Freitag, 08.12.2017
Fokus_Nachfolge

Die Prégardien-Identität

Gleiche Lage, gleiches Fach, gleiches Repertoire: Der lyrische Tenor Julian Prégardien (33) geht scheinbar denselben Weg wie sein berühmter Vater Christoph Prégardien (61). Heute konzertieren sie gemeinsam. Was verbindet und was trennt Vater und Sohn? Und wie gehen sie mit Vergleichen und Konflikten um?
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Familiär und musikalisch verbunden: Julian Prégardien (rechts) und sein Vater Christoph (links)

 

Foto: Rainer Pfisterer / Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart

Christoph Prégardien, wie hat Ihr Vater, der Kaufmann war, reagiert, als Sie ihm eröffneten, dass Sie Berufsmusiker werden wollen?

Christoph: Er war sehr verständnisvoll. In einer anderen Zeit wäre er vielleicht selbst Sänger geworden; er hatte eine wunderschöne Tenorstimme. Für mich war es lange nicht das erste Ziel, Sänger zu werden. Ich hatte die üblichen Berufswünsche, unter anderem Profifußballer. Erst mit 17 oder 18 nahm mein Chorleiter in Limburg mich dann mit zu einem Professor an der Frankfurter Hochschule, bei dem ich dann auch später die Aufnahmeprüfung gemacht habe. Bei Julian war das ganz anders. Er hat mit fünf Jahren den „Don Giovanni“ in der Oper Frankfurt gesehen. Danach hat er gesagt, er wird Bariton.

Julian Prégardien, können Sie sich an diesen Moment der Entscheidung erinnern?

Julian: Nein, aber ich kenne die Geschichte von Erzählungen. Unsere ganze Familie ist sehr musikalisch, ich habe Klavier gespielt und im Chor gesungen. Es war für mich klar, dass ich irgendwas mit Musik machen will – abgesehen vielleicht nach dem Stimmbruch, in der Phase zwischen 12 und 16. Der Wunsch, Musiker zu werden, war also nie irgendwie neu. Ich hatte mich zunächst auf einen Studienplatz für Schulmusik in Frankfurt beworben, dann aber auch in Freiburg die Aufnahmeprüfung für Gesang bestanden.

 

Als Sie 2005 anfingen, in Freiburg zu studieren, hatte Ihr Vater bereits eine Professur in Köln. Haben Sie da möglichst das Weite gesucht?

Julian: Ja, aber gesprochen haben wir darüber nicht so richtig.

 

Christoph: Doch! Wir haben gemeinsam überlegt, wo du studieren könntest. Ich kannte schon damals genügend Beispiele von Musikerkindern, die bei ihren Eltern studiert haben, und das war meist nicht gut für das Kind. Julian hat aus verschiedenen Gründen die Distanz gesucht. Allerdings hätte ich mir gut vorstellen können, dass er zum Beispiel zum Masterstudium noch mal zu mir nach Köln kommt.

 

Haben Sie ihn auch vor den Herausforderungen des Berufes gewarnt?

Christoph: Ja, unbedingt. Dass er eine große Begabung hat und Musiker werden würde, war mir klar. Aber ich habe ihn trotzdem erst mal gebremst. Das Problem speziell bei Sängern ist, dass man erst nach dem Stimmbruch anfangen kann, wirklich mit der Stimme zu arbeiten. Bei Instrumentalisten ist das anders, sie haben sich zu diesem Zeitpunkt meist schon zehn Jahre am Instrument erprobt. Sängern bleiben bis zu einem möglichen Studium nur zwei bis drei Jahre Zeit. Und dann stellt sich die Frage: Wie gut ist das Stimmmaterial? Kann der Kandidat seinen Lebensunterhalt damit bestreiten?

 

Wie haben Sie Julians Stimme damals beurteilt?

Christoph: Gar nicht. Als Sohn war er mir dafür einfach zu nah. Wir sind gemeinsam zu drei befreundeten Gesangspädagogen gefahren, um ihre Einschätzung zu hören. Es gibt Stimmen, bei denen Sie sofort hören: Das ist ein Sänger. Das war bei Julian nicht gleich so.

 

Julian: Mir wurde das allerdings erst später klar. Heute höre ich bei Aufnahmen von früher, dass ich eine klare Tenorstimme hatte, die aber nicht richtig tragfähig und auch nicht technisch geführt war. Erst vor ein paar Jahren hat sich bei mir das Bewusstsein dafür eingestellt, wie hilfreich es ist, wenn man das Handwerk professionell erlernt und beherrscht.

Info

Der Vater: Christoph Prégardien

Christoph Prégardien wurde 1956 in Limburg geboren. Nach dem Gesangsstudium in Frankfurt am Main, Stuttgart und Mailand bekam er 1983 sein erstes Engagement an der Oper Frankfurt. Christoph Prégardien deckt ein breites Repertoire ab, vom Barock bis in die Neue Musik hinein. Bekannt ist er vor allem für seine Interpretationen der Kunstlieder von Franz Schubert sowie als Oratoriensänger. Seit 2004 ist er Professor an der Musikhochschule Köln. Er lebt mit seiner zweiten Frau, der Klarinettistin Samira Prégardien, und ihren zwei Kindern in Frechen bei Köln. 

Sie sind nicht Bariton geworden, sondern Tenor wie Ihr Vater. Was bedeutet das für Sie?

Julian: Wir teilen ja nicht nur die Tenor-Lage und das lyrische Fach, sondern auch das Repertoire: Wir singen beide schwerpunktmäßig Schubert-Lieder und Werke von Johann Sebastian Bach. Ich bin diesem Repertoire wahnsinnig zugeneigt: Für einen Sänger, der nicht nur schön singen, sondern sich auch tiefer mit den Texten und Inhalten auseinandersetzen will, ist das einfach das beste Schaffensgebiet. Für mich stellt sich nicht die Frage, warum ich das Gleiche mache wie mein Vater. Es ist doch toll, wenn der Sohn eines, sagen wir, Tischlers selbst auch Tischler werden möchte.

 

Sie haben 2013 unter dem Titel „Father and Son“ sogar eine gemeinsame CD mit romantischen Liedern aufgenommen. Fordert man damit nicht den Vergleich zwischen den Stimmen geradezu heraus?

Julian: Das war nicht die Absicht. Aber tatsächlich musste ich in der Vergangenheit viel Kritik einstecken. Nach meinem ersten großen Liederabend 2011 in der Kölner Philharmonie wurde ich von einem Kritiker völlig zerrissen. Sein Fazit war, dass manche Äpfel eben doch sehr weit vom Stamm fallen. Auch später habe ich noch ein paar Mal gehört, dass ich mit meinem Erbe nicht würdig genug umgehe. Einmal bin ich bei einem Konzert als Vertretung eingesprungen und habe einen falschen Ton gesungen. Darauf sagte der Cellist zu mir: „Als Sohn von Christoph Prégardien kannst du das nicht bringen.“

 

Christoph: Das wusste ich gar nicht!

Wie reagieren Sie auf solche Äußerungen?

Julian: Wir haben beide intuitiv einen ganz guten Umgang damit gefunden, ohne das groß zu zerreden. Ich erinnere mich an ein Gespräch in der Familie, da hieß es: „Wenn du das Gleiche wie dein Vater machst, musst du zumindest einen anderen Namen nehmen.“ Aber das kam für mich nicht in Frage. Ich fühle mich, wenn Sie so wollen, mit der Corporate Identity „Prégardien“ wahnsinnig wohl. Mein Vater und seine Generation haben in vielen Dingen Maßstäbe gesetzt, zum Beispiel mit Blick auf die historische Aufführungspraxis. Ich bin stolz, von dort aus weiterzugehen.

 

Sie konzertieren regelmäßig gemeinsam. Wie gehen Sie mit Konflikten in der künstlerischen Zusammenarbeit um?

Julian: Konflikte im engeren Sinne haben wir eigentlich nicht. Tatsächlich ist es aber immer noch so, dass mein Vater mir häufig Feedback geben möchte zu dem, was er von mir hört.

 

Möchten Sie ihm auch Feedback geben?

Julian: Das habe ich mich noch nie getraut.

 

Christoph: Ich habe ihn allerdings auch noch nie danach gefragt. Und ich muss dazu sagen: Umgekehrt frage ich Julian immer erst, ob er meine Einschätzung hören will.

 

Julian: Das kann ja auch sehr hilfreich sein – zumal es sehr selten vorkommt, dass man sich mit Kollegen konstruktiv über Gesangstechniken austauscht.

 

Christoph: Das stimmt leider. Bei den meisten Sängern herrscht die Einstellung: Da spricht man nicht drüber. Wenn ein Kollege Schwierigkeiten hat, geht man höflich darüber hinweg – und engagiert ihn beim nächsten Mal nicht mehr. Ich habe in meiner Laufbahn nur sehr wenige Menschen getroffen, mit denen ich offen sprechen konnte. Dabei habe ich mir das oft gewünscht.

 

Was können Sie von Ihrem Sohn lernen?

Christoph: Noch mehr Mut zu extremen Ausdrucksformen. Ich bin eigentlich dafür, dass bei allem Ausdruck immer ein bisschen Schönklang mit dabei ist. Julian macht manchmal Dinge mit seiner Stimme, die ich physisch gesehen nicht für gesund halte, die aber für den Ausdruck extrem gut sind. Das hat eine starke Wirkung.

Info

Der Sohn: Julian Prégardien

Julian Prégardien wurde 1984 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Gesang an der Musikhochschule Freiburg und war von 2009 bis 2013 fest an der Oper Frankfurt engagiert. Parallel dazu waren und sind die Bereiche Oratorium und Kammermusik Schwerpunkte seiner künstlerischen Arbeit. 2008 gab er den ersten gemeinsamen Liederabend mit seinem Vater Christoph. Im November 2017 wurde Julian Prégardien an der Hochschule für Musik und Theater München auf eine Professur für Gesang berufen. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern im Tölzer Land bei München.

Würden Sie dennoch sagen, dass sie sich charakterlich ähnlich sind?

Christoph: Nein. Ich bin ein viel analytischerer Typ als Julian. Ich will etwas in der Hand haben, bin sehr ordentlich und plane sehr genau. Ich fand auch immer, dass Julian seine Studienzeit nicht so genutzt hat, wie ich es mir vorgestellt hätte. Daher wollte ich ihn auch noch mal bei mir in Köln an der Hochschule haben.

 

Julian: Rückblickend kann ich auch erkennen, dass ich im Studium einfach faul gewesen bin.

 

Christoph: Julians Lockerheit hat aber auch eine positive Seite: Er ist dafür geboren, auf der Bühne zu stehen. Nicht nur weil er sich so gut ausdrücken kann, sondern weil er auch gar keine Skrupel hat, sich da vorne hinzustellen. Das bewundere ich immens. Ich hatte immer wahnsinnige Auftrittsangst.

 

Pflegen Sie bei der Zusammenarbeit eine bestimmte Rollenund Aufgabenverteilung?

Julian: Nein, wir haben keine festen Regeln dazu, wer zum Beispiel welche Stimme singt. Wir entscheiden das Meiste im Dialog, von der Vertragsverhandlung bis zum Restaurant, in das wir zum Abendessen gehen.

 

Christoph: Tatsächlich genieße ich es, dass ich an vielen Stellen Verantwortung abgeben kann. Julian hat zu vielen Dingen klare Ideen, und er hat viele Talente, die ich nicht habe. Er ist wirklich ein kompletter Musiker: Er kann toll Klavier spielen und hat zum Beispiel für unsere CD gemeinsam mit dem Pianisten Michael Gees die Lieder für zwei Stimmen arrangiert. Das könnte ich nicht, ich bin nur Sänger.

 

Julian: Und ich kann mich darauf verlassen, dass mein Vater vor jedem Konzert das Programm in der richtigen Reihenfolge in die Notenmappen sortiert hat. Ich muss zu gemeinsamen Auftritten nur meinen Anzug mitbringen.

 

Julian, Sie waren zwischen 2009 und 2013 fest an der Oper Frankfurt engagiert, haben den Anschlussvertrag aber ausgeschlagen. Hatten Sie keine Angst vor der finanziellen Unsicherheit?

Julian: Nein. Das damalige Angebot hat mich künstlerisch zu wenig interessiert. Ich habe auch neben dem Engagement schon frei konzertiert. Es gibt für mich kein Jahr ohne die Bach-Passionen an Ostern und das Weihnachtsoratorium im Dezember. Mein Opernhaus wollte aber, das ich in diesen Perioden wenig interessante kleine Partien in Neuproduktionen singe. Die Bach-Anfragen kamen anfangs sicher auch, weil ich der Sohn meines Vaters bin. Dadurch bin ich recht „weich“ in den Markt gekommen – wobei mir immer wichtig war, dass mein Vater nicht seine Kontakte nutzt, um mich zu „vermitteln“. Und inzwischen ist auch klar, dass ich die Partien offensichtlich nicht scheußlich singe. Sonst würde ich nicht mehr engagiert.

 

Christoph: Natürlich gehen mit einem bekannten Namen erst mal viele Türen auf. Aber dafür, dass sie auch auf bleiben, muss man selber sorgen.