Freitag, 08.12.2017
Neue Eigentümer bei Regent

Freunde und Sanierer

Die Unternehmersöhne Philippe Brenninkmeijer und Andreas Martin Meier nehmen eigenes Geld in die Hand und übernehmen den insolventen Herrenausstatter Regent. Das Investitionsrisiko in diesem Segment ist sehr hoch. Warum tun sie es dennoch?
Philippe Brenninkmeijer, Andreas Martin Meier, Regent, Investitionsrisiko, Weißenburg, Insolvenz, C&A, Anthony Hopkins, Familienunternehmen Risiko, Familienunternehmen

Philippe Brenninkmeijer (links) ist der Textil- und Designfachmann, Andreas Martin Meier hält die finanziellen Fäden im Hintergrund zusammen.

 

Foto: Jan Hemmerich

Eine gemeinsame Freundin führte sie zusammen. Philippe Brenninkmeijer (33) studierte gerade im schweizerischen St. Gallen, Andreas Martin Meier (30) an der EBS in Oestrich-Winkel, als sie sich auf einer Party kennenlernten. Sie entdeckten schnell ihre gemeinsame Leidenschaft für Herrenkonfektion und unternahmen schon bald die eine oder andere Reise nach Italien und England, um die besten Herrenschneider ausfindig zu machen. Dass sie einmal Geschäftspartner werden sollten, ahnten die Freunde damals noch nicht.

Als die 1946 gegründete Anzugsmanufaktur Regent aus dem fränkischen Weißenburg Ende 2016 zum zweiten Mal in kurzer Folge in die Insolvenz ging, schlug die Stunde von Philippe und Andreas. Innerhalb von drei Wochen führten sie Gespräche mit den Mitarbeitern, eine Due Diligence mit einem lokalen Wirtschaftsprüfer folgte. Ein Kaufinteressent, der einsteigen und das Unternehmen weiterführen wollte, war weit und breit nicht in Sicht. Also übernahmen Brenninkmeijer und Meier konkurrenzfrei die Firma, zunächst jeder gleichwertig 50 Prozent der Anteile. Sie schweigen darüber, wie viel Geld sie aus ihrem Privatvermögen investiert haben. Vage bleiben sie auch bei den zeitlichen und finanziellen Zielen, die sie sich gesetzt haben. Der Umsatz befinde sich im „einstelligen Millionenbereich“, der Turnaround sei „ungefähr für das Jahr 2019“ geplant.

Spielwiese für Nostalgiker?

Dafür sprechen sie umso mehr darüber, wie sie die Traditionsmarke wieder groß machen wollen – wie einst in den sechziger und siebziger Jahren, als sich Franz-Josef Strauß nach Weißenburg einfliegen ließ, um sich einen Anzug maßschneidern zu lassen. Andere prominente Regent-Kunden waren Anthony Hopkins, Richard von Weizsäcker und Jürgen Schrempp. Doch die glorreichen Zeiten sind längst vorbei. Von den einst 500 Mitarbeitern waren 46 übrig geblieben, 38 Mitarbeiter haben Brenninkmeijer und Meier übernommen. Die Reaktionen aus dem Umfeld zu ihrem Investment sind Ansporn für sie. „Das Ding ist tot, das kriegt keiner mehr lebendig“, prophezeite ein gemeinsamer Freund beim Abschluss der Transaktion. Eine Marke wieder groß machen mit etwa 35 Näherinnen, die im Hinterzimmer mit ihren zum Teil jahrzehntealten Maschinen arbeiten? Ein Anzug, der handgenäht 10.000 Nadelstiche und 20 Stunden benötigt? In einem Markt, in dem der stationäre Handel schrumpft, das hochwertige Textilprodukt aber zu erklärungsbedürftig ist, als dass man es online verkaufen könnte?

 

Brenninkmeijer und Meier haben erste Ideen umgesetzt. Das Design mit pfiffigeren und leichteren Modellen soll mit dem Zeitgeist gehen, um junge Männer als Kunden anzusprechen. Die Anzüge werden nach wie vor von Hand gefertigt. Nur in der zweiten, neuen Linie kommen die Nähmaschinen bei der Verarbeitung der Knopflöcher zum Einsatz. „Das zieht im Verkaufspreis immerhin eine Reduktion von 600 Euro nach sich“, erklärt Brenninkmeijer. Je nach Stoff – und es gibt nur die aus den feinsten Webereien in Italien und England – können Anzüge dann „schon“ ab etwa 1.200 Euro erworben werden, nach oben gibt es kaum eine Grenze. Mit der Idee eines Flagshipstores setzt sich das Regent-Team auseinander, auch wenn die Zusammenarbeit mit dem Handel die wichtigste Vertriebssäule bleibt.

Außen- und Innenminister

Ob und wann allerdings die Turnaround-Maßnahmen greifen, bleibt abzuwarten. Die beiden jungen Unternehmer wissen, dass sie für Regent noch Zeit, Geduld und wahrscheinlich auch noch mehr Geld benötigen werden in den nächsten Jahren. Fragen nach ihrer Motivation, warum sie so ein hohes Investitionsrisiko eingehen, beantworten sie routiniert mit ihrer Passion für die Anzugsmanufaktur. Nostalgie zu altem, deutschen Handwerk? Eine neue Spielwiese, um sich als Unternehmerspross auszuprobieren? Als Privatinvestor ein Portfolio aufbauen? Solche Fragen irritieren, und Brenninkmeijer winkt ab: „Mit Regent erfülle ich mir einen Traum: eine eigene Firma für Maßarbeit, für meine Leidenschaft!“ Er ist als Mann vom Fach verantwortlich für Design, Produktion und Vertrieb, und er ist als Marketingchef das Gesicht nach außen. Seine Ausbildung absolvierte er bei C&A, restrukturierte in London den Luxusschneider Huntsman und gab das Leben in London für ein Leben in der deutschen Provinz auf. Er verbringt jeden Tag zwölf Stunden bei Regent, hat sein Büro selbst eingerichtet, bringt seinen Dackel mit. Ein nahbarer Chef will er sein, duzt die Mitarbeiter, möchte motivieren und loben. Obgleich ihm der Name seiner Familie Türen öffnet, bringt er seine Herkunft aus dem C&A-Familienclan ungern ins Spiel.

 

Andreas Martin Meier agiert dagegen im Hintergrund. Er verantwortet das Kaufmännische und das Technische, verhandelt Verträge, spricht mit Juristen und Bankern. Ungefähr einmal in der Woche ist er vor Ort in Weißenburg. Denn in seinem eigentlichen Job ist er operativer Familienunternehmer und Gesellschafter im Bauunternehmen Andreas Meier GmbH & Co. KG in Eichstätt, gut 30 Kilometer entfernt von Weißenburg. Meiers Familie unterstützt sein Engagement, Bruder Markus hat auch in Regent investiert. Neben dem Sinn für schöne Herrenanzüge wiegt bei Andreas’ Engagement aber auch die tiefe Verbundenheit zur Region. Regent hatte er immer beobachtet, und er wusste, dass es – bedingt auch durch die diversen Eigentümerwechsel in der Vergangenheit – nicht gut lief. Spürbar ist auch seine Affinität zum Handwerk. Familie Meier baut schon seit 1899 Häuser.

 

Andreas Meier kennt durch seine regionale Verwurzelung viele Menschen und hat ein gutes Netzwerk aus Steuerfachleuten, Juristen, Finanziers und aktiven Unternehmern. Und obgleich er genauso stimmberechtigt ist wie Philippe Brenninkmeijer, überlässt er seinem Kompagnon die meisten wichtigen Entscheidungen: „weil Philippe vom Fach ist, ich selbst aber nicht.“ Das spiegelt sich mittlerweile in der Gesellschafterstruktur wieder: Philippe Brenninkmeijer hat seinen Anteil auf 75 Prozent erhöht. Umgekehrt weiß Brenninkmeijer, dass er als kreativer Kopf auf Partner angewiesen ist, die seine Gedanken und Ideen sortieren und vor allem umsetzen. Das macht auf der einen Seite Andreas Meier, auf der anderen Seite sein stellvertretender Geschäftsführer Andreas Feet, ein junger Norweger, der bereits am Turnaround von Huntsman beteiligt war und mit nach Weißenburg ging.

 

Gewiss, finanziell wäre es für beide kein Fiasko, wenn es nicht klappt mit Regent. Aber es steht dennoch einiges auf dem Spiel für die beiden. Für Brenninkmeijer sein Lebenstraum. Für Andreas Meier seine Reputation in der Region. Er kann sich nicht komplett frei machen von der Erwartungshaltung der anderen. „Unser Familienunternehmen ist einer der größeren Arbeitgeber in der Region. Man kennt mich und meine Familie“, sagt er. Philippe Brenninkmeijer kann ganz anders agieren. „Ich bin völlig druckbefreit“, sagt er. Er hatte gute Coaches und Berater, die ihm geholfen haben, seinen eigenen Weg als Namensträger und als Sprössling eines vermögenden Familienclans zu gehen. Gleichberechtigt sind die Sanierer mittlerweile zwar nicht mehr, Freunde aber schon noch. Das soll auch so bleiben.