Freitag, 05.04.2019
Stifter Carlo Giersch

Land, Wald, Backsteine

Der Frankfurter Unternehmer und Stifter Carlo Giersch verkaufte vor knapp 20 Jahren sein Unternehmen für elektronische Bauteile, das sich zum größten seiner Branche mit mehr als 1,2 Milliarden Euro Umsatz und 1.000 Mitarbeitern entwickelt hatte. Seit 1990 engagiert er sich als Stifter – und folgt bei der Projektförderung und der Anlagestrategie noch immer seinem Instinkt als Unternehmer.
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Preisgekrönter Stifter: Carlo Giersch ist unter anderem Ehrensenator der Technischen Universität Darmstadt und erhielt im Jahr 2010 das Bundesverdienstkreuz.

 

Foto: Stiftung Giersch

Wer Frankfurt am Main nur von außen kennt, denkt zunächst an Bankentürme und Bürohochhäuser. Doch jedem, der einmal am Main entlanggelaufen ist, bleibt vor allem ein Gebäude in Erinnerung: der Portikus auf der Maininsel. Das markante Gebäude mit dem hohen, spitzen Giebel, der außenlaufenden Freitreppe und dem verglasten Dach mit Lichtbogen dient seit 2006 der „Städelschule“ als eindrucksvolle Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. Finanziert wurde der Neubau von der Stiftung Giersch – und ist passenderweise im Rostrot alter Backsteine verputzt.

Dass erfolgreiche Unternehmer eine Stiftung gründen, ist nicht ungewöhnlich – dass sie gleich zwei ins Leben rufen und mit ihrer Tätigkeit ganze Stadtbilder prägen, dagegen schon. Carlo Giersch und seine Frau Karin sind ein solches Unternehmerpaar. Mit der Carlo & Karin Giersch-Stiftung unterstützen sie seit 1990 die TU Darmstadt, und mit der deutlich größeren Stiftung Giersch – mit inzwischen rund 60 Millionen Euro Stiftungsvermögen – haben sie seit 1994 in der ganzen Rhein-Main-Region Impulse gegeben.

Unternehmer – auch als Stifter

Der Unternehmer Giersch bleibt dabei auch in seinen Stiftungen klar erkennbar. Die Vorstellung, das Stiftungsvermögen könnte ohne klare Ziele ausgegeben werden, ist Giersch ein Graus. „In Stiftungskuratorien sitzen oft Personen, die auf ihre alten Tage hin nochmal großzügig und spendabel sein wollen – mit dem Geld anderer Leute“, beobachtet Giersch. „Mein Kuratorium habe ich bewusst so ausgewählt, dass so etwas nicht passiert.“ Umgekehrt sind gerade die Aktivitäten der Stiftung Giersch vielfältig und breit.

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Eine Kunsthalle als Blickfang: Die Stiftung Giersch finanzierte den Neubau des Portikus auf der Maininsel an der „Alten Brücke“ in Frankfurt.

 

Foto: Stiftung Giersch

„Alles Geld einer einzelnen Einrichtung zukommen zu lassen schien mir aber auf Dauer nicht ratsam“, führt Giersch als Grund an, warum er eine zweite Stiftung gegründet hat. Das erklärt den bunten Strauß an Stiftungsaktivitäten: Das Technologische Innovationszentrum TIZ wurde 1997 als erstes Hessisches Gründerzentrum in Darmstadt eröffnet. Der 2007 fertiggestellte Neubau des Clementine Kinderhospitals in Frankfurt wurde wesentlich von der Stiftung Giersch finanziert. Das Giersch Science Center (GSC) auf dem Campus Riedberg der Goethe-Universität bietet seit 2014 Platz für mehr als 250 Forscherinnen und Forscher. Hinzu kommen eine repräsentative Gästevilla für die Goethe-Universität auf dem Frankfurter Lerchesberg, das Museum Giersch mit dem Schwerpunkt auf Kunst- und Kulturgeschichte, Forschungsstipendien, Symposien und zahlreiche weitere Aktivitäten, mit denen das kinderlose Ehepaar sein Vermögen für die Allgemeinheit nutzbringend einsetzen möchte.

 

Genau dies aber führt auch dazu, dass sich die Stiftung Giersch ständig Wünschen und Forderungen gegenübersieht. Von Forschungsstipendien über das Sponsoring lokaler Kulturfestivals bis zu Immobiliensanierungen – kaum ein Thema liegt nicht regelmäßig auf dem Tisch der Stiftung. „Manchmal sind die Anfragen schon enttäuschend unkreativ, schlecht vorbereitet und unspezifisch“, sagt Giersch. „Meine Devise ist dann: lieber freundlich abschlagen als unwillig geben. Zu viele Stifter lassen sich immer wieder für Zuwendungen erweichen, hinter denen sie nicht mit vollem Herzen stehen. Das bringe ich als Unternehmer nicht über mich: Dinge anzugehen oder zu fördern, von denen ich nicht überzeugt bin.“

Immobilienvermögen verkauft

Einen konkreten inhaltlichen Bezug zu seinem früheren Unternehmertum aber strebt Giersch in seiner Stiftungstätigkeit nicht an – auch nicht bei den Forschungs- und Technologiezentren, die mit seinem Geld entstanden sind. „Ziel ist es nicht, in einem bestimmten Bereich bestimmte Technologien zu fördern, sondern vielmehr den Austausch zwischen Disziplinen herzustellen. Das ist es, was für die Zukunft wichtig ist“, sagt er.

Noch immer ganz Unternehmer, hinterfragt er regelmäßig bereits Erreichtes. Im Jahr 2007 wurde es laut Giersch Zeit für eine Bestandsaufnahme über das inzwischen erhebliche Vermögen sowohl der beiden Stiftungen als auch des Privatvermögens, das von einem eigenen Family Office verwaltet wird. Die Erkenntnis: Das Vermögen folgte keiner erkennbaren Strategie oder Portfoliologik. Vor allem der Immobilienbesitz war unstrukturiert angewachsen. Giersch entschloss sich, radikal aufzuräumen. Auf eine ausführliche Analyse folgte eine großangelegte Ausschreibung. Ein institutioneller Investor übernahm 2007 das gesamte Paket – kurz bevor infolge der Lehman-Pleite am Immobilienmarkt die Lichter ausgingen.

Ein eigenes Family Office

So glücklich das Timing für den Verkauf war, so gezielt erfolgte die Neuanlage der freigewordenen Mittel. Die zum Teil überkomplexen Präsentationen von Assetmanagern konnten Giersch aber nicht überzeugen. „Stattdessen besorgten wir uns einfach Karten von allen großen deutschen Städten, die am Wasser liegen – Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München und so weiter. Dann zogen wir um die Zentren einen Kreis und sagten: ‚Dort investieren wir‘“, erinnert er sich. Heute gehören ihm bzw. seinen Stiftungen Juwelen in ganz Deutschland, wie zum Beispiel die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Häuser am Opernplatz in Frankfurt. „Ich erinnere mich noch, wie wir 1946/47 als Kinder Putz von Backsteinen klopften, um sie für den Wiederaufbau zu nutzen“, sagt Giersch. „Die Gebäude waren zerstört, aber das Land und die Ziegel waren noch da.“ Die Erfahrung prägte Giersch nachhaltig und führte zu seiner Anlagemaxime: „Land, Wald und Backsteine“. Heute sind fast 100 Prozent der Portfolien sowohl seiner Stiftungen als auch des Family Office in diesen Sachwerten angelegt.

Einige andere Finanzanlagen laufen noch, werden aber nach Möglichkeit bei Fälligkeit ebenfalls umgeschichtet. Aus den Mieteinnahmen finanzieren die Stiftungen ihre Förderung, bauen aber auch kontinuierlich neues Kapital auf. „Anders als viele andere Stiftungen buchen wir konsequent zwei Prozent der Einnahmen in die Sonderrücklagen und kaufen davon bei Gelegenheit neue Immobilien“, so Giersch. Mit dieser Strategie sind seine Stiftungen aktuell bestens aufgestellt.

Nur ein Problem sieht er am Horizont aufziehen: „Im Todesfall fällt auch das restliche Privatvermögen der Stiftung Giersch zu – und dann hat der Geschäftsführer dort ein echtes Anlagethema“, sagt der Stifter mit einem verschmitzten Lächeln, als würde er sich freuen, nicht nur bleibende Werte, sondern auch ein paar Herausforderungen zu hinterlassen.

Info

Unternehmer, Stifter und Family Officer

Carlo Giersch gründete 1967 mit seinem damaligen Chef eine Gesellschaft für die Distribution von elektronischen Bauteilen, vom Widerstand über Speicher bis zu Mikroprozessoren. Nachdem die beiden Geschäftspartner Spoerle Electronic bis in die achtziger Jahre zu einem der führenden Distributoren in Deutschland aufgebaut hatten, stieg die amerikanische Arrow-Gruppe mit einer Schachtelbeteiligung ein. Ab 1990 kauften die Amerikaner pro Jahr rund 10 Prozent mit dem Ziel, im Jahr 2000 alleiniger Besitzer zu sein. 1985 hatte Giersch bereits die Anteile von Familie Spoerle übernommen und das Unternehmen mit 1,2 Milliarden Euro Umsatz groß gemacht. Die Idee, das durch den sukzessiven Verkauf freiwerdende Kapital in eine Stiftung einzubringen, entstand zusammen mit dem damaligen Präsidenten der TU Darmstadt, zu deren Gunsten 1990 die Carlo und Karin Giersch-Stiftung eingerichtet wurde. Im Jahr 1994 folgte die Gründung der Stiftung Giersch.