Freitag, 08.12.2017
Fokus_Nachfolge

Familie Messner: Vater und Tochter

Reinhold Messner ist zum bekanntesten Abenteurer unserer Zeit aufgestiegen. Magdalena Messner führt das Werk ihres Vaters weiter. Wie ist es, seine Tochter zu sein? Eine Begegnung.
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Magdalena Messner hatte nie den Eindruck, dass sie im Schatten ihres Vaters Reinhold stand.

 

Foto: Udo Bernhart

Mein Vater lässt sich nicht einordnen, nie ganz erfassen. Das wurde mir zum ersten Mal im Kindergarten bewusst: Wir sollten uns vorstellen und dabei der Gruppe erklären, welche Berufe unsere Väter ausübten. Bäcker, Bankangestellter, Architekt, alles war dabei. Als ich an die Reihe kam, sagte ich ganz selbstverständlich: „Mein Papa ist Abenteurer, der war bei den Pinguinen“, da er kürzlich am Südpol war. Lautes Gelächter. Also versuchte ich es erneut: „Gerade reitet er auf Kamelen durch die Wüste“, da er auf Gobi-Expedition war. Doch auch das akzeptierten sie nicht: „Du lügst, das ist doch kein Beruf!“ Warum nicht? Ich war ratlos, fühlte mich in die Enge getrieben. Also überlegte ich mir eine andere Taktik, um die anderen endlich mundtot zu machen: „Und er kauft jeden Tag ein neues Haus!“ – damals hatten meine Eltern die Wohnung in Meran und den Bauernhof in Sulden erworben. Am Ende des Tages nahm die Kindergartentante meine Mutter beiseite und meinte, sie solle doch mal mit mir sprechen, ich hätte eine etwas zu lebhafte Fantasie. (Zitat aus: Magdalena Maria Messner: Reinhold Messner. Selbstversorger & Bergbauer. BLV Buchverlag, 2017)

 

Magdalena Messner lacht, wenn sie an den Tag im Kindergarten denkt. „Später wurde es einfacher“, sagt sie. „Als man als Kind mehr Einblick bekam, was für die meisten Menschen normal ist, wie das Leben für andere aussieht. Und wie das, was nicht in die normale Schublade passt, vielen gleich ein bisschen suspekt ist.“ Magdalena Messner hat sich früh daran gewöhnt, dass ihr Familienleben nicht in gängige Schubladen passt. Und dass es auf einfache Fragen wie nach dem Beruf des Vaters oft keine einfachen Antworten gab. „Ich konnte damit aber immer gut umgehen, weil ich wusste: Okay, hab ich Lust auf eine Diskussion, bin ich offener. Hab ich keine, sage ich: Er ist Autor. Fertig.“ Schließlich hat Reinhold Messner mehr als 50 Bücher geschrieben.

Aber er ist eben noch viel mehr: der bekannteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit, der immer wieder Extreme ausgelotet hat, in Fels und Eis, auf Bergen und an Polen, in Grönland und in der Wüste Gobi. Er bestieg als Erster den höchsten Berg der Welt ohne künstlichen Sauerstoff, er stand als Erster auf allen 14 Achttausender-Gipfeln der Welt. Er ist ein Grenzgänger, für den es nie Grenzen zu geben schien im Leben. Auch wenn das natürlich Unfug ist. Reinhold Messner hat seine Grenzen sehr wohl erkannt, er hat auch viele gescheiterte Expeditionen hinter sich – und wohl nur dank der Fähigkeit, dieses Scheitern zu erkennen, all seine grenzwertigen Abenteuer überlebt. Doch Messner hat sich seine Grenzen nie von anderen diktieren lassen. Ist er von einem Projekt überzeugt, verfolgt er es mit aller Kraft, gegen alle Widerstände, bis heute – sei es die Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen 1978 mit Peter Habeler oder der Aufbau des Messner Mountain Museums mit seinen inzwischen sechs Standorten.

Die Konsequenz und die Kompromisslosigkeit führten häufig zu Konflikten und Kontroversen. Messner ist für viele eine Reizfigur, zahlreiche Kritiker arbeiteten sich an ihm ab, hielten ihm Egoismus, Narzissmus, Rechthaberei vor. Und trotzdem ist er auch mit 73 Jahren eine, wenn nicht die Autorität in Sachen Alpinismus und Extremerfahrungen. Messner ist zu einer fast überlebensgroßen Figur geworden, als Bergsteiger, Publizist, Politiker, Schlossherr, Museumsgründer, Filmregisseur. Wie aber ist es, wenn diese Figur der eigene Vater ist?

 

 

„Natürlich gibt es viele Vorurteile über ihn. Er war immer ein Polemiker, hat mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten. Klar kann man bei manchen Sachen sagen: Das hätte man jetzt auch ein bisschen diplomatischer verpacken können. Aber er ist, wie er ist. Dieses Sich-nicht-verbiegen-Lassen, von klein an bis heute, das bewundere ich. So integer und dadurch authentisch zu sein, bei sich zu bleiben, ist eine Leistung.“

 

So sieht Magdalena Messner das heute, mit 29 Jahren. Als eine Frau, die viel gesehen und viel erreicht hat im Leben, die ihren eigenen Weg gefunden hat. Es gab aber auch schwierigere Zeiten – als der Vater etwa damals der Yeti-Legende nachging, die noch lange danach in „karikaturhafter Darstellung“, wie Magdalena Messner sagt, durch die Medien geisterte. Das ging nicht spurlos an ihr vorbei. „Als kleines Kind, im Volksschulalter, hat mich das ziemlich getroffen“, sagt sie. „Weil ich zum ersten Mal angegriffen wurde, von Mitschülern, und das Gefühl hatte: Ich kann mich nicht richtig wehren. Ich kann ihn nicht richtig verteidigen und mich auch nicht.“ Als optimistischer, positiver Mensch verbuchte Magdalena Messner die Erfahrung als Lernprozess, als wichtigen Schritt zur Identitätsfindung. „Ich war dadurch früh gezwungen, Position zu beziehen, zu sagen: Das stimmt so, auch wenn viele eine andere Meinung dazu haben. Aber ich bin ich.“

 

Die Bekanntheit des Vaters, sein öffentliches Bild, die ständige Ausgesetztheit, all das konnte auch eine Last sein. Reinhold Messner hat sich mit seiner direkten, unverblümten Art nicht nur Freunde gemacht, auch und gerade in Südtirol. Kommt einem da als Kind nicht irgendwann der Gedanke, es könnte auch ganz schön sein, einen Vater zu haben, den kein Mensch kennt? „Nein, diesen Gedanken hatte ich nie“, sagt Magdalena Messner. „Weil für mich klar war, ich möchte keinen anderen. Das gehört zu ihm.“

 

Ein Erlebnis ist ihr dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Es war in der Volksschule, und es ging um die Frage, was jeder später werden wollte. Manche sagten: reich und berühmt. „Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass mich das verwirrt hat. Weil ich das nicht verstanden habe.“ Reich, okay, in dem Sinne, dass es keine existentiellen Sorgen mehr gibt. Aber berühmt? „Das war für mich eher was Anstrengendes. Weil ich beim Papa ja sah: Der kann nicht für sich sein, auch wenn er nur mit uns irgendwo zu Mittag isst. Du hast nicht dieses freie Lebensgefühl wie jemand, der nicht in der Öffentlichkeit steht.“ Deshalb fand sie das Berühmtsein nie erstrebenswert, auch wenn sie weiß, dass es durchaus Privilegien mit sich bringen kann. „Aber es ist manchmal wirklich nervig. Ich wollte das nie. Und ich könnte damit auch nicht so gut umgehen wie der Papa.“

Ein eigener Lebensrhytmus

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Magdalena Messner hatte nie den Eindruck, dass sie im Schatten ihres Vaters Reinhold stand.

 

Bild: Udo Bernhart

Magdalena Messner ist das älteste Kind von Reinhold Messner und der Wiener Textildesignerin Sabine Stehle. Die beiden sind seit 2009 verheiratet, sie haben zwei weitere Kinder, Simon, geboren 1990, und die 15 Jahre alte Anna. Ihr Familienleben haben sie immer privat gehalten, auch Sabine Stehle ist in der Öffentlichkeit kaum präsent. Es war eine bewusste Entscheidung. Die Mutter kümmerte sich um die Erziehung, sie war die Konstante für die Kinder. „Anders“, sagt Magdalena Messner, „hätte es gar nicht funktioniert.“ Der Vater war viel unterwegs und mit der genauen Planung seiner Expeditionen beschäftigt. Trotzdem hatte die Tochter nie das Gefühl, zu wenig von ihm zu bekommen. „In den Zeiten, in denen er da war, war es um so intensiver“, sagt sie. „Mir war es früher fremd, warum die Menschen so einen Wert aufs Wochenende legen. In unserer Familie gab es das nicht. Klar, wir Kinder hatten dann keine Schule. Aber unsere Eltern lebten nicht nach Wochentagen oder Wochenenden.“

 

Magdalena Messner war als Kind viel unterwegs, sie besuchte vier Kindergärten, einige Monate auch in Kathmandu in Nepal. Vor ihrer Einschulung zogen die Eltern dann von München, wo sie geboren wurde, nach Meran. Die Sommerferien verbrachte sie, drei Monate lang, mit anderen Kindern auf Schloss Juval, das ihr Vater 1983 erworben hatte. Es war eine Zeit voller Freiräume, Entdeckungen, Abenteuer.

 

Sie war eine neugierige, begeisterungsfähige Schülerin. Neben dem Abitur cum laude machte sie eine berufliche Ausbildung als Werbegrafikerin, die sie an der Akademie für angewandte Künste in Wien weiterführen wollte. Für die Aufnahme dort musste sie aber erst ein halbes Jahr Unterricht in darstellendem Zeichnen nehmen. Weil sie sich davon nicht ausgelastet fühlte, fing sie nebenher an, Kunstgeschichte zu studieren – und das begeisterte sie so, dass sie den Zeichenunterricht aufgab. Stattdessen begann sie noch dazu Wirtschaft zu studieren, als „Vernunftentscheidung“ neben der Herzenssache Kunst.

Ich bin ich, er ist er

 

Sie hat beide Studienfächer abgeschlossen und inzwischen auch schon drei Bücher veröffentlicht. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle: „Das haben wir von unseren Eltern vorgelebt bekommen, und das hat uns Kinder alle geprägt.“ Magdalena Messner hat immer hohe Ansprüche an sich gestellt, auch wegen des prominenten Vaters. „Ich habe früh gemerkt: Ich wollte nie, dass andere, nur weil ich diesen Nachnamen habe, sagen könnten: Die bekommt das nur, weil sie die Tochter ist. Das war mir immer wichtig, für mein Selbstbewusstsein und für die Erkenntnis: Ich bin ich, und er ist er.“

 

Und die Berge? Das Klettern? Der Alpinismus? Auch die Messners gingen früher in die Berge, wie andere Familien, zum Wandern, zum Bergsteigen, das ganze Programm. Irgendwann aber ging Magdalena Messner das Wandern so auf die Nerven, dass es zu „meinem einzigen Akt der Rebellion“ kam: Sie ging als Jugendliche nicht mehr mit. „Das war auch wirklich frustrierend“, sagt sie. „Der Papa kann sein Tempo schon anpassen, er orientiert sich am schwächsten Glied.“ Er ging voraus, blieb in Sichtweite – aber eben nie in Reichweite. „Wenn man mal stehenbleiben wollte, um was zu trinken, konnte man das gar nicht. Das war immer blöd. Er hat dann zwar gewartet, aber kaum warst du ein bisschen näher, ging er weiter. Du konntest ihn nie ganz einholen.“

Sie kam danach auch ohne Berge und Wandern wunderbar klar. In Wien und auch in Rom hatte sie nicht das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Zumindest anfangs nicht. Irgendwann aber spürte sie, dass sie die Südtiroler Landschaft vermisste, den Ausblick, die Übersicht. Die Möglichkeit, die Gedanken durch die Natur zu beruhigen, zu ordnen. Dass es mal so weit kommen würde, hätte sie selbst kaum für möglich gehalten. „Ich bin eigentlich eine Bequeme. Ich brauche die Bewegung nicht, um mich wohlzufühlen, ich muss mich nicht auspowern, um ich zu sein. Deshalb bin ich für das Bergsteigen auch nicht leidensfähig genug. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer richtigen Gewalttour und einem guten Buch, wird’s immer das Buch. Also wirklich immer.“

 

Als Studentin liebte sie Wien, die Lebendigkeit, das Burgtheater, die Museen. Und trotzdem reizte sie die Rückkehr nach Südtirol. Im letzten Studienjahr kam das Angebot ihres Vaters, das sechste Messner Mountain Museum mitzugestalten, das Corones auf dem Kronplatz (2.275 Meter), entworfen von der Architektin Zaha Hadid. Das Angebot brachte sie ins Schleudern, denn sie hatte andere Pläne, wollte nach dem Studium ein Jahr reisen. Andererseits führte die Museumsarbeit all ihre Interessen zusammen. Und ihr war klar: „Das wird die letzte Möglichkeit sein, von meinem Vater so direkt zu lernen.“ Sie überlegte lange und entschied: Ja, ich möchte das machen. Heute ist sie Alleinverwalterin der sechs Museen. Sie hat viele neue Ideen, es gibt jetzt etwa eine App in drei Sprachen, von Reinhold Messner gesprochen, es gibt Abende mit Gesprächen am Lagerfeuer mit dem Vater. Das Corporate Design der Museen hat sie auch umgestaltet. Ihr Vater hat sich aus der Museumsarbeit zurückgezogen, lässt ihr freie Hand, was sie anfangs erstaunte. „Das ist ja sein Baby, er hat mehr als 20 Jahre seiner Energie, seiner Kreativität, seiner finanziellen Mittel in dieses Projekt gesteckt.“ Jetzt liegt es in ihren Händen.

 

Durch die Arbeit mit ihm hat sie auch viel über sich selbst gelernt. „In unserer Familie sind wir ja alle irgendwie Sturschädel, jeder auf seine Art“, sagt Magdalena Messner. „Der Papa ist, das ist ja kein Geheimnis, ein Choleriker. Der Vorteil bei solchen Charakteren ist, dass es zwar kurz ausbricht, danach aber alles wieder gut ist. So bin ich zum Beispiel gar nicht. Ich bin ein harmoniebedürftiger, ausgeglichener und ausgleichender Mensch. Ich werde nicht laut, kann dafür aber ziemlich lange auf dem beharren, was ich für richtig halte.“ Beim Einrichten des Corones-Museums merkte sie, „dass ich da wirklich noch vom Papa lernen kann. Vielleicht ist es die Lebensweisheit oder die Milde des Alters, aber bei ihm ist es so: Wenn man gute Gegenargumente hat und ihn überzeugt, lässt er sich auch umstimmen. Da braucht’s bei mir mehr.“

 

Was sie vereint, sagt sie, sei ein Sinn für das Schöne. Der fällt auch in ihrem Büro auf Schloss Sigmundskron bei Bozen auf, zu dem sich eine schmale Wendeltreppe schier endlos durch altes Gemäuer hinaufschlängelt. Oben wird der Raum plötzlich weit und luftig, der Blick geht hinaus auf grüne Hänge, blauen Himmel. „Ich hatte das Glück, dass ich an besonderen Orten aufwachsen konnte“, sagt Magdalena Messner. „Wenn du schon als Kleinkind von alten, geschichtsträchtigen Schlossmauern umgeben bist, mit Skulpturen und Kunstwerken aus aller Welt aufwächst, dann prägt das.“ Ihre Abschlussarbeit in Kunstgeschichte hat sie über Schloss Juval geschrieben, den Sommer-Wohnsitz, den Abenteuer-Spielplatz. „Juwel Juval“ lautet der Titel der Arbeit. Auch dort ist eines der sechs Museen untergebracht. Im Sommer aber ist es geschlossen, trotz touristischer Hochsaison. Weil es der Ort der Familie ist. „Weil unsere Eltern sagen: Das ist ihr Wohnhaus und erst in zweiter Linie Museum. Da sind sie zum Glück eisern.“

Info

Dieser Artikel erschien in ungekürzter Form im F.A.Z. Magazin vom 14.10.2017.