Dienstag, 05.06.2018
Familienunternehmer und der Sport

Sportlich Investieren

Wenn Familienunternehmer sich im Sport engagieren, wollen sie etwas bewegen und erfolgreich sein. Obwohl sie Geld geben, dürfen sie nicht alles allein entscheiden. Nicht alle kommen damit klar.
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Viele Unternehmer widmen sich neben der Firma leidenschaftlich dem Sport. Was bekommen Sie für ihre Investments in Vereinen?

 

Foto: Digital Vision./Photodisc/Thinkstock/Getty Images

Mäzen ist ein Wort, das ich nicht leiden kann“, sagt Arend Knoop, wenn er über sein Engagement beim Fußballverein Eutin 08 spricht. Ein Mäzen ist für ihn jemand, der Geld gibt, aber sich sonst nicht im Alltag des Vereins einbringt. Er selbst sieht sich ganz anders. „Ich mache das nicht, um für mich zu werben. Es geht mir darum, die Region bekannter zu machen und was zurückzugeben.“ Dafür gehe er vor dem Spieltag eigens Bratwurst einkaufen und stelle sich selbst an den Grill am Spielfeldrand. „Das macht kein Mäzen so.“

Im Jahr 1974 gründete der gelernte Schlosser in einem Kuhstall einen Gebrauchtwagenhandel. Heute umfasst seine Firma Autohaus am Bungsberg sieben Autohäuser. Seine beiden Kinder und sein Schwiegersohn unterstützen ihn in der Geschäftsleitung, daher hat er Zeit: Als Sponsor und Vorstand führt der 71-Jährige den Verein seit 2013, und seitdem ging es für den 16.000-Einwohner-Ort Eutin sportlich stetig bergauf. „Alle haben immer nur geredet, und niemand hat gemacht“, erklärt der Unternehmer. Ohne Spielern Gehalt zu bezahlen, formte Knoop eine schlagfertige Truppe, die er 2016 aus der Bedeutungslosigkeit der Kreisliga in die Regionalliga führte. Feierabendfußballer nennt er seine Spieler. Keine Profis. Mit Teamspirit und regionaler Identifikation warb er Spieler mit Eutiner Wurzeln von anderen Vereinen im Umkreis ab und schwor sie auf das gemeinsame Ziel „Eutins Aufstieg in die Regionalliga“ ein.

Von solch einer Entscheidungsmacht könnten andere Unternehmersponsoren nur träumen. Dass der Geldgeber auch in den Vereinsgremien mitarbeitet und entscheidet, ist im deutschen (Profi-)Fußball eher die Ausnahme. Nicht jeder Sponsor kommt damit zurecht, dass er bei strategischen Weichenstellungen zwar mitreden, aber nicht entscheiden kann. Das prominenteste Beispiel ist Klaus-Michael Kühne, Mitglied im Verwaltungsrat und Mehrheitsaktionär beim Logistikkonzern Kühne & Nagel.

Verlorenes Geld

Der 81-Jährige ist beim Hamburger Sportverein involviert und hält als Aktionär über 20 Prozent der HSV Fußball AG. Sportlich steht der HSV trotz der über 140 Millionen Euro, die Kühne seit 2010 investierte, so desolat da wie nie zuvor. Zum ersten Mal in der Bundesligageschichte steigt er in die Zweite Liga ab. Woran kann das liegen? Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger machte den Investor öffentlich für den Misserfolg mitverantwortlich und sagte zu Beginn des Jahres 2018 in einem Interview mit Sport1: „Das Problem ist, dass Geldgeber Kühne auf die sportlichen Entscheidungen Einfluss nimmt.“ Die Kunst sei es, so Hitzlsperger weiter, den Verantwortlichen zu vertrauen, eigene Entscheidungen zu treffen und hinter diesen zu stehen.

Sind Unternehmer gute Demokraten?

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Brachte Unternehmerwissen mit in den Verein: Arend Knoop.

 

Foto: Autohaus am Bungsberg

„Viele Unternehmer handeln in ihren Rollen in und um Vereinen begrenzt rational“, erklärt der Sportökonom Prof. Dr. Christoph Breuer mit Blick auf die Frage nach Mitsprache und Investment. Beim HSV habe Kühne zwar formal nichts zu sagen, da er in keinen Gremien sitzt, aber der Verein sei dennoch von ihm abhängig. Als Geldgeber nahm Kühne in der Vergangenheit erheblichen Einfluss auf Entscheidungen. Es gab Transfers, an denen er mit seinem privaten Eigentum beteiligt war und für die er dem HSV Darlehen gewährte. Dennoch können Kapitalgeber im deutschen Fußball de facto keine Mehrheitsstimmrechte im Verein erkaufen. „Es herrscht zwar mehr Emotionalität im Sport als in Unternehmen, aber es herrscht auch mehr Demokratie“, beschreibt Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. 

 

Auch Martin Kind, der Führung und Firmenanteile der KIND Hörgeräte mit mehr als 3.000 Mitarbeitern bereits an seinen Sohn Alexander übergeben hat, kämpft um mehr Einfluss in „seinem“ Verein Hannover 96. Als Präsident bekommt er viel Gegenwind zu spüren: Auf der Mitgliederversammlung des Vereins im April 2018 stimmte die Mehrheit – 548 zu 543 – gegen eine Entlastung ihres Präsidenten. Um im Verein das Kapital zu erhöhen und sich für Investoren zu öffnen, will Kind bei der DFL gegen die 50+1-Regelung klagen. Die Fans und Mitglieder im Stadion kritisieren Kind mit Spruchbändern zeitweise gar als „Diktator Kind“. Was sei ein Verein ohne Mitbestimmung der Mitglieder? Würden Mitarbeiter so aufbegehren gegen ihren Firmenchef?

Eine prekäre Situation, wenn man bedenkt, dass die Debatte auch auf das Image von Kind und dessen Unternehmen strahlt. Denn nicht nur persönliche Ziele oder gar Eitelkeiten spielen eine Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Geldgebern und ihren Vereinen. Ein Investment in den Sport hat auch immer etwas mit Marketing und Außenwirkung zu tun. „Unser Engagement bietet uns eine gute und zusätzliche Plattform für unsere Unternehmenskommunikation, aber auch Vorteile bei der Kunden- und Mitarbeitergewinnung“, resümiert Dr. Axel Schweitzer, Aufsichtsrat und Präsident der ALBA BERLIN Basketballteam GmbH.

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Teilt den Weitblick seines Vaters beim Thema Investments: Dr. Axel Schweitzer.

 

Foto: ALBA Group/Amin Akhtar

Schweitzer ist Vorstandsvorsitzender der ALBA Group, eines Recycling- und Umweltdienstleisters mit 7.500 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 1,8 Milliarden Euro. Der Vater, Franz-Josef Schweitzer, hatte das Unternehmen im Jahr 1968 gegründet und griff Anfang der neunziger Jahre dem Basketball-Bundesligaclub Charlottenburg unter die Arme, da dieser die Busfahrten zu Auswärtsspielen nicht mehr bezahlen konnte. Er legte damit den Grundstein für ein Investment bei perfektem Timing: Die Nischensportart Basketball erlebte ein Jahr später einen globalen Hype. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona verzauberte das legendäre amerikanische „Dream Team“ um Michael Jordan, Magic Johnson und Larry Bird die Zuschauer auf der ganzen Welt. Im darauffolgenden Jahr wurde die deutsche Nationalmannschaft Europameister. Nationaltrainer Svetislav Pešić heuerte nach dem Erfolg bei ALBA BERLIN an und führte die Hauptstädter schließlich 1997 zum ersehnten deutschen Titel. Die Marke ALBA wurde auf europäischer Bühne bekannt. Heute steuert die ALBA Group im Basketballverein maximal ein Viertel des Gesamtetats bei. 

Kein Platz für Eitelkeiten

Axel Schweitzer hat sich sehr bewusst mit der Rollenfindung als Sponsor auseinandergesetzt. Operativ hat er keine Mitsprache im Basketballverein, Marco Baldi ist Geschäftsführer. Schweitzer nennt ihn „Vater des Vereins“ und greift als Präsident nicht in das Tagesgeschäft ein. Wirtschaftliche Vernunft in das so emotionale Thema Sport zu bekommen sei Schlüssel zum erfolgreichen Führen eines Vereins, sagt Schweitzer. „Man muss sich von Eitelkeiten lösen. Jeder Investor will für positive Entwicklungen verantwortlich sein, aber wenn es schiefläuft, übernehmen die wenigsten Geldgeber Verantwortung.“

Auch wenn Unternehmer keine Alleinentscheider sind wie in ihren Firmen, könnten sie dennoch viel in Bewegung setzen. Um die Zukunft seines Vereins sicherzustellen, möchte Unternehmer Arend Knoop in Eutin finanzielle Unabhängigkeit schaffen. „Auf große Sponsoren und Kommunen kann man sich in der Vereinsplanung nicht verlassen“, sagt er mit norddeutscher Trockenheit. Deshalb sucht er lieber kleine Sponsoren und Mitglieder. Den sportlichen Fortbestand möchte er insbesondere durch Jugendarbeit absichern. Eutin könne sich auch in den oberen deutschen Fußballligen etablieren, wenn man früh anfange, Jugendliche für den Sport und die Kameradschaft im Verein zu begeistern.

In die Jugend investieren

In Berlin setzt ALBA auf das gleiche Prinzip, wenn auch in größerem Rahmen: „Wir wollen eine Institution für den Basketball und den Sport sein“, sagt Axel Schweitzer. ALBA BERLIN steht hinter Initiativen in Deutschland und Asien für Kindergärten, Schulen, Universitäten und Flüchtlingsheime. Im Jugendprogramm sind aktuell 100 Trainer tätig, die über 4.000 Kinder trainieren. Zudem ist man im Behindertensport aktiv.

Am Beispiel ALBA zeigen sich die positiven Effekte des Engagements nicht nur mit Blick auf das Unternehmensimage. Der aktuelle Kapitän der Basketballmannschaft und deutsche Nationalspieler Niels Giffey durchlief zwei Jahre lang das Nachwuchsprogramm des Vereins, bevor er nach Amerika ans College und dann als Leistungsträger zurück zu ALBA wechselte. Im aktuellen Werbespot der ALBA Group wirft er aus unmöglichen Distanzen Müllsäcke in Mülltonnen. Wenn das mal nicht nachhaltig ist.



Info

Unternehmer-Sponsoren: Wie gefährlich ist die Abhängigkeit für Vereine?

Vorsicht ist geboten: „Man darf als Verein nicht zu abhängig von einer Gruppe oder einer Person sein“, warnt Dr. Axel Schweitzer, Familienunternehmer und Präsident der Basketballer ALBA Berlin. Über den Ausstieg sollten sich Familienunternehmen frühzeitig Gedanken machen, erklärt Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Bruhn von der Universität Basel. „Wenn ein Ende des Investments in Sicht ist, muss man das mit Blick auf Image und Markenerlebnis richtig kommunizieren. Ansonsten kann die positive Energie, die das Familienunternehmen dadurch bekommt, im Sand verlaufen“, erklärt der Wissenschaftler.

 

Ein Beispiel für eine solche Entwicklung ist die Brauerei Oettinger, die als Sponsor den Basketballverein Oettinger Rockets in Gotha unterstützte. Nach dem überraschenden Tod des Geschäftsführenden Gesellschafters Dirk Kollmar im Jahr 2014 zerstritt sich die Familie. Witwe Astrid Kollmar, Präsidentin der Mannschaft, verlor ihr Mitspracherecht im Konzern. Zum Jahresende 2017 beendete Ingrid Kollmar, Seniorchefin und Mutter des verstorbenen Chefs, das Investment der Brauerei im Gothaer Basketball. Ein harter Schlag für den Verein, der 40 Prozent seiner Mittel von der Brauerei bekam und als Vorletzter sportlich kaum in der ersten deutschen Liga mithalten kann. Um die bis Ende Juni 2018 laufende Saison zu beenden und nicht durch Insolvenz zwangsabzusteigen, finanzierte Vereinspräsidentin Astrid Kollmar den Spielbetrieb der Rockets während der zweiten Saisonhälfte aus ihrem Privatvermögen. Wohl eine einmalige Sache.