Freitag, 08.12.2017
Herzblut

Tobias Merckle: "In der Tradition der Familie"

Viele Familienunternehmer setzen ihr Herzblut und ihre Ressourcen für ungewöhnliche Zwecke ein. Warum? Im Gespräch mit dem Stifter und Sohn des ratiopharm-Gründers Tobias Merckle.
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Ein Großteil der Familienunternehmer nutzt Mittel und Wege, um in verschiedenen Teilen der Gesellschaft zu helfen.

 

Foto: Alfa Studio/iStock/Thinkstock/Getty Images

Herr Merckle, mit Ihrer Hoffnungsträger Stiftung haben Sie gerade das dritte „Hoffnungshaus“ eröffnet, in dem Flüchtlinge und Deutsche gemeinsam wohnen. Warum liegt Ihnen das Projekt am Herzen?

Man kann politisch unterschiedlicher Meinung sein, ob, warum und wie viele Flüchtlinge man ins Land lässt. Klar ist aber: Für alle Geflüchteten, die schon hier sind, haben wir eine Verantwortung, der wir uns stellen müssen. Die Hoffnungshäuser ermöglichen integratives Wohnen: Die Hälfte der Bewohner sind einheimische Familien, die andere Hälfte Flüchtlinge. Integration kann nur durch Gemeinschaft gelingen.

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Tobias Merckle ist Sozialpädagoge und seit 2003 geschäftsführender Vorstand von Seehaus e.V. in Leonberg mit 107 Mitarbeitern. 2013 rief er zudem die Hoffnungsträger Stiftung ins Leben, die heute 24 Mitarbeiter beschäftigt. Merckle ist eins der vier Kinder von Adolf Merckle, dem Gründer von ratiopharm. Er ist im Familienbeirat sowie Mitglied im Aufsichtsrat von Heidelberg Cement.

 

Foto: Seehaus e.V.

Hatten Sie diese Idee bei der Stiftungsgründung 2013 schon im Kopf?

Nein. Ursprünglich wollten wir als reine Förderstiftung andere Projekte unterstützen und zugleich eine Plattform schaffen für Unternehmer und andere Menschen, die sich engagieren wollen: Für sie recherchieren wir über unsere Netzwerke weltweit passende Projekte. Angesichts der Flüchtlingsproblematik konnten wir kein Projekt finden, das unseren Vorstellungen gerecht wurde. So sind wir doch operativ tätig geworden.

 

Bereits seit 2004 leiten Sie den Verein Seehaus, der straffälligen Jugendlichen eine Alternative zum geschlossenen und offenen Strafvollzug bietet. Wie hängen beide Initiativen zusammen?

Rechtlich sind Seehaus und Hoffnungsträger zwei getrennte Organisationen, aber inhaltlich arbeiten beide eng zusammen. Wir haben mit Seehaus viele Erfahrungen und ein umfangreiches Netzwerk im Bereich Straffälligen- und Opferhilfe. Die können wir auch in die Arbeit mit Geflüchteten bei Hoffnungsträger einbringen, etwa in der Opfer- und Traumaberatung. Außerdem vermittelt die Stiftung Patenschaften für Kinder von Strafgefangenen in Entwicklungsländern. Das ist wichtig, denn wenn etwa der Vater im Gefängnis ist, fehlt den Familien oft die Lebensgrundlage: Dann besteht die Gefahr, dass die Kinder gesellschaftlich ausgegrenzt und womöglich selbst kriminell werden. Seehaus ist Mitglied bei Prison Fellowship International und hat Partnerorganisationen in vielen Ländern. Darauf können wir bei der Stiftung aufbauen.

 

Sie sind als Sozialpädagoge und Stifter außerhalb des Unternehmens Ihrer Familie tätig. War das ein bewusster Akt der Abgrenzung?

Nein, es ging nicht darum, irgendeine Verbindung zu kappen, im Gegenteil. Ich sehe mich da durchaus in der Tradition der Familie: Ich bin auch unternehmerisch tätig, nur eben in einem anderen Bereich.