Freitag, 05.07.2019
Wer steckt hinter Weltkonzern ALPLA?

a wie Verpackung

Das Unternehmen ALPLA ist einer der ganz Großen bei der Herstellung von Kunststoffverpackungen. Bis auf ein kleines „a“ weist beim Endprodukt nichts auf die Herkunft der Verpackung hin. Was tut ein solches B2B-Unternehmen, um bei der jungen Generation attraktiv für einen Einstieg zu sein? Es braucht ruhig Blut, Nüchternheit und Selbstreflektion.
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Seine Finanzabteilung solle ein Gegengewicht zur dominierenden Techniksparte bei ALPLA sein, sagt CFO Philipp Lehner.

 

Foto: ALPLA

Airwaves, Alpecin, Coca-Cola, Danone, L’Oréal, Nivea, Pepsi, Skittles, Thomy. Was klingt wie das Sortiment eines gut gefüllten Supermarkts, sind in Wahrheit die Kunden eines wenig bekannten Familienunternehmens aus Österreich. Die Produkte dieser Marken begegnen uns täglich und sind meist in Kunststoffverpackungen zu finden. Auf den Hersteller der Verpackungen verweist lediglich ein kleines „a“, das fast aussieht wie eine gespiegelte „6“– entweder unten am Boden oder innen im Verschluss. Hinter dem kleinen Symbol steckt die ALPLA Werke Alwin Lehner GmbH & Co KG – ein Milliardenunternehmen, das mittlerweile in dritter Generation geführt wird.

Um mehr über das Unternehmen hinter dem kleinen „a“ zu erfahren, führt die Suche in ein schlicht eingerichtetes Büro bei Bregenz am Bodensee. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Hinter dem Schreibtisch steht eine Handvoll Bücher. Auf den Regalen liegt eher weniger als mehr. Kaum etwas weist darauf hin, dass hier der Finanzvorstand eines Milliardenkonzerns arbeitet. Der CFO muss sich erst einmal entschuldigen. Wasser und Kaffee könne er zwar anbieten, alles Weitere nicht. Die Bürobar müsse noch bestückt werden.

Dass Philipp Lehner sich in diesem Büro gerade einrichtet, ist keine Selbstverständlichkeit. „Ich wollte eigentlich immer in einem Unternehmen arbeiten, das dreimal größer ist als das meines Vaters“, sagt der 34-Jährige mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. „Die Firma kannte ich – wie so viele Unternehmerkinder – aus meiner Jugend gut. Jedoch war ein starker Wettbewerb, wie ihn viele Söhne wahrscheinlich nachvollziehen können, mit meinem Vater vorhanden“, erklärt er.

Ruhe bewahren

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Treibt die Internationalisierung von ALPLA voran: CEO Günther Lehner.

 

Foto: ALPLA

Die Stationen des Bildungsweges von Philipp Lehner passen perfekt zu einem Nachfolger der jetzigen Generation: Er studierte an der Nanjing University in China, der European Business School in London und in Boston an der Harvard Business School. Beruflich orientierte er sich aber erst einmal in Richtung Beratungs- und Finanzbranche. Er arbeitete bei McKinsey in Hamburg, der H.I.G. European Capital Partners LLP in London und bei Rothschild. Vater Günther machte keinem seiner drei Kinder Druck nachzufolgen. Er ließ ihnen alle Freiheiten – und sie entschieden sich unisono gegen ALPLA.

 

Dass seinem Nachwuchs das Familienunternehmen nicht zusagte, nahm der Geschäftsführer ganz ruhig und gelassen, erinnert sich sein Sohn Philipp. „Als hätte er immer gewusst, dass zumindest ich irgendwann doch wieder hier landen werde“, fügt er hinzu und lacht herzlich in sein neu eingerichtetes Büro hinein. „Hier“ bedeutet in Hard, wo ALPLA seinen Hauptsitz hat. Die österreichische Marktgemeinde, die zu Bregenz gehört, hat knapp 13.000 Einwohner. Mit rund 1.000 Arbeitsplätzen ist das Familienunternehmen einer der größten Arbeitgeber der Region. Weltweit beschäftigt es circa 20.800 Mitarbeiter und ist einer der größten Player in der Herstellung von Kunststoffverpackungen.

Bis Lehner Junior ALPLA unternehmerisch zu schätzen lernte, dauerte es seine Zeit. Während des Studiums und seiner Intermezzi bei den unterschiedlichen Unternehmen sei er sehr gereift, findet er. Vorbei war es mit der jugendlichen Kritik am Familienunternehmen. Immer mehr entwickelte sich Philipps Wunsch, mitzugestalten und doch bei ALPLA anzuheuern. Zudem wuchs auch seine Identifikation mit der Marke, dem Namen und der Geschichte. Reflektierter sei er geworden, sagt der Österreicher selbst.

Rollenverteilung

Den Einstieg wagte er dann mit Ernsthaftigkeit und großen Zielen. „Ich habe eine Ausbildung erhalten, mit der ich die Chance habe, überall arbeiten zu können. Wenn ich mich schon fürs Familienunternehmen entscheide, möchte ich auf lange Sicht eine tragende Rolle spielen“, legt der Unternehmer dar.

Sein Vater begrüßte die Entscheidung – hatte er sie doch insgeheim erwartet – und erarbeitete gemeinsam mit seinem Sohn einen Multijahresplan, der den Junior darauf vorbereiten soll, langfristig als Geschäftsführer den Konzern zu lenken. Welche Ressorts muss die dritte Generation leiten, um die zweite in geraumer Zukunft abzulösen? Welche Stellen sollte der Junior vorher durchlaufen? In welchem Zeitrahmen wird das vonstattengehen? Die Debatten liefen nicht immer mit der gewohnten Nüchternheit ab, gibt Philipp Lehner zu. „Wir haben uns auch nicht am Küchentisch oder im privaten Umfeld getroffen. Das führt zu nichts, haben wir gemerkt.“ Somit trafen sich die beiden an freien Tagen im Büro und diskutierten. Manchmal wurde es laut, aber der Prozess ging gut.

Familie, Verfassung, Beirat

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Rief zusammen mit seinem Bruder Helmuth das Unternehmen ins Leben: Alwin Lehner.

 

Foto: ALPLA

Seit Januar 2019 bekleidet Philipp Lehner nun als CFO eine Rolle im Vorstand. Vorher durchlief er knapp fünf Jahre lang verschiedene Stellen im Unternehmen. Zuletzt leitete er als General Manager die Tochtergesellschaft Alpla Inc. in Atlanta. In der Führungsetage löste er den Cousin seines Vaters Georg Früh ab, der nach über 30 Jahren im Unternehmen ins Family Office wechselte. Mit COO Nicolas Lehner, ebenfalls ein Cousin von Günther, gehört ein weiteres Familienmitglied dem Vorstand an.

 

Zu viel Familie für ein Unternehmen mit über 20.000 Mitarbeitern? „Bei uns fehlte ein Gleichgewicht im Vorstand“, gibt Philipp Lehner zu. Die logische Konsequenz: Mitte 2018 wurde der Vorstand um zwei Mitglieder erweitert: Familienfremde, aber seit Jahrzehnten im Unternehmen. Der Unterbau sei sehr schnell und stark gewachsen. Da wäre der Vorstand irgendwann nicht mehr mitgekommen und es hätte an Repräsentation gefehlt, erklärt CFO-Lehner den Schritt. Mit Blick auf den Generationenwechsel sei die Besetzung ebenfalls sinnvoll. Wann der erfolgen soll, da bleibt die dritte Generation eine klare Antwort schuldig: „Es gibt einen Plan. Wir werden das ruhig über die Bühne bringen.“

Auch außerhalb des Vorstands hinterfragt sich Familie Lehner. Drei Familienstämme sind momentan im Unternehmen involviert. Über die vergangenen Jahre wurde eine Familienverfassung kreiert. Das habe den Familien geholfen, einige offenen Fragen untereinander zu klären. Womöglich wird in den nächsten Jahren noch ein Beirat berufen. Dort sollen dann sechs Wirtschaftskundige aus unterschiedlichen Bereichen als Ideengeber fungieren.

Nachhaltigkeit

Bleibt eine große Frage: Was bedeutet die Nachhaltigkeitsdebatte für ALPLA? Sie mache sich zumindest im Moment umsatzseitig nicht bemerkbar, sagen die Österreicher. „An Plastik kommt man nicht vorbei. Kunststoff ist bei Hygiene und Energiebilanz schwer zu toppen. Was wir aber in unserer Gesellschaft haben, ist ein Sammel- und-Logistik-Problem“, sagt Philipp Lehner offen. Deswegen engagiert sich das Unternehmen zunehmend beim Recycling.

Wo sich die Diskussion allerdings operativ niederschlägt, ist beim Image der Branche. „Bei der Mitarbeitergewinnung müssen wir eine Lanze für Kunststoff brechen.“ ALPLA wolle mehr kommunizieren, was das Unternehmen zu einer sauberen Umwelt beitrage. Deswegen gibt es auch eine PR-Abteilung, die man vorher als B2B-Unternehmen schlicht nicht nötig hatte. Des Weiteren investiert ALPLA in Studien, Wissenschaft sowie Innovationen. Mit einem schwedischen Unternehmen ging man unlängst ein Joint Venture für die Produktion von Flaschen aus Papier ein. Zukunftsmusik für Philipp Lehner, aber man dürfe Entwicklungen nicht verschlafen. Groß werde sich der Markt in den kommenden Jahren nicht verändern, prophezeit der designierte Nachfolger.

Welche Ziele bleiben da für den kommenden CEO? Die klassischen Dinge wie Netzwerke managen und sauberes Controlling müsse das Unternehmen weiter vorantreiben. Zudem werde Wachstum aus Fusionen und Übernahmen eine größere Rolle spielen, sagt Philipp Lehner voraus. Dabei sind ihm die schnöden Zahlen nicht mehr so wichtig: „Mir sind Umsatzgrößen und ähnliche Werte egal. Wir sollen Dinge ausprobieren, unsere Kompetenzen ausschöpfen und uns auf neue Wege einlassen.“ Das klingt doch durchaus reifer als vor seinem Einstieg. Fehlen nur noch die Drinks in der Bürobar.

Info

Von Bäumen und Polyethylen

Mitte der fünfziger Jahre wollten die Brüder Alwin und Helmuth aus Hard im österreichischen Bundesland Vorarlberg mit Anfang 20 das Einkommen der Familie Lehner ein wenig aufbessern. Die Geschwister begannen, mit Holz zu handeln – genauer, mit Christbäumen. Schlecht nur, dass das bestellte Gut erst am 24. Dezember eintraf. Ihnen wurde klar, dass der Holzmarkt nicht das Richtige für sie war, aber ihr unternehmerischer Geist war ungebremst.

 

Die beiden richteten ihr Augenmerk auf den neuen Werkstoff Polyethylen. „Eine Nachfrage für Plastik oder einen Markt gab es damals allerdings noch nicht. Somit mussten sie ihre eigene Nachfrage aufbauen“, sagt der heutige CFO Philipp Lehner über die Anfänge der Alpenplastik Lehner Alwin OHG, die 1955 gegründet wurde. Im Gründungsjahr schafften es die Brüder, mit Spritzgussverfahren Plastikbehälter herzustellen, die der Harder Käseproduzenten ALMA für den Export in die USA nutzte. Der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit und Grundstein des heutigen Geschäfts.

 

Dieses wuchs schnell, und ein Garant für den Erfolg war, dass ALPLA die Produktionsstandorte der Plastikbehälter sehr nahe – teilweise sogar „inhouse“ – an Kunden legte. So erklärt sich auch, warum nach Deutschland 1964 vier Jahre später Venezuela ein zweiter Standort für ein ALPLA-Werk außerhalb Österreichs wurde. Seit Mitte der neunziger Jahre treibt mit Günther Lehner die zweite Generation die Internationalisierung voran. Das Unternehmen ist heute in 46 Ländern vertreten.