Freitag, 11.10.2019
Fokus_Rendite und Teilhabe

Impact-Investing: Keine Einhörner jagen

Mit Investitionen in sozial und ökologisch nachhaltige Start-ups lässt sich nicht nur Geld verdienen, sondern es lässt auch diejenigen am wirtschaftlichen Leben teilhaben, die sonst eher am Ende der Gesellschaft stehen. Ist Impact-Investing ein Trend oder eine langfristig ernstzunehmende Assetklasse?
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Die beliebteste Spezies unter den Investoren: das Einhorn. Aber nicht allen Geldgebern geht es nur um die Milliarde.

 

Foto: bakhtiar_zein / iStock / Getty Images Plus

„Zählt eine Windkraftanlage als Impact-Investment?“, fragt Bernard Jan Wendeln, Gründer und heute Beirat des Kapitalgebers BonVenture. Jeder solle nach seinem eigenen gesunden Menschenverstand entscheiden, was er oder sie für sozial und ökologisch hält. Dieser Meinung ist auch Bert Bleicher, der über sein Family Office etwa 10 Prozent seines Gesamtvermögens in Impact-Start-ups investiert. Für ihn bedeutet Impact-Investing, dass er mit seiner Unterstützung eines Start-ups dazu beitragen kann, das Leben anderer Menschen zu verbessern. „Ein Investment in eine Medizintechnikfirma zählt für mich genauso dazu wie mein Investment in Auticon“, sagt er. Der Berliner IT-Dienstleister Auticon vermittelt Menschen mit Autismus als IT-Consultants.

Adrian Fuchs, der über Impact-Investing promoviert hat, zieht dagegen engere Grenzen: „Die Gründeridee sollte ein bestehendes soziales oder ökologisches Problem unternehmerisch und eben nicht spendenbasiert lösen“, sagt Fuchs, Vertreter der neunten Generationen eines großen Familienunternehmens und verantwortlich für Transaktionen bei der Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship (FASE), die Sozialunternehmer und Investoren berät und auch zusammenführt.

Die Definitionen über das, was Social Impact-Investing genau ist oder beinhaltet, sind vielfältig. Fakt ist, Impact-Investing ist ein wachsendes Feld. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung und der OECD hat kürzlich festgestellt, dass das Volumen dieses Marktes mittlerweile weltweit 288 Milliarden US-Dollar beträgt. Das ist viel mehr als die 184 Milliarden US-Dollar, die die öffentliche Hand für die Entwicklungsarbeit ausgibt. Im Mainstream angekommen ist das soziale Investieren allerdings noch nicht. „In Deutschland wird beim Thema Impact-Investments noch mehr geredet als investiert“, sagt Wendeln. Der Markt entwickle sich zwar seit zwei Jahrzehnten, aber einem Vergleich zu den angelsächsischen Ländern, in denen soziale Investments schon lange etabliert seien, halte Deutschland lange nicht stand. 

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Adrian Fuchs

 

Foto: FASE

Johannes Weber, Gründer von Ananda Impact Ventures, sieht in Europa England und Frankreich mit gutem Beispiel vorangehen. Auf der Insel würden „dormant bank accounts“ (private Bankkonten, die über einen gewissen Zeitraum – oft 15 Jahre – inaktiv sind) genutzt, um Start-ups über Intermediäre zu finanzieren. In Frankreich müssten Pensionsfonds einen Teil in nachhaltige Assets anlegen, sagt er.

 

Dabei besteht in Deutschland sehr wohl Handlungsbedarf: „Die Kluft auf dem Arbeitsmarkt birgt Zündstoff für unsere Gesellschaft. Denn es geht hier um Chancengerechtigkeit auf der einen und Fachkräftemangel auf der anderen Seite – ein Feld, auf dem Impact-Investoren gebraucht werden“, sagt Fuchs. Deshalb berät FASE zum Beispiel ein Start-up, das hilft, Schüler und Azubis an Unternehmen zu vermitteln. Eine junge Firma, die zum Beispiel über eine digitale Handelsplattform höherwertige Kleidung aus Bio-Textilien verkauft, würde aber keine Unterstützung von FASE erhalten. Ebenso wenig eine Plattform für vegane Ernährung. „Diese Art von Start-ups bedient zwar die Bedürfnisse einer grünen und kauffreudigen Kundengruppe, aber packt das gesellschaftliche oder ökologische Problem oft nicht an der Wurzel“, erklärt Fuchs.

Exit und Rendite

Bei aller sozialen Wirkung, die ein Impact-Start-up entfalten soll, steht für Investoren aber die Rendite genauso im Fokus. „Das Geschäft muss skalierbar sein, die Möglichkeit eines Exits gegeben sein“, erklärt Bleicher seine Investitionskriterien. Und: Das Drei- bis Vierfache seines Investments möchte er mit einem Exit erzielen. 

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Johannes Weber

 

Foto: Ananda Impact Ventures

Die Renditen von Ananda und BonVenture sind zwar nicht mit den konventionellen Venture-Capital- oder Private-Equity-Fonds zu vergleichen, sehr wohl aber mit denen anderer eher konservativer Assetklassen. Der erste Fonds von Ananda deinvestiert im Moment, die Rendite liege deutlich über den Prognosen von 7 bis 10 Prozent, sagt Weber. „Das zeigt, dass Impact-Investing funktioniert und soziale Ziele mit monetären Zielen vereinbar sind.“ Er stellt klar: „Wir jagen nicht nur Einhörner. Wenn sich ein Unternehmen nur verdreifacht oder verfünffacht, können wir gut damit leben.“ Im Oktober 2018 wurde der dritte Fonds mit 50 Millionen Euro geschlossen. Jeder Fonds investiert in 15 bis 18 junge Unternehmen. Ananda streut nicht nur bei der Anzahl der Investments: „Wir legen Geld auch in verschiedenen Phasen an, in denen sich die Impact-Start-ups befinden“, erklärt Johannes Weber.

 

Auch bei BonVenture liegt die Rendite im oberen einstelligen Bereich. Das Haus hat mittlerweile seinen vierten Fonds aufgesetzt; Zielgröße ist ein Fondsvolumen von 50 Millionen Euro. Investiert wird in ungefähr 15 bis 20 Firmen. Risikostreuung betreibt der Fonds, indem er auf verschiedene Bereiche setzt. Um nach einem Investment die Wirtschaftlichkeit der Start-ups zu verbessern, arbeitet BonVenture eng mit dem Management zusammen. „Wir wollen zum Beispiel ein Vetorecht im Beirat und die Managementstrukturen mitbestimmen“, sagt Wendeln. Meist beginnt die Professionalisierung bei der Strategieplanung, ein weiterer Verbesserungspunkt ist zudem das Reporting.

Hin und wieder greift BonVenture beim Marketing, bei der Netzwerkerweiterung oder der Kundenakquise auf das Wissen der im Fonds investierten Unternehmer oder Family Offices zurück. Bei Ananda, dessen Partner auch oft Unternehmer sind, kam es zudem schon vor, dass die Unterstützung der im Fonds investierten Player über operative Hilfestellungen hinausging. „Bei einem Unternehmen wurde eine kurzfristige Working-Capital-Finanzierung nötig, die wir als Fonds eigentlich nicht liefern. Da ist ein Family Office unkompliziert eingesprungen“, erinnert sich Weber.

Gründer eng begleiten

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Bernard Jan Wendeln

 

Foto: BonVenture

Bleicher unterstützt vor allem bei der Organisationsentwicklung und beim Aufbau von Strukturen, wenn die Firmen wachsen. „Gründer starten oft als Kumpels und müssen lernen, dass sie als Best Friends auch in Hierarchien arbeiten können“, sagt er. Bleicher hat knapp 20 Jahre als Geschäftsführender Gesellschafter die Hoffmann Group geführt, einen Hersteller von Qualitätswerkzeugen mit weltweit 2.500 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Seine Erfahrung will er weitergeben. Daher ist das Gründungsteam so wichtig für ihn. „Ich schaue bei den Gründern sehr auf die Köpfe, welche Werte und Eigenschaften sie mitbringen: Disziplin, geübt sein im Denken und Begeisterung.“

 

Gleichzeitig stößt Bleicher mittlerweile an seine Grenzen: Viel mehr als seine zehn Beteiligungen kann er zeitlich kaum noch betreuen, wenn er es als Sparringspartner ernst meint und seinem Anspruch gerecht werden will: „Ich begleite die Start-ups, und es macht mir viel Spaß, eng mit ihnen zusammenzuarbeiten“, sagt er. „Aber das kostet Zeit.“ Daher geht er sehr selektiv vor. Nicht in alle „spannenden“ Firmen investiert Bleicher. Kürzlich habe ihn ein Hersteller von Kinderprothesen angesprochen. „Eine tolle Firma, ein tolles Team, aber mir fehlte hier das Alleinstellungsmerkmal.“

Trennungsschmerz

Wenn sich ein Start-up wirtschaftlich nicht so entwickelt wie erwartet, handelt BonVenture ebenfalls konsequent. „Diese Firmen müssen in der Folge auf Spender oder Stiftungen zugehen, um sich zu finanzieren“, sagt Wendeln klar. Eine Form der Finanzierung, die auch von vielen Gründern gesucht wird. Manchmal kommt es sogar vor, dass Gründerteams, die einen Investor gefunden haben, einen Rückzieher machen. „Das Start-up hat sich dann doch für die Unterstützung einer Stiftung entschieden, um keine Anteile und Mitsprache abzugeben“, berichtet Fuchs von einem Fall. Entfernt sich ein Start-up hingegen vom sozialen Nutzen, zieht BonVenture die Reißleine. So beispielsweise bei einem TV-Sender für Arbeitssuchende, der sich zu einem Softwarehersteller für Bewegtbilder entwickelte. „Das passte für uns nicht mehr zu unserer Definition von sozialem Nutzen. Wir haben den Exit eingeleitet“, erläutert Wendeln. 

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Bert Bleicher

 

Foto: Alluti GmbH

Das Interesse an Impact-Investing wächst trotz allem auf beiden Seiten. „Viele der jungen Unternehmer, die heute gründen, sehen Gewinne nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene als wichtig an“, beobachtet Weber. Auch Investoren nehmen diese noch sehr kleine Assetklasse mittlerweile ernst. Der jüngste Fonds von Ananda war so schnell wie noch nie finanziert, sagt Weber. Er erklärt sich das unter anderem dadurch, dass die junge Investoren-Generation mehr mit Geld erreichen wolle als den finanziellen Output. Wendeln ergänzt: „Die Einstellung von Stakeholdern und Investoren ändert sich in unserer Gesellschaft.“ Mit Blick auf den Klimawandel, die Überalterung der deutschen Gesellschaft und das Bevölkerungswachstum in der Welt werden die Investmentfelder eher diverser.

 

Unternehmer wie Bert Bleicher sind Botschafter für Impact-Investing. Seine Erfahrung und seine Bilanz bislang: „Von meinen zehn Beteiligungen ist eine insolvent gegangen, zwei laufen richtig gut, und die anderen brauchen noch ein wenig Zeit“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich bin zufrieden.“