra Altmann lange aus. Die 37-Jährige ist Wirtschaftsjuristin aus Überzeugung. 2009 macht sie ihr Diplom an der FH Bielefeld, danach heuert sie in der Rechtsabteilung des Holzwerkstoffherstellers Glunz AG an. Sie ist glücklich mit dem Job und ihren Aufgaben dort, hat nette Kollegen und versteht sich gut mit dem Chef. Ab 2011 macht sie in Absprache mit dem Arbeitgeber ihren Master of Laws mit Abschluss 2014. Alles spricht für eine erfolgreiche Laufbahn als Unternehmensjuristin. „Ich war gern Angestellte“, sagt sie. Doch es kommt anders. Nur ein Jahr später nimmt sie bei Glunz ihren Abschied, um etwas zu tun, mit dem sie selbst am wenigsten gerechnet hätte: Sie wird Geschäftsführende Gesellschafterin der Altmann GmbH Bauteile für Mess- und Regeltechnik im ostwestfälischen Herford, die ihr Vater Hans-Jürgen Altmann vor rund 50 Jahren gegründet hat. 

Seit Alexandra Altmann denken kann, war klar, dass ihre drei Jahre ältere Schwester das Familienunternehmen eines Tages übernehmen würde: Ariane Altmann hat ihre ersten Jobs als Schülerin bei der Altmann GmbH, nach dem Abitur absolviert sie ab 1999 ein duales Studium, davon den betrieblichen Teil in der Firma der Eltern. Nach dem Abschluss soll sie sukzessive Verantwortung übernehmen, zunächst für Buchhaltung und Personal, dann als Prokuristin. 2012 wird sie Geschäftsführerin, gemeinsam mit dem Vater. So weit scheint alles nach Plan zu laufen.

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Praktisch allerdings zeichnet sich immer mehr ab: Je mehr Verantwortung Ariane Altmann im Betrieb übernimmt, umso schlechter wird das Verhältnis zu ihrem Vater, zu verschieden sind ihre Herangehensweisen. „Mein Vater ist als Gründer ein Unternehmer alter Schule“, sagt Alexandra Altmann. Auf der einen Seite der voll von sich und seinem Produkt überzeugte Chef-Techniker und Gründer, der die Firma straff durchorganisiert hat und über dessen Schreibtisch jeder Prozess im Unternehmen geht. Auf der anderen Seite die Tochter als Vertreterin der jüngeren Generation, gut ausgebildet, mit einem anderen Verständnis von Zusammenarbeit und dem starken Wunsch, eigene Entscheidungen zu treffen. Vater und Tochter geraten oft aneinander, die Mitarbeiter sind verunsichert, es bilden sich Lager zwischen den Generationen. Zwei Jahre nachdem sie in die Geschäftsführung berufen wurde, verlässt die Tochter 2014 das Unternehmen. Auch das private Verhältnis der beiden wird auf eine harte Probe gestellt. 

Während Ariane Altmann eine neue berufliche Herausforderung sucht und findet, stehen in Herford die Zeichen auf Sturm. Infolge ihres Weggangs kündigen auch langjährige Mitarbeiter in Führungspositionen. Hans-Jürgen Altmann ist wieder allein an der Spitze, mit Mitte 70 und ohne geregelte Nachfolge in Aussicht – das beunruhigt die Belegschaft und offenbar auch ihn selbst. Auf der Suche nach einer Lösung fungiert die jüngere Tochter Alexan­dra für den Vater als außenstehende Gesprächspartnerin. „Ich war in dieser Situation in der Familie so eine Art Bindeglied, ich wollte immer vermitteln“, sagt sie. Im November 2014 sprechen sie über verschiedene Optionen, vor allem Fremdgeschäftsführung und Verkauf stehen zur Debatte, aber sie drehen sich im Kreis. „Mein Vater sagte immer, wir müssten jemanden finden, der die Firma in seinem Sinne weiterführt“, sagt Alexandra Altmann. „Und ich sagte immer: ‚Den wirst Du kaum finden.‘“ Bis sie sich eines Tages zu der Frage hinreißen lässt: „Oder soll ich es etwa machen?“

Direkt auf Augenhöhe

Der Vater, gerade 75 geworden, scheint nur auf dieses Angebot gewartet zu haben. Alexandra Altmann erbittet sich Bedenkzeit. „Es war klar: Wenn ich es nicht mache, besteht die Gefahr, dass alles den Bach runter geht“, sagt sie. Am Ende sagt sie Ja zur Nachfolge, stellt aber klare Bedingungen: Sie übernimmt den Job nur mit einhundertprozentiger Rückendeckung der Familie – also auch der nicht mehr im Betrieb tätigen Schwester. Zum Glück hat sich deren gescheiterte Nachfolge nicht auf das gute Verhältnis der Geschwister untereinander ausgewirkt. „Meine Schwester hat von vornherein gesagt, dass sie mich unterstützen wird, wo es geht“, sagt Alexandra Altmann. Ihre zweite Bedingung ist, sofort als Geschäftsführerin mit vollem Verantwortungsumfang einzusteigen. Keine Anlaufphase, keine Trennung der Ressorts. Stattdessen ein Schreibtisch vis-à-vis mit dem Vater, so dass sie aus erster Hand die Aufgaben kennenlernen und übernehmen kann. Der Vater stimmt zu. Anfang 2015 kündigt sie ihren alten Job und wird im Sommer Geschäftsführerin bei der Altmann GmbH.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte: Im September 2015 hat Hans-Jürgen Altmann einen schweren Herzinfarkt. Jetzt bewährt sich, dass Alexandra Altmann auf klaren Verhältnissen zu ihrem Einstieg bestanden hat. Zwar ist sie erst seit kurzem im Betrieb, aber zumindest organisatorisch sind die Weichen dafür gestellt, dass sie die Firma allein leiten kann. Wie auch ihre Schwester hat sie eine ganz andere Herangehensweise als der Vater. Allein schon die Tatsache, dass er sich als selbständiger Unternehmer nie um seine eigene Altersvorsorge gekümmert hat, ist für die Juristin nicht nachvollziehbar. Sie denkt vorausschauend und teamorientiert, setzt auf Eigenverantwortung aller Beteiligten und strebt nach einer breiteren Aufstellung der Firma (siehe Kasten). Für den erforderlichen Kulturwandel sucht sie sich externe Begleitung. Zwar ist ihr Vater nach wie vor Geschäftsführer, aber nach der gesundheitsbedingten Auszeit nimmt er seine Tätigkeit nicht mehr in vollem Umfang auf. Ein Jahr nach ihrem Einstieg überträgt er Alexandra alle Anteile an der Firma. „2017 kam er noch ins Büro“, sagt Alexandra Altmann. „Anfang 2018 meinte er dann, er bräuchte hier wohl keinen Schreibtisch mehr.“

Info

Ganz genau: die Altmann GmbH Bauteile für Mess- und Regeltechnik

Die ersten Messgeräte baute Hans-Jürgen Altmann nach der Firmengründung 1963 in der Waschküche seiner Mutter. Heute liefert Altmann Potentiometer und elektronische Bauteile an Kunden verschiedenster Branchen: Sie messen und regeln etwa die Temperatur in Induktionsherden für Großküchen oder den Öldruck im Tankwagen. Neben der eigenen Produktion hat Alexandra Altmann drei Handelsgesellschaften in Deutschland und Hongkong gegründet: Sie kaufen weniger komplexe Produkte auf dem asiatischen Markt ein, prüfen sie gründlich und verkaufen sie weiter. Im Jahr 2019 beschäftigte die Firma 50 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 2,5 Millionen Euro. 

Warum ist der Generationenwechsel im zweiten Anlauf gelungen? Vielleicht war es die Tatsache, dass Hans-Jürgen und ­Alexandra Altmann zuvor nie zusammengearbeitet haben und so die nötige Distanz hatten, um Fragen ergebnisoffen anzusprechen. Sicherlich war auch der Druck auf Hans-Jürgen Altmann größer und er selbst nach dem ersten, gescheiterten Versuch kompromissbereiter und offener für die Bedingungen seiner Tochter. Und auch seine Erkrankung hat den Prozess sicher beeinflusst.

Klar ist heute, dass alle Mitglieder der Familie mit der Zeit die nötige Distanz entwickelt haben, um mit den zurückliegenden Krisen und Konflikten umzugehen und an entscheidenden Stellen zwischen Familien- und Unternehmensthemen zu trennen. Hans-Jürgen Altmann hat losgelassen. „Das Unternehmen ist kaum noch ein Thema zwischen uns“, sagt Alexandra Altmann. „Er fragt mich nicht nach Einzelheiten, und ich erzähle ihm höchstens ab und zu davon.“ Ihre Schwester Ariane ist inzwischen ins Unternehmen zurückgekehrt und verantwortet heute die Bereiche Finanzen und IT. Sie ist auch diejenige, die für den Notfall mit wichtigen Vollmachten ausgestattet ist – für die Juristin Alexandra Altmann ein entscheidender Punkt: „Wenn ich morgen vor einen Baum fahre, muss der Laden weiterlaufen.“ Unter anderem hat sie zwei Mitarbeiter zu Prokuristen gemacht. Bisher hatten immer nur Familienmitglieder Prokura.

Aktuell stellt die Corona-Pandemie die junge Unternehmerin auf die Probe. Für 2020 rechnet sie mit Umsatzeinbrüchen von 20 bis 30 Prozent, erhofft sich aber über den von ihr angestoßenen Handel mit Asien auch Wachstumschancen, sobald die Krise nachlässt. Bei so großen äußeren Herausforderungen mag es gut sein, dass die unruhige Zeit innerhalb der Familie hinter ihr liegt. „Es sah lange nicht danach aus“, sagt Alexandra Altmann, „aber inzwischen können wir wieder alle zusammen in Urlaub fahren.“